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Islamismus in Deutschland

Radikalisierung junger Muslime, Interventionsstrategien, Schutzmaßnahmen

Bachelorarbeit 2012 57 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen
2.1 Islamismus
2.2 Islamistischer Fundamentalismus
2.3 Ǧihādismus

3 Islamistische Gruppen in Deutschland - Eine Übersicht
3.1 Arabisch-islamistische Gruppen
3.1.1 Die Muslimbruderschaft und die Islamische Gemeinschaft
3.1.2 Die Ḥizb Allāh und die Ḥamās
3.1.3 Die Ḥizb at-taḥrīr
3.1.4 Die Ǧamā’at al-‘adl wal-iḥsān
3.2 Türkisch-islamistische Gruppen
3.2.1 Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş
3.2.2 Die Türkische Hizbullah
3.3 Ǧihādistische Gruppen und al-qā‘ida
3.3.1 Die Anṣār al-islām, die Islamische Bewegung Usbekistans und die Islamische Ǧihād-Union
3.3.2 Die Ḥezb-i Islāmī, die Aš-šabāb und salafistische Strömungen
3.3.3 Al-qā’ida in Deutschland

4 Motive der Radikalisierung junger Muslime
4.1 Die Familie
4.2 Die Peergruppe / Der Freundeskreis
4.3 Schulausbildung / Berufswahl
4.4 Gewalt
4.5 Alkohol
4.6 Religion / Politik
4.7 Persönliche Probleme: Fremdbestimmung, Diskriminierung
4.8 Radikalisierung durch moralische Vergehen
4.9 Fremdenfeindliche Gewalt
4.10 Der Szeneeinstieg
4.11 Zwischenfazit: Radikalisierungsprozess

5 Radikalisierungsfaktoren, ausgehend vom Aufnahmeland und der Aufnahmegesellschaft

6 Präventionsmaßnahmen und Interventionsstrategien
6.1 Prävention und Intervention in Schule und Erziehung
6.2 Prävention und Intervention im öffentlichen Bereich

7 Wie schützt sich Deutschland vor Terroranschlägen?
7.1 Das Sicherheitspaket I
7.1.1 Vereinsgesetz und Gesetz zur Finanzierung der Terrorismusbekämpfung
7.1.2 Erweiterung des Strafrechts
7.1.3 Rasterfahndung
7.2 Das Sicherheitspaket II
7.2.1 Geheimdienstkompetenzen
7.2.2 Sicherheitsüberprüfungen
7.2.3 Der Bundesgrenzschutz / Die Bundespolizei
7.2.4 Das Bundeskriminalamt
7.2.5 Das Vereinsrecht
7.2.6 Das Ausländer- und Asylrecht
7.2.7 Das Ausländerzentralregister
7.2.8 Biometrische Ausweisdokumente
7.3 Die Bundeswehr im Innern und das Luftsicherheitsgesetz
7.4 Das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ)
7.5 Die Antiterrordatei (ATD)
7.6 Das Gemeinsame Internetzentrum (GIZ)

8 Schutzmaßnahmen der USA
8.1 Verhaftungswellen
8.2 Homeland Security
8.3 Der USA PATRIOT Act
8.4 Geheime Überwachungs- und Abhörprogramme
8.5 Internierungslager

9 Schutzmaßnahmen Großbritanniens
9.1 Der UK Anti-terrorism, Crime and Security Act (ATCSA)
9.2 Die Folterfrage
9.3 Der Prevention of Terrorism Act

10 Stellungnahme zu den Schutzmaßnahmen Deutschlands, der USA und Großbritanniens
10.1 Rasterfahndung vs. Verhaftungswellen
10.2 Terrorismusbekämpfungsgesetze im Vergleich
10.3 Evaluierung Vereinsgesetzänderung

11 Fazit

12 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Deutschland liegt weiterhin im Fokus islamistisch-terroristischer Bestrebungen.“1, so der Verfassungsschutzbericht 2011. Der Bewahrung der inneren Sicherheit Deutschlands stehen eine Anzahl islamistischer Gruppen gegenüber, die über zum Teil sehr gut ausgebildete Mitglieder verfügen. Sie können jederzeit einen Anschlag in Deutschland planen und durchführen, sie können allerdings auch aus Deutschland heraus andere islamistisch motivierte Terrornetzwerke finanziell oder organisatorisch unterstützen und damit für Anschläge in anderen Ländern sorgen. Allerdings toleriert nicht jede Gruppe, die eine islamistische Ideologie verfolgt, Gewalt als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele.

