Lade Inhalt...

Das Motiv des Erzählens in den Romanen "Johannisnacht", "Die Entdeckung der Currywurst" und "Kopfjäger" von Uwe Timm

Bachelorarbeit 2008 31 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Alltagserzählungen und literarisches Erzählen
1.1. Abgrenzung von literarischem und alltäglichem Erzählen durch Timm
1.2. Literarisches und alltägliches Erzählen in Die Entdeckung der Currywurst

2. „Der wunderbare Konjunktiv“
2.1. „Der wunderbare Konjunktiv“ – Uwe Timms Definition
2.2. Lüge und Wahrheit in Die Entdeckung der Currywurst
2.3. Möglichkeiten der Wahrheit in Kopfjäger
2.3.1. Der Erzähler
2.3.2. Die Geschichten

3. Wirkung und Funktion des Erzählens in Johannisnacht und Kopfjäger
3.1. Johannisnacht
3.2. Kopfjäger

4. Selbstreferenz und Thematisierung des Erzählens
4.1. Johannisnacht
4.2. Die Entdeckung der Currywurst

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Werk der Hamburger Schriftstellers Uwe Timm ist mit diversen Romane zu den unterschiedlichsten Themen, von Kinderbüchern über die Ost-West-Problematik und den 2. Weltkrieg hin zur 86-Bewegung, breit und vielfältig angelegt. Doch gibt es viele sich wiederholende Motive, von denen eines besonders hervorsticht: Das Motiv des Erzählens. In Uwe Timms Romanen spielt das Erzählen eine zentrale Rolle. So wird das Romanschreiben thematisiert, Figuren erzählen und lassen sich erzählen, es wird um Geld und Liebe erzählt. Immer wieder taucht eine Szene auf, die auch als „Urszene“ beschrieben wird: das Zusammensitzen in der Küche und Geschichtenerzählen (vgl. Steinecke 2005: 253)

Uwe Timm ist ein so genannter „Schriftsteller der mittleren Generation“, d.h. er gehört einer Gruppe von Schriftstellern an, die auf die Generation folgte, die direkte Zeitzeugen des 2. Weltkrieges waren und ihre Erfahrungen literarisch verarbeitet haben. Uwe Timm und seine Zeitgenossen folgten auf Schriftsteller, die Teil dieser prägenden Erlebnisse waren und hatten mit dem daraus resultierenden Vorwurf, nichts Neues schreiben zu können, zu kämpfen. Das historische Ereignis, das Uwe Timms Leben und seine Schriftstellergeneration prägte, war die Studentenbewegung und der damit verbundene Aufstand gegen die Vätergeneration, der gleichzeitig ein Aufstand gegen die Generation der Nachkriegsschriftsteller war (vgl. Durzak 1995). Timm ist somit mit seinem ersten Roman Heißer Sommer berühmt geworden, in dem es um die 68er-Bewegung geht und hat andere Werke zu diesem Thema verfasst. Die Thematik der Studentenbewegung macht einen Großteil der Diskussion um Uwe Timm aus. Doch hat er gleichzeitig mit seiner Poetik-Vorlesung, die er im Wintersemester 1991/92 an der Universität Paderborn gehalten hat und die in dem Buch Erzählen und kein Ende[1] festgehalten ist, viel Raum für eine Diskussion und Forschung um sein Erzählmodell geboten. Viele der Erkenntnisse, die Uwe Timm in Erzählen und kein Ende gewinnt, sind auf seine Werke anzuwenden und lassen interessante Rückschlüsse zu. Dies soll in der vorliegenden Arbeit getan werden.

Das Motiv des Erzählens, also die Frage, wie Uwe Timm erzählt, wie er seine Figuren erzählen lässt, in welchen Formen Erzählungen auftreten und welchen Zweck sie erfüllen, soll anhand von drei Romanen beispielhaft untersucht werden. In den Romanen Die Entdeckung der Currywurst, Johannisnacht und Kopfjäger steht das Erzählen jeweils im Zentrum, das Motiv ist jedoch in jedem Roman unterschiedlich inszeniert und bietet andere Analyseansätze. So eignen sich diese drei Werke besonders, um einen Überblick über die Verwendung des Erzählmotivs zu gewinnen.

