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Caesars aemulatio mit Pompeius bezüglich dignitas im Bellum Gallicum

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 22 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Begriff dignitas
2.1 Spannweite des Begriffs und inhaltliche Eingrenzung
2.2 Dignitas in Caesars Sprachgebrauch

3. Die Messlatte Pompeius und seine Leistungen

4. Verschiedene Facetten von Caesars aemulatio mit Pompeius
4.1 Selbstdarstellung als idealer Feldherr
4.1.1 Caesars Referenzpunkt: Ciceros Rede de imperio Cn. Pompei
4.1.2 Die Feldherrentugend scientia rei militaris
4.1.3 Die Feldherrentugend virtus
4.1.4 Die Feldherrentugend auctoritas
4.1.5 Die Feldherrentugend felicitas
4.1.6 Weitere Charakteristika eines guten Feldherrn
4.2 Die Schilderung der Gegner
4.3 Caesar und seine Soldaten
4.4 Die Anerkennung von Caesars Leistungen

5. Fazit

6. Anhang

1. Einleitung

Als Caesar am Strand vor Alexandria angelangt war und ihm der Kopf des ermordeten Pompeius präsentiert wurde, soll er in Tränen ausgebrochen sein und dieses unwürdige Ende seines größten Widersachers aufrichtig bedauert haben. Eine Legende mit durchaus wahrem Kern: Jetzt hatte Caesar keine Möglichkeit mehr, seine „Propaganda der Milde“[1] am besiegten Pompeius vorzuexerzieren. Plutarch berichtet uns sehr luzide von Caesars Reaktion auf die Heimtücke und Hinterlist des hierfür verantwortlichen ägyptischen Eunuchen Potheinos[2]:

οὐ πολλῷ δὲ ὕστερον Καῖσαρ ἐλθὼν εἰς Αἴγυπτον ἄγους τοσούτου καταπεπλησμένην τὸν μὲν προσφέροντα τὴν κεφαλὴν ὡς παλαμναῖον ἀπεστράφη. Ἀχιλλᾶν δὲ καὶ Ποθεινὸν ἀπέσφαξεν· αὐτὸς δὲ ὁ βασιλεὺς[3] μάχῃ λειφθεὶς περὶ τὸν ποταμὸν ἠφανίσθη.[4]

Die Person des Pompeius zog sich grosso modo wie ein roter Faden durch Caesars Leben: Durch ihn hatte er erst die Bühne der Weltgeschichte betreten können, an ihm maß er all seine Taten und in ihm sah er letzten Endes seinen größten Antagonisten. Letztlich ist auch diese Tatsache eine Ironie der Geschichte, dass Caesar ausgerechnet in der curia des Pompeius-Theaters, zu Füßen der Pompeius-Statue[5], ermordet wurde.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Caesars gesamter Bericht über sein Wirken in Gallien stets nach Pompeius ausgerichtet ist: Dessen eklatante Erfolgen, Leistungen und Verdiensten im Osten des römischen Reichs möchte Caesar, wie KOUTROUBAS treffend feststellt, „sein eigenes Werk im Westen gegenüberstellen, und als Feldherr mindestens auf gleicher Ebene mit seinem Schwiegersohn stehen“.[6] Dementsprechend muss man das Bellum Gallicum als eine aemulatio mit Pompeius bezüglich dignitas lesen.