Aus dem Verfassungsschutzbericht 2011 geht hervor, dass Ende 2011 30 bundesweit aktive islamistische Organisationen existierten. Mit 38.080 Anhängern ist das islamistische Personenpotenzial in Deutschland gegenüber 2010 (37.470) leicht angestiegen. Es gibt insgesamt 15 islamistische Gruppen mit arabischem Ursprung und fünf mit türkischem Ursprung. Etwa 3.590 Personen arabischen Ursprungs gelten in Deutschland als Islamisten, die mitgliederstärksten Gruppen sind hier die Muslimbruderschaft (1.300 Anhänger) und die Ḥizb-Allāh (950 Anhänger). Demgegenüber stehen etwa 32.270 türkischstämmige Islamisten in Deutschland, die vor allem der Islamischen Gemeinschaft Millî Gör üş (IGMG; etwa 31.000 Mitglieder) angehören.2 Die restlichen 2.220 Islamisten anderer Nationen in Deutschland verteilen sich auf zehn weitere Gruppen und zum Teil Einzelkämpfer, deren Aufzählung an dieser Stelle zu aufwändig wäre.

Doch was für Menschen sind diese eben genannten „Islamisten“? Welche Motive führen zu einer Radikalisierung oder sogar zu Anschlägen? Wie schützt sich Deutschland vor Terroranschlägen, wie sieht der Schutz in anderen Ländern aus und vor allem: Wie können wir uns möglicherweise noch effektiver vor Anschlägen schützen? Und wieso gab es schon Anschläge in den USA und Großbritannien, allerdings noch nicht in Deutschland? Diese und weitere Fragen sollen im Rahmen dieser Bachelorarbeit geklärt werden. Um einen Einstieg in die Thematik zu geben, werde ich zunächst einige Begriffe rund um den Islamismus erklären. Im weiteren Verlauf erkläre ich, welche Faktoren zu einer Radikalisierung bei jungen Muslimen und Konvertiten in Deutschland führen. Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit wird auf dem Thema „Schutzmaßnahmen in Deutschland“ liegen.

Besonders geholfen haben mir bei meiner Arbeit die Vorabfassung des Verfassungsschutzberichts 2011, der Evaluierungsbericht der Bundesregierung, die Doktorarbeit zum Thema „Rechtsstaat und Terrorismus“ von Stefan Büsching sowie die Studien „Die Sicht der Anderen“ von Saskia Lützinger und „Verlockender Fundamentalismus“ von Wilhelm Heitmeyer, Joachim Müller und Helmut Schröder.

2 Definitionen

2.1 Islamismus

Für gläubige Muslime regelt der Islam zahlreiche Lebensbereiche. Sunnitische Muslime halten sich an die Regeln des Koran und der Sunna, in der Aussprüche und Taten des Propheten Muḥammad überliefert sind. So kann eine Vielzahl an Situationen im alltäglichen Leben mithilfe von Koran und Sunna gelöst oder erklärt werden.

Islamisten gehen einen Schritt weiter. Auch sie glauben an den Koran und zum Teil an die Sunna, allerdings stellt der Islam für Islamisten ein allumfassendes System dar, das sämtliche Bereiche des Lebens genau regelt. Grob kann man sagen, dass das Ziel von Islamisten die Errichtung eines Gottesstaates ist, in dem alle Menschen nach den Regeln Gottes leben. Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber, Politikwissenschaftler und Professor an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, definiert Islamismus folgendermaßen:

„“Islamismus“ ist eine Sammelbezeichnung für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islam die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.“3

