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(Ein)Schnitt ins Leben - weibliche Genitalverstümmelung als Tradition

Auswirkungen auf die Menschenrechtskonvention und Entwicklungspolitik in Sierra Leone

von Laura Storch (Autor) Lisa Hofmann (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 46 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der weiblichen Beschneidung

3. Die weibliche Genitalverstümmelung heute
3.1 Geografische Verteilung
3.2 Durchführung
3.3 Hauptformen der Beschneidung
3.4 Folgen von FGM
3.5 Fallbeispiel Sierra Leone

4. Beschneidung bei Frauen – eine Menschenrechtsverletzung?
4.1 Definition der Menschenrechte
4.2 FGM im Zusammenhang mit den Menschenrechten
4.3 Konsequenzen und Maßnahmen von außerhalb
4.4 Konsequenzen der afrikanischen Gemeinschaften
4.5 Menschenrechtssituationen in betroffenen Ländern

5. Beschneidung bei Frauen – eine Herausforderung für die Entwicklungspolitik
5.1 Definitionen von Entwicklungspolitik
5.2 FGM im Zusammenhang mit Entwicklungspolitik
5.3 Konsequenzen und Maßnahmen von außerhalb
5.4 Konsequenzen und Reaktionen der afrikanischen Gesellschaft
5.5 Erfolge und Aussichten der entwicklungspolitischen Arbeit in Afrika

6. Fazit und Ausblick

7.Literaturverzeichnis:

8.Anhang

9.Bearbeitung

1. Einleitung

Wenn wir in Deutschland das achtzehnte Lebensjahr erreichen, sind wir bekanntlich ‘‘erwachsen‘‘. Um diesen Übergang vom Kindes- zum Erwachsenenalter zu markieren, feiern die meisten Jugendlichen eine große Party, zu der viele Leute erscheinen - Freunde, Bekannte und Familie. Ab diesem Zeitpunkt werden wir als volljährig bezeichnet, dürfen alleine Auto fahren, diverse alkoholische Getränke zu uns nehmen, tragen allerdings auch viel mehr Verantwortung.

Dieser ‘‘Initiationsritus‘‘ ist uns wohl bekannt, doch auch in vielen – hauptsächlich afrikanischen – Ländern wird der Übergang zum Erwachsenensein groß gefeiert, lediglich in einer anderen Art und Weise und ausschließlich bei Frauen. Ein Ritus, der durchgeführt werden muss, um als Frau gesellschaftlich anerkannt und heiratsfähig zu sein. Die Rede ist von der genitalen ‘‘Beschneidung‘‘ bei Frauen - ein Thema, das trotz der Aktualität (auch in Europa) einen doch weitestgehend unbekannten Themenkomplex darstellt. Der Ritus der Genitalverstümmelung soll die Kinder in den betroffenen Ländern auf die Qualen, Schmerzen und Entbehrungen, welche das Leben als Erwachsener mit sich bringt vorbereiten.[1]

Hierbei ist der Begriff ‘‘Beschneidung‘‘ keineswegs mit der männlichen Beschneidung gleichzusetzen, denn dies würde zu einer Verharmlosung des Rituals führen (wenn man von einer Beschneidung spricht, so müsste man die männliche Beschneidung beispielsweise dem Entfernen der Eichel gleichsetzen). Deswegen haben wir in unserer Hausarbeit bewusst die Bezeichnung ‘‘Verstümmelung‘‘ oder den englischen Begriff ‘‘FGM‘‘ (F emale G enitale M utilation) gewählt, da er in unseren Augen zutreffender ist.

Die Aktivistinnen des Inter-African Commitee on Traditional Practices haben sich im Jahre 1990 offiziell für den Begriff der ‘‘weiblichen Genitalverstümmelung‘‘ entschieden.

Nach Angaben der Frauenorganisation Terre des Femmes wird alle elf Sekunden einem Mädchen gewaltsam die Klitoris und/oder Teile der Schamlippen abgeschnitten. Bis zu 170 Millionen Frauen und Mädchen sind heute Opfer einer Genitalverstümmelung geworden.[2]

Jährlich sind ca. 2 000 000 Mädchen von der genitalen Verstümmelung bedroht, das sind etwa 6 000 Mädchen täglich.[3]

Am weitesten verbreitet ist die Tradition in Afrika, wo es hauptsächlich muslimisch geprägte Länder bzw. Gruppen sind, die genitale Verstümmelungen an Frauen vornehmen- auch heute noch.

