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"School Shootings" in der Analyse zweier Ansätze der soziologischen Gewaltforschung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 18 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Debatte in der soziologischen Gewaltforschung
2.1 Die „Mainstreamer“, die „Traditionalen“ oder die „ursachenorientierte Gewaltforschung
2.2 Die innovative oder die mikrosoziologische Gewaltforschung

3 Der Begriff „School Shooting“

4 Das School Shooting-Phänomen in der Analyse
4.1 School Shooting in der Analyse ursachenorientierter Gewaltforschung
4.2 School Shooting in der Analyse mikrosoziologischer Gewaltforschung

5 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Institution Schule gilt nach empirischen Belegen bis heute als sicherster Ort für Kinder und Jugendliche verglichen mit ihrem Zuhause oder ihrer Nachbarschaft (vgl. Muschert 2007). Das Phänomen Gewalt in der Schule hat jedoch in der Presse seit einigen Jahren eine hohe Aufmerksamkeit erhalten. Ein ausschlaggebender Grund dafür war der Vorfall, der sich im Jahre 1999 in der Columbine High School ereignete: Zwei jugendliche Schüler erschossen mehrere Mitschüler, Lehrer und anschließend sich selbst. Dieses sogenannte „School Shooting“, ihre Gründe und Ursachen, war ein beliebtes Thema in den Medien und wurde in der Öffentlichkeit breit diskutiert. Auch für die Soziologie wurde dieser Gegenstand interessant, die sich bis heute mit unzähligen Analysen diesem „modernen“ sozialen Phänomen widmete, um sich, entgegen der Medienwelt, wissenschaftlich mit dem Thema auseinander zu setzen. Welche gesellschaftlichen Umstände und Lebensbedingungen für die Individuen haben sich dahingehend verändert, dass das Phänomen „School Shooting“ entstand und mittlerweile seit wenigen Jahrzehnten dann und wann auftritt? Die Frage nach dem sozialen Wandel der Gesellschaft und die Auswirkungen auf ihre Individuen ist von großer Relevanz für die soziologische Wissenschaft, deshalb ist es von Bedeutung das Thema School Shooting neben psychologischen, pädagogischen usw. auch aus soziologischem Blickwinkel zu betrachten.

Wie aber kann sich die Soziologie der Gewalt dem Phänomen „School Shooting“ nähern und was kann sie diesbezüglich leisten? Wo soll sie ansetzen und was soll Gegenstand ihrer Analyse sein? In der folgenden Arbeit werden anfangs zwei scheinbar widersprüchliche Perspektiven in der Gewaltforschung aufgezeigt, die sich in soziologischen Debatten der letzten Jahre herauskristallisiert haben: Die der „Mainstreamer“ und die der „Innovateure“. Hinter diesen Begriffen verbirgt sich jeweils eine heterogene Gruppe an Wissenschaftlern, deren grundsätzliches Verständnis von Gewalt und ihren Ansatzpunkten in der Analyse unterschiedlich, ja sogar im Wiederstreit sind. Zur Verdeutlichung der theoretischen Blickwinkel soll nach einer kurzen Begriffsdefinition des School Shootings und einer Abgrenzung zum Amoklauf im Anschluss beispielhaft für die Kategorie Mainstreamer eine empirische Studie über School Shootings von Robert Brumme vorgestellt werden. Dieser analysierte 14 School Shooting Fälle, die nach 1995 statt fanden und ein bestimmtes Maß an Informationsdichte aufweisen konnten. Dem gegenüber gestellt wird eine Untersuchung zum „Amoklauf in Erfurt“ von Wolfgang Sofsky, welcher der Gruppe der Innovateuren zugeordnet werden kann. Untermauert werden seine Schlüsse und Beobachtungen durch Randall Collins’ mikrosoziologischem Theorieansatz zur Gewaltforschung. Am Ende können die Leistungen der Analysegewinne gegenübergestellt und miteinander verglichen werden.

