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Männliche Homosexuelle in unserer Gesellschaft

Magisterarbeit 2013 97 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Einleitung

2 Allgemeiner Teil
2.1 Geschichte der Homosexualität
2.2 Sexualität und Geschlechterkonstruktion in unserer
Gesellschaft
2.3 Konstitution des Homosexuellen
2.3.1 Sexuelle Identitätsentwicklung
2.3.2 Coming Out
2.3.3 Lebenswirklichkeiten Homosexueller
2.4 Homosexualität in unserer Gesellschaft

3 Homosexualität und Kirche
3.1 Homosexualität im Alten und Neuen Testament
3.2 (Homo)Sexualität und Kirche heute
3.3 Exkurs: Foucaults „Sexualität und Wahrheit

4 Paarbeziehungen männlicher Homosexueller
4.1 Homosexuelle Partnerschaften
4.1.1 Liebe und Sexualität
4.1.2 Liebe und Freundschaft
4.1.3 Liebe und Verwirklichung im gesellschaftlichen Rahmen
4.1.4 Liebe und Treue vs. Promiskuität
4.2 Entwicklungsstufen einer Beziehung
4.3 Alltag und gesellschaftliches Leben männlicher Paare
4.4 Männliche Paarbeziehungen vs. Heterosexuelle Normalität

5 Ausgrenzung und Stigmatisierung in der Gesellschaft
5.1 Homosexualität und Identität
5.2 Typiken des Schwulseins
5.3 Folgen der Ausgrenzung
5.3.1 Stigma-Management und sexueller Handlungsstil
5.3.2 HIV und Infektionskrankheiten
5.3.3 Suizidalität
5.4 Gleichgeschlechtliche Partnerschaften nach geltendem Recht
5.5 Der Einfluss gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse auf die homosexuelle Identitätsbildung

6 Ausblick und Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, Lebenswirklichkeit männlicher Homosexueller in unserer Gesellschaft zu analysieren und zu beschreiben. Homosexualität hat in den vergangenen Jahren im gesellschaftlichen Umgang viele Veränderungen erfahren und ist in den Medien präsent, sei es durch Berichte über homosexuelle Veranstaltungen wie z.B. den Christopher-Street-Day, der alljährlich in vielen großen Städten zelebriert wird, oder aber durch Serien und Filme, in denen homosexuelle Charaktere mitspielen. Augenscheinlich scheint Homosexualität etwas vollkommen Normales zu sein, da auch immer mehr Personen des öffentlichen Lebens ihre Homosexualität nicht verstecken, sondern bekannt machen. Daher liegt die Frage nahe, wie denn Homosexualität wirklich in unserer westlichen, liberalen Gesellschaft aufgenommen wird und ob es wirklich diese Normalität gibt, die augenscheinlich da zu sein scheint. Denn immer noch gibt es Berichte über Diskriminierungserfahrungen, über Stigmatisierung und Ausgrenzung. Demnach muss das Erkennen einer eigenen Homosexualität auch einen Prozess nach sich ziehen, wie der Einzelne damit umgeht. Das soll der Kern der vorliegenden Arbeit sein. Wie normal ist Homosexualität heute, welche Faktoren beeinflussen die Selbstakzeptanz und wie lässt es sich als Homosexueller im 21. Jahrhundert in Deutschland leben? Wo sind Gemeinsamkeiten und wo die Unterscheide zu einer heterosexuellen Lebensweise? Diese Fragen sollen auf den nächsten Seiten geklärt werden.

In der Arbeit geht es um männliche Homosexuelle, wie der Titel schon deutlich macht. Auch wenn zwischendurch auch weibliche Homosexuelle oder auch Bisexuelle genannt werden, so geschieht dies im Rahmen der Gemeinsamkeiten eines sexuellen Stigmas. Es wurde der begriff männliche Homosexuelle in den Vordergrund gelegt, da dies die häufigste Umschreibung dieser Art der sexuellen Identität in der Literatur gewesen ist. Allerdings sei hier auch schon einmal darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff „schwul“ ebenso verwendet werden wird wie (männliche) Homosexuelle. Schwul war eine abwertende Bezeichnung für homosexuelle Männer, die im Zuge der Emanzipation der Schwulenbewegung von einer deklassierenden Bezeichnung und Abwertung zu einem Wort der Identifikation und Gleichheit umgedeutet wurde. Heute bezeichnen sich Homosexuelle ganz natürlich als schwul und sehen sich auch als Schwule an.

Zu Beginn der Arbeit versuche ich allgemein über Homosexualität zu schreiben, hierzu gehört die Geschichte und Entwicklung homosexuellen Lebens von der Antike bis in die Gegenwart. Diese Geschichte hat Einfluss auf die Sexualität und die Geschlechterkonstruktion in der Gesellschaft; Einfluss darauf, wie Sexualität und Geschlechter wahrgenommen werden sollen. Daraus lässt eine bestimmte Konstitution des Homosexuellen ableiten. Hier sind sexuelle Identitätsentwicklung, das Coming-Out und die Lebenswirklichkeit homosexuell lebender Männer verstärkt zu betrachten. Abschließend soll ein erstes Bild mit den Ergebnissen der Homosexualität in unserer Gesellschaft aufgezeigt werden.

Neben der Politik hat in der gesellschaftlichen Entwicklung auch die Kirche einen maßgeblichen Anteil und es ist allgemein bekannt, dass das Verhältnis der Kirche und der Homosexuellen als nicht spannungsfrei bezeichnet werden kann. Zur Untersuchung dieses Zusammenspiels soll versucht werden zu klären, was in der Bibel im Alten und im Neuen Testament zur Homosexualität geschrieben steht und wie eine Interpretation der entsprechenden Schriftstellen aussieht. Die Bibel ist das Fundament der Kirche und es ist daher nur selbstverständlich, dass man für eine entsprechende Untersuchung auch diese Quelle heranzieht, um das Verständnis der Kirche zum Thema Homosexualität nachvollziehen zu können. Da auch dieses Kapitel historische Dimensionen aufweisen wird, soll anschließend das heutige Verhältnis betrachtet werden. Nach diesen historischen Abrissen folgt ein Exkurs zu Michel Foucaults Werk „Sexualität und Wahrheit“, in dem die historischen und gesellschaftlichen Beziehungen von Geschlecht, Kirche, Macht eindrucksvoll zusammengefasst werden.