In vorliegender Seminararbeit befasse ich mich mit der Frage, wo sich diese aemulatio Caesars mit Pompeius in seinem Werk festmachen lässt und wie sie sich in concreto darstellt. Für dieses Unterfangen scheint mir zunächst eine skizzenhafte Ausdeutung des Begriffs dignitas sinnvoll, die ich zunächst ganz allgemein halten möchte und dann ganz konkret auf Caesars Weltsicht übertragen möchte. In einem zweiten Schritt werde ich einen grundlegenden Überblick über die Leistungen, die Pompeius in Rechnung gestellt wurden, vornehmen und darlegen, inwiefern sie Caesar als nachahmenswert galten. Schließlich werde ich mehrere Aspekte im Bellum Gallicum fokussieren, an denen eine aemulatio mit Pompeius ersichtlich wird. In diesem Kontext sollen dann sowohl historische als auch philologische Gesichtspunkte im Zentrum des Interesses stehen. Hierbei vertrete ich die These, dass sich der Name Pompeius wie eine Leitlinie durch das Bellum Gallicum zieht und Caesar immer wieder dessen Erfolge vor Augen hat, hinter ihnen aber selbst coram publico keineswegs zurückstecken möchte.

Angesichts des durchaus beachtlichen Umfangs des Bellum Gallicum kann in Hinblick auf diese dezidiert offene Themenstellung mitnichten Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Vielmehr sollen einige wesentliche Gesichtspunkte paradigmatisch herausgearbeitet werden. Hier gilt die vielbewährte Maxime: Non multa, sed multum. Ferner scheint mir in diesem Rahmen eine konsequent betriebene Quellenarbeit aufgrund der Dichte und Verlässlichkeit unsrer literarischen Überlieferung durchaus angebracht und unabdingbar.[7]

2. Der Begriff dignitas

Caesar legt im Rahmen seines Wirkens einen Maßstab an, der sich auf einen einzigen Kommensurabilitätspunkt subsumieren lässt: die dignitas. Dieser Begriff ist unserer heutigen Zeit sehr fremd, fügt sich aber optimal in den Geist der Zeit ein. Um Caesars Denkweise besser verstehen zu können, muss zunächst das Bedeutungsspektrum dieses Begriffs dignitas näher aufgeschlüsselt werden.

2.1 Spannweite des Begriffs und inhaltliche Eingrenzung

In folgendem Abschnitt stütze ich mich auf die schriftliche Publikation einer Rektoratsrede, die Hans DREXER im Jahr 1943 in der Georg-August-Universität zu Göttingen gehalten hat, über den Begriff dignitas.[8] Diese hat auch siebzig Jahre später nichts an Aktualität eingebüßt und zeigt uns sehr luzide auf, was man eigentlich unter dignitas in der römischen Gesellschaft zu verstehen hat. DREXLER leitet den Begriff dignitas nicht vom Adjektiv dignus, sondern von decus her[9] und grenzt ihn mit Verweis auf eine Cicero-Textstelle von der venustas ab:

Cum autem pulchritudinis duo genera sint, quorum in altero venustas sit, in altero dignitas, venustatem muliebrem ducere debemus, dignitatem virilem.[10]

DREXLER führt folgende Definition für den Begriff dignitas an, der ich mich cum grano sale auch anschließen möchte: „dignitas bedeutet […] prägnant Stellung und Geltung im öffentlichen Leben.“[11] Als angemessene Übersetzung für den Begriff dignitas nennt DREXLER den deutschen Begriff „Prestige“[12], doch schränkt er meines Erachtens durch diese Festlegung den Facettenreichtum des Begriffs dignitas erheblich ein, weshalb ich diese Gleichsetzung von dignitas und „Prestige“ für fragwürdig halte. Ferner ist der Begriff dignitas sehr nahe mit dem Begriff der maiestas verwandt, ob maiestas jetzt eine Steigerung von dignitas ist, wie DREXLER behauptet[13], oder einfach ein bedeutungsähnlicher Begriff, sei dahingestellt. Darüber hinaus erkennt DREXLER völlig zutreffend den engen Zusammenhang zwischen dignitas und auctoritas, wenn er schreibt: „Wir würden […] auctoritas als die Form bezeichnet, in der dignitas nach außen hin wirksam wird.“[14]

