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Der kategorische Imperativ und seine Formeln in Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

Hausarbeit 2013 23 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

Einleitung

1. Notwendige Vorbetrachtungen
1.1 Einordnung des KI in den Kontext der GMS
1.2 Verständnisrelevante Begriffe und Zusammenhänge

2. Der KI und seine Formulierungen
2.1 Die Grundformel
2.2 Die Naturgesetzformel
2.3 Die Zweck-an-sich-Formel
2.4 Die Autonomieformel
2.5 Die Reich-der-Zwecke-Formel

3. Schlussbetrachtung

4. Quellen– und Literaturverzeichnis

Vorwort

Die Vorlesung ''Kants Ethik'' und das Seminar ''Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Abschnitte I und II'' ermöglichten es den teilnehmenden Studierenden, im Wintersemester 2012/ 13, eine erste Vorstellung von wichtigen Grundbegriffen der Ethik Kants und dem Kategorischen Imperativ zu entwickeln.

Zahlreiche Referate machten eine textnahe, begriffs- und argumentations-analytische Auseinandersetzung mit den beiden ersten Abschnitten von Kants erster ethischer Hauptschrift möglich.

Immanuel Kant (1724 – 1804) wurde als das vierte von neun Kindern des Sattler- und Riemermeisters Johann Georg Kant (1683 – 1746) und seiner Frau Anna Regina (1697 – 1737) in Memel geboren. Von 1732 – 1740 besuchte er das streng pietistische Collegium Fridericianum in Königsberg. 1740 – 1746 studierte er an der Königsberger Albertus-Universität. Nach einer anschließenden, mehrjährigen Tätigkeit als Hauslehrer bei verschiedenen Familien in Ostpreußen kehrte Kant 1754 nach Königsberg zurück, um seine Studien fortzusetzen. Er wurde wenig später zum Magister promoviert, habilitierte sich und nahm eine thematisch sehr umfangreiche Vorlesungstätigkeit auf. Spätere Rufe nach Erlangen, Jena und 1778 auch nach Halle lehnte Kant trotz Aussicht auf bessere Vergütung ab. 1796 stellte er seine Vorlesungen ein und 1801 legte er auch seine akademischen Ämter nieder. Am 12.04.1804 verstarb Kant wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag in Königsberg.

Immanuel Kant ist einer der bedeutendsten Vertreter der abendländischen Philosophie und der Begründer des Kritizismus. Mit seinem Werk hat er die Philosophie bis in unsere Gegenwart entscheidend und wie kaum ein anderer geprägt.

Einleitung

In seiner 1785 erschienenen Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (kurz GMS) präsentiert und entwickelt Immanuel Kant den kategorischen Imperativ (im Folgenden KI), das grundlegende Prinzip seiner Ethik.

Die GMS gehört neben den drei Kritiken zu den bedeutendsten und meist rezipierten Schriften Kants. Sie ist zweifellos eines der herausragendsten Werke der Philosophiegeschichte. Die Frage nach einem guten Leben, nach dem moralischen Wert einer Handlung beschäftigt schon seit jeher die Philosophie und sicherlich jeden vernunftbegabten Menschen. Ist der moralische Gehalt einer Handlung abhängig von ihrem Ergebnis oder bezieht sich ihr Wert auf ein der Handlung innewohnendes Prinzip? Unser Vermögen, unabhängig von den eigenen subjektiven Interessen handeln zu können, die Möglichkeit individuelle Zielsetzungen beim Handeln bewusst hinter Prinzipien zurücktreten zu lassen, bezeichnet Kant als reine praktische Vernunft. Er wendet sich somit gegen eine empirische Tradition für die vernünftiges Handeln ohne Bezug auf bereits vorausgesetzte Interessen nicht sinnvoll zu denken ist.[1] Moralisch handelt also nach Kant nur derjenige, der sich nicht von seinen wechselhaften Bedürfnissen, Trieben und Neigungen leiten lässt, sondern pflichtgemäß dem Sittengesetz Folge leistet. Nur so ist der Mensch zu wirklich autonomen Handlungen fähig.

