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Gestaltung und Funktion der Wächterfigur in ausgewählten Tageliedern des 13. Jahrhunderts

Bachelorarbeit 2013 38 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriff des mittelhochdeutschen Tagelieds

3. Ursprung der Wächterfigur

4. Auswahl der Tagelieder

5. Wolfram von Eschenbachs Von der zinnen
5.1. Der Dichter und sein Werk
5.2. Von der zinnen – Inhalt und Aufbau
5.3. Die klassische Wächterfigur in Von der zinnen

6. Burggraf von Lienz´ Ez gienc ein juncfrou minneclîch und Ulrich von Lichtensteins Ein schoeniu maget
6.1. Burggraf von Lienz - Der Dichter und sein Werk
6.2. Ulrich von Lichtenstein - Der Dichter und sein Werk
6.3. Ez gienc ein juncfrou minneclîch und Ein schoeniu maget – Inhalt und Aufbau
6.4. Ulrichs Kritik an der Wächterfigur im Vrouwen dienest
6.5. Die Wächterfigur und die Zofe in Ez gienc ein juncfrou minneclîch
und Ein schoeniu maget

7. Steinmars Swer tougenliche minne hât
7.1. Der Dichter und sein Werk
7.2. Swer tougenliche minne hât – Inhalt und Aufbau
7.3. Die Wächterkritik und der staete friunt in Swer tougenliche minne hât

8. Der Wächter – ein fester Bestandteil des Tagelieds?

9. Die Fiktionalität der Wächterfigur im Tagelied

10. Fazit

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Gestaltung und Funktion der Wächterfigur anhand des Tageliedes im 13. Jahrhundert, das während des Mittelalters ein bedeutender Liedtyp war und auch darüber hinaus Anklang fand. Der klassische Wächter stellt im tageliet oft eine wichtige Komponente dar, die durch dieses Zitat gut zum Ausdruck gebracht wird:

Von der zinnen

wil ich gên, in tagewîse

sanc verbern.

die sich minnen

tougenlîche, und obe si prîse

ir minne wern [...] (1,1-6). [1]

Es beinhaltet die tagewîse, de morgendliche Weckruf des Wächters, der das heimliche Liebespaar weckt und somit auch vor der Entdeckung schützt. Die Tageliedsituation zeichnet sich unter anderem durch Erotik aus, welche im Minnesang sonst selten so explizit geschildert wird. Es ist bezeichnend für die Bedeutung des Wächters, dass die Gattung mit dem Namen des Weckrufs versehen wurde, denn ursprünglich war mit tageliet oder tagewîse lediglich der Morgengesang des Wächters gemeint.[2] Erst später dienten die Begriffe als Gattungsbezeichnung. Die Wächterfigur ist von so großer Bedeutung, dass sie sogar zum "kennzeichnenden Element des Tageliedes"[3] wird: das Wächterlied.

Zur Analyse dieser Figur werden vier ausgewählte Lieder der Dichter Wolfram von Eschenbach, Burggraf von Lienz, Ulrich von Lichtenstein und Steinmar eingehend betrachtet. Zusätzlich werden Querverweise auf weiter Tagelieder verwendet, um das Blickfeld auf die Wächterrolle noch auszuweiten. Mithilfe der Forschungsliteratur werden Fragen geklärt, die mit der Analyse eingergehen: Wo liegt der Ursprung der Wächterfigur, welche Beziehung besteht zum heimlichen Liebespaar und weckt er sie aus eigennützigen oder uneigennützgen Gründen? Gibt es Kritikpunkte bezüglich der Fiktionalität dieser Figur und welche Folgen haben diese? Es werden Variationen und Veränderungen des Wächters aufgezeigt und überlegt, was geschieht, wenn es überhaupt keinen mehr gibt. Ist er ein so fester Bestandteil, dass ein Tagelied ohne ihn kein Tagelied mehr ist? Diese Fragestellungen werden im Laufe dieser Arbeit beantwortet und anschließend ein zusammenfassendes Bild der Wächterfigur angefertigt.