Zu einem Selbstverständnis von Sexualität gehört auch das Bedürfnis einer Partnerschaft, das bei männlichen Homosexuellen ebenso vorhanden ist. Allerdings ist das Verhältnis zu Sexualität und Partnerschaft bei Homosexuellen anders als bei heterosexuellen Paaren. Hierfür sollen besonders die Themenbereiche Sexualität, Freundschaft und die Verwirklichung im gesellschaftlichen Rahmen als Basis untersucht werden, ebenso wie die Themen Treue, die Homosexuellen im allgemeinen nicht zugesprochen wird, als auch die unterstellte Promiskuität. Aber auch gleichgeschlechtliche Paare gehen eine Beziehung ein, die in verschiedenen Entwicklungsstufen verläuft und eine entsprechende Betrachtung verdient, insbesondere mit dem Augenmerk der Unterscheidungen zu heterosexuellen Paaren. Danach sollen Alltag und gesellschaftliches Leben schwuler Paare im Vordergrund stehen, bevor abschließend männliche Paarbeziehungen mit der heterosexuellen Normalität verglichen werden können.

Im letzten inhaltlichen Kapitel geht es verstärkt um die Andersartigkeit Homosexueller und wie in der Gesellschaft wahrgenommen wird mit ihren Folgen. Es soll untersucht werden, ob von einer Ausgrenzung und Stigmatisierung heute immer noch gesprochen werden kann. Hierzu werden Homosexualität und Identität untersucht werden, um dann die verschiedenen Typiken des Schwulseins vorzustellen, denn auch männliche Homosexuelle stellen verschiedene Individuen dar, die nach gewissen Typiken und Merkmalen größeren Gruppen zugeordnet werden können. Als Folge dieser Ergebnisse werden Ausgrenzungen der Gesellschaft näher betrachtet werden mit Hilfe des Stigma-Managements und dem sexuellen Handlungsstil, der aus den verschieden Typiken abzuleiten ist. Danach wird geguckt, inwieweit hieraus Einflüsse vorhanden sind, die ein verstärktes Auftreten von Infektionskrankheiten und HIV in den letzten Jahren erklären können. In den letzten Jahren sind Geschlechtskrankheiten wieder vermehrt auf dem Vormarsch wie verschiedene Ergebnisse von Untersuchungen zeigen und es soll geguckt werden, ob es einen Zusammenhang mit der (In)Akzeptanz einer anderen sexuellen Identität gibt. Fortführend in diesem Rahmen wird das Thema Suizidalität unter männlichen Homosexuellen als weiteres Thema herangezogen. Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung gegenüber Homosexuellen hat auch die gesetzliche Rechtsprechung und die Politik aus Berlin. Hierfür soll untersucht werden, wie gleichgeschlechtliche Partnerschaften nach geltendem Recht behandelt werden und wo Verbesserungswünsche für einen normalen Umgang dieser Beziehungsform liegen. Denn solche Faktoren haben Einfluss auf die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse, die wiederum die homosexuelle Identitätsbildung beeinflussen. An dieser Stelle sollen die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst werden und verdeutlichen, was es heute für Homosexuelle bedeutet, als Homosexuelle in dieser Gesellschaft zu leben. Es soll auch versucht werden deutlich zu machen, wie offen Homosexuelle heute mit ihrer sexuellen Identität leben können und dürfen sowie Unterschiede zu früher sollen noch einmal deutlich gemacht werden.

Abschließend werden alle Ergebnisse noch einmal zusammengeführt und es wird versucht werden, einen Ausblick zu geben. Der Versuch dieser Arbeit ist es, die Lebenswirklichkeit und die Lebensumstände männlicher Homosexueller zusammenfassend darzustellen und einen Einblick in die Nische einer Randgruppe zu ermöglichen, die eine Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft bildet, die sich lange verstecken musste und sich heute aufgrund rechtlicher Grundlagen und veränderter gesellschaftlicher Wahrnehmungen an die Öffentlichkeit trauen kann.

2 Allgemeiner Teil

Das erste inhaltliche Kapitel soll zunächst in die Thematik Homosexualität einführen. Die unterschiedliche Bedeutung von Homosexualität von der Antike bis heute ist nicht unerheblich für ein Verständnis und Begreifen der homosexuellen Lebenswirklichkeit heute. Im Schwerpunkt wird dargelegt werden, wie Homosexualität in unserer Gesellschaft wahr- und aufgenommen wird und wie die Konstitution des Homosexuellen vonstatten geht, bevor Homosexuelle und unsere Gesellschaft gegenüber gestellt werden können. Zunächst sollte aber der Begriff Homosexualität etwas näher definiert werden: Homosexualität ist heute eine gängige Bezeichnung für Menschen, die sich zu dem eigenen Geschlecht (sexuell) hingezogen fühlen. „Homosexuelle werden nicht als eine deviante oder pathologische Gesellschaftsgruppe angesehen, sondern als Personen, die, aus welchen Gründen auch immer, einen ganz spezifischen Lebensweg einschlagen, der sich unter anderem in der Wahl ihrer Geschlechtspartner äußert“ (Schledt 1997: 11). Aufgrund der Veranlagung in einer westlichen Industriegesellschaft, die von bestimmten heterosexuell vorgeschriebenen Rollenbildern geprägt ist, ist der Homosexuelle bestimmten Erwartungen und gesellschaftlichen Reaktionsformen ausgeliefert, da er den vorherrschenden Rollenerwartungen bei den Erwartungsträgern nicht entspricht (vgl. Schledt 1997: 11). Dieses prägt seine Sozialisation, denn die sexuelle Objektwahl geht einher mit einer Vorstellung von sexueller Orientierung mit der Folge, dass sein sexuelles Verhalten zum Ausdruck einer permanenten und grundlegenden psychosexuellen Kennzeichnung des menschlichen Subjekts wird (vgl. Halperin 2003: 217). Die Sexualität nimmt einen hohen Stellenwert bei Homosexuellen ein, von daher ist, trotz der Versuche immer wieder neue Begrifflichkeiten zu finden, diese Bezeichnung für diese Arbeit am sinnvollsten. Dennoch: „unter Homosexualität [ist] mehr zu verstehen, als die Wahl eines gleichgeschlechtlichen Sexualpartners, ja, selbst mehr als bewusste gleichgeschlechtliche erotische Präferenz [...] Homosexualität ist Teil eines neuen Systems der Sexualität, das als Medium persönlicher Individuation funktioniert. Es schreibt jedem Individuum eine sexuelle Orientierung und sexuelle Identität zu“ (Halperin 2003: 217).

