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Das Papsttum. Garant oder Hindernis der Einheit der Christen?

Die Bedeutung des Papsttums im Einheitsverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils nach dem Dekret »Unitatis redintegratio« über den Ökumenismus

Essay 2011 17 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1 Die katholischen Prinzipien des Ökumenismus

2 Die praktische Verwirklichung des Ökumenismus

3 Die vom römischen Apostolischen Stuhl getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften
3.1 Die besondere Betrachtung der orientalischen Kirchen
3.2 Die getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften im Abendland

4 Das Papsttum - Garant oder Hindernis der Einheit der Christen?

Weiterführende Literatur

Vorwort

„Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine der Hauptaufgaben des Hei- ligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils.“ So beginnt das Dekret »Unitatis redintegratio« über den Ökumenismus. Die Wiederherstellung der Einheit der Chris- ten ist ein weiter und schwieriger Weg. Das Zweite Vatikanische Konzil sah es als eine seiner Hauptaufgaben an, Hilfestellungen auf diesem Weg zu geben, die in einem eige- nen Dekret über den Ökumenismus ihren Platz gefunden haben. Das Dekret hat nach einer Einleitung über den damaligen Stand der Ökumene und der Zielsetzung des De- krets drei Kapitel. Das erste Kapitel hat die katholischen Prinzipien des Ökumenismus zum Thema, das zweite beschäftigt sich mit der praktischen Verwirklichung des Öku- menismus und das dritte behandelt das Verhältnis zu den vom römischen Apostolischen Stuhl getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, mit besonderem Blick auf die Ostkirchen und die getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften im Abendland.1

Das Dekret beginnt mit einer Zustandsbeschreibung. Christus hat „eine einige und einzige Kirche gegründet“, doch kam es im Laufe der Kirchengeschichte zu Spaltun- gen. Es „erheben mehrere christliche Gemeinschaften vor den Menschen den Anspruch, das wahre Erbe Jesu Christi darzustellen“. Diese Spaltung innerhalb der einen Kirche Christi kritisiert das Dekret als dem Willen Christi widersprechend, als Ärgernis für die Welt und als Schaden für die Verkündigung des Evangeliums. Das Konzil „erwägt freudigen Herzens“, dass „in jüngster Zeit [. . . ] die gespaltene Christenheit ernste Reue und Sehnsucht nach Einheit“ überkommen hat, und daraus durch die Zusammenarbeit von Christen verschiedener Konfessionen, die sich dadurch verbunden fühlen, dass sie in Gemeinschaft den dreieinigen Gottes anrufen und Jesus als Herrn und Erlöser beken- nen, die ökumenische Bewegung entstanden ist. Seit dem 19. Jahrhundert haben Chris- ten verschiedener Konfessionen insbesondere in missionarischen, sozialen und caritativen Bereichen zusammengearbeitet. Daraus sind beispislesweise die Young Men’s Christian Association, christliche Studentenverbindungen oder Bibelgesellschaften erwachsen. Als institutionelles Organ der ökumenischen Bewegung wurde 1948 der Ökumenische Rat der Kirchen gegründet, dem unter anderem verschiedene orthodoxe Kirchen und refor- matorische kirchliche Gemeinschaften angehören. Die katholische Kirche arbeitet mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen zusammen, ist aber nicht Mitglied.2

Die Zielsetzung des Ökumenismusdekrets ist pastoral. Es wendet sich an alle Katholiken und ermutigt sie, den begonnenen Weg der Ökumene weiterzugehen. Es will „bewegt von dem Wunsch nach der Wiederherstellung der Einheit unter allen Jüngern Christi, allen Katholiken die Mittel und Wege nennen und die Weise aufzeigen, wie sie selber diesem göttlichen Ruf und dieser Gnade Gottes entsprechen können“.3

Wesentliches Merkaml der Einheit aller Christen ist für die katholische Kirche die Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom. Das Papsttum wird damit zum Garant der Einheit aller Christen. Zugleich wird das Papsttum damit aber auch zum Hindernis der Einheit der Christen, denn sie Stellung des Bischofs vom Rom in der Gesamtkirche und sein Dienst an der ganzen Christenheit ist ein wesentlicher Steitpunkt zwischen der katholischen Kirche und den christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften anderer Konfessionen. Im Folgenden werde ich das Einheitsverständnis des Ökumenismusdekrets vor diesem Hintergrund darlegen.

