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Dido und die Frage nach der Schuld

Behandelte Werke: Aeneis I und IV (Vergil), Heroides VII (Ovid) und Eneasroman (Heinrich von Veldeke)

Facharbeit (Schule) 2012 20 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Mittel- und Neulatein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Überblick über den Mythos und Relevanz der Frage nach der Schuld

2. Die Figur der Dido
2.1 Charakter und Äußeres
2.2 Von der Geflohenen zur Herrscherin
2.3 Didos Verhalten als Gastgeberin

3. Aspekte einer möglichen Schuld Didos
3.1 Aufdringlichkeit, Beleidigungen und Fluch gegenüber Aeneas
3.2 Wortbruch gegenüber Sychaeus und taktloses Verhalten gegenüber Iarbas und früheren Freiern
3.3 Vernachlässigung der königlichen Pflichten
3.4 Rücksichtslosigkeit gegenüber ihrer Schwester Anna
3.5 Verstoß gegen sittlich-moralische Normen und daraus resultierende persönliche Konsequenzen

4. Fremdverschulden und Argumente gegen eine alleinige Schuld Didos
4.1 Einfluss ihrer Schwester Anna
4.2 Schuld des Aeneas
4.3 Rolle der Götter – Liebesleid und Wahnsinn Didos sowie entscheidende Beeinflussung der Ereignisse

5. Fazit: beschränkter Handlungsspielraum der Personen aufgrund von göttlicher Beeinflussung

6. Literaturverzeichnis

Nachwort

1. Überblick über den Mythos und Relevanz der Frage nach der Schuld

Dido stammt ursprünglich aus Tyrus und ist dort mit einem Mann namens Sychaeus verheiratet gewesen. Nach der Ermordung ihres Gatten durch ihren habgierigen Bruder Pygmalion bricht Dido mit einer kleinen Schar Anhänger auf und verlässt das Land. Sie baut sich in Libyen, wo ihr der dortige Herrscher Iarbas ein Stück Land verkauft, eine neue Existenz auf und gründet die Stadt Karthago.[1]

Als inzwischen mächtige Königin weist sie sämtliche Freier, darunter auch Iarbas, stets mit der Begründung ab, sie habe ihrem Mann Sychaeus geschworen, nach ihm nie wieder zu heiraten. Schließlich landet Aeneas, der aus dem besiegten Troja geflohen ist, nach einer langen Irrfahrt mit seiner Flotte an der libyschen Küste. Um sicherzustellen, dass ihr Sohn in Karthago freundlich aufgenommen wird, belegt die Göttin Venus zusammen mit Cupido Dido mit einem starken Liebeszauber. Dies hat zur Folge, dass sich die Königin über alle Maßen in den Trojaner verliebt, ihn und seine Anhänger großzügig bei sich aufnimmt und mit Geschenken überhäuft, und starke seelische Schmerzen verspürt, sobald sie nicht in Aeneas‘ Nähe ist. Bei einem von den Göttern initiierten Jagdausflug kommt es zur Liebesvereinigung zwischen Dido und Aeneas. Bald darauf wird dem geflohenen Trojaner jedoch von den Göttern befohlen, sofort nach Italien abzureisen, dem von ihnen für ihn vorgesehenen Ziel.

Dido tötet sich schließlich selbst, weil sie weder die Trennung von Aeneas noch ihre eigenen Schuldgefühle ertragen kann.

Die Frage nach Didos Schuld ergibt sich damit aus ihren zahlreichen Selbstvorwürfen. Für den Betrachter erscheint Dido wohl kaum als belastete, schuldige Person; sie selbst ist jedoch von ihrer eigenen „scholde“ (En. 2037, 2191, 2300, vgl. auch Her. VII 86) überzeugt. Wieso spricht Dido aber so oft von ihrer Schuld oder der der anderen Beteiligten? Wer ist wirklich schuld an ihrem Unglück? Was für ein Mensch ist Dido und welche Konsequenzen zieht ihre Beziehung zu Aeneas nach sich? Was kann man Dido wirklich vorwerfen?

Sie selbst verurteilt sich beispielsweise für ihre maßlose Liebe zu Aeneas[2] (vgl. En. 2365):

Es „rouwet [Dîdô] sêre, / daz [si im] gût und êre / alsô vile hân erboten“ (En. 2121ff., vgl. auch 2040ff.) und sie ihm „regni demens in parte“ (Aen. IV 374) überlassen hat. Sie bereut es aufs Äußerste, dass sie für Aeneas „meriti famam corpusque animumque pudicum“ (Her. VII 5) aufgegeben hat und „sô schiere […] / sînen willen getete / dorch sô wênige bete“ (En. 1882ff.). Das Geschehene sieht sie als „missetât“ (En. 2034) an, die sie in „grôze nôt“ (En. 1885) gebracht hat.