Summa summarum lässt sich also konstatieren, dass es sich bei dignitas um einen sehr schillernden Begriff handelt, dessen Abgrenzung von bedeutungsähnlichen Begriffen ebenso schwierig ist wie eine treffende deutsche Übersetzung. Die dignitas teilt allerdings nicht das Schicksal vieler philosophischer termini, die nur in hermetischen Kreisen sowie in anspruchsvollen Texten ihren Platz finden. Vielmehr hat der Begriff dignitas konkrete politische Bedeutung[15], wie DREXLER zurecht betont, denn „dignitas fordert schließlich Bewährung ihrer selbst im Handeln.“[16] Die römische Außenpolitik sei Drexler zufolge nicht anders nachvollziehbar, wenn nicht unter Betrachtung der dignitas, die als „geschichtliches Prinzip“ fungiert und konkrete Entscheidungen und Handlungen beeinflusst und lenkt.

2.2 Dignitas in Caesars Sprachgebrauch

Nachdem wir nun die Bedeutung des Begriffs dignitas en gènèrale schlaglichtartig beleuchtet haben, wollen wir nun einen Blick darauf werfen, was dignitas eigentlich für Caesar bedeutet. 1974 hat Kurt RAAFLAUB im Beck-Verlag ein Buch über den Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius publiziert, dem er ganz plakativ folgenden Titel gab: Dignitatis contentio.[17] In einer Rezension über dieses Buch heißt es: “It is RAAFLAUB’s view […] that both sides, not merely Caesar, were fighting for dignitas.“[18] Allein der Versuch, den Bürgerkrieg auf verletzte dignitas zurückzuführen, zeigt uns bereits, welch hoher Stellenwert von Caesar – und auch von Pompeius – ihrer dignitas attestiert wird.

Wir wollen uns allerdings zunächst auf Caesar beschränken. Während der Diktatur Sullas hat sich Caesar geweigert, sich von Cornelia, Cinnas Tochter, scheiden zu lassen, weil es seiner dignitas widerspräche, einer solchen Anordnung Folge zu leisten. Immerhin lasse sich ja, wie JEHNE haarscharf erkannt hat, „ein adelsstolzer nobilis […] keine Anweisungen geben.“[19] Im Jahr 63[20] äußert sich Caesar, derzeit designierter Praetor, im Rahmen der catilinarischen Verschwörung dahingehend, dass die Hinrichtung der Verschwörer der dignitas widerspräche:

Hoc item vobis providendum est, patres conscripti, ne plus apud vos valeat P. Lentuli et ceterorum scelus quam vostra dignitas.[21]

Um als Konsul seiner dignitas konkret Ausdruck zu verleihen, schreckte Caesar auch nicht davor zurück, jenes berüchtigte Bündnis mit Pompeius und Crassus einzugehen, das in den Geschichtsbüchern als „Erstes Triumvirat“ firmiert. In Gallien sieht Caesar anschließend seine Chance, sich zu bewähren, und mit Pompeius an dignitas gleichzuziehen. Grundsätzlich ist in dieser Hinsicht dem Althistoriker DAHLHEIM zuzustimmen, dass der Krieg so etwas wie Selbsterfüllung für Caesar bedeutet habe.[22] In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit der Problematik auseinanderzusetzen haben, welche Bedeutung Caesars dignitas für seine commentarii hatte. Welche Rolle die dignitas dann später für den Ausbruch des bellum civile spielte, darauf kann im Rahmen dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden.[23]