Durch zunehmende Migration ist die Anzahl verstümmelter Mädchen auch in Europa und den USA vorzufinden,[4] denn auch hier versuchen Immigranten ihre Tradition aufrecht zu erhalten. Somit handelt es sich bei FGM nicht lediglich um ein Randphänomen, das uns nicht betrifft. In den meisten afrikanischen Ländern ist die weibliche Genitalverstümmelung von gravierender Bedeutung und wird religionsunabhängig vollzogen. Insgesamt werden in 28 afrikanischen Ländern genitale „Beschneidungen“ bei Mädchen vorgenommen.[5]

Bei FGM handelt es sich um das „einzige Ritual, das ausschließlich von Frauen organisiert und durchgeführt wird und bei dem die Frauen im Mittelpunkt stehen “,[6] weswegen FGM bis heute als „identitätsstiftender und integraler Bestandteil des Frauseins“ gilt[7] - ein Ritual, das in 30 Prozent der Fälle tödlich endet.

Wie grausam die Durchführung und wie gravierend die Folgen dieser Beschneidungspraktik tatsächlich sind, wurde uns erst im Laufe dieser Arbeit bewusst, weshalb wir es für äußerst relevant erachten, über das Thema zu schreiben. Außerdem ist die weibliche Genitalverstümmelung in den Medien wenig präsent und wir sind der Meinung, dass, wenn sich mehr Menschen der Folgenschwere und Grausamkeit dieser Tradition bewusst sind, es sicherlich mehr Menschen geben wird, die sich für den Stopp des Rituals einsetzen würden.

Dieser Arbeit liegt die Annahme zu Grunde, dass die weibliche Genitalverstümmelung in vielen afrikanischen Gesellschaften zur Identifikation und Selbstfindung der Frauen dient und massiv gegen die Menschenrechtskonvention und die Leitlinien der Entwicklungspolitik verstößt. Da wie gesagt ausnahmslos die Frauen Opfer von FGM sind und diese hauptsächlich in afrikanischen Ländern leben, behandeln wir in unserer Hausarbeit hauptsächlich die "afrikanische Frau", denn auch die Bekämpfung von FGM/C

vollstreckt sich auf der Grundlage von Frauenrechten und liegt in den Händen afrikanischer Frauenrechtsorganisationen.[8]

Im ersten Abschnitt werden wir kurz auf die Geschichte der weiblichen Genitalverstümmelung und auf die Gründe für ihre Durchführung eingehen. Darüber hinaus werden wir die weibliche Genitalverstümmelung, wie sie im heutigen Zeitalter durchgeführt wird beleuchten.

Anhand des Fallbeispiels von Sierra Leone wird dem Leser die Durchführung der Praktik nähergebracht.

Anschließend gehen wir der Frage nach, in welchem Maße die Genitalverstümmelung mit den für allgemein gültig erklärten Menschenrechten in Verbindung gebracht werden kann und welche Maßnahmen bereits gegen FGM sowohl von außerhalb, als auch innerhalb betroffener Länder ergriffen worden sind.

Im darauffolgenden Abschnitt wird die Verstümmelung im Hinblick auf die Entwicklungspolitik betrachtet, um zu klären, wie sich die weibliche Genitalverstümmelung auf diese auswirkt und wie man dem entgegenwirken kann.

Letztlich werden wir alle Ergebnisse in Form eines Fazits zusammenfassen und eine Antwort auf die Ausgangsfrage, inwiefern sich die weibliche Genitalverstümmelung auf die Menschenrechtskonvention und Entwicklungspolitik auswirkt, finden.

2. Geschichte der weiblichen Beschneidung

Die Anfänge der weiblichen Genitalverstümmelung liegen vermutlich schon tausende von Jahren zurück. Man vermutet ihre Entstehung aus Läuterungs- und Blutopferritualen.[9] Schon in Alt-Ägypten sollen Beschneidungen an beiden Geschlechtern stattgefunden haben.[10] Hintergrund hierfür war der Glaube an die Doppelgeschlechtlichkeit der äußeren Genitalien, nach dem der weibliche Teil der Seele des Mannes in der Vorhaut und der männliche Teil der Seele der Frau in der Klitoris sitze. Durch die Entfernung dieser beiden Teile der Geschlechter sollte die geschlechtsspezifische und soziale Rollenfindung erleichtert werden.