2. Begriff des mittelhochdeutschen Tagelieds

Das Tagelied ist ein Bestandteil des Minnesangs, welcher sich durch verliebte, adlige Männer auszeichnet, die um die Gunst und Liebe der Damen werben.[4] Seit dem 13. Jahrhundert etabliert sich das Tagelied als zweithäufigster Liedtyp nach der Minnekanzone, in der Sänger ihre Erfahrungen als Liebende thematisieren, das Ausmaß ihrer Liebe beteuern und dafür einen entsprechenden Lohn erwarten.[5]

Wenngleich keine Definitionen des tageliets aus der mittelhochdeutschen Zeit vorhanden sind[6], gibt es dafür umso mehr in der Moderne. Ein Beispiel aus dem literaturwissenschaftlichen Lexikon: "Tagelied ist ein Lied vom Abschied Liebender am Morgen nach gemeinsam ver- brachter Nacht. Das mittelhochdeutsche Wort tageliet bezeichnet ein Morgenlied und (seit etwa 1250) den Liedtyp Tagelied."[7] Das zentrale Thema ist also die Trennung eines Paares nach einer Liebesnacht aus Angst, bemerkt zu werden. Das Personal besteht meist aus drei verschiedenen Personen: die Dame, deren Familienstand unbekannt ist; ihr Geliebter (häufig ein Ritter), der fliehen muss; und ein Wächter, der teilweise nur ein Verkünder des Morgens ist, oftmals aber auch als Vertrauter fungiert. Die Handlung wird mithilfe von Dialogen und direkter Erzählung dargestellt. Die Handlungszeit ist der frühe Morgen und der Handlungsort ist fast immer die Kemenate der Dame.[8] Bei den aufgeführten Merkmalen darf man jedoch nicht vergessen, dass es ein Gattungssystem wie heute im Mittelalter nicht gab. All die Definitionen seien nur Produkt "pedantischen Schubladendenkens oder strukturalistischer Systematisierungswut", wie Klaus Grubmüller schreibt.[9] Dass ein "fixiertes Gattungsbewusstsein" fehlt, muss jedoch nicht unbedingt bedeuten, dass eine "gattungsmäßige Ordnung" ebenfalls nicht vorhanden ist.[10] Die mittelalterliche Literatur scheint objektiv betrachtet gattungsmäßig aufgebaut zu sein. Dies wird ebenso deutlich, wenn man die Tagelieder nicht als Bestandteil eines "klassifikatorischen Systems", sondern als eine "literarische Reihe" sieht. In dem Falle gehören Variationen, Erweiterungen und Abwandlungen dazu[11] und "erweitert das Spektrum der Möglichkeiten."[12] Daraus erschließt sich, dass eine Gattung immer nur im Wandel betrachtet werden sollte.[13]

U. Müllers Artikel im Reallexikon definiert sozusagen den "Normaltyp", bzw. die "Grundform", des Tagelieds, welcher kurz gefasst den Weckruf des Wächters über den Tagesanbruch, das Klagen der Liebenden und und den Abschied beinhaltet.[14] U. Knoop hat sich die Mühe gemacht, die häufigsten und für ihn wichtigsten Merkmale zusammenzufassen. Dazu zählen:

- Erotik
- Naturerscheinungen (als Tagesanzeichen)
- Leid / Trauer
- Gefahr
- Auseinandergehen
- Weckvorgang
- Höfisch- minnesangliche Elemente
- Hilfe / Fürsorge
- Sprechen
- Aufstehen / Wachen / Hören
- Abschied
- Gebäude(teile) / Landschaft
- Segen
- Reflex auf Wecken (zu früh...)
- Schlafen[15]

Durch die mehr oder weniger genormte Liebeslyrik wurde der "künstlerische Spieltrieb" der Dichter provoziert und es entstanden verschiedene, auf den Grundtyp bezogene, Sonderformen:[16]

- Anti-Tagelied (= inhaltliche Umkehrung zum Klagelied eines Einsamen mit formalem
Bezug zum Grundtyp)
- abendliches Einlasslied (= Serena), bei Otto von Botenlauben, Hadlaub, Mönch von
Salzburg, Burggraf von Lienz
- bäuerliches Tagelied - als Parodie mit deutlichem Grundtyp-Zitat, bei Steinmar,
Mönch von Salzburg, Oswald von Wolkenstein
- Gattungskombinationen (mit Klagelied, Kreuzlied, Serena), bei Burggraf von Lienz,

Oswald von Wolkenstein[17]