3. Die Messlatte Pompeius und seine Leistungen

Wer war dieser Mann, dem Caesar durch seine eigenen Erfolge in Gallien nachzueifern versuchte? Diodor überliefert uns eine Ehreninschrift, in der Pompeius‘ Titulatur wie folgt lautet: „Gnaeus Pompeius, Sohn des Gnaeus, Magnus, Imperator.“[24] Nicht nur dürfte ein zu Lebzeiten verliehener Ehrentitel Magnus unser höchstes Interesse wecken[25], auch die Bezeichnung imperator ist hier sehr signifikant.[26] Angesichts der Fülle an neuerer[27] Sekundärliteratur über Pompeius wäre es vermessen, seine Biographie in einem einzigen Kapitel erschöpfend und umfassend abhandeln zu wollen. Einige wesentliche Leitlinien in nuce müssen hier für den Zweck dieser Darstellung ausreichen. Sulla war der Wegbereiter für Pompeius‘ Aufstieg. Nachdem Pompeius im Vorfeld schon in Picenum – als privatus – ein Heer aufgestellt hatte und dieses Sulla zur Verfügung gestellt hatte, unterstützte er Sulla 82/81 in Sizilien und in Afrika, wo er dann, wie BALTRUSCH zutreffend zusammenfasst, „sein überraschendes Ordnungstalent bewies.“[28] Bereits hier rief man ihn zum imperator aus. Weiterhin erhielt er den Ehrennahmen Magnus und konnte mit der freundlichen Genehmigung des Diktators Sulla völlig widerrechtlich[29] einen Triumph feiern. Auch nach Sullas Rücktritt kam Pompeius eine immense Bedeutung zu, sodass ihn der Senat weitere imperia extraordinaria verlieh: zunächst gegen Lepidus, der die neuerrichtete sullanische Ordnung stürzen wollte, dann gegen Sertorius in Spanien. Ein sehr pompöses Siegesdenkmal auf dem Col Perthus in den Pyrenäen verleiht seinem Erfolg und insbesondere seiner dignitas Ausdruck: 876 Städte soll er im Rahmen des Sertorius-Kriegs erobert haben.[30]

Nach seiner Rückkehr aus Spanien wurde Pompeius zusammen mit Crassus Konsul, nachdem sich beide im Spartakus-Aufstand hatten profilieren können.[31] Wenn man Plutarch Glauben schenkt, war ihr Konsulat von gegenseitiger discordia geprägt[32], was darauf schließen lässt, dass beide Männer eine hohe dignitas besaßen und hinter der dignitas des jeweils anderen nicht zurückstecken wollten. Das Konsulat blieb BRINGMANN zufolge hinter seinen Erwartungen zurück: Das Problem der Veteranenversorgung war nach wie vor ungelöst.[33] Nach seinem Konsulat lag die üblich gewordene Verwaltung einer Provinz als Prokonsul weit unter seiner Würde und Pompeius insistierte darauf, dass man ihn diese offenkundige Zeitverschwendung erspare. Stattdessen schickte er sich an, sich noch mehr Ruhm zu machen. Im Jahr 67 wurde er mit einem weiteren imperium extraordinarium beauftragt, der Piraterie mit Zentrum in Kilikien ein Ende zu bereiten. Für diese Operation benötigte er lediglich drei Monate. Nachdem er brevi manu eine Generalamnestie erließ und die Soldaten im Osten Kilikiens ansiedelte, wurde eine Stadt zu seinen Ehren Pompeiopolis benannt, was natürlich den Neid anderer erweckte. Im Folgejahr bekam Pompeius eine noch größere Chance auf Ruhm und Ehre sozusagen auf dem Silbertablett serviert: den Krieg gegen Mithridates VI. Ein wichtiges historisches Zeugnis aus dieser Zeit ist Ciceros Rede De imperio Cn. Pompei, in der er sich dafür einsetzte, dass Pompeius den Oberbefehl gegen Mithridates erhalte. Auf sehr panegyrische Art lobt er hier die früheren Leistungen des imperium -Aspiranten.