Wo genau der Ursprung der weiblichen Beschneidung liegt, lässt sich heute nicht mehr genau feststellen.

Aber auch im Europa des Mittelalters wurden bestimmte Formen der weiblichen Beschneidung beispielsweise zur Behandlung von Masturbation, Hysterie, Unterleibsschmerzen und ähnlichem angewandt.[11]

Fälschlicherweise schreibt man dem Islam zu, Initiator dieses Brauches zu sein. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass sich der Brauch über die Eroberung Ägyptens im 7.-8. Jahrhundert nach Christus durch die Muslime und deren Übernahme des Brauches, in Afrika verbreitet hat.[12] Doch nicht nur muslimische Völker praktizieren die Genitalverstümmelung. Es finden sich ebenso Juden, Christen, Kopten oder auch Anhänger von Naturreligionen die diesen Brauch übernommen haben.[13]

Ebenso unklar wie der Ursprung dieses Brauches ist seine Bedeutung. Je nach Religion oder Tradition des praktizierenden Volkes unterscheiden sich die Begründungen für diese furchtbare Verstümmelung. Sie reichen von rein ästhetischen bis hin zu abergläubisch motivierten Gründen. Die Häufigste Begründung ist aber wohl die der Unreinheit der weiblichen Genitalien und der Aberglaube daran, sie könnten bei der Geburt das Kind und beim Koitus den Mann verletzen.

Die Klitoris gilt als unrein und hässlich und eine unbeschnittene Vagina sondere angeblich unangenehme Gerüche und Ausscheidungen ab. Weitere Begründungen für diesen Brauch ist die Erwartung an die Rolle der Frau. Durch die Beschneidung soll ihr Sexualtrieb gehemmt werden, um sicherzustellen dass sie sich auf Kindererziehung und Haushalt konzentriert und dem Mann nicht fremdgeht.[14] Polygamie ist in vielen Kulturen Afrikas verbreitet.

Ebenso wird den Frauen erzählt, die Geburten wären beschnitten leichter und auch während der Menstruation gäbe es weniger Probleme. Tatsache ist allerdings, dass viele Frauen erst durch die Beschneidung immense Probleme bekommen.

Vielen ist nicht einmal mehr bekannt wie es zu diesem Brauch kam, er wird weiterhin vollzogen, weil man es eben immer so gemacht hat und es nicht anders kennt. Viele der Betroffenen haben keine Vorstellung davon, dass ihr Brauch bei weitem nicht auf der ganzen Welt praktiziert wird.[15]

Unbeschnittene Frauen werden nicht selten aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie finden keinen Mann und werden zu sozialen Außenseitern. In vielen Kulturen gibt es sogar entsprechende Schimpfwörter.[16]

Ein weitere großer Punkt sind die Beschneiderinnen. Sie verdienen in der Regel gutes Geld mit ihrer Arbeit und wollen ihre Einnahmequelle natürlich nicht verlieren. Außerdem haben sie eine gesellschaftlich sehr hoch angesehen Stellung inne und so auch eine gewisse Macht, die nicht selten in Verbindung mit der Durchführung der Beschneidung in einer Art „Geheimgesellschaft“ der beschnittenen Frauen stattfindet. Dieses Ritual stellt für viele Frauen die einzige Möglichkeit dar, Macht, auch auf gewisse Art im politischen Sinne, auszuüben. In ihrem Alltag sind sie völlig abhängig von ihren Männern und vollends auf sie angewiesen.

