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Die israelischen Araber. Ihre Stellung und ihr Selbstverständnis im Staat Israel

Seminararbeit 2008 22 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Historischer Abriss

3. Die israelischen Araber im heutigen Israel

4. Diskriminierung und Ungleichheit im Staat Israel

5. Von Identitäten, Selbstverständnissen und Vorurteilen

6. Abschließende Betrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Mai diesen Jahres feierte der Staat Israel seinen sechzigsten Geburtstag. Eigentlich ein Grund zum Feiern. Dies trifft zumindest für den Großteil der israelischen Bevölkerung zu. Der Großteil der in Israel lebenden arabischen Minderheit wird den sechzigsten Jahrestag der israelischen Unabhängigkeit jedoch eher mit gemischten Gefühlen betrachtet haben. Yousef Marae, ein israelischer Araber[1] äußerte sich dazu folgendermaßen: „Am Unabhängigkeitstag verlasse ich mein Haus und mein Dorf nicht. Wenn ich diesen Tag feiern würde, würde ich die Gründung eines Staates auf den Ruinen meines Volkes feiern.“[2] Eine Haltung die er sicherlich mit vielen israelischen Arabern teilt. Es gibt jedoch einen weiteren Grund, weshalb der Mehrheit der israelischen Araber an einem so bedeutenden Tag nicht zum Feiern zumute ist. Auch sechzig Jahre nach der Staatsgründung Israels sehen viele israelische Araber ihre Stellung in diesem Staat als kritisch an. Zu groß ist in ihren Augen die Spanne zwischen formal garantierter Gleichberechtigung und der gelebten Praxis im Staat Israel. Ein Grund, weshalb Yousef Marae nicht der einzige israelische Araber sein dürfte, welcher sich als „Bürger 2. Klasse“[3] behandelt fühlt.

Die arabische Minderheit Israels soll auch im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Mit Hinblick auf die oben dargestellte Problematik stellt sich folgende Frage: Welche Stellung haben die israelischen Araber im Staat Israel wirklich? Es wird also zu untersuchen sein, inwieweit sich die Stellung der israelischen Araber im Staat Israel von der Stellung der jüdischen Israelis unterscheidet oder inwiefern sie dieser gleicht. Am Beginn der Arbeit steht ein historischer Abriss, der die historischen Hintergründe der jüdisch-arabischen Problematik näher erläutern soll. Daraufhin folgt ein kurzer Teil über die Beschaffenheit der arabischen Minderheit in Israel. Hierbei soll auch auf die Unterschiede, die es innerhalb der arabischen Minderheit Israels gibt, eingegangen werden. Der daran anschließende Teil wird sich der eingangs thematisierten und von vielen Arabern empfundenen Ungleichheit widmen. Anhand ausgewählter Beispiele soll untersucht werden, ob so eine Ungleichheit besteht und inwiefern sie Folge von Diskriminierung ist. Der darauf folgende Teil dieser Arbeit hat die verschiedenen Selbstidentifikationen/Selbstverständnisse im Staat Israel zum Gegenstand. Hierbei soll analysiert werden, inwiefern sich Araber und Juden diesbezüglich unterscheiden und was dies für Folgen für die Beziehung und Stellung zwischen Juden und Arabern nach sich zieht. Am Schluss der Arbeit soll eine abschließende Betrachtung stehen, welche die gewonnenen Erkenntnisse noch einmal kurz zusammenfasst und einen kleinen Ausblick für die Zukunft gibt.