Als Didos Verhältnis zu Aeneas in der Stadt bekannt wird (vgl. En. 2418f.), schwindet ihr soziales Ansehen (vgl. Her. VII 97a) nicht nur aufgrund des vorehelichen Beischlafs, sondern auch wegen Didos vorheriger öffentlicher Beteuerungen ihres Treueschwurs an Sychaeus.

Gerade Sychaeus gegenüber quält Dido nun ein schlechtes Gewissen: „[N]on servata fides cineri promissa Sychaeo“ (Aen. IV 552) und „violata Sychaei / iura“ (Her. VII 97f.) ist sie „plena pudoris“ (Her. VII 98).

Dido, die nach eigenem Bekunden zeitweise ihre „êren sô vergaz“ (En. 2195), kann sich ihr eigenes Handeln nicht verzeihen (vgl. En. 2198ff.) und erkennt durchaus, dass ihre Einsicht zu spät kommt (vgl. Aen. IV 596f.).

Ganz in ihrer vernichtenden Selbstkritik versunken, bedauert sie alles – von der Tatsache, Aeneas überhaupt kennengelernt zu haben (vgl. En. 2179) bis hin dazu, dass sie „ie wart geboren“ (En. 2040). Damit ist sie überzeugt, die einzig verbleibende Lösung für sie liege im Suizid. Sogar kurz vor ihrem Tod wirft Dido sich noch vor, sich nicht viel eher getötet zu haben (vgl. En. 2408), auch wenn sie später in der Unterwelt ihren Selbstmord „rou […] vile sêre / und dûhte si unêre“ (En. 3305f.).

2. Die Figur der Dido

2.1 Charakter und Äußeres

Zum Zeitpunkt ihres Selbstmordes beschreibt Veldeke Dido als „ubile gevar“ (En. 2334) mit der Begründung, dass „si ubile gedahte“ (En. 2335)[3]. Im Allgemeinen wird die Königin jedoch stets als sehr schöne Frau dargestellt: Vergil bezeichnet sie sogar mehrmals als „pulcherrima“ (Aen. I 496, IV 60, vgl. auch IV 92 „pulchra“) und vergleicht sie gleich zu Beginn mit Diana[4] (vgl. Aen. I 498ff.), einer Göttin, die nach Ansicht des Erzählers der Aeneis „deas supereminet omnis“ (Aen. I 501) – freilich zu einem Zeitpunkt, als Dido noch „laeta“ (Aen. I 503) genannt werden kann.

Laut Merkurs Auffassung kann man eine Frau (und in diesem Kontext bezieht er sich insbesondere auf Dido) grundsätzlich als launisch und wankelmütig bezeichnen (vgl. Aen. IV 569f.)[5]. Für die Darstellung Vergils mag dies durchaus zutreffen: Nachdem Dido Aeneas‘ Pläne zur baldigen Abfahrt mitgeteilt worden sind, bleibt von ihrer ursprünglichen Gewogenheit nicht viel: Sie sieht sich als „inrisa“ (Aen. IV 534) und ist daher ihm gegenüber „furiis incensa“ (Aen. IV 376, vgl. auch IV 364 „accensa“)[6]. Gleich zu Beginn von Ovids Heroidenbrief nennt sie sich daher „arm“ (vgl. Her. VII 7) und ist entschlossen zu sterben (vgl. Aen. IV 519, 564).

„Magna mei sub terras ibit imago“ (Aen. IV 654) – Dido tröstet sich mit der Vorstellung, zumindest ihr Schattenbild in der Unterwelt werde etwas von ihrem früheren Wesen zeigen. Attribute wie „optima“ (Aen. IV 291), „mâre“ (En. 731, 2003) und „edele“ (En. 2462, vgl. auch 2495 „edelen“) verdeutlichen ihr vornehmes und ehrenwertes, ihrer Stellung entsprechendes Verhalten.

2.2 Von der Geflohenen zur Herrscherin

Diese Machtposition hat Dido allerdings nicht schon von Geburt an inne, sondern ist das Ergebnis enormer Anstrengungen: Sei es, dass sie wie in der Aeneis nach der Ermordung ihres Gatten aus eigenem Antrieb aus Tyrus geflohen ist (vgl. Aen. I 341), sei es, dass sie entsprechend den Schilderungen Ovids und Veldekes von ihrem Bruder und dessen Gefolgsleuten vertrieben worden ist (vgl. Her. VII 115, En. 304) – der Weg in die neue Heimat war beschwerlich (vgl. Her. VII 116): Von Feinden verfolgt (vgl. Her. VII 116) und mit „ein lutzilez here“ (En. 307) gelangt sie schließlich in ein ihr völlig fremdes Land (vgl. Her. VII 117).