3. Die weibliche Genitalverstümmelung heute

3.1 Geografische Verteilung

Die weibliche Genitalverstümmelung wird hauptsächlich in afrikanischen Ländern, aber auch in Asien, der arabischen Halbinsel, Europa oder vereinzelt auch in Amerika durchgeführt. Sie ist in ganz Ost- und Westafrika, im südlichen Teil der arabischen Halbinsel und entlang des Persischen Golfs, in einigen Teilen Asiens, Pakistan, Indien, Malaysia und Indonesien verbreitet, geschieht auch in Australien, Israel, Frankreich, GB, Italien, Niederlanden, Deutschland, Kanada und den USA bei Migrantinnen. Die 28 afrikanischen Länder, in denen FGM praktiziert wird, ziehen sich in einem breiten Streifen parallel zum Äquator von Ägypten, Äthiopien, Somalia, Kenia und Tansania im Osten über Kamerun und Nigeria bis nach Senegal und Mauretanien im Westen. Im Wesentlichen sind es muslimische Länder, die in Afrika ihre Tradition der Genitalverstümmelung ausüben.[17] Zudem wird vermutet, dass die Praxis vereinzelt in Sri Lanka, Algerien, Libyen, im Irak, Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien vorgenommen wird.[18] Die sieben Länder, in denen die meisten Mädchen und Frauen von FGM betroffen sind, sind Somalia (99%), Dschibuti (99%), Sierra Leone (95%), Ägypten ( 90%), Äthiopien (90%), Eritrea (90%) und Gambia (90%).[19]

3.2 Durchführung

Früher war es die Regel, ein Mädchen dann zu beschneiden, wenn es fruchtbar und gleichzeitig heiratsfähig wurde, doch heute werden die Mädchen schon im frühen Kindesalter beschnitten. Das hängt zum einen damit zusammen, dass sich Babys oder Kleinkinder nicht sehr gut wehren können, denn ein kleines Mädchen lässt sich leichter unter Kontrolle bringen und versteht noch nicht, was mit ihm geschieht. Außerdem vergessen die Mädchen so den Eingriff viel schneller wieder. Je älter die Mädchen sind, desto mehr können sie Widerstand leisten.[20]

FGM kann aber auch ungewöhnlich früh stattfinden, da es durchaus Kinder gibt, die den Augenblick der Beschneidung förmlich herbeisehnen oder eben aufgrund dessen, dass mehrere Kinder aus derselben Familie aus Kostengründen schlichtweg „in einem Abwasch[21] beschnitten werden sollten. Meistens werden mehrere Mädchen hintereinander beschnitten, was eine äußerst unhygienische Ausgangssituation darstellt.

Heute sind die meisten Mädchen bei ihrer Beschneidung zwischen vier und acht Jahre alt, jedoch gibt es auch Kinder, die viel früher beschnitten werden, was dann nichts mehr mit dem eigentlichen Ritus zu tun hat, denn Säuglinge sind weder fruchtbar noch heiratsfähig. Die Beschneidung wird im Rahmen eines großen Festes durchgeführt, in dem die Mädchen, die beschnitten werden, im Mittelpunkt des Geschehens stehen und Präsente, wie Kleider, Schmuck etc. erhalten.[22] Man tanzt, singt, trommelt, wird in manchen Stämmen mit Henna bemalt oder den Mädchen werden Glatzen rasiert. Selbst die eigene Mutter tanzt beim Beschneidungsfest um ihre Tochter herum, um die lauten Schreie ihres Kindes zu übertönen. Bei der Beschneidung erfolgt sehr oft keine Betäubung, weshalb die Mädchen an Armen und Beinen festgehalten werden, ihre Augen bedeckt und ihr Mund zugehalten werden muss, damit sie nicht davon laufen oder schreien können.[23]

Ausgeführt wird der Ritus von speziellen Beschneiderinnen, die diese Arbeit vererbt bekommen haben, seltener von Medizinmännern, Geburtshelferinnen oder (wenn eine Beschneiderin zu teuer ist) sogar von den eigenen Familienmitgliedern.[24] Ein seriöser Arzt wird nur in den seltensten Fällen in Anspruch genommen. Oftmals erfolgt die Beschneidung in simplen Hütten unter medizinisch unakzeptablen und unhygienischen Bedingungen und dauert ca. 10 - 30 Minuten.[25]

Bei der Beschneidung werden keinerlei sterilen Werkzeuge, sondern Instrumente wie Rasierklingen, Messer, stumpfe Scheren, Glasscherben bis hin zu Deckeln von Konservendosen verwendet. Zudem herrschen zumeist unvorteilhafte Lichtverhältnisse und nicht keimfreie Bedingungen, (so werden beispielsweise höchstens nach jedem zweiten Mädchen die Geräte gesäubert, was durch „drauf spucken “ oder das Murmeln traditioneller Formeln geschieht.)[26]

Zur Schließung der Wunden werden Schafdarm, Pferdehaar, Bast, Bindfäden, Akaziendornen und Eisenringe benutzt, Asche, Kräuter, kaltes Wasser, Spucke, Pflanzensäfte und Blätter sollen dabei helfen die Blutung zu stillen.

