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Die Bedeutung differenter Rentenreformmodelle für die nachhaltige Alterssicherung

Bachelorarbeit 2013 46 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Anlagenverzeichnis

Symbolverzeichnis

1. Einleitung

2. Altersarmut
2.1 Begrifflichkeiten
2.2 Die heutige Situation
2.3 Die zukünftige Situation
2.4 Ursachen des Anstiegs der Altersarmut
2.4.1 Teilzeitbeschäftigung
2.4.2 Geringfügige Beschäftigung
2.4.3 Selbständige
2.4.4 Zeitarbeit
2.5 Erziehungszeiten
2.6 Alte Bundesländer versus neue Bundesländer
2.7 Hohe Arbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung
2.8 Entwicklung der Lohnquote
2.9 Demographischer Wandel

3. Alters- und Renteneinkommen
3.1 Höhe und Verteilung des Alters- und Renteneinkommen
3.1.1 Alte Bundesländer versus neue Bundesländer
3.1.2 Geschlechterunterschiede
3.1.3 Alterseinkommen nach Berufsgruppen
3.2 Zusammensetzung des Alters- und Renteneinkommen

4. Differente Rentenreformkonzepte
4.1 Zuschussrente
4.1.1 Zielsetzung
4.1.2 Grundstruktur und Rahmenbedingungen
4.1.3 Finanzierung
4.2 Solidarrente
4.2.1 Zielsetzung
4.2.2 Grundstruktur und Rahmenbedingungen
4.2.3 Finanzierung
4.3 Garantierente
4.3.1 Zielsetzung
4.3.2 Grundstruktur und Rahmenbedingungen
4.3.3 Finanzierung
4.4 Grundsicherung im Alter
4.4.1 Zielsetzung
4.4.2 Grundstruktur und Rahmenbedingungen
4.4.3 Finanzierung

5. Kritische Würdigung der unterschiedlichen Rentenreformmodelle
5.1 Horizontale Ungleichbehandlung
5.2 Vertikale Ungleichbehandlung
5.3 Diskriminierung
5.3.1 Diskriminierung aufgrund der Erwerbsbiographie
5.3.2 Diskriminierung aufgrund des Alters
5.4 Äquivalenzprinzips und Generationengerechtigkeit
5.5 Weitere Probleme

6. Lösungsansätze

Abbildungen

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Rechtsgrundlagenverzeichnis

Internetquellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anlagenverzeichnis

Anlage 1: Unterschiede im Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland

Anlage 2: Entwicklung der Altersstruktur der BRD

Anlage 3: Entwicklung des Einkommens der Personen zwischen 65 - 70 Jahren

Anlage 4: Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland

Anlage 5: Verteilung Alterseinkommen Ost

Anlage 6: Verteilung Alterseinkommen West

Anlage 7: Einkommen der über 65 jährigen nach Berufsgruppen und Geschlecht

Anlage 8: Zusammensetzung des Einkommens der über 65 jährigen

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Die Rente ist sicher“1, - verkündete der Bundesarbeits- und Sozialminister Dr. Norbert Blüm erstmals im Bundestagswahlkampf im Jahre 1986. Gut zehn Jahre später sprach Selbiger am Rednerpult des Bonner Bundestags stehend abermals von sicheren Renten.2 Ende Januar 2006 wandelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Ausführungen Norbert Blüms in einen vermeintlich zeitgemäßen Kontext um und titelte am 31.01.2006 im Wirtschaftsteil: „Denn eines ist sicher - die Rentenkürzung“3. Angesichts der bereits damals vorherrschenden Wissenschaftsmeinung vom doppelten Alterungsprozess in der Bundesrepublik Deutschland, hätte sich der damalige Minister Blüm nicht zu einer solchen Äußerung hinreißen lassen dürfen.