Das älteste mittelhochdeutsche Tagelied, Slâfest du vriedel ziere?, wird Dietmar von Aist zugeschrieben, der in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts lebte. Um 1200/ 1220 etablierte, neben dem Markgrafen von Hohenburg und Otto von Botenlauben, vor allem Wolfram von Eschenbach den Tageliedtypus.[18] Bis heute ist ungeklärt, ob das mittelhochdeutsche Tagelied seinen Ursprung im romanischen Tagelied, der provenzalischen alba oder altfranzösischen aube, hat. Beide Begriffe bedeuten Morgendämmerung bzw. Morgengrauen. Obwohl es zahlreiche Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten zwischen dem mittelhochdeutschen und dem romanischen Tagelied gibt, können die wenigen romanischen Lieder historisch nur sehr ungenau oder spät eingeordnet werden und somit steht nicht fest, ob und wie sie sich auf die deutsche Tagelied-Produktion ausgewirkt haben.[19]

3. Ursprung der Wächterfigur

Überwiegend wird angenommen, dass Wolfram von Eschenbach der provenzalischen Alba die Figur des Wächters entnommen, sie verwendet und somit in das mittelhochdeutsche Tagelied eingeführt hat[20]: "[...] der Wächter (bei Wolfram in verschiedenen Variationen durchgespielt, vom neutralen 'Wecker' über den Komplizen der Liebenden bis zur Absage an den Wächter [...]."[21] Schon W. de Gruyter war 1887 dieser Meinung.[22] Die Figur wird so zu einem wichtigen Faktor der Gattung und einem kennzeichnenden Element, dem Wächterlied.[23]

K. Plenio ist ebenso der Ansicht und hat dazu seine ganz eigene These entwickelt. Er geht davon aus, dass sich der Wächter in Wolframs Liedern Stück für Stück weiterentwickelt habe und hat diesbezüglich anhand der Wächteranteile eine Reihenfolge der Lieder angelegt: Ez ist nu tac sei das erste, in dem die Wächterrolle noch ganz fehle, und Von der zinnen das letzte, da der Wächter dort stark handelnd auftrete und den Ritter und seine Dame fast schon verdränge.[24] Diese These ist jedoch nicht ganz schlüssig, da in der ersten Strophe des Liedes Ez ist nu tac eine Person spricht, die weder die Dame noch der Ritter sein kann, da dieser noch schläft. Demnach ist sehr wohl ein Wächter vorhanden. Wenn K. Plenio dennoch mit der Reihenfolge richtig liegt, könnte dies bedeuten, dass den deutschen Zuhörern die Wächterrolle nicht unbekannt war:

Gerade wenn der Wächter dem deutschen Hörer noch ungewohnt war, so hätte es

näher gelegen, ihn vorweg in ganzer Größe vorzustellen.[...] Wenn in einem von

Wolframs Tageliedern die Wächtergestalt bei den Hörern als bekannt vorausgesetzt

wird, so geschieht es in diesem Liede. Als erstes deutsches Wächterlied wäre es

niemandem verständlich gewesen.[25]

A. Hatto erhob jedoch Einwände, dass Wolfram den Wächter in der mittelhochdeutschen Tageliedgattung etablierte, mit dem Argument, dass es genügend andere Minnesänger mit provenzalischen und französischen Sprachkenntnissen gab, die ebenfalls von der Existenz der Wächterfigur wussten.[26] Bis heute ist die Rolle Wolframs diesbezüglich nicht hundertprozentig belegt. Keinem Zweifel unterliegt dagegen die Tatsache, dass die Wächterfigur schon vor den mittelhochdeutschen Tageliedern in der provenzalischen Alba existierte.[27] Allerdings steht der vollkommene, lückenlose Beweis aus, inwieweit die Wächterrolle übernommen wurde bzw. sie die Tageliedproduktion beeinflusst hat.[28]

4. Auswahl der Tagelieder

Im Verlauf dieser Arbeit werden vier ausgewählte Tagelieder besonders in Betracht gezogen: Wolfram von Eschenbachs Von der zinnen; Burggraf von Lienz' Ez gienc ein juncfrou minneclîch; Ulrich von Lichtensteins Ein schoeniu maget; und Steinmars Swer tougenliche minne hât.