Auch Bassām Ṭī b ī definiert den Islamismus als politische Ideologie. Der Islamismus beruhe auf einer Politisierung der Religion zu soziopolitischen und wirtschaftlichen Zwecken.4 Demnach wird die Trennung von Religion und Staat aufgehoben und ein nationaler oder weltweiter islamischer Staat etabliert. Prinzipien wie Individualität, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität gehen dabei verloren. Die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft gilt als organisatorische Wurzel dieser Ideologie. Heute teilt man islamistische Gruppen im Wesentlichen in zwei Richtungen: Die gewaltgeneigte und die legalistische Richtung. Gewaltgeneigte Gruppen nutzen terroristische Anschläge entweder „nur“ in ihren Heimat- oder Herkunftsländern oder auch in anderen Ländern als Mittel, ihre Ziele durchzusetzen. Die anderen, nicht gewaltbereiten Gruppen setzen ihre Ziele mittels Parteigründung auf dem Feld der Politik oder mittels entsprechender Organisationen und Einrichtungen auf dem Feld der Sozialarbeit durch. Sie wollen vor allem Anhänger und Unterstützung gewinnen sowie durch Wahlen etwas erreichen.5

Weiterhin arbeitet Pfahl-Traughber in seinem Aufsatz „Islamismus - Was ist das überhaupt?“ sechs Merkmale des Islamismus heraus: Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung, Gottes- statt Volkssouveränität als Legitimationsbasis, Ganzheitliche Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft, Homogene und identitäre Sozialordnung im Namen des Islam, Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat sowie Fanatismus und Gewaltbereitschaft als Potentiale.6

2.2 Islamistischer Fundamentalismus

Unter Fundamentalismus versteht Pfahl-Traughber religiöse Bewegungen, die ihre „Heiligen Schriften“ wortwörtlich auslegen, eine „Modernisierung des eigenen Glaubens rigoros ablehnen“ und ihre Grundannahmen gänzlich unreflektiert lassen. Der Islamismus kann als eine Erscheinungsform des Fundamentalismus gelten.7

2.3 Ǧihādismus

Der Ǧihādismus ist die extremste und radikalste Form des Islamismus. Seine Anhänger sehen im Ǧihād einen gewaltsam zu führenden Kampf gegen alle Ungläubigen. Ǧihādisten lehnen sämtliche Neuerungen im Islam ab, sie erklären den Westen und seine „verkommene“ Gesellschaft für schuldig an der Abweichung vom „wahren Islam“. Mit äußerster Gewalt gilt es nun, sämtliche Ungläubige (das sind alle Nicht-Muslime sowie solche Muslime, die ein anderes Islamverständnis haben - zum Beispiel Schiiten) zu bekämpfen und zu töten.8 Die Basis des Ǧihādismus basiert auf den Schriften Saiyid Qu ṭ bs, der in den 1920er Jahren die These aufstellte, der Materialismus entkerne die menschliche Seele und kapitalisiere seine Werte. Aufgrund der Überlegenheit des Westens legitimiert Qu ṭ b den Kampf gegen den Westen mittels des Ǧihād.9

3 Islamistische Gruppen in Deutschland - Eine Übersicht

3.1 Arabisch-islamistische Gruppen

3.1.1 Die Muslimbruderschaft und die Islamische Gemeinschaft

Die Muslimbruderschaft (MB) wurde 1928 von Ḥasan al-Bannā in Ägypten gegründet. Sie gilt als die älteste und einflussreichste islamistische Bewegung. Ursprünglich wollte die MB Großbritannien aus Ägypten verdrängen und einen allumfassenden islamischen Staat mit der š ar ī’ a10 als alleiniger Gesetzesgrundlage errichten. Heute hat die Gruppe gemäßigtere Ziele und duldet keine Gewalt zur Umsetzung dieser. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts setzt sich die MB auch in europäischen Ländern fest. Deutsche Anhänger der MB schlossen sich zur Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD) zusammen. Nationale „Islamische Zentren“ sowie internationale Einrichtungen verbreiten die Lehren der MB in Deutschland und Europa und wirken gezielt auf Kinder und Jugendliche ein, um so neue Anhänger und Sympathisanten zu finden. Die Lehren der IGD und MB wirken zwar nicht in erster Linie gewaltfördernd, aber dennoch desintegrativ auf in Deutschland lebende Muslime. Mit etwa 1.300 Anhängern ist die MB bzw. die IGD die größte arabisch-islamistische Gruppe in Deutschland.11