Der „doppelte Alterungsprozess“, welcher die sinkende Fertilitätsrate auf der einen und den Anstieg der Lebenserwartung auf der anderen Seite beschreibt, wird beim Betrachten von Abb. 1 - welche im Anhang hinterlegt ist, offensichtlich. Hintergrund dieses Prozesses ist einerseits der seit Ende der 1960er Jahre festzustellende Geburtenrückrang, der bis heute anhaltend, die Fertilitätsrate der BRD mit durchschnittlich 1,4 Kindern pro Frau ans Ende des europäischen Vergleiches stellt. Andererseits lässt der technisch-medizinische Fortschritt die Lebenserwartung in Deutschland stetig wachsen.4 So stieg im Zeitraum von vier Jahrzehnten - von 1970 bis 2010 - die statistische Lebenserwartung bei Geburt von 67,4 Jahre (Männer) respektive 73,51 Jahre (Frauen) auf 77,7 bzw. 82,7 Jahre.5

Letztere durchaus positive Entwicklung bringt aufgrund des Grundsatzes der Umlagefinanzierung bei den Sozialversicherungssystemen in der Bundesrepublik zukünftig enorme Herausforderungen bezüglich der Finanzierbarkeit mit sich. Zu den Sozialversicherungen zählt auch die gesetzliche Rentenversicherung (GRV). Jene gilt als Paradebeispiel des klassischen Generationenvertrages. Dieser beschreibt den Solidarvertrag zwischen den Rentenempfängern und der erwerbstätigen Bevölkerung. Der Generationenvertrag hat zur Folge, dass der jeweils erwerbstätige Bevölkerungsteil durch Beitragszahlungen die jeweilige Rentnergeneration mitfinanziert. Mit Anstieg der Lebenserwartung erhöht sich somit die Finanzierungsverpflichtung für eine durch die gesunkene Fertilitätsrate schrumpfende Zahl von Beitragszahlern.6 Aufgrund des erwähnten „doppelten Alterungsprozesses“ ist die GRV in eine enorme Schieflage geraten. Immer weniger Beitragszahler müssen für immer mehr Beitragsempfänger aufkommen. Die Entwicklung lässt sich an der Veränderung des Altenquotienten ablesen. Der Altenquotient gibt das Verhältnis der Personen im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 65 Jahren zu jenen im Rentenalter befindlichen über 65 Jahre an.

Also:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die daraus resultierende Problematik für das Rentenversicherungssystem lässt sich anhand von Abb. 2 illustrieren. Hier wird die Entwicklung des Verhältnisses von der Bevölkerungsquote der Rentner (über 65 Jahre) zu dem Bevölkerungsanteil der im erwerbsfähigen Alter Befindlichen (20 bis 65 Jahren) deutlich. Im Jahr 1990 kamen auf einen Rentner noch vier Beitragszahler. Bereits im Jahre 2030 kommen auf einen Rentner noch lediglich zwei Beitragszahler, was bedeutet, dass sich das Verhältnis von Transfernehmern und Transfergebern binnen eines Zeitraums von 40 Jahren halbiert hat. Bereits in den Jahren von 2001 bis 2004 wurde versucht mittels der Verabschiedung unterschiedlicher Rentenreformgesetze den negativen Konsequenzen des demographischen Wandels für das Rentenversicherungssystem entgegenzusteuern und selbiges auf

eine nachhaltige Grundlage zu stellen. Das Erlassen des

„Altersvermögensergänzungsgesetzes“ (AVmEG) bzw. des „Altersvermögensgesetzes“ (AVmG) im Jahre 2001 sowie des „Alterseinkünftegesetzes“ (AltEinkG) respektive des „RVNachhaltigkeitsgesetzes“ im Jahre 2004 führten zu einer moderaten Erhöhung der Beitragszahlungen auf der einen und einer recht deutlichen Kürzung der Rentenleistungen auf der anderen Seite.7 Diese erheblich ins Gewicht fallende Leistungskürzung impliziert eine Senkung des Rentenniveaus, wodurch die Gefahr einer möglichen Altersarmut in Teilen der Rentnergeneration steigt.

Bedroht von einer möglichen Altersarmut sind neben Niedrigverdienern trotz voller Erwerbsbiographien insbesondere Arbeitslose oder Alleinerziehende mit gebrochenen Erwerbsbiographien. Diesen Gruppen ist eine entsprechende private Altersvorsorge aufgrund begrenzter finanzieller Möglichkeiten während ihrer Berufszeiten häufig kaum möglich. Um in der vorliegenden Arbeit unterschiedliche Lösungsansätze zur Schließung dieser Versorgungslücke zu diskutieren, soll in einem ersten Schritt der Status quo, die Höhe und Verteilung sowie die Zusammensetzung des Renten- und Alterseinkommens in der Bundesrepublik Deutschland untersucht werden.

