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Vergleich zwischen den Märchen "Kadar and the cannibals" und "Hänsel und Gretel" mit dem hermeneutischen Ansatz

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Begriffliche Klärungen
2.1 Hermeneutik
2.2 Geschichtlichkeit

3. "Hänsel und Gretel" und "Kadar and the cannibals"
3.1 Die vermutliche Herkunft und die Entwicklungsgeschichte
3.2 Verbreitung der Märchen

4. Vergleich mit dem hermeneutischen Ansatz
4.1 Gemeinsamkeiten
4.1.1 Die Aussetzung von Kindern
4.1.2 Die Hexe und ihr Haus
4.1.3 Die Bedrohung des Todes im Wald
4.1.4 Der kannibalistische Zug
4.2 Unterschiede
4.2.1 Die Betreuer der Kinder
4.2.2 Die Geschlechterrolle
4.2.3 Die Hilfefiguren
4.2.4 Der Schluss und die Strafen

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

Eigenständigkeitserklärung

Anhang
Kadar und die Kannibalen (Übersetzt)

1. Einleitung

Ähnliche Märchenmotive und Märchenthemen zeigen sich in verschiedenen Kulturen. In dieser Arbeit werden zwei solche Märchen aus ganz verschiedenen Kulturen unter dem hermeneutischen Ansichtspunkt verglichen.

Die Märchen sind ganze Erzählungen und wenn von Ähnlichkeiten die Rede ist, sind sie als Erzählungen zu behandeln und nicht als einzelne Züge oder Episoden. Jeder Zug und jede Episode hat ursprünglich ihren Platz in einem bestimmten Märchen, aus dem sie sich bisweilen gelöst haben können. Und von der in den ganzen Erzählungen sich bemerkbar machenden Ähnlichkeit sagt Forke: „Dann ist an einem Zusammenhang kaum zu zweifeln“.[1]

Aber in dieser Arbeit bleibt die Antwort auf die Frage nach der echten Herkunft der betreffenden Märchen und ihrem Zusammenhang ausgeklammert. Diese Arbeit konzentriert sich nur auf den Vergleich zwischen den Märchen. Dabei wird der Gadamers hermeneutische Ansatz angewendet und auf den Zeitraum des 19.Jahrhunderts in Europa und Südindien Bezug genommen.

Gegenstand des vorliegenden Märchenvergleiches sind das Grimms Märchen "Hänsel und Gretel" und das südindische Märchen "Kadar and the cannibals". Die Fassung von der letzten Auflage im Jahre 1857 des Märchens "Hänsel und Gretel" und die Fassung von "Kadar and the cannibals" aus dem Jahr 1983 werden zu Nutze genommen.

In dem Aarneschen Typenverzeichnis wird "Hänsel und Gretel" unter der Nummer 327A der Zaubermärchen aufgeführt. Dieser Typ wird von den folgenden Merkmalen bezeichnet: die Eltern führen ihre Kinder in den Wald; das Pfefferkuchenhaus; der Knabe gemästet, die Hexe in den Ofen geworfen; ihre Schätze fallen den Kindern zu. Gemäß Stith Thompson-Verzeichnis wird das Märchen "Kadar and the cannibals" als die Folgenden typisiert: E361 - Auferstehung der Toten, um weinen aufzuhören, E371 - Auferstehung der Toten, um Schatz erkennen zu lassen; G10 - Kannibalismus ; K2210 - heimtückische Verwandten; M302.7 - Prophezeiung durch Träume; N270 - Untat wird zwangsläufig ausgesetzt; P280 - Pflegeunterbringung; Q210 - Untat wird bestraft; S322 - Kinder werden von feindlichen Verwandten ausgesetzt.

Zu Beginn der Arbeit werden die Begrifflichkeiten „Hermeneutik" und „Geschichtlichkeit“ an sich näher erläutert. Anschließend werden die vermutliche Herkunft, die Entwicklungsgeschichte und die Verbreitung der beiden Märchen beleuchtet. Aber ein begrenzter Zugriff auf Informationsquellen für das südindische Märchen schränkt die Informationen über Entwicklungsgeschichte und Verbreitung ein.