3.1.2 Die Ḥizb Allāh und die Ḥamās

Die Ḥizb Allāh wurde 1982 von Schiiten im Libanon gegründet. Die Ḥizb Allāh erkennt den Staat Israel nicht an und leistet einen „legitimen Widerstand“ mit Waffengewalt gegen Israel, das aus ihrer Sicht unrechtmäßig palästinensischen Boden besetzt. Unter den schiitischen Libanesen genießt die Organisation einen starken gesellschaftlichen Rückhalt. In Deutschland hat die Ḥizb Allāh etwa 950 Mitglieder, von denen knapp zwei Drittel an den beiden großen, jährlich stattfindenden Demonstrationen zum „ al-Quds- Tag“ (Jerusalem-Tag) und zum „Tag der Befreiung“ teilnehmen. Ansonsten beschränkt sich die deutsche Ḥizb Allāh darauf, in Deutschland Spenden für die libanesische Mutterorganisation sowie für Waisenkinder, deren Eltern im Kampf für die Ziele der Ḥizb Allāh gestorben sind, zu sammeln. Die Akteure erhalten so eine noch höhere Motivation für Anschläge, da die Versorgung von Hinterbliebenen auf diese Weise sichergestellt ist. Terroristische Anschläge der Ḥizb Allāh in Deutschland sind derzeit kaum zu erwarten, da die Mitglieder nicht in den Fokus deutscher Sicherheitsbehörden geraten wollen.12

Ähnlich verhält es sich bei der 1988 gegründeten Ḥarakat al-muqāwama al-islāmiyya (Ḥamās; Islamische Widerstandsbewegung). Auch diese Gruppe hat zum Ziel, einen islamischen Gottesstaat auf dem Gebiet Palästinas (zwischen Mittelmeer und Jordan, damit auch auf dem Gebiet Israels) zu errichten. Die Ḥamās lässt sich in drei Bereiche unterteilen: Den politischen Bereich, der zugleich die Organisation leitet, den radikalen Bereich, der für terroristische Anschläge zuständig ist und den sozialen Bereich, der mit kulturellen Einrichtungen und Bildungsinstitutionen neue Anhänger rekrutiert. Auch die Ḥamās mit ihren etwa 300 deutschen Anhängern betrachtet Deutschland als Rückzugsraum, in dem Spendengelder gesammelt und neue Mitglieder gewonnen werden sowie Propaganda betrieben wird. Auch sie bemüht sich, nicht ins Blickfeld deutscher Sicherheitsbehörden zu gelangen, indem keine terroristischen Anschläge aus oder gegen Deutschland geplant werden.13

3.1.3 Die Ḥizb at-taḥrīr

1953 in Jerusalem gegründet verfolgt die Ḥizb at-ta Ḥr ī r (HuT, Partei der Befreiung) das Ziel, die Gemeinschaft aller Muslime in einem allumfassenden Staatsgebilde unter Führung eines Kalifen und mit der š ar ī’ a als alleiniger Gesetzesgrundlage zu vereinen. Die antisemitische Grundhaltung und die Ablehnung Israels gefährden den Gedanken der Völkerverständigung. Der Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung der Ziele kommt erschwerend hinzu. Aus diesen Gründen wurden Aktivitäten dieser Organisation in Deutschland Anfang 2003 durch den Bundesminister des Innern verboten. Die noch immer aktiven 300 Mitglieder der Ḥizb at- ta Ḥr ī r in Deutschland weichen nun in Nachbarländer aus oder rekrutieren neue Mitglieder im Untergrund. Die Mitgliederzahl bleibt derweil jedoch relativ konstant, eine akute Gefahr für Deutschland scheint von der Ḥizb at-ta Ḥr ī r derzeit nicht auszugehen.14

3.1.4 Die Ǧamā’at al-‘adl wal-iḥsān

Die Ǧamā’ at al-‘Adl wal-I Ḥsān (JAI, Gemeinschaft für Gerechtigkeit und Wohltätigkeit) wurde 1981 in Marokko gegründet. Auch sie fordert die Errichtung eines Gottesstaates unter der Führung eines Kalifen mit der š ar ī’ a als Gesetzesgrundlage, allerdings lehnt die JAI Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele ab. Die Organisation ist vor allem in Marokko selbst tätig und gewinnt ihre Anhänger primär durch Sozialarbeit, Missionierung und Einflussnahme auf die Öffentlichkeit. In Deutschland gibt es nur wenige Anhänger der JAI, öffentliche

Aktivitäten sind nicht festzustellen. Die wenigen deutschen Anhänger konzentrieren sich auf Nachwuchsgewinnung marokkanischstämmiger Jugendlicher.15