Überdies bedarf die wissenschaftliche Diskussion zur Bedeutung differenter Rentenreformkonzepte einer statistischen Analyse in Form eines Ausblicks auf die Entwicklung zum zukünftigen Alterseinkommen. Ferner werden unterschiedliche Rentenreformkonzepte zur Vermeidung von Altersarmut wie die „Zuschussrente“ (CDU), die „Solidarrente“ (SPD), respektive die „Garantierenten“ (GRÜNE) erläutert und mit der momentan geltenden Grundsicherung im Alter verglichen. Abschließend wird eine konzeptionelle Bewertung der im Hauptteil diskutierten Reformmodelle unter kritischer Würdigung vorgenommen sowie weitere Lösungsansätze aufgezeigt.

2. Altersarmut

2.1 Begrifflichkeiten

Um der Altersarmut entgegenzuwirken zu können ist es unerlässlich, in einem ersten Schritt die Begrifflichkeiten „Armutsgefährdung“ und „Altersarmut“ zu definieren. Als allgemeine Armutsgefährdung wird in der Bundesrepublik jener Zustand beschrieben bei dem das verfügbare Einkommen pro Kopf unterhalb von 60 % des gesellschaftlichen Medianeinkommens liegt.8 Als „arm“ gelten gemäß dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung Personen, die im Sinne des Sozialgesetzbuches Anspruch auf Grundsicherung haben.9 Unter „altersarm“ wiederum versteht man diejenigen Personen, welche 65 Jahre oder älter sind und zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes Grundsicherung in Anspruch nehmen müssen.

2.2 Die heutige Situation

Weiterhin muss der Status quo der Altersarmut erörtert und verantwortliche Faktoren herausgearbeitet werden. Im Jahre 2005 waren ca. 343.000 Personen über 65 auf Grundsicherung angewiesen.10 In der Folgezeit entwickelte sich diese Zahl kontinuierlich nach oben. So bezogen im Jahre 2011 bereits etwa 436.000 Menschen Grundsicherung im Alter.11 Die Gesamtzahl aller Grundsicherungsbezieher - sowohl jener unter 65 Jahren bei Erwerbsminderung als auch jener über 65 Jahren - stieg von gut 630.000 im Jahre 2005 auf ca. 844.000 im vergangenen Jahr.12 Angesichts dieser Entwicklung kann nicht von einer Verschärfung der finanziellen Lage in der Kohorte der über 65-Jährigen gesprochen werden. Nach den jüngsten statistischen Erhebungen aus dem Jahre 2011 bildet die Gruppe der über 65-Jährigen mit 15,3 %, hinter jener der unter 18 jährigen (19,9 %) und den 18 - 65-Jährigen (21,3 %), die am wenigsten von Armut betroffene Bevölkerungsgruppe der BRD.13

2.3 Die zukünftige Situation

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat die Entwicklung der Altersarmut dargestellt, indem der prozentuale Anteil der unterhalb der Armutsgrenze lebenden Personen zwischen 65 und 70 Jahren von 2007 mit der zukünftigen - jener des Jahres 2023 verglichen wurde. Abb. 3 untermauert die Tendenz eines zukünftigen Anstiegs der Altersarmut in den nächsten Jahrzehnten. Nach der Vorausberechnung des IWH wird der Anteil der 65 - 70-Jährigen, welche weniger als 60 % des Medianeinkommens generieren, allein in den nächsten 15 Jahren in der BRD um 2,9 % von 13,4 % auf 16,3 % ansteigen.14 Als Erklärung für diese zukünftige Entwicklung kann nicht lediglich der doppelte Alterungsprozess dienen. Vielmehr ist die Komplexität unterschiedlicher Faktoren für den künftigen Anstieg der Armut in den Kohorten der über 65-Jährigen verantwortlich. Weiterhin werden die Unterschiede der Thematik der Altersarmut zwischen den neuen und alten Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland offensichtlich. Der Prozentsatz der Armen in der Gruppe der 65 - 70-Jährigen wird im Westen der Republik im Zeitraum von 2007 bis 2023 um 2,5 % von 13,6 % auf 16, % steigen. In den neuen Bundesländern wird dieser Anteil im gleichen Zeitraum sogar von 12,8 % auf 17,2 % anwachsen.