2 Die Debatte in der soziologischen Gewaltforschung

Gehen wir von dem speziellen Fall des School Shootings einen Schritt zurück zur allgemeinen Gewaltforschung lassen sich wie oben schon erwähnt zwei unterschiedliche Blickwinkel auf Gewalt und somit auf dieses Phänomen benennen: Die der Mainstreamer und die der Innovateure. In den 1990er Jahren äußerte eine Gruppe von Wissenschaftlern erstmals Kritik an der bisherigen weit verbreiteten Mainstream-Gewaltforschung, die hauptsächlich nach Ursachen, Auslösern, Risikofaktoren und Präventionsmaßnahmen sucht. Die Auseinandersetzungen bezogen sich vor allem auf die Art und Weise der Annäherung an Gewaltphänomenen. Es wurde hinterfragt, ob die bisherige Gewaltforschung dazu in der Lage sei, „die Gewalt selbst als soziales Phänomen in den Blick zu bekommen und ob diese Form ursachenorientierter Forschung überhaupt noch fähig sei, neue, nicht bereits hinlänglich bekannte Ergebnisse zu generieren“ (Hewera 2010: 243). Über bisherige Ergebnisse äußerten sich die Kritiker mit Unzufriedenheit und strebten einen Paradigmenwechsel an. Um einen genauen Eindruck davon zu bekommen, was und wie die unterschiedlichen Perspektiven bezüglich zur Gewaltforschung untersuchen, soll im Vorangehenden erläutert werden. Die Arbeit stützt sich dabei auf die für die spätere Analyse wichtigen Charakterisierungen von Birte Hewera.

2.1 Die „Mainstreamer“, die „Traditionalen“ oder die „ursachenorientierte Gewaltforschung

Die Gruppe der Mainstreamer - so wurden sie von den Innovateure kategorisiert- ist eine heterogene Menge von Wissenschaftlern, die sich primär mit Gewaltursachen beschäftigen. Dies impliziert, dass bereits ein analytischer Bezugsrahmen strukturiert ist und bestimmte Vorstellungen über Gewalt selbst, der gesellschaftliche Umgang sowie Menschenbilder nahe gelegt sind. Aus Ergebnissen können dann Präventionsstrategien abgeleitet werden, um Gewalt einzudämmen bzw. gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Mainstream-Forschung ist somit sehr praxisorientiert, so sind Forschende häufig von staatlichen oder öffentlichen Institutionen mit Projekten beauftragt.

Da, wie schon erwähnt, die Gruppe der Mainstreamer keineswegs eine homogene Menge darstellt, differieren auch die Ansichten darüber, was Gewalt überhaupt ist. So lautet beispielsweise die Definition der Gewaltkommission: „Der Gewaltbegriff soll aus der Sicht des staatlichen Gewaltmonopols bestimmt werden. Dabei soll es primär um Formen physischen Zwanges als nötigender Gewalt sowie Gewalttätigkeit gegen Personen und/oder Sachen unabhängig von Nötigungsintentionen gehen. Ausgeklammert werden sollen die psychisch vermittelte Gewalt im Straßenverkehr und die strukturelle Gewalt“ (Baumann und Schwind 1990:38). Hier wird ein weites Feld von unterschiedlichen Phänomenen einbezogen. Dennoch kritisieren Forscher, dass Gewaltformen wie z.B. institutionelle oder strukturelle Gewalt sowie psychischer Druck dabei ausgeblendet werden, die aber doch vor allem für das Verhalten bei Kindern und Jugendlichen interessant sind. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die hauptsächlich untersuchte Gewalt der Mainstream-Forschung die alltägliche Gewalt ist. Also jene, die im öffentlichem Raum stattfindet (vgl. Hewera 2010).

Das Interesse der Forschung ist auf die Perspektive des Täters gerichtet, während auf das Opfer in der Analyse überwiegend verzichtet wird. Dies zeigt sich daran, als das dieser Forschungsansatz mit äußeren Faktoren z.B. zum Alter, Geschlecht, Herkunft usw. der gewaltausübenden Individuen arbeitet. Gewalt wird als ein Phänomen verstanden, welches auf bestimmte Ursachen zurückführbar und somit veränderbar ist und rational erklärt werden kann. Es „stellt einen Störfall im Zivilisationsprozess dar, den es zu bekämpfen gilt und der gemäß den eigenen Annahmen auch bekämpft werden kann“ (Hewera 2010: 250).