3.2 Türkisch-islamistische Gruppen

3.2.1 Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş

Die größte deutsche islamistische Organisation ist die Islamische Gemeinschaft Millî Gör üş (IGMG) mit derzeit 31.000 Mitgliedern. Sie ist ein Ableger der türkischen Millî Gör üş - Bewegung, deren Begründer Necmettin Erbakan mit den Schlagworten „ Millî Gör üş “ („Nationale Sicht“) und „ Adil Düzen “ („Gerechte Ordnung“) das laizistisch-kemalistische Staatssystem der Türkei kritisierte und eine Überwindung dessen zugunsten eines islamischen Staatssystems forderte. Zudem trat er für eine Islamisierung Europas durch muslimische Einwanderer ein, wodurch seine Anhänger unter anderem auch nach Deutschland kamen und sich seit 1985 in der Avrupa Millî Gör üş Teskilati („Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa“) und ab 1995 in der Islamischen Gemeinschaft Millî Gör üş organisierten. Die Organisation arbeitete schon immer sozial statt politisch, es gibt zahlreiche Bildungs- und Sozialeinrichtungen für religiöse Schulungen sowie Beratungs- und Hilfsdienste bei Alltagsproblemen. Diese Einrichtungen bewirken oft eine Abschottung von Muslimen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, deren Prinzipien (Individualität, Säkularität) als unislamisch und verwerflich gelten. Bis zur Gründung der IGMG 1995 propagierte die Millî Gör üş -Bewegung noch das islamische Staatssystem, nach 1995 distanzierte man sich offiziell von antisemitischen Haltungen. Ein Bruch mit der Mutterorganisation in der Türkei ist nicht erkennbar, die deutsche Organisation zeigt noch deutliche islamistische Tendenzen, eine Ǧihādistische Gefahr scheint jedoch derzeit nicht von der IGMG auszugehen.16

3.2.2 Die Türkische Hizbullah

Die Türkische Hizbullah (TH) entstand Anfang der 1980er Jahre in der Türkei. Die TH hat die gleichen Ziele wie die Millî Gör üş -Bewegung (Beseitigung des laizistischen türkischen Staatssystems zugunsten eines weltumfassenden islamischen Gottesstaates auf Grundlage der š ar ī’ a), allerdings rechtfertigt die TH Gewalt als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele. Bis Mitte der 1990er Jahre gingen zahlreiche Morde und andere Gewalttaten gegen liberale türkische Journalisten, Staatsvertreter sowie Verräter aus den eigenen Reihen auf das Konto der Türkischen Hizbullah. Ende der 1990er Jahre wurde die Organisation durch staatliche Maßnahmen stark geschwächt und verfolgt, sodass viele Anhänger nach Westeuropa flohen.

Seither wird Deutschland als Rückzugsraum zur Reorganisation, zur Spendensammlung sowie zur Veröffentlichung von Publikationen genutzt. Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass die TH in Deutschland etwa 350 Anhänger hat.17

3.3 Ǧihādistische Gruppen und al-qā‘ida

3.3.1 Die Anṣār al-islām, die Islamische Bewegung Usbekistans und die Islamische Ǧihād-Union

Die An ṣā r al-islām (AAI, Anhänger des Islam) wurde 2001 im Nordirak gegründet. Ursprünglich trat sie für eine Errichtung eines islamischen Staates im kurdischen Teil des Irak ein, heute sieht sie sich jedoch als Teil der sunnitisch-terroristischen Widerstandsbewegung im Irak. Die AAI setzt Gewalt ein, denn nur mit Waffengewalt und Blutvergießen seien Veränderungen zu erreichen. Die Anzahl deutscher Anhänger der AAI ist unbekannt, meist kurdischstämmige Anhänger scheinen die AAI jedoch mit Geldspenden zu unterstützen.18