Um die Romane in Hinblick auf die Thematik zu analysieren, soll zudem die Poetik-Vorlesung Uwe Timms, in die Überlegungen eingebracht werden. In Erzählen und kein Ende stellt Uwe Timm seine Poetik dar und entwickelt u.a. Begrifflichkeiten für Phänomene, die in seinem Werk eine Rolle spielen. Zentral ist dabei die Thematik des Alltagserzählen im Gegensatz zum literarischen Erzählen, das in Kapitel 1. anhand Die Entdeckung der Currywurst beleuchtet wird, sowie der Topos des „wunderbaren Konjunktivs“, der in 2. anhand von Kopfjäger und Die Entdeckung der Currywurst behandelt werden soll. In einem dritten Kapitel soll dann in Bezug auf alle drei Romane das Thema der „Macht des Erzählens“ aufgreifen: wie wird das Erzählen von den einzelnen Figuren in den jeweiligen Romane benutzt, wie wird es von den anderen verstanden? Was kann mit Erzählen bewegt werden? In einem vierten Punkt schließlich werden die Selbstreferenz und die Art, wie das Erzählen in den Romanen thematisiert wird, behandelt.

Erzählen und kein Ende umfasst weitere Punkte, die auf andere Romane von Timm übertragbar sind und Analyseansätze liefern. Aufgrund des Umfangs der vorliegenden Arbeit soll sich die Untersuchung allerdings auf die drei ausgewählten Romane sowie die ausgewählten Analysepunkte begrenzt werden, um diese vollständig und ausführlich behandeln zu können.

In einem letzten Punkt sollen dann die Analyse-Ergebnisse zusammengetragen werden, um zu einer Antwort auf die oben genannten Fragen zu kommen.

Die Analyse soll von der Erzähltheorie Schmids begleitet werden, die den erzähltheoretischen Hintergrund gibt, sofern er benötigt wird. Timms Poetik ist stark auf sein eigenes Schreiben und seinen Umgang und Erfahrungen mit Literatur gerichtet. Für ihn ist das Schreiben etwas „lustvolles“ (vgl. EE, S. 14) und wenig auf literaturtheoretische Ansätze ausgerichtet. Dennoch ist eine Analyse ohne bestimmte Begrifflichkeiten nicht möglich und zugleich bietet der scheinbare Gegensatz von Literaturtheorie und Timms Poetik einige interessante Ansätze zur Analyse. Der Fokus soll allerdings auf der Arbeit direkt mit dem Text liegen.

Das Ziel dieser Arbeit soll also sein, das Motiv des Erzählens anhand der drei ausgewählten Romane und Uwe Timms Poetik zu analysieren und die Bedeutung und Funktion zu untersuchen.

1. Alltagserzählungen und literarisches Erzählen

1.1. Abgrenzung von literarischem und alltäglichem Erzählen durch Timm

In Erzählen und kein Ende grenzt Uwe Timm Alltagserzählungen vom literarischen Erzählen ab. Als entscheidendes Kriterium gilt für ihn, dass Alltagsgeschichten unbedingt notwenig sind, sie sind „das Ferment des Zusammenlebens“ (EE, S. 107) und unabdingbar in zwischenmenschlichen Beziehungen. Schreiben, auf der anderen Seite, und auch das Lesen literarischer Geschichten, ist freiwillig. Während man im Alltag unvermeidlich erzählt und Geschichten erzählt bekommt, ist das Aufschreiben von Geschichten und Lesen derselben ein rein freiwilliger Akt und nicht notwendig. Uwe Timm bezeichnet Literatur daher als „den schönen Überfluss“ (EE, S. 107).

Weiter dient laut Timm das Erzählen im Alltag dazu, sich über sich selbst Klarheit zu verschaffen. Erzählend reflektiert man das erzählte Ereignis, seiner eigenen Taten und Gefühle und setzt sich gleichzeitig mit seiner eigenen Wahrnehmung auseinander. Erzählen ist somit auch eine Orientierung, nicht nur in der Zeit und der eigenen Biografie, sondern auch in dem Umgang mit anderen, zu denen man eben durch das Erzählen und Hören von Geschichten Beziehungen entwickelt und Verständnis aufbringen kann.

Was die von Alltagsgeschichten gespeisten literarischen Erzählungen von den alltäglichen unterscheidet ist zunächst natürlich die Form. Sie erscheinen schriftlich. Mit dem Verschriftlichen einer Geschichte geht ein Prozess des Ordnens einher, der in der Alltagserzählung nicht gegeben ist. Literarische Erzählungen sind strukturiert und in ihrer Struktur auf Bedeutung ausgerichtet. Sie haben einen Anfang und einen Schluss, die jeweils aufeinander verweisen und der Geschichte somit einen roten Faden geben. In dem Prozess des Ordnens und Strukturierens werden gleichzeitig neue Ansätze der Wahrnehmung möglich und dem Erzählten kann somit neue Bedeutung gegeben werden.