Wolfram von Eschenbach verfasste Anfang des 13. Jahrhunderts fünf Tagelieder und brachte den Liedtyp "auf eine kaum wieder erreichte künstlerische Höhe."[29] Er etablierte das Tagelied in der mittelhochdeutschen Lyrik und diente als Vorbild und Inspiration für nachfolgende Dichter: "Bumke spricht es Wolframs Einfluß zu, daß die deutschen Tagelieder enger miteinander verwandt sind als die sehr verschiedenartigen romanischen Tagelieder."[30] Besonders in Bezug auf die Figur des Wächters nimmt Wolfram eine "Schlüsselstellung" ein.[31] Unter diesen Aspekten steht es außer Frage kein Wolframsches Tagelied auszuwählen. Das Lied Von der zinnen"gehört" dem Wächter, denn in zwei von insgesamt drei Strophen reflektiert er über seine Aufgabe[32] und weckt das Liebespaar zum Tagesanbruch. Er verdrängt die Liebenden in die dritte und letzte Strophe und nimmt eine sehr große Rolle ein. Diese Tatsache bietet viel Raum für eine genauere Betrachtung.

Es ist zu vermuten, dass sich die Dichter Ulrich von Lichtenstein und Burggraf von Lienz persönlich kannten:

Die Burggrafen von Lienz waren Ministerialen der Grafen von Kärnten und Görz-Tirol;

ihre Heimat ist das heutige Städtchen Lienz in Osttirol. Der Minnesänger [...] lebte

in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und gehörte dem Kreis um Ulrich von

Lichtenstein [...] an.[33]

Anzumerken ist außerdem, dass der Burggraf von Lienz dreimal in Ulrich von Lichtensteins "Frauendienst" erwähnt wird.[34] Ulrich übt darin Kritik an der Wächterrolle in Form einer Tageliedreflexion aus, auf die Ein schoeniu maget folgt. Demnach ist der Wächter nicht standesgemäß und somit auch nicht vertrauenswürdig.[35] Stattdessen wird die Dienerin der Dame als handelnde Figur eingesetzt. Es ist anzunehmen, dass sich der Burggraf von Lienz an der Kritik im "Frauendienst" orientiert hat, denn auch er setzt die Zofe der Dame ein, allerdings nur als Nebenfigur, eine Art Vermittlerin zwischen der Dame und dem Wächter. Ulrich von Lichtenstein baut sie dann schließlich zu einer zentralen Gestalt aus.[36] Ein schoeniu maget und Ez gienc ein juncfrou minneclîch stellen bezüglich der Wächterfigur auffällige Variationen bzw. Innovationen dar. Aufgrund der persönlichen Beziehung der Dichter zueinander werden im Laufe der Arbeit die Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede aufgezeigt.

Wie auch schon Ulrich von Lichtenstein, stellt Steinmar die Position des Wächters infrage. In seinem Ich-Reflexionslied[37] Swer tougenliche minne hât beanstandet er, dass die Treue des Wächters dem Ehemann der Dame gelten sollte und nicht dem Geliebten. Aufgrund dieses Interessenkonfliktes rät Steinmar stattdessen einen staeten friunt zu wählen, der die "Tugend der Zuverlässigkeit und Beständigkeit" in sich trägt.[38] Somit stellt auch Swer tougenliche minne hât eine weitere interessante und auffällige Abwandlung des Wolframschen "Wächtergrundtyps" dar und ist eine genaue Betrachtung wert.

5. Wolfram von Eschenbachs 'Von der zinnen'

5.1. Der Dichter und sein Werk

Wolfram von Eschenbach lebte vermutlich zwischen 1170 und spätestens 1220. Seinen Hauptsitz hatte er in Obereschenbach in Mittelfranken, jedoch wechselte er aufgrund der verschiedenen Gönner, auf die er als Dichter angewiesen war, des öfteren den Aufenhaltsort.[39] Obwohl Wolfram in keiner Urkunde erwähnt wird, weiß man heute gegenüber anderen Dichtern des Mittelalters vergleichsweise viel über ihn und sein Leben.[40] Einerseits erwähnt er sich selbst viermal in seinen Werken Parzival und Willehalm, andererseits werden Äußerungen anderer zeitgenössischer Autoren getätigt, wie zb. Wirnt von Grafenberg oder Reinbot von Durne. Von sich selbst schreibt er, dass er ein "ritterliches Selbstbewußtsein" habe und auch in der Heidelberger Liederhandschrift wird er als Ritter dargestellt.[41]