2.4 Ursachen des Anstiegs der Altersarmut

Um die Gründe für die Altersarmut herausarbeiten erscheint es sinnreich, zunächst die Berechnungsmodalitäten der Rentenhöhe darzulegen. Der Rentenanspruch eines Rentenempfängers wird zum Großteil, abgesehen von vernachlässigbaren Umverteilungskomponenten, an seiner jeweiligen Erwerbsbiographie gemessen.15 Die Erwerbsbiographie wird in Entgeltpunkten abgebildet, wobei ein Entgeltpunkt einem Jahr sozialversicherungspflichtiger Tätigkeit in Höhe des Durchschnittsentgelts entspricht.

Die Beitragsbemessungsgrenze beschränkt die Anzahl an Entgeltpunkten auf maximal zwei pro Jahr.17 Abweichende Tätigkeitsdauern und Durchschnittsentgelthöhen werden mit jeweilig gewichteten Entgeltpunkten bewertet. Der endgültige Rentenzahlbetrag ergibt sich, indem die Entgeltpunkte über das gesamte Erwerbsleben aufaddiert und mit dem aktuellen Rentenwert multipliziert werden. Zudem ist die Änderung zu beachten, welche im Zeitraum von 2012 bis 2029 eine schrittweise erfolgende Anhebung der Regelaltersgrenze von 65 auf 67 Jahren vorsieht.18 Hierbei ist zu berücksichtigen, dass mit jedem Jahr, welches ein Rentenempfänger vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalters von 67 Jahren in Rente geht, ein Abschlag von 3,6 % in Kauf genommen werden muss.19

Vor diesem Hintergrund ist zu bemerken, dass sich in der Bundesrepublik Deutschland neben der absoluten Zahl in den letzten Jahrzehnten vor allem die Struktur der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung verändert hat. Diese Entwicklung gestaltete sich zugunsten einer kontinuierlichen Zunahme der atypischen Beschäftigung. Hierzu zählen neben der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitarbeit die nicht rentenversicherungspflichtigen geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse, sofern das jährliche Einkommen unter 5.400 € liegt sowie der Sektor der Leih- und Zeitarbeit.20 Ferner gilt für die Berufsgruppe der Selbständigen eine besondere Regelung im Rentenversicherungssystem.

2.4.1 Teilzeitbeschäftigung

Bereits seit Mitte der 1970 er Jahre ist eine kontinuierliche Zunahme der Teilzeitbeschäftigung in Westdeutschland zu beobachten. Lag der Anteil der Teilzeitarbeitnehmer an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 1976 noch bei 7,1 % waren es 1993 bereits 11,0 % und 2007 17,7 %.21

2.4.2 Geringfügige Beschäftigung

Des Weiteren ist ein rapider Anstieg der geringfügigen Beschäftigung in den letzten Jahrzehnten zu erkennen. Bei den geringfügig Beschäftigten forciert neben dem geringen Einkommen die Tatsache, der nicht obligatorisch bestehenden Rentenversicherungspflicht die Gefahr niedriger Altersbezüge. Der Anteil der geringfügig Beschäftigten unter allen Arbeitnehmern stieg von 4,5 % 1996 auf 11,3 % im Jahr 2011.22 Insgesamt ist zwischen 1991 und 2009 die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um gut 2,4 Mio. Personen zurückgegangen, ihr Anteil an allen Erwerbstätigen sank in diesem Zeitraum von 78 % auf 68 %.23 Dies führt dazu, dass ein nicht unerheblicher Personenkreis im Laufe seines Lebens eine geringe Anzahl an Entgeltpunkten in der gesetzlichen Rentenversicherung ansammeln kann, was eine nicht ausreichende Rentenleistung für diese Menschen zur Folge hat.