Dies geschieht außerdem durch den Umgang mit Sprache. Während der Umgang mit Sprache im Alltag spielerisch ist, ist er in der Literatur experimentell, bedingt durch das Bewusstseins des Autors der Distanz: nicht nur der Distanz zum Geschehen, die er als beobachtendes Subjekt einnimmt, sondern auch die Distanz zur Sprache, die im literarischen Schreiben anders als beim Sprechen nicht als selbstverständlich benutzt, sondern bewusst geformt eingesetzt wird. Die Entdeckung der Currywurst ist ein Roman Timms, in dem sich die Dialektik des alltäglichen und literarischen Erzählens, sowie die Transformation einer Alltagserzählung in einen Roman, thematisiert werden. Dies soll im folgenden Abschnitt behandelt werden.

1.2. Literarisches und alltägliches Erzählen in Die Entdeckung der Currywurst

Die Entdeckung der Currywurst, 2000 erschienen, erzählt die Geschichte Lena Brückers, die während des zweiten Weltkrieges einen fahnenflüchtigen Soldaten bei sich versteckt und ihn, als der Krieg zu Ende geht, bei sich hält, indem sie ihm das Ende des Krieges verschweigt.

Der Roman bietet in seiner Erzählstruktur einen Ansatz, der literarisches und alltägliches Erzählen miteinander verbindet. In dem Erzähler und Lena Brücker finden sich jeweils Ansätze der Konzepte des literarischen und alltäglichen Erzählens. Im Folgenden gilt es, dieses herauszuarbeiten und dabei das Erzählen, so wie es in Die Entdeckung der Currywurst eine Rolle spielt, zu untersuchen.

Die Entdeckung der Currywurst ist auf zwei Ebenen erzählt. Den Rahmen bildet hierbei die Geschichte des Erzählers, der Lena Brücker im Altersheim besucht, ihre Geschichte hört und verschriftlicht. Die sekundäre[2] Ebene, also die Binnengeschichte, bildet die Geschichte, die Lena Brücker erzählt.

Zunächst soll die Position des Erzählers genauer betrachtet werden. Der Ausgangspunkt seines Erzählens zeigt sich im Titel des Romans. Mit der Prämisse, etwas über die Entdeckung der Currywurst zu erfahren, wendet der Erzähler sich an Frau Brücker – bekommt dann aber eine andere, längere und komplexere Geschichte zu hören, die zwar auf die Entdeckung der Currywurst und somit auf die Beantwortung der Frage des Erzählers hinausläuft, jedoch mehr die persönliche Geschichte Frau Brückers ist. Hierzu heißt es bei Galli (Galli 2006: 104)

Timm operiert mit einer kohärenten Dialektik zwischen dem Erzähler-Ich, das Lena Brücker auffindet und sie bittet, nur zu einem bestimmten Ereignis […] Zeugnis abzulegen, und der Zeugin, die nicht bereit ist, sich auf diese Rolle zu beschränken und den Interviewer buchstäblich „zwingt“, einer mehr komplexen, umständlichen Erzählung Gehör zu verschaffen.

Zwar lenkt der Erzähler Frau Brücker und versucht an mehreren Stellen, sie in die richtige Richtung zu bewegen: “Hatten Sie denn Curry in der Kantine? fragte ich, um sie wieder auf die Spur zu bringen“ (CW[3], S. 51), oder: “Ich versuchte, sie auf den Curry zurückzubringen“ (CW, S. 81), dennoch lässt er sich auf ihre, auf die ganze Geschichte ein und es ist schließlich auch diese Geschichte, die der Leser präsentiert bekommt. Die Prämisse, lediglich den Ursprung der Currywurst herauszufinden, verschwindet also nicht ganz, wird aber durch die Erzählung von Frau Brücker in den Hintergrund gedrängt und findet seinen Platz erst am Ende des Romans.

Der Erzähler fungiert als „Überbringer“ der Geschichte. Frau Brücker erzählt sie ihm, er verschriftlicht sie und macht sie damit ‚lesbar’, d.h.: er muss „auswählen, begradigen, verknüpfen und kürzen“ (CW, S. 16). Er tut also das, was laut Timm die literarische Erzählung zu einem Teil ausmacht: er schafft Ordnung und strukturiert. Den beiden Erzählern – Frau Brücker, die dem Erzähler erzählt und der Erzähler, der wiederum dem Leser erzählt – sind also jeweils dem Phänomen Alltags- und literarischer Erzählung zuzuordnen. Frau Brücker erzählt alltäglich: erst der Erzähler gibt der Geschichte in ihrer schriftlichen Form eine Struktur.