Wolfram schrieb sowohl Lyrik als auch Epik. Sein höfischer Roman Parzival, welcher in sechzehn Bücher aufgeteilt ist, begann er vor 1200 und vollendete es etwa um 1210.[42] Während seiner Arbeit am Parzival schrieb Wolfram zusätzlich Minnelieder, die in den Handschriften A, B, C und G enthalten sind. Fünf davon sind Tage- die übrigen vier Werbungslieder.[43] Infolge seiner Tagelieder (Den morgenblic bî wahtaeres sange erkôs, Sîne klâwen, Von der zinnen, Ez ist nu tac und Der helden minne ir klage) konnte sich der Liedtyp etablieren, diente anderen Dichtern als Vorbild und nahm im 13. Jahrhundert einen Stellenwert dicht hinter der Minnekanzone ein.[44] Ein weiteres seiner Werke ist Titurel, von dem nur zwei Fragmente vorhanden sind und als eine Art Fortsetzung des Parzivals gilt.[45] Die Fragmente sind in den Handschriften G, H und M zu finden. Sein drittes episches Werk, ein Heldenepos in Versform, besitzt den Titel Willehalm. Dieses verfasste Wolfram vermutlich von 1215 bis 1218.[46] Heute geht man davon aus, dass Titurel entweder Wolframs letzte Werk ist oder während der Arbeit am Willehalm entstanden ist.[47] Willehalm ist in dreizehn vollständigen Handschriften und über fünfzig Fragmenten überliefert.[48]

5.2. 'Von der zinnen' - Inhalt und Aufbau

Wolfram von Eschenbachs Tagelied Von der zinnen ist in der Weingartner Liederhandschrift (B) und im Codex Manesse (Große Heidelberger Liederhandschrift, C) überliefert.[49] Es besteht aus insgesamt drei Strophen mit je fünfzehn sehr kurz gehaltenen Versen. In den ersten beiden Strophen hält der Wächter, ohne jegliche Vermittlung durch den Erzähler,[50] bei Tagesanbruch einen Monolog auf den Zinnen, die er in Kürze verlassen wird. Er warnt den Ritter sich in Acht zu nehmen und rät der Dame nicht an den Schmerz der Trennung, sondern vielmehr an die Rückkehr ihres Geliebten zu denken:

ritter, wache, hüete dîn!

[...] niht gedenken

solt du, vrowe, an scheidens riuwe

ûf kunfte wân (1,15; 2,4-6).[51]

Vor allem aber reflektiert er über seine Aufgabe als Wächter und legitimiert sie mit dem Argument, dass es ehrenvoll ist, einander Liebe zu schenken (1,4-10; 2,1-3). Der Wächter erklärt, dass er den Liebenden Arbeit abnehmen möchte (2,7-10), damit sie sich ganz auf sich konzentrieren können. Schließlich weckt er das Paar mit seinem Gesang und warnt sie vor dem Tagesanbruch (2,11-15). In der dritten und letzten Strophe kommt der Erzähler fast durchgehend zu Wort. Lyrik mit narrativen Elementen wird als genre objectif bezeichnet. Die Dame spricht in diesem Tagelied überhaupt nicht, der Ritter klagt nur ein einziges Mal über das Ausmaß seiner Trauer wegen des bevorstehenden Abschieds (3,4-6). Der Erzähler berichtet über die letzte Liebesvereinigung des heimlichen Paares, die ihnen den Abschied um einiges erträglicher macht:

Swie balde ez tagete,

der unverzagete

an ir bejagete,

daz sorge in vlôch.

unvrömedez rucken,

gar heinlîch smucken,

ir brüstel drucken

und mê dannoch

urloup gap, des prîs was hôch (3,7-15).[52]

Die auffällige "Personenkonstellation"[53] ist charakteristisch für dieses Tagelied Wolframs. Der Wächter dominiert den Text[54], aber auch der Erzähler besitzt einen ungewöhnlich hohen Anteil im Gegensatz zu Ritter und Dame.