2.1 Geschichte der Homosexualität

Homosexualität hat es zu allen Zeiten gegeben. „Obwohl homosexuelles Verhalten in jeder Kultur stets präsent ist, kann es in unterschiedlichen Gesellschaften und Epochen belohnt oder bestraft, gefordert oder verboten werden, vorübergehende Erfahrung oder lebenslange Berufung sein“ (Rubin 2003: 49). Bereits in der griechischen Antike wird darüber berichtet und auch in den nachfolgenden Epochen war dieses Thema präsent – mal mehr, mal weniger. Auch der Umgang änderte sich: „In manchen Gesellschaften wurde die gleichgeschlechtliche Anziehung allgemein akzeptiert oder sogar in Ehren gehalten. Zu anderen Zeiten und an anderen Orten wurde sie als unmoralisch abgelehnt“ (Aldrich 2007: 8). Schon zwischen den antiken Griechen und den Römern ist ein Bedeutungswandel zu beobachten. In beiden Kulturen aber war es gleich, dass der (erwachsene) Mann sich nicht penetrieren ließ, da dies als schwach und weibisch galt (vgl. Hupperts 2007: 29-55). Dennoch hatte Homosexualität in beiden Kulturen den Stellenwert von Normalität, weil es gesellschaftlich sichtbar und vorhanden war.

Ein Bedeutungswandel vollzog sich dann im frühmittelalterlichen Europa zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert, indem sexuelle Normwidrigkeiten von päpstlicher oder kaiserlicher Seite vollzogen wurden (vgl. Hergemöller 2007: 57). In den Vordergrund trat die sexuelle Fortpflanzung und Homosexualität wurde als ernste Verletzung der christlichen Sexualethik interpretiert (vgl. Puff 2007: 80). Christliche Sexualität wurde auch für den Machtanspruch instrumentalisiert, wie Focault in seiner dreibändigen Abhandlung „Sexualität und Wahrheit“ darlegt. „Zu einer Zeit, in der obrigkeitliche Autorität auf christlichen Glaubenssätzen beruhte, reichte die Bibel [...] als Grundlage, um Strafen zu verhängen“ (Puff 2007: 81). Die Bestrafung Homosexueller im Mittelalter reichte von Geldstrafen bis zur Hinrichtung. In dieser Epoche (1400-1700) ging die Verdammung sowohl theologisch als auch jursitisch gegen Homosexuelle einher mit der Bejahung von Homoerotik in den Kunstwerken (vgl. Puff 2007: 79).

Im Zuge der Aufklärung und der französischen Revolution verbesserte sich die Lage: in europäischen Großstädten entstanden Subkulturen und eine Neufassung von Strafgesetzen verbesserte die rechtliche Lage Homosexueller - sie hatten weniger vor gerichtlicher Verfolgung zu fürchten, gleichzeitig stieg aber das Stigma der Schande: Angst und Furcht vor Freunden, Familie und dem gesellschaftlichen Ruf sowie vor gesellschaftlicher Isolierung führten zu einer ausgeprägten Subkultur (vgl. Sibalis 2007: 103-123). Deren Erscheinungen hatten Bestand und prägen auch heute noch das Bild der homosexuellen Kultur, da es sich um (halbwegs) isolierte Räume handelt, in denen man sicher seine Sexualität ausleben kann, ohne in Erklärungsnöte geraten zu müssen. „Die Verlagerung der Homoerotik in diese quasi-ethnischen, verdichteten, sexuell konstituierten Gemeinschaften resultiert bis zu einem gewissen Grad aus dem Bevölkerungstransfer im Verlauf der Industrialisierung“ (Rubin 2003: 50).

Ab 1870 wurde Homosexualität als Perversion angesehen, die sowohl angeboren als auch erworben werden konnte. Homosexuelle Perverse waren keine „Verbrecher vor Gott“ mehr, die die Todesstrafe verdienten, sondern gesellschaftlich schädlich. Somit fielen sie in den Verantwortungsbereich der Medizin und der Gerichte. Parallel zeichnet sich diese Zeit bis 1940 auch durch einen zunehmenden Kampf für homosexuelle Rechte aus und erreichte ihren bescheidenen Höhepunkt in den sogenannten „Golden Zwanziger Jahren“ des 20. Jahrhunderts. In den europäischen Hauptstätten wurde Homosexuelle immer sichtbarer, aber die gesellschaftliche Grundhaltung ihnen gegenüber änderte sich nicht grundlegend. Gesellschaftlicher Ausschluss, Razzien und verletzende Klischees zeigen deutlich die schwulenfeindliche Stimmung dieser Jahre. Dennoch nahm man erstmals seit Jahrhunderten öffentlich den Kampf der Gleichberechtigung auf (vgl. Tamagne 2007: 167-189). „Zwar bot er in Deutschland Tausenden von Homosexuellen eine Chance, sich aus ihrer Isolierung zu befreien, eine eigene Identität zu bilden und in einer im Ganzen feindlichen Atmosphäre ihre Rechte einzufordern, aber er verfehlte sein Hauptziel: die Entkriminalisierung der Homosexualität“ (Tamagne 2007: 177). Im Gegenteil: unter den Nationalsozialisten wurde der Paragraph 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, entscheidend verschärft und die Verfolgung Homosexueller aufgenommen, da Homosexuelle für die Nazis keinen Wert besaßen, insbesondere für den Erhalt der eigenen „Rasse“, und von daher ausgemerzt werden mussten (vgl. Tamagne 2007: 192).