In weiteren Verlauf werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Märchen herausgearbeitet und dargestellt. Abschließend werden die Ergebnisse des Vergleiches zusammengefasst.

2. Begriffliche Klärungen

2.1 Hermeneutik

Als Hermeneutik bezeichnet man im allgemeinen Sinne die Kunst und die Lehre des Verstehens. Die Aufgabe der Hermeneutik soll es sein, so Gadamer, das Unverständliche allen verständlich zu machen: „Sich zu verständigen suchen, gewiß nicht um jeden Preis, ist die eigentliche Kunst der Hermeneutik.“[2]

Was aber versteht Gadamer unter dem Begriff des Verstehens? „Verstehen heißt nämlich eigentlich: ‚Für den Anderen stehen, ihn vertreten’, seinen Standpunkt erwägen. Das erst ist Verstehen, dass man das Gesagte bedenkt und darauf antwortet.“ (ebd.)

Ursprünglich galt es, den Wahrheitsgehalt alter Schriften, wie zum Beispiel der Bibel, zu untersuchen oder die einzig richtige Interpretationsmöglichkeit zu finden. Ende des 18.Jahrhundert verändert sich das Aufgabengebiet der Hermeneutik maßgeblich durch F.D.E. Schleiermacher. Schleiermacher beschäftigt sich mit der Idee, ein richtiges Verstehen zu ermöglichen durch Vermeidung von Missverständnissen durch das Hineinversetzen in das Bewusstsein des Autoren eines zu verstehenden Textes und durch das „Wiedererleben“ der Epoche in welcher ein Text verfasst wurde.[3]

W. Dilthey knüpft am Hermeneutikbegriff von Schleiermacher an, unterscheidet jedoch zwischen dem „Verstehen“ des Phänomens ‚Welt’ von innen durch Geisteswissenschaftler und dem „Erklären“ der tatsächlichen Wirklichkeit der Welt von außen durch Naturwissenschaftler. (ebd.)

H.-G. Gadamer baut seine philosophische Hermeneutik auf den Erkenntnissen von Schleiermacher, Dilthey, aber vorallem auf den Überlegungen seines Lehrers Heidegger auf und übernimmt Teile des frühen Heideggerschen Denkens als stillschweigende Vorraussetzung, ohne sie genauer auf deren Schlüssigkeit zu untersuchen. Die vielleicht bedeutendste These, die Gadamer von Heidegger übernimmt und weiter ausbaut, ist die Theorie von der Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit unseres Daseins. (ebd.)

2.2 Geschichtlichkeit

Der Begriff der Geschichtlichkeit bezieht sich auf die menschliche Existenz, auf das Sein in der Welt, oder wie Heidegger es beschreibt, das „In-der-Welt-sein“. Ein Mensch hat eine Vergangenheit, deren er sich bewusst ist. Er ist geschichtlich, indem er sie, die Vergangenheit, nicht nur als solche begreift und sich ihr aussetzt, sondern indem er mit ihr lebt.[4]

Das geschieht, indem er sich zu oder gegenüber der Vergangenheit / der Geschichte verhält. Dieses Sich-Verhalten gegenüber seiner eigenen Geschichtlichkeit und der Geschichte im allgemeinen ist möglich durch das Verstehen des Sinnes des Daseins des eigenen Ichs. Dieses Verstehen bestimmt das Sein eines Menschen, es charakterisiert ihn, da er sich durch das Verstehen bestimmter Situationen entsprechend verhält.

Verstehen ist abhängig von Situationen, es ist situationsgebunden und Situationen sind geschichtlich. Damit wird das Verstehen selbst auch geschichtlich. Die Geschichtlichkeit bezeichnet nun also die Einheit der menschlichen Gebundenheit an geschichtliche Situationen und den sich aus dem Sein heraus verstehenden Menschen. Kann der Mensch seine eigene geschichtliche Situation verstehen, wird er auch andere historische Situationen verstehen können. Durch das Verstehen der anderen geschichtlichen Situationen wird laut Heidegger ein Selbstverständnis möglich. Der Mensch wird in eine Situation gebracht, zu der er sich verhalten soll. Durch das Verhalten in dieser Situation wird das eigene Leben geformt. Wir erfahren es als formbar.(ebd.)