Qui extrema pueritia miles in exercitu summi fuit imperatoris, ineunte adulescentia maximi ipse exercitus imperator, qui saepius cum hoste conflixit, quam quisquam cum inimico concertavit, plura bella gessit, quam ceteri legerunt, pluris provincias confecit, quam alii concupiverunt.[34]

Pompeius‘ Sieg über Mithridates war schließlich der Kulminationspunkt seiner Karriere: Seine Erfolge im Osten waren in aller Munde und es war communis opinio, dass Pompeius ein Feldherr war, wie ihn Rom noch nie gehabt hatte – ein zweiter Alexander[35]. Velleius Paterculus legt dem besiegten Mithridates retrospektiv in einer fiktiven oratio obliqua, die trotz fragwürdiger Historizität den Zeitgeist gut widerspiegelt, folgende Worte in den Mund:

Non esse turpe ab eo vinci, quem vincere esset nefas, neque inhoneste aliquem summitti huic, quem fortuna super omnis extulisset.[36]

Anschließend ging Pompeius daran, den Osten neu zu ordnen. Er etablierte ein römisches Herrschaftssystem, das BRINGMANN zufolge auf „dem Nebeneinander von direkter Provinzialverwaltung und abhängigen Königen und Dynasten“[37] beruhte. Im Osten wurde Pompeius mit Ehrungen und Huldigungen überschüttet, wozu auch das Geschichtswerk von Theophanes zählt, in dessen Mittelpunkt Pompeius steht.[38] Im Westen sah es allerdings anders aus: die Öffentlichkeit preiste den siegreichen Feldherrn, doch der Neid brachte viele Senatoren dazu, gegen Pompeius Politik zu machen. Weil Pompeius nicht „als ,Papiertiger‘ dastehen wollte“[39], ging er schließlich das sogenannte Erste Triumvirat mit Crassus und Caesar ein und erhoffte sich dabei die Ratifizierung seiner Verfügungen im Osten. Der Bevölkerung brachte Pompeius indes seine Erfolge durch einen besonders pompösen Triumphzug nahe, der, wie Plutarch zu berichten weiß, sich über zwei ganze Tage erstreckt haben soll,[40] und der von seinem Prunk und seiner Ausgestaltung her wirklich einzigartig war.

An dieser Stelle wollen wir nun die Darstellung von Pompeius‘ Erfolgen und Leistungen beenden und daraus folgende Schlüsse ziehen: Pompeius – die „personifizierte Extrawurst der späten römischen Republik“[41], wie ihn JEHNE treffend nennt – hat eine außergewöhnliche Karriere verzeichnet, die an den Bestimmungen der Verfassung offenkundig vorbei ging. Doch lässt sich zweifellos konstatieren, dass er gleichzeitig sich durch seine Erfolge, sein Organisationstalent und seine Führungskompetenz einen einmaligen Ruhm erwarb und sich Prestige verschaffte. Seine Errungenschaften waren beispielgebend – nicht zuletzt für Caesar.

4. Verschiedene Facetten von Caesars aemulatio mit Pompeius

Wir haben uns in den vorausgegangenen Kapiteln einen schemenhaften Eindruck davon verschafft, welche Bedeutung uns der Begriff dignitas insbesondere in Bezug auf Caesar suggerieren soll. Ferner wurde der Vorbildcharakter von Pompeius ostentativ aufgezeigt und dadurch zunächst ein allgemeingültiger und universeller Maßstab in die Beurteilung eingeführt. Im Folgenden soll auf Textgrundlage des Bellum Gallicum[42] aufgezeigt werden, inwiefern Caesar darum bemüht ist, in seinen Taten Pompeius nachzueifern und mit ihm hinsichtlich dignitas gleichzuziehen.

Dabei wird folgende These vertreten: Die Pompeius- aemulatio zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Bellum Gallicum und manifestiert sich dort in sehr hoher Frequenz. In diesem Kapitel sollen vier verschiedene Aspekte anhand von Leitfragen beleuchtet werden, die sich natürlich teilweise auch inhaltlich überschneiden: (1) Wie stellt sich Caesar als Feldherr da? (2) Welche Rolle spielt die Darstellung von Caesars Gegnern in seiner aemulatio mit Pompeius? (3) Inwiefern möchte er in Bezug auf sein Verhältnis zu den Soldaten mit Pompeius in Konkurrenz treten? Und schließlich (4) Welchen Anklang findet Caesars Wirken in Rom und was lässt sich daher bezüglich seiner dignitas sagen?