2. Historischer Abriss

Um die sehr komplexen und stark belasteten Beziehungen zwischen israelischen Arabern und den jüdischen Israelis besser einordnen zu können, ist es unabdingbar auch auf die historischen Gegebenheiten, welche der Gründung des israelischen Staates vorausgingen, einzugehen. Bis Ende des elften Jahrhunderts befand sich Palästina, heutiges Staatsgebiet Israels, unter arabischer Herrschaft. Seit dem Jahr 1517 stand Palästina als Teil des Osmanischen Reiches unter türkischer Herrschaft, ehe die Briten im Jahr 1917 die Herrschaft über Palästina übernahmen. Vorausgegangen war 1897 jedoch ein anderes wichtiges Ereignis. Theodor Herzl hatte auf dem ersten Zionistenkongress in Basel die Schaffung eines Judenstaates gefordert. Palästina sollte demnach den Juden aller Welt in Zukunft eine Heimatstätte bieten. In Sachen Staatsgründung tat sich im Anschluss an die von Herzl gestellte Forderung allerdings lange Zeit nichts. Die arabische Bevölkerung Palästinas wurde jedoch schon früher mit jüdischen Einwanderern konfrontiert. Die erste Aliya[4] fand bereits zwischen den Jahren 1882 und 1903 statt. Weitere Aliyot[5] fanden von 1904-1914, 1919-1923, 1924-1931, 1932- 1938 und, insofern man davon sprechen kann, zwischen 1939 und 1947 statt. Die Einwanderer kauften in der Folge viel Land auf und gewannen auch in anderen Bereichen an Einfluss. Ein gewisses Misstrauen zwischen Juden und Arabern begann sich in der Folge zu entwickeln. Mit der „Balfour Declaration“[6] kam es 1917 zu einem weiteren wichtigen Ereignis auf dem Weg zur Gründung eines jüdischen Nationalstaates. Mit der „Balfour Declaration“ erklärten sich die Briten mit der Gründung einer Heimatstätte des jüdischen Volkes in Palästina einverstanden. Es zeichnete sich jedoch einmal mehr ab, dass dies wohl nur auf Kosten der arabischen Bevölkerung Palästinas geschehen würde. Im Jahre 1922 übertrug der Völkerbund den Briten das Mandat über Palästina und beauftragte die Briten damit, im Sinne der „Balfour Declaration“, zur Schaffung einer jüdischen Heimatstätte in Palästina. Zu Recht fürchteten die Araber um ihre Stellung in Palästina. Sie forderten von den Briten die Widerrufung der „Balfour Declaration“, den Stopp der Einwanderung der Juden nach Palästina, den Stopp des Verkaufs von Boden an Juden und die Schaffung eines arabisch-palästinensischen Staates.[7] Diese Forderungen wurden nicht erfüllt und so kam es in der Folgezeit zu Aufständen und ernsthaften Auseinadersetzungen zwischen Juden und Arabern. Die Aggressionen der Araber richteten sich später auch gegen die britischen Besatzer. Eine Art Hilferuf der Araber, für deren Problematik sich niemand ernsthaft zu interessieren schien. Es wurde einfach über ihren Kopf hinweg entschieden, dass ihre Heimat in Zukunft die Heimat der Juden sein sollte. Eine Entscheidung gegen Palästina und für den Staat Israel. Eine Entscheidung die die arabische Bevölkerung in Palästina bewusst ignoriert und den Juden der Welt eine Heimat geschaffen hat. „Die Briten taten so, als wäre die Errichtung einer nationalen Heimatstätte für die Juden durchführbar, ohne den Arabern zu schaden, und manche mögen dies tatsächlich geglaubt haben. Aber natürlich war es unmöglich. In Wahrheit bildeten sich in Palästina zwei rivalisierende nationalistische Bewegungen heraus, die unweigerlich auf eine Konfrontation zusteuerten…Von Anfang an blieben also nur zwei Möglichkeiten: Entweder besiegten die Araber die Zionisten, oder die Zionisten unterwarfen die Araber. Der Krieg zwischen beiden war unvermeidlich.“[8] In der Folgezeit gab es einige weniger erfolgreiche Bestrebungen die Problematik im Interesse beider Parteien zu lösen. Eine dieser Bestrebungen war der „ Peel Bericht“, welcher eine Lösung des Konflikts durch die Teilung des palästinensischen Territoriums anstrebte. Die Idee war die Schaffung eines souveränen jüdischen und eines souveränen arabischen Staates in Palästina. Dieser Vorschlag stieß jedoch, wie viele andere Konfliktlösungsvorschläge zuvor, mehrheitlich auf Ablehnung. Auf mindestens ebenso große Ablehnung stieß der von den Vereinten Nationen erarbeitete Teilungsplan aus dem Jahr 1947 bei den Arabern. Dieser Teilungsplan sah die Teilung Palästinas in einen souveränen jüdischen und in einen souveränen arabischen Teil vor. Jerusalem sollte keinem der Staaten zugesprochen werden und als „corpus separatum“ fortbestehen. Während die Araber diesen Teilungsplan ablehnten, wurde er von jüdischer Seite angenommen. Am 29. November 1947 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. „Die britische Verwaltung begann alsbald ihre Position in Palästina schrittweise zu räumen, sie überließ das Land dem jetzt ausbrechenden Bürgerkrieg zwischen Juden und Arabern.“[9] Der Bürgerkrieg war von Guerillakämpfen und terroristischen Anschlägen auf beiden Seiten geprägt. Am 14. Mai 1948 wurde die Unabhängigkeit des Staates Israel ausgerufen, woraufhin Israel von sieben arabischen Staaten[10] angegriffen wurde. Dieser Krieg hatte hunderttausende arabische Flüchtlinge und Vertriebene zur Folge, welche nach Kriegsende nicht wieder nach Israel zurückkehren durften. Mit Kriegsende im Jahr 1949 befanden sich nur noch schätzungsweise 160.000 Araber in Israel. Diese standen von nun an einer ca. 700.000 Menschen starken jüdischen Mehrheit gegenüber. Die Araber fanden sich nach dem Krieg als eine Minderheit im israelischen Staat wieder. Der israelische Staat gewährte den verbliebenen Arabern von Anfang an die israelische Staatsbürgerschaft, das Wahlrecht und formelle Gleichberechtigung. Realistisch betrachtet wurde ein Großteil der israelischen Araber aufgrund der von Israel eingeführten Militärverwaltung in ihren Rechten jedoch stark eingeschränkt. In den folgenden Jahrzehnten wurde das ohnehin schon angespannte Verhältnis zwischen jüdischen Israelis und israelischen Arabern durch immer wechselnde Phasen von Annäherung und Distanzierungen[11] geprägt.