Der kategorische Imperativ als allgemeinste Handlungsanweisung und höchstens Kants Prinzip der Moral findet seinen Wohl vorzüglichsten Ausdruck in der Grundformel desselben: "Handle nur nach derjenige Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde." (GMS, 421)[2]

In der vorliegenden Arbeit werde ich zunächst eine kurze Einordnung des KI in den Kontext der GMS versuchen. Anschließend werde ich relevante Begriffe und Zusammenhänge darstellen und konstruieren. Im Hauptteil erfolgt dann eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formeln des KI und abschließend eine kurze Zusammenfassung der erlangten Erkenntnisse.

1. Notwendige Vorbetrachtungen

1.1 Einordnung des KI in den Kontext der GMS

Kant beginnt die Vorrede der GMS nicht etwa mit einer rechtfertigenden Darstellung inhaltlicher Charakteristika seines Werkes, vielmehr versucht er zunächst zu bestimmen, um welche Art von Theorie es sich bei der Metaphysik der Sitten handelt.

Um aufzuzeigen, dass es sich bei einer Metaphysik der Sitten um ein neues, klar von bisherigen moraltheoretischen Ansätzen abzugrenzendes Feld der Ethik handelt, vermittelt er dem geneigten Leser zunächst seine philosophie-architektonischen Überlegungen. Er schließt sich hierbei der antiken Einteilung der Philosophie in Physik, Ethik und Logik an und nimmt weitere detaillierte Neustrukturierungen vor. (Vgl. GMS, 387) So unterteilt Kant die Philosophie beispielsweise in materiale und formale Vernunfterkenntnis, wobei die materiale "irgend ein Objekt" betrachtet, während sich die formale "bloß mit der Form des Verstandes und der Vernunft selbst und den allgemeinen Regeln des Denkens überhaupt ohne Unterschied der Objekte“ beschäftigt. Die formale Philosophie ist die Logik, der materialen gehören hingegen Ethik und Physik an, welche es mit bestimmten Gegenständen und Gesetzen zu tun haben, denen sie unterworfen sind. Die Logik ist frei von jeder Empirie, die materialen Formen können hingegen auch in das Empirische reichen. Weiterhin kategorisiert Kant Logik und Metaphysik als "reine Philosophie", eine Philosophie, die "lediglich aus Prinzipien a priori ihre Lehren vorträgt". (GMS, 387)

"Auf solche Weise", so fährt Kant fort, "entspringt die Idee einer zweifachen Metaphysik, einer Metaphysik der Natur und einer Metaphysik der Sitten". Physik und Ethik werden folglich einen empirischen und einen rationalen Teil haben. Den empirischen Teil der Ethik nennt Kant praktische Anthropologie, den rationalen, Moral. Um den Grad an reiner Vernunft[3] ermessen zu können, zu dem eine praktische Anthropologie im Stande ist, ist es nun erforderlich eine von allem Empirischen gesäuberte und daher verbindliche Metaphysik der Sitten voranzuschicken. (Vgl. GMS, 388)[4]

Weiterhin erläutert Kant im Rahmen der Vorrede auch, dass die GMS nur deshalb nicht "Kritik der reinen praktischen Vernunft" heißt, weil sie, um den Leser nicht zu verwirren, nur einen Teil dessen leistet, was eine solche Kritik zu leisten in Stande sein sollte. (Vgl. GMS, 391)

Am Ende seiner Vorrede geht Kant näher auf den genauen Inhalt der vorgelegten und in drei Abschnitte gegliederten Schrift ein. (Vgl. GMS, 392) In den Abschnitten 1 "Übergang von der gemeinen sittlichen Vernunfterkenntnis zur philosophischen" und 2 "Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten" geht es ihm um eine Analyse der ethischen Grundbegriffe und um die Einführung des KI als zentrales Prinzip moralischen Handelns.[5] In Abschnitt 3 "Übergang von der Metaphysik der Sitten zur Kritik der reinen praktischen Vernunft" konzentriert sich Kant auf die Deduktion des KI und die Freiheit des Menschen, welche im prinzipienorientierten Handeln hervor tritt.