2.4.3 Selbständige

Darüber hinaus bilden Selbständige, welche in Berufen ohne eigenes Versorgungsnetzwerk arbeiten eine Risikogruppe für Altersarmut. Die Zahl der Selbständigen stieg zwischen 1998 und 2008 um 550.000 auf 4,14 Mio. an und machte 2008 ca. 10,0 % aller Erwerbstätigen aus.24 Hauptverantwortlich für die Zunahme der Selbständigen war der enorme Anstieg der Soloselbständigen.25 Jene unterliegen, sofern sie in keinem der verkammerten Berufe tätig sind und infolgedessen einem berufsständischen Versorgungszwecke unterliegen bzw. der sozialen Rentenversicherung oder der Alterssicherung der Landwirte angehören, keinem Rentenversicherungsschutz.26 Demnach gibt es ca. 900.000 sozialrechtlich erfasste, aber dennoch nicht versicherte Selbständige, die in Mehrheit - das lässt ihre Einkommensverteilung vermuten - über keine ausreichende Altersversorgung verfügen werden.27

2.4.4 Zeitarbeit

Die Zeitarbeitsbranche in der BRD hat in den letzten Jahrzehnten einen kontinuierlichen Anstieg zu verzeichnen. Lag die Zahl der Personen, welche einer Beschäftigung im Sektor der Leiharbeit nachgingen im Jahr 1980 noch bei lediglich 33.000, wurde zehn Jahre später bereits eine Erwerbszahl von 119.000 gemessen.28 Jene stieg im Jahre 2000 auf 338.000 und bis Ende 2011 gar auf 872.000. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Zeitarbeitsnehmer somit verdreifacht und innerhalb der letzten zwanzig Jahre sogar versiebenfacht.29

Diese explosionsartige Entwicklung der Beschäftigungszahlen im Zeitarbeitssektor wird das Problem der Altersarmut verschärfen. Hierfür sind vornehmlich zwei Gründe verantwortlich.

Einerseits sind die Arbeitsverträge begrenzt, wodurch die Beschäftigten nur schwer einem langjährigen Arbeitsverhältnis ohne Unterbrechung nachgehen können. Vielmehr unterliegt die Beschäftigungsdauer in diesem Arbeitssektor einer großen Fluktuation. Im Jahre 2011 betrug die durchschnittliche Dauer sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse im Sektor der Leiharbeit ca. 9,4 Monate. Angesichts der anderen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse, welche eine durchschnittliche Arbeitsdauer von knapp 50 Monaten aufweisen, werden die Gefahren der Leiharbeitsverträge offensichtlich.31

Neben der geringen Arbeitsdauer stellt das im Vergleich zu anderen Beschäftigungsverhältnissen stark unterdurchschnittliche Entgelt eine weitere Problematik im Hinblick auf die Höhe einer späteren Rentenzahlung dar. Im Jahre 2010 generierten Arbeitnehmer des Zeitarbeitssektors im Mittel ein Entgelt i.H.v. 1.419 €.32 Fast doppelt so hoch war der mittlere Verdienst unter allen anderen sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten. Diese verdienten im Durchschnitt einen Betrag i.H.v. 2.702 €. Trotz sozialversicherter Vollzeitbeschäftigung sind 10 % der Arbeitnehmer im Zeitarbeitssektor auf ergänzende Leistungen aus der Grundsicherung angewiesen.34 Angesichts der im Mittel stark unterdurchschnittlichen Einkommen im explosionsartig angestiegenen Sektor der Zeitarbeit, verbunden mit der kurzen Beschäftigungsdauer, wird die Problematik einer späteren Altersarmut für diesen stark wachsenden Personenkreis von besonderer Relevanz sein.