Bei den Faktoren, welche die Mainstream-Forschung in ihre Analysen einbezieht, handelt es sich nicht immer um streng soziologische, sondern fließen vielmehr auch jene benachbarter Disziplinen wie der Pädagogik oder der Psychologie mit ein. So ergaben sich verschiedene kombinierte Erklärungsansätze und Theorien. Gewalttätiges Handelns wird also aus verschiedenen Umständen heraus abgeleitet wird, was die Annahme nahe legt, dass der Mensch als ein nicht von Natur aus gewalttätiges Wesen ist. Es bedingt immer äußere Faktoren wie die soziale Herkunft, die Erziehung, gesellschaftliche Rahmenbedingungen usw. oder innere Dispositionen (auffällige Persönlichkeit, psychische Störungen), um von der Norm abzuweichen und Gewalttaten zu begehen (vgl. Hewera 2010).

Die bereits thematisierten Faktoren werden überwiegend mit quantitativen Verfahren untersucht, vorherrschend mit Fragebogenuntersuchungen oder mit Hilfe bereits empirischer Daten z.B. von Kriminalstatistiken. Seltener kommen ethnographische Designs zum Einsatz, wobei auch offene Interviews und Gruppendiskussionen angewendet werden (vgl. Hewera 2010).

2.2 Die innovative oder die mikrosoziologische Gewaltforschung

Die dem eben erläuterten Ansatz kritisch gegenüberstehenden Innovateure haben ein eigenes Design zur Gewaltforschung entwickelt. Auch sie sind ziemlich divergierend, lassen sich aber grob zumindest in zwei Gruppen unterscheiden: Die „wirklichen Vordenker bzw. die Avantgarde“ (Imbusch 2004: 127), bei denen vor allem die Person Wolfgang Sofsky zu nennen ist und die „Unterstützer- und Sympathisantenkreis“ (ebd.), im Hamburger Institut für Sozialforschung verortet (vgl. Hewera 2010).

Der Gewaltbegriff der Innovateure ist vor allem an die Definition von Popitz angelehnt: „Gewalt meint eine Machtaktion, die zur absichtlichen körperlichen Verletzung anderer führt, gleichgültig, ob sie für den Agierenden ihren Sinn im Vollzug selbst hat (als bloße Aktionsmacht) oder, in Drohungen umgesetzt, zu einer dauerhaften Unterwerfung (als bindende Aktionsmacht führen soll“ (Popitz 1986: 73). Diese Begriffsbestimmung verdeutlicht den Fokus auf die körperlich-leibliche Dimension von Gewalt. Sie will zudem jede Ausweitung des Gewaltbegriffs vermeiden, zu der es in der Vergangenheit häufig gekommen sei (vgl. Hewera 2010).

Trotha betont, dass bei dem „neuen“ Ansatz nicht mehr die Gewaltursachen im Vordergrund stehen, dadurch entdecke man nämlich keine neuen Zusammenhänge mehr, sondern die Gewalt selbst. Auch Collins arbeitet nach diesem Ansatz: „[...] put the interaction in the center of the analysis, not the individual, the social background, the culture, or even the motivation: that is to say, look for the characteristics of violent situations“ (Collins 2008: 1). Er ist der Meinung, dass die gefährlichsten Menschen die meiste Zeit überhaupt nicht gewalttätig sind, sondern nur in ganz bestimmten Situationen. Aus diesem Grund ist eine Analyse des Täters und seinem Leben nicht nötig, viel mehr sei die Dynamik in dieser Situation entscheidend für die Erklärung der Gewalt (vgl. Collins 2008). Auch nach Sofsky charakterisiert sich Gewalt vor allem durch Situationsoffenheit, Prozesshaftigkeit und Dynamik, die sich innerhalb und während einer Gewaltsituation entfalten kann. „So kann Gewalt einmal als Interaktionsprozess eskalieren und Form einer Gewaltspirale annehmen, kann aber auch als ein sich im Vollzug selbst entgrenzender Prozess auftreten“ (Hewera 2010: 255). Dabei ist auch zu berücksichtigen, ob Dritte oder Zuschauer anwesend sind, die unter Umständen den Gewaltvorgang beeinflussen (vgl. Nedelmann 1995).

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Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656490036
ISBN (Buch)
9783656490890
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232518
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Schlagworte
school shootings analyse ansätze gewaltforschung

Autor

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