Der Weg zu einer Normalisierung in der Gesellschaft für Homosexuelle nahm erst nach dem Zweiten Weltkrieg einen beschwerlichen Anfang. Zwar wurde 1948 durch die allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen allen Menschen gleiche Rechte zugesichert, aber die Realität sah anders aus: immer noch galten in den meisten westlichen Ländern sexuelle Beziehungen zwischen Männern als strafbar und die Schwulenfeindlichkeit nahm in den 1950´er Jahren zu. „In der Nachkriegszeit waren Bars wichtige Treffpunkte, Community-Einrichtungen und Widerstandsorte, die für die Bildung öffentlicher und kollektiver (wenn auch problematischer und spannungsgeladener) schwuler und lesbischer Identitäten wichtig waren“ (Bravmann 2003: 263). Als Reaktion darauf traten homosexuelle Netzwerke und politische Gruppen öffentlich in Erscheinung, besonders in Westeuropa und Nordamerika, um gegen die Diskriminierung zu kämpfen und der Gesellschaft zu zeigen, dass Homosexuelle auch respektable und normale Mitglieder der Gesellschaft waren und sind (vgl. Rizzo 2007: 198-206). Ein Wendepunkt in der Schwulenbewegung ist der 27. Juni 1969: eine Polizeirazzia löste im New Yorker Stonewall Inn in der Christopher Street einen Aufstand aus und erstmalig setzten sich Homosexuelle gewaltsam zur Wehr. Als Folge dessen gründeten sich viele Vereine sowie Organisationen, die den Kampf der Gleichberechtigung aufnahmen und auch die Grundhaltung änderte sich: der Homosexuelle wollte seine eigene Identität öffentlich machen. Die Subkultur wurde exklusiv, denn nach Stonewall blieb man lieber unter sich und baute Netzwerke und die Subkultur aus. „Vor allem brachten Aktivisten nach Stonewall eine neue Sprache des Gay Pride und eine große Anzahl politischer, gesellschaftlicher und kultureller Institutionen hervor, die die Menschen in effektiven Kontexten zusammenbrachten und eine Schwulenbewegung sowie jene städtischen Communities, von denen sie aus aktiv wurden, zu schaffen halfen“ (Bravmann 2003: 261). Eine Sexualisierung der Schwulenszene durch die Trennung von Liebe und Sex war die Folge, die in den achtziger Jahren durch AIDS ausgebremst wurde. In dieser kurzen Phase wurden neue Formen der Geselligkeit geschaffen, die bis heute existieren (vgl. Rizzo 2007: 212-214; Hekma 2007: 333).

Dieser historische Abriss sollte Grundlagenwissen vermitteln, um die weiteren Ausführungen nachvollziehbarer zu gestalten und verständlicher zu machen, warum die homosexuelle Kultur heute ist, wie sie ist. Es stellt keine Verallgemeinerung für alle Länder oder alle Homosexuelle dar, denn es gibt „keine singuläre und einheitliche Geschichte männlicher Homosexualität“ (Halperin 2003: 178) - zu sehr unterscheiden sich Kulturen, Länder, Epochen.

Auch wenn der Paragraph 175 1994 aus dem BGB in Deutschland gestrichen wurde – ein Paragraph den man von den Nationalsozialisten übernommen hatte und nur spärlich entschärfte und nicht mehr angewendet wurde bis er nur noch Makulatur in der Gesetzgebung war (vgl. Brand 2007: 5f) – und es seit dem 1. August 2001 für Homosexuelle beiderlei Geschlechts die Möglichkeit gibt, ihre Partnerschaft eintragen zu lassen und ihr somit einen rechtlichen Rahmen geben zu können (vgl. Gosemärker 2008: 13), die Europäische Union antihomosexuelle Gesetze verbietet und Antidiskriminierungspolitik befürwortet, ist leider von Gleichberechtigung keine Rede. Die Diskriminierung ist geringer oder anders geworden, aber immer noch gesellschaftlich präsent. „Trotz der Tatsache, dass eine neue Generation in einer Kultur aufgewachsen ist, in der Homo- und Heterosexualität als gleichwertig gelten, haben viele junge Leute (hauptsächlich junge Männer) noch immer Vorurteile gegen Homosexuelle“ (Hekma 2007: 345). Eine Beobachtung, die man immer wieder machen muss. Jahrhunderte der Diskriminierung haben sich in den Köpfen festgesetzt und einen festen Platz in den Moralvorstellungen und Klischees gefunden. Immer noch ist unsere Gesellschaft von einem traditionellen Rollenverständnis geprägt und auch die Gesetzgebung sieht noch keine konsequente Veranlassung auf die veränderten Lebenssituationen und –entwürfe der Individuen zu reagieren. „Obwohl sich die Situation deutlich verändert hat, grassiert die Diskriminierung von Schwulen und Lesben weiterhin. Für die meisten ist es immer noch unmöglich, sich im Berufsleben offen zu ihrer Homosexualität zu bekennen“ (Rubin 2003: 60).