2.5 Erziehungszeiten

Elternteile, welche aufgrund von Erziehungszeiten gebrochene Erwerbsbiographien aufweisen, können in Folge fehlender rentenbeitragspflichtiger Beschäftigungsjahre im Alter durch niedrigere Rentenhöhen benachteiligt sein. Im traditionellen Familienbild der 60er und 70er Jahre waren es vornehmlich Frauen, welche in Folge der Kindererziehung gebrochene Erwerbsbiographien aufwiesen. Zwar hat der Gesetzgeber versucht, durch die Modifizierung der Rentenanrechnungszeiten die finanzielle Benachteiligung des erziehenden Elternteils im Rentenalter durch die Anrechnung von maximal drei Entgeltpunkten für die Erziehungszeiten zu kompensieren.35 Diese Ausweitung der Anrechnungszeiten auf maximal drei Entgeltpunkte pro Kind für die Erziehungszeiten gilt jedoch lediglich für vor 1992 geborene Kinder. Demzufolge sind insbesondere jene Elternteile benachteiligt, deren Kinder vor 1992 geboren wurden. Verschärft wird die Problematik niedriger Renten durch den Umstand, dass vor allem Frauen nach der Erziehungszeit einen nicht unerheblichen Karriereknick einzustecken hatten. Darüber hinaus sind viele Mütter nach der Erziehungszeit sogar keinem rentenversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis mehr nachgegangen.

Der rasante Anstieg der atypischen Beschäftigung innerhalb der letzten Jahrzehnte wird die Gefahr der Altersarmut forcieren. Die oben beschriebene Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt führt dazu, dass ein nicht unerheblicher Personenkreis im Laufe seines Lebens lediglich eine geringe Anzahl an Entgeltpunkten in der gesetzlichen Rentenversicherung ansammeln kann, was eine nicht ausreichende Rentenleistung für diese Menschen zur Folge haben wird.

2.6 Alte Bundesländer versus neue Bundesländer

Darüber hinaus ist die Sondersituation der Rentner in den neuen Bundesländern zu berücksichtigen. In der DDR wiesen Männer wie Frauen im Durchschnitt eine große Anzahl an Beschäftigungsjahren in vollen Erwerbsbiographien auf. In Folge der großzügigen Anrechnung von Beschäftigungsjahren während der DDR-Zeit liegt der Anteil der von Altersarmut Betroffenen im Status quo in den neuen Bundesländern (1,7 % der Männer und 1,9 % der Frauen) deutlich unter jenem der alten Bundesländer (2,3 % bzw. 3,2 %).36 Bei den jungen Generationen ist jedoch eine gegensätzliche Entwicklung auszumachen. Das mittlere sozialversicherungspflichtige Jahreseinkommen liegt für 30 - 34-Jährigen Männer im Westen der Bundesrepublik bei 29.275 €, im Osten dagegen lediglich bei 20.750 €.37 Demzufolge dürfte Altersarmut künftig in den neuen Bundesländern häufiger auftreten als in den alten Bundesländern.

2.7 Hohe Arbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung

Nach der Wiedervereinigung im Jahre 1990 stieg die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf ein Rekordhoch. Ursächlich für diesen Anstieg war die negative Arbeitsmarktentwicklung in den neuen Bundesländern.38 Diese überwog die durch den Wiederaufbau Ost bedingte Verbesserung der konjunkturellen Lage in den alten Bundesländern. Zwischen 1989 und 1991 wurden mehr als 2,5 Mio. Menschen arbeitslos. Überdies ging die Gesamtzahl der Erwerbstätigen im neuen Bundesgebiet von fast 9 auf 6,7 Mio. zurück.39 Abb. 4 zeigt, dass sich durch die sehr geringe Zahl der Beschäftigten in den neuen Bundesländern die durchschnittliche Arbeitslosenzahl in Gesamtdeutschland konstant hoch einpendelt, was die Gefahr einer späteren Altersarmut für diese Genrationen zu Folge hat.