4.1 Selbstdarstellung als idealer Feldherr

Von den vier genannten Leitfragen muss die Beantwortung der ersten notwendigerweise am umfangreichsten ausfallen. Caesars Intention zielt dahingehend, sich – wie KOUTROUBAS folgerichtig resümiert – als „der ideale Feldherr, der weitaus überlegen ist“ darzustellen.[43] Im Folgenden werden wir uns zunächst einmal überlegen, wie sich Caesars Zeitgenossen einen guten Feldherrn vorstellten, und das dann wiederum an konkreten Textpassagen festmachen.

[...]


[1] Vgl. Martin Jehne, Caesar, München 2008, S.92.

[2] Der Eunuch Potheinos war seinerzeit der einflussreichste Minister und Erzieher des minderjährigen Königs Ptolemaios XIII. Pompeius war nach Ägypten gekommen, weil er sich dort Unterstützung von seinen clientes versprach. Die Regierungsclique um Potheinos hielt es allerdings für opportuner, sich auf die Seite des Siegers zu stellen, und ließ Pompeius ermorden.

[3] Gemeint ist Ptolemaios XIII., der im sogenannten bellum Alexandrinum verschollen ist.

[4] Vgl. Plutarch, Pompeius, in: Römische Heldenleben, hrsg. und übers. v. Wilhelm Ur, Leipzig 1934, hier: 79. Deutsche Übersetzung: Als wenig später Caesar nach Ägypten kam, das sich eine so große Schuld zugezogen hatte, wandte er sich voller Ekel von den Mördern ab, als ihm der Kopf [ergänze: von Pompeius] herbeigebracht wurde. Achillas und Potheinos ließ er hinrichten, der König selbst ist nach seiner Niederlage am Fluss [Nil] spurlos verschwunden.

[5] Vgl. Plutarch, Caesar, in: Römische Heldenleben, hrsg. und übers. v. Wilhelm Ur, Leipzig 1934, hier: 66.

[6] Vgl. Demetrios Koutroubas, Die Darstellung der Gegner in Caesars ,Bellum Gallicum‘, Heidelberg 1972, S.72.

[7] Um den philologischen Ansprüchen gerecht zu werden, wird bei Zitaten aus Primärquellen im Fließtext die lateinische respektive griechische Version des Originaltextes angeführt, die ich in Fußnoten jeweils um eine eigenständig verfasste Übersetzung ergänze.

[8] Vgl. Hans Drexler, Dignitas. Rektoratsrede gehalten in der Aula der Georg-August-Universität zu Göttingen am 18. November 1943, Göttingen 1944.

[9] Ibidem S.4.

[10] Vgl. Marcus Tullius Cicero, De officiis. Scriptorum Classicorum Bibliotheca Oxoniensis, hrsg. v. Michael Winterbottom, Oxford University Press 1994, 1.130. Deutsche Übersetzung: Da es aber zwei Kategorien von Schönheit gibt, von denen man der einen die venustas, der anderen die dignitas zurechnet, müssen wir die venustas für das weibliche, die dignitas für das männliche Pendant halten.

[11] Vgl. Drexler, Dignitas, S.4.

[12] Ibidem S.9.

[13] Ibidem S.4.

[14] Ibidem S.14.

[15] Hier müssen gar keine weltbewegenden historische Ereignisse angeführt werden, sondern es genügt, auf Alltagspolitik zu verweisen. Wer in seiner dignitas verletzt ist, wird stets danach streben, diese Einbuße an dignitas zu kompensieren. Dass daraus eine Notwendigkeit einer Handlung folgt, ist durchaus selbstevident und kann als Binsenweisheit aufgefasst werden.

[16] Vgl. Drexler, Dignitas, S.17.