5.3. Die klassische Wächterfigur in 'Von der zinnen'

"Das Lied gehört dem Wächter."[55] So drückt es P. Wapnewski in seiner Analyse aus. Die ersten beiden der insgesamt drei Strophen des Tagelieds Von der zinnen sind Wächterstrophen. Der Wächter beginnt mit der Verkündung seiner Absicht, alsbald von den Zinnen zu steigen und das Tagelied zu singen:

Von der zinnen

wil ich gên, in tagewîse

sanc verbern (1,1-3).[56]

Mit tagewîse ist hierbei einerseits der morgendliche Weckruf für das heimliche Liebespaar gemeint, andererseits aber auch die Gattung Tagelied.[57] Der Terminus wird in keinem anderen Lied Wolframs verwendet.[58]

Die typischen Merkmale, die auch in den anderen Tageliedern Wolframs vorhanden sind, sind auch hier gegeben. Das heimliche Paar darf nach der gemeinsam verbrachten Nacht in der Kemenate der Dame nicht entdeckt werden und der Ritter schützt seine Geliebte, indem er sie verlässt und übernimmt für beide die Verantwortung. Das Motiv für diese Unerlässlichkeit wird einzig von Steinmar genannt:

Swer tougenliche minne hât,

der sol sich wênig an den lân,

Den man so grôzze missetât

an sînem herren siht begân,

Dem er bewachen guot und êre sol (1,1-5)![59]

Aufgrund des Ehebruchs ist die Liebe im Tagelied "illegitim und damit von außen gefährdet."[60] Der Wächter aber ehrt und schätzt die Verwirklichung der heimlichen Liebe und somit auch das Paar:

die sich minnen

tougenlîche, und obe si prîse

ir minne wern [...] (1,4-6).[61]

Dadurch misst er der Tageliedliebe einen Wert zu, der sein Handeln und seine Aufgabe als Wächter legitimiert und rechtfertigt.[62] Im Anschluss daran bietet er seine Hilfe und seinen Rat an:

der mich des baete,

deswâr ich taete

ime guote raete

und helfe schîn (1,11-14).[63]

Damit spricht er nicht nur die Liebenden an, es soll ebenso als eine allgemeingültige Feststellung über diesen Fall hinaus betrachtet werden[64]:

Heimlich Liebende sollen stets an die kundige Unterweisung dessen denken, dem

ihr Leben und ihre gesellschaftliche Gattung anvertraut sind. Wenn jemand Rat und

Hilfe von ihm erbitten würde, könnte er unbedingt auf sie bauen.[65]

P. Wapnewski zufolge liegt in baete eine Bedingung, die unbedingt erfüllt werden muss, die das Ausgeliefertsein und die Abhängigkeit des Ritters von seinem Knecht deutlich macht.[66] Dreißig Jahre später sieht K. Speckenbach dies ganz anders. Die Bitte sei keine notwendige Bedingung, der Wächter verweise nicht auf seine Überlegenheit gegenüber des Rat- und Hilfesuchenden.[67] In der zweiten Strophe plädiert der Wächter auf aller wahter triuwe (2,2). P. Wapnewski interpretiert sie als "Berufswürde des Wächterstandes"[68], welche nicht entehrt werden soll. Die Treue ist demnach ein offizielles Merkmal dieser Tätigkeit.[69] K. Speckenbach wiederum deutet sie als triuwe gegenüber dem Liebhaber, die er durch die Warnung am Ende der ersten Strophe (1,15), dem Weckruf am Ende der zweiten Strophe (2,13-15) durchaus beweist.[70] Ebenso deutlich macht dies die Zusicherung, dass allein der Wächter sich um die meldes last (2,10) des Tagesanbruchs kümmern werde und die Liebenden sich nur auf sich konzentrieren sollen. Das Verhältnis des Wächters zum Ritter kann als positiv angesehen werden. Charakteristisch für Wolframs Wächterfigur ist neben dem offiziellen Dienst als Burgwächter die Funktion als freundschaftlicher Beschützer der Liebenden.[71] Dreimal spricht der Wächter ihn direkt an: als ritter (1,15), werden man (2,3) und süezer gast (2,15). Letzteres ist eine sehr persönliche Anrede und wahrscheinlich eine Anspielung auf die Beziehung zwischen der Frau und ihrem Geliebten. Im Anbetracht der Vertrautheit ist es aber auch denkbar, dass der Wächter den Ritter wertschätzt und dies mit dieser Anrede zum Ausdruck bringt.[72] Eigentlich müsste das Ziel der triuwe und der Verpflichtung die Dame sein, schließlich lebt sie auf der Burg, die er bewacht.[73] Dennoch stehen Wächter und Ritter sich näher und sind durch die triuwe miteinander verbunden. Das Merkmal der triuwe weist auch Otto von Botenlaubens Tagelieder Singet, vogel, singet und Wie sol ich den ritter auf: "[...] das triuwe ich wol erwenden [...] (1,4)"; "dâ rât ich in rehten triuwen beiden [...] (1,4)."[74] In beiden Fällen beruft sich der Wächter bei seinen Weckpflichten auf seine Treue zum Paar.