Das Erzählens Frau Brücker wird von einem Bild begleitet und mit diesem charakterisiert: während sie erzählt, strickt Frau Brücker einen Pullover, sie „spinnt Fäden“, was sich sowohl auf das Stricken, als auch auf das Erzählen beziehen kann. So gibt es Passagen, in denen „stricken“ durch „erzählen“ ersetzt werden kann: „Nee, so einfach war das nicht. Sie nahm das Strickzeug stumm […]. Sie begann zu stricken. An dem Tag hab ich nur darauf gewartet, wieder nach Hause zu kommen“ (CW, S. 51). Hier setzt das Erzählen simultan mit dem Stricken ein, „ sie beginn zu stricken“ kann auch auf das Stricken der Geschichte bezogen werden. Auch merkt sie auf Seite 97 während des Strickens an: „Aber jetzt wird es schwierig, mit den Zweigen der Tanne“. Diese Bemerkung ist vordergründig auf das Stricken bezogen, jedoch zu einem Punkt, an dem Lena Brücker zu einem neuen Teil ihrer Geschichte übergeht, der auch als „schwierig“ bezeichnet werden kann: die Lüge gegenüber Bremer. Während Lena Brücker erzählt, strickt sie einen Pullover, dessen Motiv mit Vollendung der Geschichte fertig gestellt ist. Auch das Bild, das Frau Brücker strickt, kann als eine Allegorie auf ihr Erzählen verstanden werden, wie Meyer-Minnemann es tut:

Eine Landschaft mit zwei braunen Hügeln, dazwischen ein Tal […], auf dem rechten Hügel die Tanne, dunkelgrün, darüber der Himmel, eine knallgelbe Sonne und daneben, nur erst angedacht, eine kleine weiße Wolke. Klar, der fast fertige Pulloverteil […] ist die Allegorie des Erzählens von Frau Brücker, sozusagen sein Ergebnis, ein sehr buntes, naives Erzählen, dessen Verzweigungen sich in den Zweigen der Tanne spiegelt.

(Meyer Minnemann 2005: 57)

Der Erzähler steht auf der anderen Seite des von Timm entworfenen Kontrasts. Er ist die Instanz, die das Alltagserzählen in Form bringt und so bearbeitet erzählt. Dadurch, dass er, wie oben genannt „auswählen, begradigen, verknüpfen und kürzen“ muss, erlebt der Leser die Geschichte so, wie er sie präsentiert, nicht als das, was Frau Brücker erzählt hat. In Schmids Ausführungen zur Erzählperspektive wird dieser Vorgang deutlich. So heißt es dort: „Eine Geschichte konstituiert sich überhaupt erst dadurch, dass das amorphe kontinuierliche Geschehen einer selektierenden und hierarchischen Hinsicht unterworfen wird“ (Schmid 2005: 125). Diese Selektion, also die Auswahl von den zu erzählenden bzw. erzählenswerten Momenten, wird von einer Perspektive geleitet. Der Erzähler bietet den Rahmen für Frau Brückers Erzählung, er wählt aus und fügt zusammen und bietet somit die Perspektive, aus der der Roman erzählt ist. Dies manifestiert sich in einigen Teilen deutlich, wie im Folgenden gezeigt werden soll.

[...]


[1] Timm, Uwe: Erzählen und kein Ende. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1993; im Folgenden zitiert unter EE, alle Seitenangaben im laufenden Text beziehen sich auf diese Ausgabe

[2] Zurückgegriffen wird hier auf die Begrifflichkeiten Schmids, der primäre, sekundäre und tertiäre Erzählebenen unterscheidet, wobei die primäre Ebene den Rahmen bildet und die sekundäre Ebene die „zitierte Welt“, also die Binnengeschichte ist (vgl. Schmid 2005: 83)

[3] Timm, Uwe: Die Entdeckung der Currywurst [1995]. Vom Autor neu durchgesehene Ausgabe. München: Deutscher Taschenbuchverlag 2007; im Folgenden zitiert unter CW, alle Seitenangaben im laufenden Text beziehen sich auf diese Ausgabe

Details

Seiten
31
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656489696
ISBN (Buch)
9783656491736
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232476
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,3
Schlagworte
motiv erzählens romanen johannisnacht entdeckung currywurst kopfjäger timm

Autor

Zurück

Titel: Das Motiv des Erzählens in den Romanen "Johannisnacht", "Die Entdeckung der Currywurst" und "Kopfjäger" von Uwe Timm