2.2. Sexualität und Geschlechterkonstruktion in unserer Gesellschaft

Die Geschlechterkonstruktion in unserer Gesellschaft ist immer noch sehr traditionell und christlich geprägt, was zur Folge hat, dass Heterosexualität als die „normale“ Sexualität gilt und alle anderen Formen als unnatürlich bezeichnet werden. Über die Jahrhunderte wurden Bilder und Erwartungen an die beiden Geschlechter produziert, durchgesetzt und überliefert, die bis heute Einfluss auf die Wahrnehmung haben. Und immer war dabei auch die Position beim Geschlechtsverkehr von Bedeutung, denn schon in der Antike galt: „Von erheblicher Wichtigkeit war allerdings die Rolle, die man beim Sexualakt einnahm. Von einem echten Mann wurde erwartet, dass er sich wie ein solcher verhielt, dass er stets die Kontrolle behielt und sich nicht unterjochen ließ. Er musste der Eindringling sein, ob vaginal, anal, oral oder interkrural, also zwischen den Schenkeln“ (Hupperts 2003: 34). Und bei den Römern wurde die Penetration noch bedeutender, da hier die Männer ihre virtus, also ihre Männlichkeit vollends unter Beweis stellen konnten. Tat man dies als Mann nicht und ließ sich penetrieren, galt man als schwach, unterwürfig, wankelmütig, etc. (vgl. Hupperts 2003: 34ff). Alle mit Frauen verbundenen Attribute wurden dann auf den Penetrierten übertragen. Ergo: man galt als Frau in einem männlichen Körper.

Trotz des geschichtlichen Wandels, also durch Urbanisierung und Industrialisierung, wurde an dem klassischen Rollenverständnis festgehalten. „Waren in der ständischen Gesellschaft die an die Geschlechtszugehörigkeit geknüpften Rechte und Pflichten an bestimmte soziale Positionen gebunden, so werden sie – zunächst im Bürgertum – ins Innere der Person verlagert und zur inneren Verpflichtung, die als solche alles Handeln, Denken und Fühlen bestimmt. Der Geschlechtscharakter ist gerade nicht mehr positional verankert und insofern ersichtlich sozial konzipiert. Er wird zum „natürlichen Geschlechtscharakter“ und die an die Geschlechtszugehörigkeit geknüpften sozialen Erwartungen werden zur „natürlichen Bestimmung“ [...]“ (Wetterer 2010: 131).

Die menschlichen Akteure verwenden Geschlechtsstereotype, die sozial geteiltes Wissen zu bestimmten Merkmalen beider Geschlechter enthalten. „Nach dieser Definition gehören Geschlechtsstereotype [...] einerseits zum individuellen Wissensbesitz, andererseits bilden sie den Kern eines konsensuellen, kulturell geteilten Verständnisses von den je typischen Merkmalen der Geschlechter“ (Eckes 2010: 178). Diese Typisierungen oder auch Klassifizierungen wenden wir in unserer Gesellschaft auch noch an. Der Grund hierfür ist ein komplexitätsreduziertes Klassifikationsschema, mit denen es den handelnden Akteuren leichter fällt, die Welt zu ordnen. Rollenbilder sind aber wandelbar, da jede Klassifikation umfassende Wissenssysteme darstellen die in eine Vielzahl institutioneller Arrangements eingelassen sind, um Verhaltensregelmäßigkeiten und angemessene Handlungsmuster erwartbar werden. Heute wissen wir, dass Geschlecht, bzw. Geschlechtszugehörigkeit das Ergebnis komplexer sozialer Prozesse ist (vgl. Gildemeister 2010: 137ff).

Dennoch gelten heute immer noch bestimmte Rollenbilder (da es sich um geteilte Verhaltenserwartungen handelt), die auch „Einstellungen gegenüber Geschlechtern und ihren jeweiligen Rollen, Bewertungen von Individuen mit rollenabweichenden Verhalten sowie geschlechtsbezogene Wahrnehmungen und Einschätzungen der eigenen Person“ (Eckes 2010: 178) enthalten. Wenn bestimmte Individuen sich nicht an die vorgegebenen Muster halten, wenn sie davon abweichen, hat dies zunächst Überraschung und als deren Ergebnis Ablehnung oder Bestrafung zur Folge (Eckes 2010: 178f). Junge Menschen beiderlei Geschlechts erwerben die Geschlechtsdistinktion in den peer groups. Für männliche Jugendliche ist dies gewöhnlich der erste homosoziale Raum, in dem die Strukturlogik des männlichen Habitus spielerisch gelernt wird, in dem die Männlichkeit als Norm bekräftigt wird (vgl. Meuser 2010: 430). „Zwei miteinander verbundenen Eigenschaften homosozialer Handlungsfelder sind für die männliche Identitätsbildung und die Konstitution des männlichen Geschlechtshabitus von strategischer Bedeutung: die Distinktion gegenüber der Welt der Frauen und auch gegenüber (bestimmten) anderen Männern sowie die Konjunktion unter Männern“ (Meuser 2010: 430). Aber nicht nur die Art und Weise, wie Mannsein und Männlichkeit repräsentiert und reproduziert wird eignet man sich in peer groups an, sondern auch was man durch die Repräsentation versucht, nicht zu sagen oder mitzuteilen und / oder wovon Männlichkeit nichts wissen will. Es erfolgt so eine zweifach negative Definition: männlich ist nicht weiblich und es ist nicht homosexuell (vgl. Wedgwood, Connell 2010: 117).

Immer noch wird davon ausgegangen, dass bestimmte Merkmale der Geschlechter genetisch bestimmt sind, aber es gibt auch die These, dass der Mensch nicht genetisch auf die Herausbildung von femininen oder maskulinen Merkmalen festgelegt ist. Aus biologisch fundierten Forschungseinrichtungen wird darauf hingewiesen, dass es zwischen weiblichen und männlichen Körpern keine trennscharfen Linien gibt. Zwei sich gegenseitig ausschließende Geschlechtergruppen mit den damit verbundenen Seinsmerkmalen und Charakteristika sind gesellschaftlich und historisch konstruiert (Bock 2010: 104). Geschlecht hat nicht automatisch zur Folge, dass „mit Geschlecht als „Zugehörigkeitsressource“ [...] automatisch „männliche Dominanz“ und „weibliche Subordination“ aktualisiert werden“ (Gildemeister 2010: 142) muss. Und genauso wenig kann man schwule Männer als eher „weiblich“ identifizieren, was automatisch zu einem effeminierten Erscheinungsbild und Verhalten führen muss (vgl. Hofmann 2004: 12).

