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Islamische Identitätskrise, dargestellt an Hanif Kureishis Roman "The Black Album" (1995)

Wissenschaftlicher Aufsatz 2013 19 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Gliederung

1. Vorbemerkung

2. Identität als psychologisches Problem

3. Plurale Identität und Zerrissenheit

4. Schlussbemerkung

1. Vorbemerkung

Autoren/-innen mit islamischem Hintergrund werden mittlerweile (zu Recht) als die aktivste und einflussreichste Autorengruppe des gegenwärtigen englischsprachigen Romans angesehen. Eines ihrer Hauptverdienste ist dabei die Einführung des Islam in den Roman, sodass die klassischen Themenfelder wie race, class und gender durch einen klassischen Ansatz von religion als Identitätsmarker ergänzt wurden. Islamisch geprägte Autoren repräsentieren nicht nur die quantitativ größte Einwanderergruppe Großbritanniens, sondern sie stehen in direkter Konkurrenz zu britischen Autoren, deren Einfluss sie stark zurückdrängen konnten.

Damit haben sie den alten kolonialen Ansatz ‘They cannot represent themselves, they must be represented ’ nicht nur ad absurdum geführt, sondern deutlich gemacht, dass die Verwendung des Religionsbegriffs aktuelle Bezüge hat. Die Einführung des Islam hat in den letzten 25 Jahren eine Entwicklung genommen, die mit dem Begriff cross fertilization’ treffend umschrieben werden kann. Gemeint ist hier einerseits die Verwendung des Islam als eines inneren literarischen Paradigma s sowie sein Einfluss auf die Konstruktion des Religionsbegriffs im Roman selbst. Beide Strömungen sind unmittelbar an das gekoppelt , was unter narrative zu verstehen ist, wobei das Ziel dieser Überlappung eine Art generischer Überblick über die Entwicklung des gegenwärtigen Romans islamischer Prägung bildet.

Wird die aktuelle Entwicklung eher von einer kritischen Handhabung von Islam und Islamismus gerade durch Autorinnen wie Nadeem Aslam, Tahmima Anam oder Leila Aboudeila geprägt, so gilt dies nur bedingt für Autoren der ersten Stunde wie Salman Rushdie oder Hanif Kureishi. Beide konzentrierten sich bei der Verwendung von Islam und islamischem Fundamentalismus auf klassische literarische Bereiche wie character analysis, character constellation oder point of view und sie hinterfragen von hier die Bedeutung von Religion. Kureishi fällt dennoch neben Rushdie eine herausragende Rolle zu, da seine Romane Hybridität und Zerrissenheit in den Mittelpunkt stellen, ein Thema, das sich bis heute gehalten hat und somit als zentrales Anliegen islamischer Autoren gelten kann. Der westliche Leser wird durch Kureishi in seinem Roman mit einer ihm fremden Religion konfrontiert, die durch die Hauptperson Shahid (arab.: der Märtyrer) die Rolle junger Moslems im Westen geradezu genial beschreibt, zumal der clash of civilizations’ in der Konstellation der beiden Hauptpersonen fokussiert wird. Prinzipell muss Kureishi neben Rushdie als einer der Pionier e des zeitgenössischen islamischen Romans gelten. Er verweist immer wieder darauf, dass der Alltag von Muslimen in Großbritannien in vielerlei Hinsicht mit Religion in Verbindung steht und der westliche Leser aufgefordert wird, sich mit dieser ihm fremden Religion auseinanderzusetzen, auch im Sinne eines interkulturellen Dialoges, der im Fokus des Großteils der islamisch geprägten Autoren/-innen stand und steht, auch wenn sie den Islam als Gegenentwurf zum Westen präsentieren. Die Veröffentlichung von Hanif Kureishis Roman The Black Album[1] (1995) kann wie The Buddha of Suburbia (1990) oder My Son the Fanatic (1997) im Zusammenhang mit Salman Rushdies Roman The Satanic Verses (1988) gesehen werden, da eines der Hauptmotive für die Veröffentlichung dieser Werke in der Verhängung der Fatwa gegen Salman Rushdie liegt:

“The idea for My Son the Fanatic, as for The Black Album , was
provided by my thinking about the fatwa against Salman Rushdie,
announced in February 1989. At that time various politicians,
thinkers and artists spoke out in the media about this extraordinary
intellectual terror. A surprising number of statements were famous
and an excuse for abuse and prejudice; some expressed genuine
outrage, and most were confused by comfortingly liberal ideas. The
attack on Rushdie certainly made people think afresh about the
point and place of literature, about what stories were for, and
about their relation to dissent . “ (Kureishi, 2005, S. 53)

Kureishi drückt hiermit indirekt aus, dass die Verhängung der Fatwa und die Reaktion en im Westen einen gesellschaftlichen Hintergrund hatte n , der in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Hybridbegriff innerhalb der postkolonialen Theorie gesehen werden kann. Schulze-Engler (2005) betont diesen soziokulturellen Ansatz für TBA und The Buddha of Suburbia, wenn er davon ausgeht, dass die gesellschaftliche Diskussion über Islam dieBasis ist , „from which migrant workers perceive culture and society“ (ebd., S. 106).