[...]


[1] Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mhd./ Nhd. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Martina Backes. Stuttgart 2003. S. 94.

[2] Vgl. Müller, Ulrich: Tagelied. Artikel in: Kanzog, Klaus; Masser, Achim (Hrsg): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Begr. von Paul Merker und Wolfgang Stammler. 2. Aufl. Band 4. Berlin, New York 1984. S.345.

[3] Schweikle, Günther: Minnesang. 2. korrigierte Aufl. Stuttgart 1995. S. 137.

[4] Vgl. Hübner, Gert: Minnesang im 13. Jahrhundert. Eine Einführung. Tübingen 2008. S. 5.

[5] Vgl. ebd. S. 24.

[6] Vgl. Müller 1984: Tagelied. S. 345.

[7] Lienert, Elisabeth: Tagelied, Artikel in: Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. 2. überarb. und erw. Aufl. Hrsg. von Horst Brunner; Rainer Moritz. Berlin 2006. S. 390.

[8] Vgl. Müller 1984: Tagelied. S. 345.

[9] Grubmüller, Klaus: Gattungskonstitution im Mittelalter. In: Palmer, Nigel; Schiewer, Hans-Jochen (Hrsg.):

Mittelalterliche Literatur und Kunst im Spannungsfeld von Hof und Kloster. Ergebnisse der Berliner Tagung, 9.-11. Oktober 1997. Tübingen 1999. S. 194.

[10] Vgl. ebd. S. 198.

[11] Vgl. ebd. S. 200f.

[12] Ebd. S. 209.

[13] Vgl. Grubmüller 1999: Gattungskonstitution im Mittelalter. S. 210.

[14] Vgl. Breslau, Ralf: Die Tagelieder des späten Mittelalters. Rezeption und Variation eines Liedtyps der höfischen Lyrik. Berlin 1987. S. 13.

[15] Beloiu-Wehn, Ioana: 'Der tageliet maneger gern sanc'. Das deutsche Tagelied des 13. Jahrhunderts. Versuch einer gattungsorientierten intertextuellen Analyse. Frankfurt am Main 1989. S. 70f.

[16] Vgl. Müller 1984: Tagelied. S.348f.

[17] Müller 1984: Tagelied. S. 349.

[18] Vgl. Lienert 2006: Tagelied. S. 391.

[19] Vgl. Müller 1984: Tagelied. S. 345f.

[20] Vgl. Lienert 2006: Tagelied. S. 390.

[21] Ebd. S. 391.

[22] Vgl. Mohr, Wolfgang: Wolframs Tagelieder. In: Müller, Ulrich; Hundsnurscher, Franz; Sommer, Cornelius (Hrsg): Wolfgang Mohr. Gesammelte Aufsätze. Göppingen 1983. S. 275.

[23] Vgl. Schweikle 1995: Minnesang. S. 137.

[24] Vgl. Mohr, Wolfgang 1983: Wolframs Tagelieder. S. 275.

[25] Mohr, Wolfgang 1983: Wolframs Tagelieder. S. 276.

[26] Vgl. Breslau 1987: Die Tagelieder des späten Mittelalters. S. 38.

[27] Vgl. Lienert 2006: Tagelied. S. 390.

[28] Vgl. Knoop, Ulrich: Das mittelhochdeutsche Tagelied. Inhaltsanalyse und literarhistorische Untersuchungen. Marburg 1976. S. 15.

[29] Breslau 1987: Die Tagelieder des späten Mittelalters. S. 37.

[30] Knoop 1976: Das mittelhochdeutsche Tagelied. S. 14.

[31] Vgl. Knoop 1976: Das mittelhochdeutsche Tagelied. S. 9.

[32] Vgl. Behr, Hans-Joachim: Die Inflation einer Gattung: Das Tagelied nach Wolfram. In: Edwards, Cyril (Hrsg): Lied im deutschen Mittelalter. Überlieferung, Typen, Gebrauch. Tübingen 1996. S. 198.

[33] Universitätsbibliothek Heidelberg: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0225 (30.6.2013).