Im Bereich der Sexualität gilt der Mann als der Eroberer, der Aktive, wohingegen die Frau die passive Stellung einnimmt. Sex dient auch immer der Fortpflanzung und dem Erhalt der eigenen Spezies. Dieses Vorurteil dient immer noch als Grundlage zur Rechtfertigung, was natürliche und widernatürliche Sexualität sein soll, ungeachtet des geschützten Geschlechtsverkehrs. Aber sexuelle Erfahrungen werden in unserer Gesellschaft nicht einfach nur gemacht, sondern eben auch gedeutet. Da eine Bezogenheit von Individuum und Gesellschaft nachweisbar ist in einen einmaligen sozialen Kontrollmechanismus, wird der Akteur sein eigener Kontrolleur und sieht sich gezwungen, sexuelle Erfahrungen auf bestimmte Art und Weise zu deuten. Denn in unserer Gesellschaft gibt es neben der Geschlechtsrolle auch noch die hochindividualisierte Rolle des Sexualpartners, die für die Ausbildung einer persönlichen Identität enorm wichtig ist (vgl. Koch-Burghardt 1997: 17f). „Sexualität ist ein Medium, durch welches sich der moderne Mensch sein eigenes Sein zu denken gibt, durch das hindurch er aber auch seinen Platz in der Gesellschaft findet. Beides erfolgt in dem Maße, wie er lernt, im Umgang mit der in performativer Einstellung erfahrenen symbolischen Realität von Verhaltenserwartungen, kulturellen Werten und Identitäten seine Interaktionen in einem unverwechselbaren lebensgeschichtlichen Zusammenhang selber zu organisieren“ (Koch-Burghardt 1997: 20f). Gelebte Sexualität ist Identität und für das Individuum Ausdruck seiner Persönlichkeit. Dennoch: Sexualität geht immer über eine gegebene Performanz, Präsentation oder Erzählung hinaus und schließt so eine gegebene Präsentation einer Geschlechtsidentität auf eine bestimmte Sexualität oder Sexualpraxis aus. Es gibt keine kausalen Verbindungen zwischen Geschlecht, Geschlechtsidentität und ihrer Präsentation, Praxis oder Sexualität. Gleichwohl gibt es eine ständige Präsenz heterosexueller Konstrukte und Positionalitäten (Butler 2003: 159ff). „Die menschliche Sexualität ist kein genetisch programmierter Prozess [...] Vielmehr ist sexuelles Handeln ein Resultat der Kulturentwicklung. Es findet in bestimmten historisch-sozialen Verhältnissen statt, im Rahmen der biografischen Entwicklung der Einzelnen und mit vielschichtigen Phantasien“ (Hutter, Koch-Burghardt, Lautmann 2000: 15).

Aber die Erwartungen an die Geschlechter unterliegen durch die Frauen- und Schwulenbewegungen der vergangenen Jahrzehnte einem Wandel. Tradierte Rollenbilder sind brüchig geworden, auch aufgrund der nicht unerheblichen globalen, ökonomischen, politischen und sozialen Veränderungen (vgl. Wedgwood, Connell 2010: 119). „In der Tat beobachten wir in den westlichen Industrieländern eine Angleichung der Geschlechter, sowohl äußerlich als auch hinsichtlich der funktionalen Rollen, die Frauen und Männer einnehmen“ (Bock 2010: 106).

2.3 Konstitution des Homosexuellen

Ein Homosexueller ist nicht einfach nur ein Homosexueller. Auch hier gibt es unterschiedliche Interpretationen und Identitäten, unterschiedliche Geschichten und unterschiedliche Erkenntnisse für und von den die Homosexuellen selbst. Die nachfolgenden Kapitel erheben keinen Anspruch auf Universalität, sondern nehmen die – wie Dannecker es mal bezeichnete – „gewöhnlichen“ Homosexuellen zum Untersuchungsgegenstand. Es wird nicht nach der Entstehung der Homosexualität gefragt, „sondern nach den gesellschaftlichen Bildungsgesetzen und Zwängen, die einen Mann (der solche Anziehung spürt und realisiert) zum Homosexuellen machen“ (Dannecker, Reiche 1974: 10). Die sexuelle Veranlagung zwingt den Homosexuellen, sich mit den bestimmten gesellschaftlichen Reaktionsformen und Erwartungen auseinander zusetzen, die von einer heterosexuell bestimmten Rollenverteilung bestimmt sind. Der Homosexuelle ist sich bewusst, dass er den erwarteten Normen nicht entspricht und ruft so bestimmte Reaktionen hervor, die eine spezifische Sozialisation homosexueller Männer zur Folge hat. Auch ist der Homosexuelle aufgrund seines abweichenden Verhaltens immer auch gesellschaftlicher Diskriminierung ausgesetzt, deren Folge die spezifische Sozialisation mit beeinflussen (vgl. Schledt 1997: 11ff).

Das Bewusstsein des Anderssein, Erfahrungen und das Öffentlichmachen der sexuellen Identität bildet auch eine gemeinsame Basis der Homosexuellen untereinander, aber nicht nur: „Die Gemeinsamkeit der Homosexuellen liegt vielmehr in ihrer Situation, in der Art, wie sie herausgefordert sind, um leben zu können. Die herrschende Sexualverfassung und Geschlechterordnung stellt sie vor ein Problem, welches sie auf verschiedene Weisen lösen können und werden“ (Lautmann 1997: 12). Eine Zuschreibung auf eine Person und ihrer Identität zieht immer eine Reaktion nach sich, so z.B. das Öffentlichmachen der Sexualität, Emanzipation und Anerkennung, die Forderung nach Gleichberechtigung