2.8 Entwicklung der Lohnquote

Neben den gerade thematisierten atypischen Beschäftigungsverhältnissen stellt der in den letzten Jahren einsetzende Rückgang der Lohnquote, welche den Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen beschreibt, eine Ursache steigender Armutsrisiken dar. Die Lohnquote sank zwischen 2000 und 2007 von 72 % auf 64 %.40 Durch die Rentenanpassungsformel ist die Rentenhöhe in der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) an die Lohnentwicklung gekoppelt. Im Besonderen sind von dem Rückgang der Lohnquote Personen betroffen, welche ihre Alterseinkünfte fast ausschließlich aus Rentenzahlungen generieren.41 Zu diesem Personenkreis gehören überwiegend Geringverdiener, welche ohnehin schon mit niedrigen Rentenbezügen zu kämpfen haben.42

2.9 Demographischer Wandel

Eine weitere Ursache für wachsende Armutsrisiken findet sich im demographischen Wandel. Angesicht des doppelten Alterungsprozesses wird das Nettorentenniveau vor Steuern von 51 % im Jahr 2005 auf 43 % im Jahr 2030 senken.43 Diese negative Entwicklung des Rentenniveaus verbunden mit jener der Grundsicherungshöhe gilt als Kennziffern zur Bestimmung des Personenkreises, welcher eine Rente unter dem Niveau der Grundsicherung erhält.44

3. Alters- und Renteneinkommen

3.1 Höhe und Verteilung des Alters- und Renteneinkommen

3.1.1 Alte Bundesländer versus neue Bundesländer

Die repräsentative Studie „Alterssicherung in Deutschland“ (ASiD) untersuchte das monatliche Nettoeinkommen der Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen in der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2007.

[...]


1 Deutscher Bundestag - Plenarprotokoll (1997), S. 17887.

2 Vgl. Deutscher Bundestag - Plenarprotokoll (1997), S. 17887.

3 Frankfurter Allgemeine Zeitung (2006), Nr. 27, S. 13.

4 Vgl. Müller und Raffelhüschen (2011), S. 3 .

5 Vgl. Müller und Raffelhüschen (2011), S. 4.

6 Vgl. Müller und Raffelhüschen (2011), S. 4.

7 Vgl. Ehrentraut (2006), S. 41.

8 Vgl. Börsch-Supan et al. (2012a), S. 3.

9 Vgl. Börsch-Supan et al. (2012a), S. 3.

10 Vgl . Statistisches Bundesamt (2012), S. 1.

11 Vgl. Statistisches Bundesamt (2012), S. 1.

12 Vgl. Statistisches Bundesamt (2012), S. 2.

13 Vgl. Statistisches Bundesamt (2012), S. 2.

14 Vgl. Kumpmann et al. (2010), S. 21.

15 Vgl. Börsch-Supan et al. (2012a), S. 4.

16 Vgl. Börsch-Supan et al. (2012a), S. 4.

17 Vgl. Börsch-Supan et al. (2012a), S. 4.

18 I.S.d. § 35 Satz 2 SGB VI.

19 Vgl. Börsch-Supan et al. (2012a), S. 4.

20 I.S.v § 8 Abs. 1 Nr. 1 SGB IV.

21 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2008).

22 Vgl. Statistisches Bundesamt (2011).

23 Vgl. Steffen (2010), S. 4.

24 Vgl. Kelleter (2008), S. 1205.

25 Vgl. Steffen (2010), S. 4.

26 Vgl. Steffen (2010), S. 4.

27 Vgl. Steffen (2010), S. 4.

28 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2012), S. 5.

29 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2012), S. 5.

30 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2012), S. 20.

31 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2012), S. 20.

32 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2012), S. 20.

33 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2012), S. 20.

34 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2012), S. 20.

35 Vgl. I.S.d. § 56 SGB IV.

36 Vgl. Börsch-Supan et al. (2012a), S. 6.

37 Vgl. Börsch-Supan et al. (2012a), S. 6.

38 Vgl. Booth (2010).

39 Vgl. Booth (2010).

40 Vgl. Kumpmann et al. (2010), S. 7.

41 Vgl. Kumpmann et al. (2010), S. 7.

42 Vgl. Kumpmann et al. (2010), S. 7.

43 Vgl. Börsch-Supan et al. (2012a), S. 3.

44 Vgl. Börsch-Supan et al. (2012a), S. 3.

45 Vgl. Kortmann (2008), S. 89.

Details

Seiten
46
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656528784
ISBN (Buch)
9783656532187
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232482
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Forschungszentrum für Generationenverträge
Note
1,0
Schlagworte
bedeutung rentenreformmodelle alterssicherung

Autor

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