[34] Vgl. Rosenhagen,G.: Burggraf von Lienz. Artikel in: Langosch, Karl (Hrsg): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Begr. von Wolfgang Stammler. Band III. Berlin 1943. S. 51.

[35] Vgl. Lübben, Gesine: "Ich singe daz wir alle werden vol": das Steinmar-Œuvre in der Manesseschen Liederhandschrift. Stuttgart 1994. S. 142.

[36] Vgl. Breslau 1987: Die Tagelieder des späten Mittelalters. S. 44.

[37] Vgl. Lübben 1994: "Ich singe daz wir alle werden vol". S. 144.

[38] Vgl. Lübben 1994: "Ich singe daz wir alle werden vol". S. 147.

[39] Vgl. Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. Artikel in: Langosch, Karl (Hrsg): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Begr. von Wolfgang Stammler. Band IV. Berlin 1953. S. 1059f.

[40] Vgl. ebd. S. 1058f.

[41] Vgl. ebd. S. 1059.

[42] Vgl. ebd. S. 1066f.

[43] Vgl. ebd. S. 1065f.

[44] Vgl. Hübner 2008: Minnesang im 13. Jahrhundert. S. 32.

[45] Vgl. Bumke 1953: Wolfram von Eschenbach. S. 1079.

[46] Vgl. ebd. S. 1080.

[47] Vgl. Bumke 1953: Wolfram von Eschenbach. S. 1079.

[48] Vgl. ebd. S. 1079.

[49] Vgl. Rohrbach, Gerdt: Studien zur Erforschung des mittelhochdeutschen Tageliedes. Ein sozialgeschichtlicher Beitrag. Göppingen 1986. S. 66.

[50] Vgl. Heinzle, Joachim (Hrsg.): Wolfram von Eschenbach. Ein Handbuch. Band I. Autor, Werk, Wirkung. Berlin 2011. S. 109.

[51] Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mhd./ Nhd. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Martina Backes. Stuttgart 2003. S. 94ff.

[52] Backes 2003: Tagelieder des deutschen Mittelalters. S. 96.

[53] Heinzle 2011: Wolfram von Eschenbach. S. 109.

[54] Vgl. ebd. S. 110.

[55] Wapnewski, Peter: Wolframs Tagelied: Von der zinnen wil ich gen. In: Schröder, Werner (Hrsg): Wolfram- Studien. Berlin 1970. S. 22.

[56] Backes 2003: Tagelieder des deutschen Mittelalters. S. 94.

[57] Vgl. Wapnewski 1970: Wolframs Tagelied: Von der zinnen wil ich gen. S. 22.

[58] Vgl. Wolf, Alois: Variation und Integration. Beobachtungen zu hochmittelalterlichen Tageliedern. Darmstadt 1979. S. 130.

[59] Backes 2003: Tagelieder des deutschen Mittelalters. S. 178.

[60] Speckenbach, Klaus: Tagelied-Interpretationen. Zu Wolframs "Von der zinnen" (MF V) und Oswalds "Los, frau und hör" (Kl. 49). In: Honemann, Volker; Tomasek, Tomas (Hrsg): Germanistische Mediävistik. Münster 2000. S. 234.

[61] Backes 2003: Tagelieder des deutschen Mittelalters. S. 94.

[62] Vgl. Speckenbach 2000: Tagelied-Interpretationen. S. 234f.

[63] Backes 2003: Tagelieder des deutschen Mittelalters. S. 94

[64] Vgl. Speckenbach 2000: Tagelied-Interpretationen. S. 234.

[65] Ebd. S. 234.

[66] Vgl. Wapnewski 1970: Wolframs Tagelied: Von der zinnen wil ich gen. S. 26.

[67] Vgl. Speckenbach 2000: Tagelied-Interpretationen. S. 234.

[68] Ebd. S. 235.

[69] Vgl. ebd. S. 235.

[70] Vgl. ebd. S. 235.

[71] Vgl. ebd. S. 233.

[72] Vgl. ebd. S. 236.

[73] Vgl. ebd. S. 239.

[74] Backes 2003: Tagelieder des deutschen Mittelalters. S. 114ff.

Details

Seiten
38
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656502715
ISBN (Buch)
9783656504177
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232724
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Schlagworte
gestaltung funktion wächterfigur tageliedern jahrhunderts

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Titel: Gestaltung und Funktion der Wächterfigur in ausgewählten Tageliedern des 13. Jahrhunderts