1 Die katholischen Prinzipien des Ökumenismus

Die katholische Kirche beteiligt sich an der ökumenischen Bewegung nach ihren eigenen Prinzipien, die im Ökumenismusdekret dargelegt werden. Ausgehend vom hohepriester- lichen Gebet Jesu, in dem er den Vater bittet, dass „alle eins seien, wie du, Vater, in mir, und ich in dir, dass auch sie in uns eins seien“ (Joh 17,21) nennt das Dekret die Eucharistie das Sakrament, das die Einheit der Christen „bezeichnet und bewirkt“. Da- her kommt in der Ökumene der Frage nach der Eucharisitegemeinschaft eine besondere Bedeutung zu. Den Heiligen Geist nennt das Dekret das „Prinzip der Einheit“, da er die verschiedenen Gnadengaben schenkt, die alle beitragen zum Aufbau des einen Lei- bes Christi (vgl. Eph 4,12), damit alle „ein Leib und ein Geist“ (Eph 4,4) und „einer in Christus Jesus“ (Gal 3,27) sind.4

Die dogmatische Konstitution »Lumen gentium« nennt die Kirche „in Christus gleich- sam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit [. . . ]. Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft und der geheimnisvolle Leib Christi, die sichtbare Versamm- lung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zu- sammenwächst.“5 Die Kirche ist eine in dieser Welt verfasste, institutionelle, hierarchisch organisierte Größe wie auch mystischer Leib Christi mit Anteil an der jenseitigen Welt. „Um diese seine heilige Kirche überall auf Erden bis zum Ende der Zeiten fest zu be- gründen, hat Christus das Amt der Lehre, der Leitung und der Heiligung dem Kollegium der Zwölf anvertraut.“ Nach seiner Auferstehung erscheint Jesus den zwölf Aposteln und überträgt ihnen den Sendungsauftrag weiter, den er vom Vater erhalten hat: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh 20,21) Unter den Aposteln nahm Petrus eine herausgehobene Stellung ein (vgl. z. B. Mt 16,18f; Lk 22,32). Die Apostel haben den Sendungsauftrag, den sie von Jesus erhalten haben, an ihre Nachfolger, die Bischöfe wei- tergegeben, unter denen der Bischof von Rom, der sich als Nachfolger des Apostels Petrus versteht, eine herausgehobene Stellung einnimmt. Die Bischöfe wiederum haben diesen Sendungsauftrag und die damit verbundenen Vollmachten von Generation zu Genration bis heute an ihre Nachfolger übertragen. Durch diese sogenannte apostolische Sukzession sehen sich die Bischöfe der katholischen Kirche bis heute in einer Traditionskette mit den Aposteln verbunden. Die Bedeutung der apostolischen Sukzession für die Authentizität der Lehre erkannte Irenäus von Lyon († 202) in Auseinandersetzung mit der Gnosis, die behauptete, geheime Lehren Christi zu überliefern. Daher hat Irenäus eine Liste der Bi- schöfe von Rom aufgestellt, die bis auf Petrus zurückgeht und wollte so nachweisen, dass der Bischof von Rom, dem er eine Vorrangstellung einräumt, sich in einer Traditions- kette bis auf den Apostel Petrus berufen kann und daher die authentische Lehre Christi verkündet: „In dieser Ordnung und Reihenfolge ist die kirchliche apostolische Überliefe- rung auf uns gekommen, und vollkommen schlüssig ist der Beweis, daß es derselbe Leben spendende Glaube sei, den die Kirche von den Aposteln empfangen, bis jetzt bewahrt und in Wahrheit uns überliefert hat.“6 Diese apostolische Sukzessionskette, die Irenäus aufgestellt hat, ist zwar aus geschichtswissenschaftlicher Sicht fragwürdig, jedoch zeigt sie, wie wichtig es den Christen nicht mal zwei Jahrunderte nach dem Tod Jesu war, sich in der Tradition Jesu und der Apostel zu wissen und macht verständlich, warum die katholische Kirche heute fast zwei Jahrtausende nach ihrem Ursprung der apostolischen Sukzession eine wesentlich Bedeutung beimisst. Die apostolische Sukzession ist in der katholischen Kirche insbesondere für die gültige Spendung des Weihesakrament und die gültige Feier der Euchariste von Bedeutung und damit wesentlich für die Frage nach der Eucharistiegemeinschaft mit Christen anderer Konfessionen. Außerdem erwähnt Irenäus eine Vorrangstellung des Bischofs von Rom. Ignatius von Antiochien († Anfang/Mitte 2. Jdh.) bezeugt, dass die Kirche von Rom einen „Vorsitz in der Liebe“ inne hat.7 Diese Vorrangstellung der Kirche von Rom und des Bischofs von Rom verfestigte sich im Laufe der Kirchegeschichte und erreichte ihren Höhepunkt in der Verkündigung des päpstlichen Jurisdiktionsprimats und der päpstlichen Lehrinfallibilität in der Konstitution »Pastor aeternus« vom 18.07.1870 durch das Erste Vatikanische Konzil. Die Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom gilt in der katholischen Kirche als wesentliches Zeichen der Ein heit.8