2.3.1 Sexuelle Identitätsentwicklung

„Eine homosexuelle Identität wird von der Person erst allmählich entwickelt. Sie ist nicht dispositionell angelegt, sondern Resultat einer aufwendigen Arbeit. Damit vollzieht jemand auf individueller Ebene die moderne gesellschaftliche Konstruktion der Homosexualität nach“ (Lautmann 1993: 26). Jugendliche wachsen in einer heterosexuell geprägten Gesellschaft auf und nehmen vorhandene Rollenbilder und -erwartungen an. Kommt es zu homosexuellen Kontakten, so ist dies oft in dieser Lebensphase zu Beginn experimentell. „Kein Mensch kommt in unserer Gesellschaft umhin, einen sich zunehmend ausbreitenden sozialen Horizont auch als Sexualpartner bewusst wahrzunehmen und handelnd zu erleben“ (Koch-Burghardt 1997: 25). Im sexuellen Erlebnisbereich kommen für die menschliche Entwicklung bedeutsame Lernmechanismen zum Tragen, nämlich dass Sexualität spezifische Strukturierungen durch gesellschaftliche Verhältnisse erfährt und dass Sexualität in unserer Gesellschaft zu den Medien gehört, in denen der Mensch sein eigenes Sein überdenkt und seinen Platz in der Gesellschaft findet. Abweichende Sexualität beeinflusst den Platzierungsprozess (vgl. Koch-Burghardt 1997: 25ff). Eine homosexuelle Praxis aber ist etwas anderes als eine homosexuelle Identität. Oftmals nimmt der Jugendliche oder der Mann homosexuelle Kontakte auf, ohne eine solche Identität zu besitzen. „Unter Identität verstehe ich den Vorgang und das Ergebnis von individueller Weltaneignung einerseits und Selbstvergesellschaftung andererseits. Daher haben nicht alle Männer mit gleichgeschlechtlichen sexuellen Erfahrungen schon eine schwule Identität“ (Woltersdorff 2005: 10). Eine Identität ist eine spätere Erwerbung, hat man sie jedoch einmal erworben, kann die eigene Biographie in diesem Licht rekonstruiert werden und man entdeckt oft ein schon früheres Anderssein: man ist weniger männlich im Sinne der Gesellschaft (Dannecker 1997: 22ff). Am Anfang stehen erste Ahnungen und Anzeichen den erwarteten Rollenbildern nicht zu entsprechen und bilden sich später zu einer Gewissheit heraus. „Ein halbwegs erwachsener Mensch – und um solche handelt es sich in der Regel bei den „abweichenden Minderheiten“ – der eine Haltung begeht, lernt in der Regel nicht erst durch die Reaktion auf die Handlung, dass diese als abweichend beurteilt wird. In der gegenwärtigen Gesellschaft hat das Tabu Homosexualität kollektive Gültigkeit, und es wird von allen ihren Mitgliedern, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, internalisiert“ (Dannecker 1978: 91) Diese Entdeckung homoerotischer Gefühle hat Einfluss auf die Identitätssuche und –entwicklung, auch gegen innere und äußere Widerstände (vgl. Buba, Vaskovics 2001: 35f). Geht man dann mit der neugewonnen und bereits verarbeiteten Erkenntnis an die Öffentlichkeit, muss man mit Formen der Ausgrenzung und Stigmatisierung rechnen, die für die Identitätsentwicklung bedeutend sind. „Eine homosexuelle Identität wird erst über die Konfrontation der Disposition mit der Realität errichtet“ (Dannecker 1997: 23).

Hat man erst einmal die Identität angenommen, so kann der Homosexuelle einen zweiten Sozialisationsprozess durchlaufen und lernen, seine Rolle in der Gesellschaft anzunehmen. Ein Ausleben der Sexualität ist für das Wachstum der Persönlichkeit wichtig. Er tritt nun in die homosexuelle Subkultur ein und lernt die dort vorhandenen Regeln und Normen und kann sich auf soziale Beziehungen einlassen. „Während die soziale Rolle eines Individuums als homosexuell, heterosexuell oder bisexuell das Ergebnis seiner, bzw. ihrer öffentlichen Erklärung ist, zu einer dieser Gruppen zu gehören, bildet demgegenüber die persönliche Überzeugung der Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen ein inneres Identitätsgefühl“ (Köllner 2001: 256). Der Homosexuelle kann nun aktiv an die Gesellschaft herantreten und seine nicht gesellschaftskonforme Sexualität und sein Leben selber gestalten und braucht die vorgegebenen Normen nicht passiv annehmen (vgl. Schledt 1997: 21).

2.3.2 Coming-Out

Das Coming-Out ist eine wichtige Erfahrung im Leben des Homosexuellen, wenn nicht gar die Wichtigste, und verbindet ihn mit den anderen Homosexuellen, da jeder seine Geschichte hat, wie er seine sexuelle Identität öffentlich gemacht hat. Die Coming Out-Verläufe sind äußerst differenziert und facettenreich. „So verschieden homosexuelle Menschen sind, je nach sozialer Herkunft, Ausbildung, Berufstätigkeit, Vorlieben, Lebenszielen und Wertsystemen, etwas Gemeinsames verbindet sie: das Aufwachsen als Homosexuelle in einer heterosexuellen Welt. Und irgendwann als Kind oder Jugendlicher oder Erwachsener merkt er, dass er sich vom eigenen Geschlecht angezogen fühlt und dass dieses Fühlen nicht der Norm entspricht.“ (Köllner 2001: 266). Es handelt sich um einen langen innerpsychischen Prozess, ein erster und über lange Zeit wichtigster Prozess. Es handelt sich um einen inneren Kampf mit sich selbst und den internalisierten Normen einerseits und den Triebwünschen andererseits (vgl. Dannecker 1978: 42). „Der Entwicklungsprozess des Coming-out umfasst auf der einen Seite einen innerpsychischen Vorgang, nämlich das Gewahrwerden und die schließliche Gewissheit, lesbisch, schwul oder bisexuell und nicht heterosexuell zu sein, und auf der anderen Seite eine soziale Dimension, bei der es um den Weg geht, sich entsprechend der sexuellen Orientierung zunehmend auch in der Öffentlichkeit zu präsentieren und einen eigenen Lebensstil zu finden [...] Sie hängen eng miteinander zusammen und bedingen einander“ (Rauchfleisch 2001: 76).