Die Islamische Bewegung Usbekistans (IBU) wurde 1998 in Kabul gegründet. Sie hat zum Ziel, das säkulare Regime in Usbekistan zu stürzen und einen islamischen Kalifatsstaat in Zentralasien zu errichten. Um ihr Ziel zu erreichen, greift die IBU auf Entführungen und bewaffnete Angriffe auf staatliche Einrichtungen zurück. Die Zahl deutscher IBU-Anhänger ist nicht bekannt, allerdings waren vier Sympathisanten in der letzten Zeit besonders auffällig. So propagieren seit 2009 zwei Brüder offen über das Internet den gewaltsamen Ǧihād, der sich auch gegen deutsche Bundeswehrsoldaten in Afghanistan richten soll. Ende 2011 erhob das Oberlandesgericht Düsseldorf Anklage gegen zwei finanzielle Unterstützer der IBU, von denen einer zudem in einem Ausbildungslager eine Waffenausbildung erhalten und im Anschluss daran an IBU-Kampfeinsätzen teilgenommen haben soll. Terroristische Aktivitäten der IBU in Deutschland sind bisher nicht bekannt.19

Die Islamische Ǧihād-Union (IJU) trat 2002 erstmals als Abspaltung der IBU auf. Sie verfolgt generell dasselbe Ziel wie ihre Mutterorganisation, allerdings weitete sie ihre Ǧihādistischen Aktivitäten auf Europa aus. Mithilfe von Selbstmordattentaten macht die IJU auf ihre Ziele aufmerksam. Die bekanntesten deutschen Anhänger sind die Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe. Drei der vier Mitglieder hatten 2006/2007 aktiv Sprengstoffattentate in Deutschland geplant, das vierte Mitglied kannte die Pläne und fungierte als Unterstützer der Gruppe. Die Attentate konnten frühzeitig vereitelt werden, 2010 wurden die Mitglieder zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. 2011 wurde die Ehefrau eines der Mitglieder ebenfalls zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, da sie weiterhin terroristische Organisationen im Ausland unterstützte und aktiv neue Mitglieder anwarb. Wenig später wurde ein weiterer Deutscher angeklagt, weil er den gewaltsamen Ǧihād der IJU 2008 mit einigen Geldspenden unterstützt hatte.20

3.3.2 Die Ḥezb-i Islāmī, die Aš-šabāb und salafistische Strömungen

Die Ḥezb-i Islām ī -ye Afghanistan (HIA, Islamische Partei Afghanistans) wurde Mitte der 1970er Jahre in Pakistan gegründet. Die Gruppe fordert eine islamische Ordnung in Afghanistan und die damit verbundene Absetzung der aktuellen Regierung. Zudem setzt sie sich für die Vertreibung der Koalitionstruppen aus Afghanistan ein. Zur Durchsetzung ihrer Ziele führt die HIA Anschläge auch gegen deutsche Soldaten durch. In Deutschland gibt es etwa 200 Anhänger der HIA, allerdings ohne feste Struktur. Die Anhänger treffen sich in Moscheen, einzelne versuchen, politische Entscheidungsträger zu beeinflussen, andere werben für die Aktionen der HIA in Afghanistan. Generell leisten deutsche Anhänger also eher Unterstützungsarbeiten.21

Die Aš-šabāb wurde 2006 in Somalia gegründet. Sie fordert die Absetzung der unislamischen Übergangsregierung in Somalia zugunsten eines großsomalischen Kalifats. Zur Durchsetzung ihrer Ziele entführt die Aš-šabāb auch westliche Ausländer oder führt Bombenanschläge oder Selbstmordattentate durch. In Deutschland sind keine Anhänger bekannt. Der Verfassungsschutz geht von einzelnen Unterstützern oder Sympathisanten aus.22 Der Salafismus ist eine besonders radikale und rückwärtsgerichtete Bewegung im Islamismus. Salafisten versuchen exakt nach dem Beispiel Muḥammads und der ersten Muslime (die rechtschaffenden Altvorderen (arab. as-salaf a ṣ - ṣā li ḥ)) zu leben. Sie fordern dazu die Errichtung eines islamischen Gottesstaates mit einer vollständigen Umgestaltung sämtlicher Lebensbereiche, inklusive des alltäglichen Lebens. Neben den politischen Salafisten, die eine intensive Propaganda ihrer Lebensweise betreiben, um politischen und gesellschaftlichen Einfluss zu erhalten, gibt es die Ǧihādistischen Salafisten, die ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen. In Deutschland herrscht vor allem der politische Salafismus vor. Der Verfassungsschutz schätzt die Zahl der deutschen Salafisten derzeit auf etwa 3.800 Personen. Es ist die momentan dynamischste islamistische Bewegung in Deutschland und weltweit.23 Erst im Juni 2012 wurde die salafistische Gruppe „ Millatu Ibrahim “ unter der Leitung des radikalislamischen Denis Cuspert verboten. Ausschlaggebend mögen die Ausschreitungen in Bonn vom 1. Mai 2012 gegen die islamkritische Partei „Pro-NRW“ gewesen sein, aber davon abgesehen verstößt die „ Millatu Ibrahim “ gegen die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik sowie gegen den Gedanken der Völkerverständigung und überdies weist sie eine „kämpferisch aggressive Grundhaltung“ auf.24 Cuspert hatte die BRD zuvor in einem Video zum Kriegsgebiet erklärt, weil sie Waffengeschäfte mit Libyen, Saudi-Arabien, Pakistan und Afghanistan getätigt habe.25