Nachdem sie von Iarbas dort ein Stück Land erworben hat, legt sie den Grundstein für „veste torne unde hô, / eine schône mûre“ (En. 340f., vgl. auch Aen. I 365, Her. VII 119f.). Die Lage der Stadt ist klug gewählt: „[D]az mer [auf] einer sîte […] und anderhalb die flûmen“ (En. 392ff.) stellen einen natürlichen Schutz gegen Angriffe von außen dar[7]. Eifrig bauen die Bürger bei Vergil an den Stadtmauern und an der Burg und legen die Fundamente für ein Hafenbecken und ein Theater (vgl. Aen. I 420ff.), sodass Aeneas, der das Ganze betrachtet, die Einwohner nahezu begeistert und überwältigt von der wachsenden Stadt mit „ o fortunati“ anruft (Aen. I 437). Auch Syndikus zeigt sich beeindruckt von diesen gewaltigen Leistungen[8] und rühmt Didos Fähigkeit, dies allein durch ihre Klugheit und ihren Reichtum[9] zu vollbringen. Die Königin ist nämlich eine sehr „wîse“ (En. 2426, 2521, vgl. auch 407 „wîstûm) und „listichlîche“ (En. 344, vgl. auch 313 „listichlîchen“) Herrscherin.

Die Vergrößerung ihrer Verfügungsgewalt[10] gelingt ihr ohne Zweifel außerordentlich gut: „[D]az lant sie berihte / sô iz frouwen wol gezam“ (En. 290f.) und „ir wart gehôrsam / Libîâ daz lant al“ (En. 346f.). Dido ist Landesherrin und damit sind die umliegenden Grafen von ihr abhängig[11], doch scheinbar genügt dies der Königin noch nicht: Ihr Ziel ist es, „daz Kartâgô diu mâre / houbestat wâre / uber alliu diu rîche, / und daz ir geliche / diu lant wâren untertân“ (En. 421ff.)[12].

[...]


[1] Die zugrunde liegenden Quellen sind die in dieser Arbeit behandelten Werke (Aeneis Buch I und IV, Eneasroman, Heroides VII).

[2] Dido bezeichnet sich in dieser Hinsicht als „stulta“ (Her. VII 28), weil sie den „infidum“ (Her. VII 30) Aeneas nicht hassen kann (vgl. Her. VII 28ff.).

[3] Von den drei hier behandelten Autoren ist Veldeke der einzige, der Didos Äußeres auch negativ beschreibt. So kommentiert der Erzähler im Eneasroman beispielsweise, Dido sehe sehr schlecht aus (vgl. En. 1459), nachdem sie von Liebesleid gequält eine schlaflose Nacht verbracht hat.

[4] Der Vergleich mit der Jagdgöttin findet sich auch bei Veldeke (vgl. En. 1794f.), hier in direktem Kontext zum Jagdausritt der Königin und ihres Gastes. „[H]êrlîche / gezieret mit gewande“ (En. 1688f.), also in prächtiger Jagdkleidung (vgl. Aen. IV 133ff., En. 1687ff.), kommt Didos Schönheit noch mehr zum Ausdruck, schließlich ist sie „ein wol geschaffen wîb, / sô si baz endorfte sîn“ (En. 1700f.).

[5] Dem widerspricht Binder: Dido sei in ihrer Beziehung zu Aeneas eben alles andere als „wankelmütig“ gewesen, obwohl ihr dessen Verhalten durchaus Anlass dazu gegeben hätte (vgl. Binder 2000. S. 135).

[6] Im Gegensatz dazu verzeiht Dido Aeneas im Eneasroman: „die scholde wil ich û vergeben“ (En. 2446).

[7] Dieser ist insbesondere in der Aeneis und den Heroides von Bedeutung, da sich Karthago in diesen beiden Darstellungen zum Zeitpunkt der Erzählung im Gegensatz zum Eneasroman noch im Aufbau befindet (vgl. Aen. I 365f., Her. VII 11f.).

[8] Vgl. Syndikus 1992. S. 62.

[9] Didos Reichtum scheint untrennbar mit ihrer Herrschaftsgewalt verbunden zu sein: In Bezug auf entsprechende Passagen im Eneasroman sollte nämlich beachtet werden, dass dem mittelhochdeutschen „rîche“ (En. 343, 2517, vgl. auch En. 3297 und 407 „rîchtum) im Neuhochdeutschen nicht nur der Begriff „reich“, sondern auch das Wort „mächtig“ entspricht (vgl. Lexer 1878).

[10] Vgl. Syndikus 1992. S. 64.

[11] Vgl. Syndikus 1992. S. 69;, ähnlich auch Semrau 1930. S. 6.

[12] Dieses Ziel wird allein an der späteren Vormachtstellung Roms scheitern (vgl. En. 426f.), denn Karthago ist nicht nur eine äußerst prächtige Stadt (vgl. Aen. IV 655, En. 285ff., 437, 362ff., 611, 706f., 714ff., Her. VII 119f.), sondern ist auch für seine militärische Stärke bekannt (vgl. Aen. I 14, 339, En. 708f.), wiederum bedingt durch Didos Herrschaftssystem (vgl. Aen. I 540f., 564).

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656501220
ISBN (Buch)
9783656501626
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232575
Note
15 Punkte
Schlagworte
dido frage schuld behandelte werke aeneis vergil heroides ovid eneasroman heinrich veldeke

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