Das Coming-Out kann man heute aufgrund von Untersuchungen, u.a. von McWhirter und Mattison (1986) in fünf Stufen festhalten:

1. Selbsterkenntnis als Schwuler;
2. Enthüllung gegenüber anderen;
3. Eingehen von Kontakten mit anderen schwulen Männern
4. Positive Selbsteinschätzung
5. Zuordnung zur Gruppe und Akzeptanz des Schwulseins (S. 116ff)

Die einzelnen Schritte folgen nicht zwangsläufig aufeinander und sind in ihrer Abfolge unabhängig. Wichtig ist zu bedenken, dass das Coming-Out kein einmaliges Erlebnis darstellt, da man es im Laufe seines Lebens immer wieder in den unterschiedlichsten Bereichen durchleben wird.

Die erste Phase stellt einen Prozess für das Individuum dar, in dem es sich selber als Schwulen erkennt und sich bewusst wird, dass es eine Zuneigung zu Personen des gleichen Geschlechts hat. Es ist ein innerer Konflikt, der individuell sehr unterschiedlich ausgetragen wird. Daher wird diese erste Phase oftmals als ein quälender Kampf mit sich selbst erlebt.

Als nächsten Schritt offenbart sich der Homosexuelle gegenüber anderen, d.h. gegenüber Freunden, Familien, Kollegen, etc. Hier sind die Reaktionen der anderen maßgebend (sowohl positive als auch negative), wie sich die weitere Biographie entwickeln kann. Sie ist ein unabdingbarer Schritt. Positive Reaktionen ermöglichen es zukünftig, offener mit der eigenen Sexualität umzugehen, negative Erfahrungen erreichen eine nochmalige Verarbeitung des ersten Schrittes.

Der nächste Schritt kann auch der zweiten Stufe vorangehen: die Kontaktaufnahme mit anderen Homosexuellen. Ein Umgang mit anderen Schwulen ist sehr einprägsam für die eigene Einstellung. Sexuelle Kontakte zählen selbstverständlich mit dazu. Kommen sich die meisten Homosexuellen am Anfang isoliert und mit ihrer Eigenart alleine vor, erkennen sie jetzt, dass sie einer größeren Gruppe angehören. Die Entwicklung der Selbstidentität und der eigenen Akzeptanz wird durch Rückhalt und Wertschätzung anderer Homosexueller positiv beeinflusst.

Woraus die vorletzte Phase folgt: die positive Selbsteinschätzung. Das eigene Ich wird akzeptiert, die eigene Persönlichkeit kann auf erfüllende und befriedigende Weise nach außen gezeigt werden, ehemals vorhandene Vorurteile werden durch neue, positive Gefühle und Erfahrungen ersetzt. Die Formen, wie man das neue Ich nach außen trägt, ist individuell verschieden.

Als letzten Schritt ordnet man sich einer Gruppe zu, unterhält Kontakte mit anderen Homosexuellen und tritt in die homosexuelle Szene, der sogenannten Subkultur, ein. Man leugnet seine Sexualität weder gegen sich selbst noch anderen, wie öffentlich man seine Identität auch ausleben mag. Dies hängt auch immer von der Persönlichkeit des Homosexuellen selber ab.

Der Prozess des Coming-Out ist kein einmaliger Prozess, sondern wird lebenslang immer wieder durchlaufen, wie z.B. bei der Kontaktaufnahme mit anderen Menschen, auf dem Arbeitsplatz, etc. (vgl. McWhirter, Mattinson 1986: 116ff.; Di Quattro 1999: 10f).

Das Coming Out ist sowohl eine private Angelegenheit als auch eine öffentliche, da ein Gewahrwerden homosexueller Lebensstile gesellschaftliche Einstellungen verändern kann. „Die ausdrückliche Absicht von Coming-Outlern ist es, dass schwule Wünsche, Lüste und Bindungen als öffentliche Verhandlungssache wahrnehmbar und politisierbar werden und aufhören, die Privatangelegenheit individuell Betroffener zu sein“ (Woltersdorff 2005: 139). Coming-Out-Erzählungen stehen auch immer in Abhängigkeit von der gesamtgesellschaftlichen Akzeptanz homosexueller Lebensstile. Ein Coming-Out hinterlässt, auch wenn es innerlich abgeschlossen ist, immer auch langfristige Folgen (vgl. Woltersdorff 2005: 122). So stehen Schwule auch heute noch Diskriminierungen gegenüber, die sie in ihren persönlichen und sozialen Entfaltungen einschränken: Gerade während des Coming-Out stehen Homosexuelle vor der schwierigen Aufgabe, sich bewusst und kritisch mit den Bildern über Schwule und Lesben auseinander zusetzen, die inneren negativen Bilder mit den realistischen Lebensumständen abzugleichen. Im Kern geht es in der Entwicklungsphase um die gleiche Aufgabe wie bei Heterosexuellen auch: Festigung und Differenzierung des Selbstbildes, Ablösung von der Herkunftsfamilie mit den dazugehörenden innerpsychischen Umstrukturierungen, Aufbau eines eigenes Freundes- und Bekanntenkreises, erste sexuelle Beziehungen und die damit einhergehenden zukünftigen Lebensentwürfe (vgl. Rauchfleisch 2001: 86f). „Der Homosexuelle ist also so, wie er jeweils ist, auch das Resultat der Gesellschaft, in der er aufwächst und lebt, beziehungsweise der sozialen Umgebung, auf die er trifft, wenn seine homosexuelle Orientierung sich zu manifestieren beginnt“ (Dannecker 1997: 24).

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Details

Seiten
97
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656495918
ISBN (Buch)
9783656495765
Dateigröße
728 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233224
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
männliche homosexuelle gesellschaft

Autor

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Titel: Männliche Homosexuelle in unserer Gesellschaft