3.3.3 Al-qā’ida in Deutschland

Obwohl die Organisation al-qā’ida immer noch für zahlreiche Attentate und Entführungen vor allem im Norden Afrikas und auf der arabischen Halbinsel verantwortlich ist, geht aus dem Verfassungsschutzbericht hervor, dass „Strukturen von „ al-qā’ ida “ in Deutschland […] bislang nicht bekannt“ sind.26

4 Motive der Radikalisierung junger Muslime

In der Studie Die Sicht der Anderen untersucht Saskia Lützinger insgesamt 39 teilweise aufgrund von Anschlägen verhaftete Personen, die mit linkem, rechtem oder islamistisch motiviertem Terrorismus in Zusammenhang standen. In der Studie Verlockender Fundamentalismus befragen Wilhelm Heitmeyer, Joachim Müller und Helmut Schröder 1.221 sich seit langer Zeit in Deutschland befindende türkischstämmige Jugendliche mit türkischer Staatsangehörigkeit zwischen 15 und 21 Jahren zu Themen rund um den Islam und

Islamismus. Es folgt eine Auflistung und Erklärung der wichtigsten Radikalisierungsmerkmale für junge Muslime in Deutschland. Es ist zu berücksichtigen, dass Radikalisierungsprozesse keinesfalls statisch oder nach einem bestimmten Muster ablaufen. Alle Faktoren stellen mögliche Ursachen dar, die allein oder in Kombination und vor allem mit einem Auslöser in Zusammenhang stehend zur Radikalisierung und schließlich - nicht gezwungenermaßen - zu einem terroristischen Anschlag führen können. Um den Radikalisierungsprozess besser nachvollziehen zu können, muss schon die Kindheit und Jugend von Extremisten, deren soziales Umfeld und ihre jeweilige Lebenssituation untersucht werden. Nur so lassen sich die komplexen Zusammenhänge erklären.

4.1 Die Familie

Als ersten Punkt in ihrer Studie führt Lützinger Probleme innerhalb der Familie von radikalen Menschen an. Probleme wie handfeste Streits, Scheidung der Eltern, Tod eines nahen Verwandten oder Umzüge belasten die Kinder, doch es wird nichts unternommen, um diesen zu helfen. Die Eltern sind oft zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder haben kein Interesse daran, problematische Situationen mit den Kindern zu besprechen. In der Folge sind die Kinder mit ihren Problemen auf sich allein gestellt, es kommt zu Verdrängungen oder Gefühlen des Alleinseins. Durch gewisse Aktionen, die Aufmerksamkeit erregen (Alkoholkonsum, Drogenmissbrauch, (Gewalt-) Verbrechen), versuchen die Jugendlichen, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zurückzuerlangen. Die Eltern sind jedoch zunehmend mit den Problemen überfordert, es kommt eher zur Eskalation als zur Konfliktlösung.27

Auch die Studie von Heitmeyer, Müller und Schröder (HMS-Studie) kann ähnliche Ergebnisse vorweisen. Besonders häufig haben die befragten türkischen Jugendlichen schon Streitigkeiten in der Familie (knapp 65 %), den Tod eines Familienangehörigen (gut 60 %), den Abbruch einer wichtigen Freundschaft (knapp 60 %) oder finanzielle Probleme (gut 50 %) erlebt. Besonders der Tod und die abgebrochene Freundschaft, aber auch die familiären Probleme belasteten dabei einen großen Teil der Befragten (sehr) stark.28