Nach der Prozedur werden die Mädchen aufgefordert selbst zu tanzen, was nach dieser an ihnen durchgeführten Grausamkeit höllische Schmerzen für das sie bedeuten.[27] Außerdem werden die Beine der Betroffenen zusammengebunden, damit die Wunde verheilt, wobei die Mädchen/Frauen für einige Wochen an ein ruhiges Plätzchen, in einer Hütte oder in die Wüste gebracht werden, um dort ungestört zu genesen.[28]

Die Arbeit der Beschneiderin bestimmt letztendlich den Brautpreis, denn die angehende Schwiegermutter kontrolliert, ob die Beschneidung angemessen durchgeführt wurde und die Braut ihren Preis auch wert ist.

3.3 Hauptformen der Beschneidung

Die WHO unterscheidet vier verschiedene Beschneidungstypen, wobei ein fließender Übergang zwischen den Formen besteht.[29]

- Typ 1:Klitoridektomie ( Sunna): Vollständige oder teilweise Entfernung der Klitoris, Klitorisspitze oder Klitorisvorhaut. Sunna ist ein arabisches Wort und heißt so viel wie „Tradition“.[30]
- Typ 2:Exzision[31] Teilweise oder totale Entfernung der Klitoris, sowie den inneren Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der äußeren Schamlippen. Die Vagina wird nicht verschlossen, das entstehende Narbengewebe bedeckt die Scheidenöffnung. Diese Beschneidungsform ist mit 85 Prozentiger Anwendung die häufigste Beschneidungsart.
- Typ 3:Pharaonische Beschneidung: Vollständige Entfernung der Klitoris, sowie den inneren und äußeren Schamlippen, anschließend wird die vaginale Öffnung zusammengenäht oder geheftet. Damit die Schamlippen nicht komplett zusammenwachsen und um das Abfließen des Menstruationsblutes/Urin zu ermöglichen wird oftmals ein Fremdkörper eingeführt.[32]
Für den Geschlechtsverkehr wird die Öffnung oftmals erweitert oder aufgeschnitten, genau wie bei der Geburt – das nennt man „Infibulation “(extremste Form der Beschneidung). Diese Öffnung wird umgehend nach der Geburt wieder rückgängig gemacht.
- Typ 4: Hierzu zählen alle Formen der Genitalverstümmelung, die sich keinem der ersten drei Typen zuordnen lassen (und keinen medizinischen Zweck erfüllen), wie das Einstechen, Durchbohren, Einschneiden, Ausschaben, Ausbrennen oder gar Verätzen. Haut und Gewebe werden aus der Scheide entfernt, Typ 4 wird in Zusammenhang mit einer der oben genannten Beschneidungsarten durchgeführt.[33]
Wenn der Geburtskanal vernarbt und seine Elastizität verliert spricht man hierbei von der sogenannten Inzision.
- Defibulation: Vernarbte und verschlossene Vagina wird wieder „geöffnet“, wobei Männer in der Hochzeitsnacht Messer oder ähnliche spitzen Gegenstände nutzen, um den Koitus zu ermöglichen. Bei einer Geburt auf natürlichem Wege, müssen die Frauen meist erneut geöffnet werden.
- Reinfubulation: Die Frau wird wieder zugenäht. Dies geschieht nicht nur nach der Infubulation, sondern auch Witwen, geschiedene Frauen und Mädchen, die vor der Ehe Sexualverkehr hatten, lassen sich reinfibulieren, damit sie wieder als Jungfrau gelten.[34]

3.4 Folgen von FGM

Die weibliche Genitalverstümmelung hat keinerlei gesundheitliche Vorteile, sondern ganz im Gegenteil behindert die Beschneidung die normale körperliche Entwicklung von Frauen und schwächt sie körperlich und seelisch.[35]

Unmittelbare Folgen[36]:Schwere Schmerzen und Blutungen in der Intimregion, Blutvergiftung, da die Scheren, Rasierklingen, Skalpelle und Glasscherben nicht desinfiziert sind, bakterielle Infektionen, sowie ein psychischer Schock, zudem ist die Sterblichkeitsrate sehr hoch, extrem hoher Blutverlust, lang anhaltende Anätomie, Tetanus, Infektionen, Kinderlähmung, Hepatitis und HIV, Wundbrand oder plötzlich auftretender Tod.[37]

Sollte sich ein Mädchen wehren, kann es durchaus passieren, dass das angrenzende Gewebe massiv beschädigt wird (zum Beispiel die Harnröhre oder der After, was nicht selten zu Inkontinenz führt).