[17] Vgl. Kurt Raaflaub, Dignitatis Contentio. Studien zur Motivation und politischen Taktik im Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius, München 1974 (Non vidi).

[18] Vgl. Barbara Levick, Review of: Kurt Raaflaub, Dignitatis Contentio. Studien zur Motivation und politischen Taktik im Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius, in: The Classical Review, hrsg. v. Barbara Levick, Band 28, Heft 2, 1978, S. 313-314, hier: S.314.

[19] Vgl. Jehne, Caesar, S.15.

[20] Fortan sind alle Jahreszahlen, wenn nicht anders angegeben, „vor Christus“.

[21] Vgl. Sallust, Catilina, Iugurtha, Historiarum Fragmenta Selecta; Appendix Sallustiana, Scriptorum Classicorum Bibliotheca Oxoniensis, hrsg. v. Leighton Reynolds, Oxford University Press 1991, 51. Deutsche Übersetzung: Ebenso gilt es für euch, darauf bedacht zu sein, ihr Herren Senatoren, dass für eure Urteilsbildung nicht das Verbrechen von P. Lentulus und den anderen größeres Gewicht habe als eure dignitas.

[22] Vgl. Werner Dahlheim, Julius Caesar. Die Ehre des Kriegers und die Not des Staates, Paderborn 2005, S.99. Dies ist im engen Zusammenhang zwischen ziviler und militärischer Karriere im römischen cursus honorum zu sehen. Dieser Tatsache wird geschuldet, dass die Römer ein ganz anderes Verhältnis zum Militärwesen hatten, als wir es aus dem 21. Jahrhundert kennen.

[23] Hier verweise ich auf oben genannte Biographie von RAAFLAUB: Vgl. Raaflaub, Dignitatis Contentio.

[24] Vgl. Siculus Diodorus, in: Library of History, Band 12, Fragmente der Bücher 33-40, hrsg u. übers. v. Francis R. Walton, Harvard, o.J., hier: 40.1.

[25] In einem sehr informativen neueren Aufsatz von FEENEY wird eine Behauptung Lucans, Pompeius sei letztendlich im Schatten des Namens magnus zurückgeblieben, auf ihre Richtigkeit überprüft. Dazu verweise ich auf Denis Feeney, 'Stat magni nominis umbra.' Lucan on the Greatness of Pompeius Magnus, in: The Classical Quarterly, Band 36, Heft 1, 1986, S.239-242.

[26] Die Akklamation zum imperator setzte ein ordentliches imperium voraus. BRINGMANN erwähnt in seiner Überblicksdarstellung über die Römische Republik, dass im Jahr 206 Scipio ein Triumph de Hispania verweigert wurde, weil er als Privatmann mit einem imperium extraordinarium dort gesiegt hatte und somit kein imperium -Träger gewesen war. Dass Pompeius dennoch zum imperator ausgerufen wurde und sein Triumph im Jahr 79 v.Chr. unter Sullas Diktatur stattfinden konnte, fügt sich vortrefflich in den Zeitgeist der ausgehenden römischen Republik mit ihren ad-hoc-Maßnahmen und ihren Krisensymptomen. Zu Scipios verweigerten Triumph vgl. Klaus Bringmann, Geschichte der Römischen Republik. Von den Anfängen bis Augustus, München 2002, S.284f.

[27] Es ist in der Tat auffallend, dass es kaum nennenswerte Sekundärliteratur vor GELZERs Biographie aus dem Jahr 1949 gibt. Das liegt in erster Linie daran, dass Theodor Mommsen, der bis in die heutige Zeit der wohl am meisten geschätzte Althistoriker geblieben ist, ein sehr negatives Pompeius-Bild hatte, während Eduard Meyer ihn lediglich als Wegbereiter des Prinzipats gesehen hat. Diese Auffassung hatte sich in der älteren Forschung durchgesetzt, weshalb erst ab den 50er Jahren bedeutendere Pompeius-Biographien erschienen sind, allen voran das „Standardwerk“ von Matthias GELZER. Vgl. Matthias Gelzer, Pompeius, München 1949 (non vidi). Obige Information entnahm ich aus folgender Rezension: Hans Volkmann, Historische Zeitschrift, Rezension zu: Matthias Gelzer, Pompeius, in: Historische Zeitschrift, Band 170, Heft 3, 1950, S.560-563, hier: S.560.