Kureishi lässtShahid diese Auseinandersetzung spüren, wennVater ihm sagt, dass er als Immigrant in einer anderen Realität lebe als die Engländer und ihre Schriftsteller:

“ Howard Spring, Erskine Caldwell and Monsaratt, for instance,
they are concerned with flowers and trees and love and all. And
that’s not your area. We must, ” said his father with tenderness,
“ live in the real world. ” (TBA, S. 75)

Shahids Vater markiert mit dieser kurzen Aussage die zentrale Problematik, in der sich sein Sohn – so wie viele seiner Zeitgenossen – befindet.Die Einwanderer der zweiten Generationbefinden sich im Gegensatz zur Gruppe ihrer Väter in einer völlig anderen Ausgangslage. Ihre Eltern haben Islam und islamische Kultur mit nach England gebracht, Shahid und seine Zeitgenossen bringen dort beide ein. Sie positionieren sich damit völlig anders und distanzieren sich folglich von der englischen Umgebung. Sie werden zu zerrissenen Personen, die auf beiden Seiten oft nur provozieren, zur Inkarnation des schlechten Gewissens werden und sich letztlich selbst suchen.

Die Titelgebungdiese s Roman lässt sich auf mehrere Gründe zurückführen. Der Titel TBA ist einerseits eine Anspielung auf das gleichnamige Album des amerikanischen Popsänger Prince, die der Sänger kurz nach Erscheinen 1987 unter anderem wegen gewalt verherrlichender Texte wieder vom Markt nahm und die daraufhin Kultstatus erlangte. Prince selbst verstand sein Werk als Gegensatz zum legendären White Album der Beatles, das 1969 erschien und den musikalischen Höhepunkt dieser britischen Ausnahmeband darstellte. Kureishi erwähnt Prince mehrfach in seinem Roman, da er in ihm genau diewechselhaften Facetten von Hybridität und Transformation verkörpert sieht, die der gängigen Vorstellung von ausländischer Identität in Großbritannien entspricht. So wird Prince Gegenstand der ersten Unterhaltung zwischen Shahid und Deedee Osgood, den beiden Hauptpersonen des Romans. Als Shahid zum ersten Mal im Büro seiner Collegelehrerin und späteren Liebhaberin ist, wird er mit Bildern von Madonna, Oscar Wilde und Prince konfrontiert sowie mit dem Zitat „All limitations are prisons ” , einer Art Leitmotiv ihrer Beziehung. Deedee sagt an dieser Stelle über Prince:

“He ’ s half black and half white, half man, half size, feminine but macho too. His work contains and extends the history of black American music, Little Richard, James Brown, Sly Stone, Hendrix . “ (TBA, S. 25)

Kureishi macht an dieser frühen Stelle des Romans deutlich, dass er eine Definition von Identität, die rassisch, ethnisch, klassenorientiert, sexuell oder religiös ist, ablehnt. Stattdessen bindet er eine kritische Konzeption von Identität in seine männliche Hauptperson Shahids, der sein Leben als Ausländer in Großbritannien auch als bewusste Distanz zum Westen sieht. So übernimmt Prince ein Zitat von Elean Thomas ’ Gedicht Black Woman‘s Love Song und integriert es in das sechste Lied , Superfunkycalifragisexy. Die Textzeile If we can‘t beat them join them’wird für Shahid und für viele junge Einwanderer der zweitenund dritten Generation zum Motto ihres Lebens in Großbritannien. Kureishi gelingt mit diesem Zitat die Verbindung zu einer historischen Entwicklung, nämlich der Ablösung des Kommunismus durch den Islamismus als Bedrohung des Westens, da viele Kommunisten im Westen dieses Zitat als Marsch durch die Institutionen verstanden. Kureishi drückt diese Idee durch Deedees Ehemann Brownslow aus, der als Altkommunist diese Entwicklung klar erkennt (TBA, S. 237 – 245).

Ein dritter und letzter wichtiger Grund für die Titelgebung findet sich der historischen Bedeutung der Farbe Schwarz im Islam. Die ersten Anhänger Mohammeds trugen als Erkennungszeichen die Farbe Weiß, um so den Reinheitsanspruch ihrer Lehre zu demonstrieren. Als es zu den ersten innertheologischen Auseinandersetzungen kam, wählten dieAbweichler die Farbe Schwarz. Schwarz wurde so mit zur Farbe des Aufruhrs im Islam. Grün, das heute allgemein als Farbe des Islam angesehen wird, ist das Ergebnis eines Kompromisses dieser beiden Lager.

So wie sich der Islam im Roman durch den zeitlichen Rahmen – Kureishi setzt TBA zeitnah zur Rushdieaffäre– zu finden sucht, so tun dies auch die Hauptpersonen, vor allem Shahid. Literarisch geschieht diese Suche durch das Konzept des Bildungsromans. Schwerpunkt ist der Prozess der Selbstfindung eines islamischsozialisierten Individuums in der Auseinandersetzung mit der britischen Gesellschaft. Das Aushalten dieser Spannung ist typisch für Autoren der zweiten und dritten Einwanderergeneration (Sommer, 2007, S. 152). Sommer spricht hier von „hyperated identities ” (ebd. S. 150), die ihre Identitätssuche im Zusammenprall verschiedener Werte in der englischen Gesellschaft aushalten müssen. Das Ergebnis ist ein Charakter, der sich permanent sucht und bei dieser Suche auch mit Islam und Islamismus konfrontiert wird. Der Hauptvertreter dieses Islamismus in TBA ist Riaz, der Shahid gleich zu Beginn des Romans wie folgt charakterisiert:

[...]


[1] The Black Album wird im Folgenden mit TBA abgekürzt.

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656496236
ISBN (Buch)
9783656496243
Dateigröße
22.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233286
Note
Schlagworte
islamische identitätskrise hanif kureishis roman black album

Autor

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