Langfristige Folgen: Häufig Probleme bei der Geburt, erhöhtes Risiko von Totgeburten und psychische Traumata, in einigen Fällen führt die Prozedur sogar zu vollkommener Unfruchtbarkeit. Außerdem kann das Urinieren bis zu einer halben Stunde dauern, die Eileiter und Gebärmutter können sich entzünden, Sterilität kann eintreten und Geburten mit höllischen Schmerzen verbunden sein. Bei der monatlichen Regelblutung kann das Blut durch die meist winzige Öffnung nicht richtig abfließen, es entsteht ein Rückstau und Entzündungen, sowie starke Schmerzen im Unterleib. Zudem kommt es durch das schlechte Abfließen des Menstruationsblutes und Urins zur Geruchsbildung, was bei den beschnittenen Mädchen für Verwirrung sorgt, da sie nach der ‘‘Beschneidung‘‘ eigentlich gereinigt sein sollten. Außerdem können wiederholte Harnwegsinfektionen, Unfruchtbarkeit, Abszesse an äußeren Geschlechtsteilen (Vulva), Narbenwulsten, Hautzysten, Nervenfasergeschwülste, Steine oder Fisteln entstehen.[38]

[...]


[1] vergl. Hermann 2000, S. 80

[2] vergl. Terre des Femmes e.V., S.2 /BMZ (2000), S. 13

[3] vergl. Hermann 2000, S. 17

[4] ebd., S. 197/198

[5] vergl. Engelhard 2009, S. 64

[6] Bundesministerium für Frauen, Familie und Senioren 1999, S. 7

[7] Kuring 2007, S. 60

[8] vergl. Gerhard 2004, S.17

[9] vergl. Hammond, T.;Kimmel,T.,1999,S. 243

[10] vergl. Schnüll, 2003, S.26

[11] vergl. Toubia, 1995, S.225; Hermann, 2000, S.28

[12] vergl. Schnüll, 2003, S. 26

[13] vergl. Hermann,2000, S. 16ff

[14] vergl. Schnüll, 2003, S. 40ff

[15] vergl. Lightfoot-Klein,1999, S. 38

[16] vergl. Schnüll, 2003, S. 39ff

[17] vergl. Hermann 2000, S. 23ff.

[18] vergl. Schmidt-Häuer 2000, S. 198

[19] ebd., S. 24

[20] vergl. Lightfoot-Klein 2001, S. 52

[21] vergl. Dirie 1998, S. 63

[22] vergl. Schmidt-Häuer 2000, S. 1999

[23] vergl. Greer 2000, S. 132

[24] vergl. Schnüll (Hg.) 1999, S. 28

[25] vergl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 199, S. 10

[26] vergl. Humanistische Aktion 2000 http://www.humanistische-aktion.de/leidkult.htm, S.1

[27] vergl. Walker 1996, S. 123

[28] vergl. Dirie 1998, S. 71

[29] vergl. WHO-Progress report an update on Who’s work on female genital mutilation 2011,S. 3

[30] vergl. Lightfoot-Kleiin 2011, S. 49

[31] vergl. Hermann, S. 21

[32] vergl. BM für Familie, Senioiren, Brauen und Jugend 1999, S. 5

[33] vergl. Schmidt-Häuer 2000, S. 197

[34] vergl. Schnüll 1999, S. 27

[35] ebd., S. 9-13

[36] vergl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 1999, S. 14/15

[37] vergl. Dirie 1998, S. 336

[38] vergl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 1999, S. 16-19

Details

Seiten
46
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656489542
ISBN (Buch)
9783656493181
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232960
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
schnitt leben genitalverstümmelung tradition auswirkungen menschenrechtskonvention entwicklungspolitik sierra leone

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Titel: (Ein)Schnitt ins Leben - weibliche Genitalverstümmelung als Tradition