[28] Vgl. Ernst Baltrusch, Caesar und Pompeius, Darmstadt 2011, S.19.

[29] Pompeius hatte noch kein einziges Amt bekleidet, geschweige denn ein imperium besessen, auf das er die imperator -Akklamation stützen könnte. Ferner handelte es sich streng genommen nicht um einen Sieg gegen äußere Feinde, sondern um einen Bürgerkrieg, mag Pompeius es auch als Sieg über den numidischen Usurpator Hierbas auslegen. Vgl. Bringmann, Römische Republik, S.284.

[30] Vgl. Baltrutsch, Caesar und Pompeius, S.22.

[31] Es ist hier jedoch hinzuzufügen, dass Pompeius, ohne selbst groß tätig werden zu müssen, einen Großteil der Lorbeeren für sich in Anspruch nahm, was wiederum sein Prestige steigerte.

[32] Vgl. Plutarch, Pompeius, Abschnitt 22.

[33] Ein Agrargesetz konnte nicht verabschiedet werden. Vgl. Bringmann, Römische Republik, S.293.

[34] Vgl. Marcus Tullius Cicero, De imperio Cn. Pompei, hrsg. v. Otto Schönberger, Stuttgart, 1986, 28. Deutsche Übersetzung: Dieser war bereits in seiner frühesten Jugend Soldat im Heer des seinerzeit größten Feldherrn, als junger Mann seinerseits Befehlshaber über ein Heer, dieser hat öfters mit dem Staatsfeind gekämpft als irgendjemand mit seinem persönlichen Feind gekämpft hat, dieser hat mehr Kriege geführt, als wir übrigen in Büchern lesen, er hat mehr Provinzen erobert, als andere nur begehrt haben.

[35] BATTENBERG legt in seiner Dissertation dar, dass sich Pompeius‘ Alexander-Imitation auch in seiner Münzprägung widerspiegelt. Vgl. Christoph Battenberg, Pompeius und Caesar. Persönlichkeit und Programm in ihrer Münzpropaganda, Dissertation, Marburg 1980, S.8 u. S. 189.

[36] Vgl. Velleius Paterculus, Historia Romana, hrsg. v. Marion Giebel, Stuttgart 1989, 37.4. Deutsche Übersetzung: Es sei nicht schimpflich, von dem besiegt zu werden, den zu besiegen göttlicher Ordnung widerspräche, und es sei nicht unehrenhaft, sich diesem zu unterwerfen, den das Schicksal über alle erhoben habe.

[37] Vgl. Bringmann, Römische Republik, S.298.

[38] Vgl. Baltrusch, Caesar und Pompeius, S.35.

[39] Vgl. Martin Jehne, Römische Republik. Von der Gründung bis Caesar, München 2006, S.111.

[40] Vgl. Plutarch, Pompeius, Abschnitt 45.

[41] Vgl. Jehne, Caesar, S.38.

[42] Folgende Textausgabe wurde verwendet: Gaius Iulius Caesar, Commentariorum Pars Prior qua continentur Libri VII de bello Gallico cum A. Hirti Supplemento, hrsg. v. Renatus Du Pontet, Bristol 1901.

[43] Vgl. Koutroubas, Gegner im ,Bellum Gallicum‘, S.70.

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656488897
ISBN (Buch)
9783656490371
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232385
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Klassische Philologie - la
Note
1,0
Schlagworte
Caesar Pompeius dignitas Bellum Gallicum

Autor

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