1.2 Verständnisrelevante Begriffe und Zusammenhänge

Um eine möglichst präzise Vorstellung von Kants Begriff des KI entwickeln zu können, ist es unerlässlich, sich zunächst mit einigen grundlegenden Begriffen und Zusammenhängen zu befassen.

Kant beginnt den ersten Abschnitt seiner ''Aufsuchung und Festsetzung des obersten Prinzips der Moralität'' (GMS, 392) mit der folgenden, fundamentalen Aussage: ''Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.'' (GMS, 393) Wenig später folgt ein weiterer bemerkenswerter Satz, der Antworten gibt, möglicherweise aber auch neue Fragen aufwirft: ''Der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zu Erreichung irgend eines vorgesetzten Zweckes, sondern allein durch das Wollen, d.i. an sich, gut und, für sich selbst betrachtet, ohne Vergleich weit höher zu schätzen als alles, was durch ihn zugunsten irgend einer Neigung, ja wenn man will, der Summe aller Neigungen nur immer zustande gebracht werden könnte.'' (GMS, 394)[6]

[...]


[1] Vgl. Schönecker, Dieter/ Wood, Allen W.: Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sittern“, Ein einführender Kommentar, Paderborn 2011, S. 14.

[2] Als Textgrundlage dient die Reclam-Ausgabe der GMS: Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, hrsg. v. Theodor Valentiner, Stuttgart 1986, S. 53. Zitate erfolgen im Text mit Verweis auf die Akademieausgabe.

[3] Reine Vernunft ist die ''Vernunft an sich'' (KrV, 196) und das ''Vermögen nach Principien a priori zu urtheilen". (KU, 169) Weiterhin bemerkt Kant: ''Wie reine Vernunft praktisch sein könne, das zu erklären, dazu ist alle menschliche Vernunft gänzlich unvermögend, […].'' (GMS, 461)

[4] Bei Schönecker lesen wir hierzu sehr treffend: "Die Anthropologie spielt als systematische Wissenschaft und empirischer Teil der Ethik in der GMS keine Rolle. Das heißt aber nicht, daß empirisches Wissen in der Formulierung und Ableitung konkreter Pflichten keine Rolle spielt. Was Kant unter Anthropologie als Disziplin im Verhältnis zur reinen Metaphysik der Sitten überhaupt versteht, bleibt in der GMS (und nicht nur dort) unklar.'' (S. 39)

[5] Vgl. Schönecker, 2011, S. 37.

[6] Alle menschlichen Eigenschaften können positive und/ oder negative Auswirkungen haben. ''Denn ohne Grundsätze eines guten Willens können sie höchst böse werden, und das kalte Blut eines Bösewichts macht ihn nicht allein weit gefährlicher, sondern auch unmittelbar in unsern Augen noch verabscheuungswürdiger, als er ohne dieses dafür würde gehalten werden.'' (GMS, 393) Folglich ist die Bedingung des guten Willens die Form der Gesetzlichkeit, die selbst gegeben und daher unbedingt ist. Oder später: Der gute Wille ist dann gut, wenn er allein durch die Pflicht bestimmt wird.

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656495000
ISBN (Buch)
9783656495260
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232623
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Ethnologie und Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Kant Kategorischer Imperativ Ethik Grundlegung zur Metaphysik der Sitten Sittenlehre GMS KI Grundformel Naturgesetzformel Zweck-an-sich-Formel Autonomieformel Reich-der-Zwecke-Formel Moral der gute Wille Maxime Gesetz Sittengesetz Prinzip

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