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1 Zweites Vatikanisches Konzil: Dekret über den Ökumenismus »Unitatis redintegratio« (21.11.1964), Nr. 1. In: Karl Rahner, Herbert Vorgrimler (Hrsg.): Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Freiburg i. Br., Basel, Wien 1966, 229.

2 Unitatis redintegratio (Anm. 1), 1 (S. 229). Vgl. Reinhard Frieling: Der Weg des ökumenischen Ge- dankens. Eine Ökumenekunde. (Zugänge zur Kirchengeschichte 10.) Göttingen 1992, 34-78; Bernd Jochen Hilberath: Theologischer Kommentar zum Dekret über den Ökumenismus »Unitatis redinte- gratio«. In: Peter Hünermann, Bernd Jochen Hilberath (Hrsg.): Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Bd. 3. Freiburg i. Br., Basel, Wien 2005, 69-223, hier 108-111; Lorenz Jaeger: Das Konzilsdekret »Über den Ökumenismus«. Sein Werden, sein Inhalt und seine Bedeutung. (Konfessionskundliche und kontroverstheologische Studien 13.) Paderborn 1965, 51f.

3 Unitatis redintegratio (Anm. 1), 1 (S. 230). Vgl. Hilberath: Kommentar zum Dekret über den Ökumenismus (Anm. 2), 115-117; Jaeger: Konzilsdekret »Über den Ökumenismus« (Anm. 2), 53.

4 Unitatis redintegratio (Anm. 1), 2 (S. 230f). Vgl. Jaeger: Konzilsdekret »Über den Ökumenismus« (Anm. 2), 54-58.

5 Zweites Vatikanisches Konzil: Dogmatische Konstitution über die Kirche »Lumen gentium« (21.11.1964), Nr. 1.8. In: Karl Rahner, Herbert Vorgrimler (Hrsg.): Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Freiburg i. Br., Basel, Wien 1966, 123.130.

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6 Irenäus von Lyon: Gegen die Häresien, III,3,3. In: Des heiligen Irenäus fünf Bücher gegen die Häresien. Übers. v. Ernst Klebba. (Bibliothek der Kirchenväter 1/3) München 1912.

7 Vgl. Ignatius von Antiochien: Brief an die Römer, Prol. In: Die Apostolischen Väter. Übers. v. Franz Zeller. (Bibliothek der Kirchenväter 1/35) München 1918, 136.

8 Vgl. Norbert Brox: Kirchengeschichte des Altertums. (Leitfaden Theologie 8.) Düsseldorf41992, 90- 100.149; Klaus Schatz: Der päpstliche Primat. Seine Geschichte von den Ursprüngen bis zur Gegenwart. Würzburg 1990, 21f.222.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (Buch)
9783656485872
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232289
Note
Schlagworte
Theologie Papsttum Ökumene

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