Geschichtlichkeit ist nicht als ein abgeschlossenes Geschehen zu verstehen, sondern das sie sich stets in Bewegung befindet, in deren Zentrum wir uns bewegen.

3. "Hänsel und Gretel" und "Kadar and the cannibals"

3.1 Die vermutliche Herkunft und die Entwicklungsgeschichte

Was Herkunft und Alter sowie die Bedeutung des Märchens betrifft, so sind die Forschungsergbnisse und -hypothesen, die Meinungen und Spekulationen fast so vielfältig divergierend, wie es Interessenten an diesen Fragen gibt. Schon die Diskussion über mono- oder polygenetischen Ursprung war und bleibt antinomisch. Man hat mit guten Gründen behauptet, jedes Märchen sei eine einmalige Erfindung, von der man allerdings den Erfinder sowie Zeit und Ort der Entstehung nicht kennt, habe sich dann über alle Grenzen und durch die Jahrhunderte weiterverbreitet.[5]

Noch manche anderen Gedanken sind vorgebracht worden über den Ursprung der Märchen und über die unlöslich damit verbundene Frage, wie die Übereinstimmung zwischen den Märchen der verschiedenen Länder zu begreifen ist. Insbesondere in den späteren Zeiten, als der Märchenforschung eine grössere Aufmerksamheit zuteil wurde, sind diese Fragen oft berührt worden. Der ganze Bau der Märchen beweist, dass sie sich nicht in allerprimitivsten Verhältnissen gebildet haben, sondern Erzeugnisse der geschichtlichen Zeit sind. Hier wird die der Erzählung ursprünglich angehörenden Züge und nicht die später hinzugekommenen oder durch Modernisierung eines alten Begriffes oder Gegenstandes entstandenen Bildungen, die hier keine Bedeutung haben können. Den späteren Ursprung der Märchen beweist auch der Umstand, dass man sie nicht bei den auf einem niedrigeren Standpunkt stehenden Völkern als autochthon antrifft, sondern als anderswoher gekommen.1

Ebenso wie einige Völker grössere Voraussetzungen für das Schaffen von Märchen gehabt haben, so hat es sich augenscheinlich mit einigen Zeitepochen verhalten. In Indien hat es wahrscheinlich in älteren Zeiten besondere märchenerzeugende Epochen gegeben. In Europa scheint das Mittelalter eine solche gewesen zu sein.[6]

Die "Kinder und Hausmärchen" der Brüder Grimm sind das am weitesten verbreitete deutschsprachige Buch; die bekanntesten Texte gehören zur literarischen Allgemeinbildung wie zum Fundus der Weltliteratur. Trotz dieser Gegebenheiten sind einige der grundlegenden Voraussetzungen dieses Sammelwerks bislang nicht philologisch zureichend aufgearbeitet worden. Dazu zählen Fragen nach Herkunft sowie nach Umfang und Art der Überarbeitung der Grimmschen Märchen.[7]

[...]


[1] LEYEN, F. v. d.: Das Märchen: ein Versuch (1911) S. 75.

[2] GADAMER, Hans-Georg : Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, 3. Aufl., Tübingen 1972.

[3] GRONDIN, Jean: Einführung in die philosophische Hermeneutik, Darmstadt 1991, Kap.VI.

[4] TURK, Horst: Wahrheit oder Methode? H.-G. Gadamers "Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik", in: BIRUS, Hendrik(Hg.): Hermeneutische Positionen. Schleiermacher - Dilthey - Heidegger - Gadamer, Göttingen 1982.

[5] RÖLLEKE, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm. S.103.

[6] AARNE, Antti: Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung.

[7] RÖLLEKE, Heinz: Grimms Märchen und ihre Quellen.

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656494416
ISBN (Buch)
9783656494133
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232596
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Schlagworte
vergleich märchen kadar hänsel gretel ansatz

Autor

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Titel: Vergleich zwischen den Märchen "Kadar and the cannibals" und "Hänsel und Gretel" mit dem hermeneutischen Ansatz