4.2 Die Peergruppe / Der Freundeskreis

Fehlt den Jugendlichen die familiäre Unterstützung, so suchen sie sich Gleichaltrige und möglichst Gleichgesinnte (Peergruppe), bei denen sie Halt finden. In Lützingers Studie gaben die islamistisch Orientierten jedoch an, dass es für sie schwierig war, eine solche Gruppe zu finden, da oft eine Sprachbarriere herrschte oder sie durch den fehlenden Schulbesuch keinen Kontakt zu Gleichaltrigen aufbauen konnten. Mangelnde soziale Kompetenzen erschwerten eine Aufnahme in eine Clique.29

Waldmann ergänzt Lützingers Untersuchungen. Er fügt hinzu, dass es vor allem bei Muslimen der zweiten und dritten Generation in Deutschland zu Problemen mit der Identitätsbildung kommt. Sie fühlen sich keiner Gesellschaft zugehörig; ihrer Herkunftsgesellschaft nicht mehr völlig zugehörig, in der Aufnahmegesellschaft jedoch fremd, nicht gänzlich akzeptiert.30 Er argumentiert jedoch, dass die Radikalisierung von Muslimen der zweiten und dritten Generation nicht mehr aus der sozialen Isolierung herrührt, sondern vielmehr aufgrund individueller Bekehrungen stattfindet.31

Während die Befragten in Lützingers Studie oft erst als Jugendliche nach Deutschland gekommen sind, leben die Befragten der HMS-Studie schon seit ihrer frühen Kindheit oder der Geburt in Deutschland. Diese Jugendlichen können sich ganz anders integrieren als „zugewanderte“ Jugendliche. So fand die HMS-Studie heraus, dass deutsche und türkische Jugendliche zu etwa gleichen Teilen in Cliquen organisiert sind, wobei männliche türkische Jugendliche deutlich öfter einer Clique angehören als weibliche.32 Dies liegt an den immer noch vorhandenen und von den Eltern eingeprägten traditionellen Rollenverteilungen. Trotzdem haben etwa zwei Drittel der befragten türkischen Jugendlichen einen gemischt- geschlechtlichen Freundeskreis, gut die Hälfte der Befragten sind in ethnisch gemischten Gruppen organisiert.33 Dabei kam die Studie zu dem Ergebnis, dass Jugendliche, die lieber allein als unter Freunden sind, eher eine religiös fundierte Gewaltbereitschaft entwickeln. Das gleiche gilt für diejenigen, die einen überwiegend gleichgeschlechtlichen sowie einen ethnisch homogenen Freundeskreis haben.34

[...]


1 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 187.

2 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 191.

3 Pfahl-Traughber, Islamismus, 2011.

4 Ṭībī 2001, S. 83.

5 Pfahl-Traughber, Islamistische Gruppen, 2011.

6 Pfahl-Traughber, Islamismus, 2011.

7 Pfahl-Traughber, Islamismus, 2011.

8 Dschihadismus, Erklärung der Bundeszentrale für politische Bildung.

9 Abou-Taam 2006, S. 125.

10 Das religiöse Gesetz des Islam.

11 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 241ff.

12 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 233ff.

13 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 239ff.

14 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 236ff.

15 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 247f.

16 Pfahl-Traughber, Islamistische Gruppen, 2011.

17 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 260f.

18 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 208f.

19 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 210f.

20 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 212f.

21 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 213f.

22 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 215f.

23 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 216ff.

24 Verbot von Salafisten-Verein. Schlag gegen gewaltbereite Deutschland-Hasser.

25 Deutschland in Gefahr? ZDFzeit, 4.9.12.

26 Verfassungsschutzbericht 2011 (Vorabfassung), S. 202ff.

27 Lützinger 2010, S. 21ff.

28 Heitmeyer, Müller, Schröder 1997, S. 52.

29 Lützinger 2010, S. 26.

30 Waldmann 2009, S. 27; 93.

31 Waldmann 2009, S. 89f.

32 Heitmeyer, Müller, Schröder 1997, S. 79f.

33 Heitmeyer, Müller, Schröder 1997, S. 89f.

34 Heitmeyer, Müller, Schröder 1997, S. 163f.

Details

Seiten
57
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656502722
ISBN (Buch)
9783656503415
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232554
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Orientalistik
Note
3,0
Schlagworte
islamismus deutschland radikalisierung muslime interventionsstrategien schutzmaßnahmen

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Titel: Islamismus in Deutschland