3. Die israelischen Araber im heutigen Israel

Heute, rund sechzig Jahre nach der Staatsgründung Israels, leben ca. 1,4 Millionen[12] israelische Araber im Staat Israel. Damit hat sich der Anteil der arabischen Bevölkerung in Israel seit der Staatsgründung ungefähr verneunfacht. Bei einer Einwohnerzahl Israels von rund 7,3 Millionen[13] macht die arabische Bevölkerung damit beinahe 20 Prozent der Gesamtbevölkerung des israelischen Staates aus. „By 2050 almost one Israeli citizen in three will be an Israeli Arab.”[14] Aufgrund der stärkeren Geburtenrate[15] unter den israelischen Arabern ist also davon auszugehen, dass der prozentuale Bevölkerungsanteil der Araber in Israel in Zukunft noch weiter zunehmen wird und damit auch die Wichtigkeit der arabischen Minderheit immer mehr an Bedeutung gewinnen wird. Die arabische Minderheit Israels ist jedoch keine homogene Gruppierung. Innerhalb dieser Gruppierung gibt es wichtige Unterschiede hinsichtlich Religion und Kultur, welche an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben sollen. Die größte Gruppe stellt hierbei die Gruppe der Muslime dar. Etwa 75 Prozent[16] der israelischen Araber sind Muslime. Hervorzuheben ist hierbei, dass die Muslime hinsichtlich zivilrechtlicher Fragen, also Fragen des Familien- und Personenstandsrechts, autonom handeln. Eine weitere religiöse Gruppierung unter den israelischen Arabern sind die Christen. Mit einem Bevölkerungsanteil von rund 10 Prozent[17] unter den israelischen Arabern stellen sie eine Minderheit dar. Genau wie die Muslime handeln die Christen als eine anerkannte Religionsgemeinschaft in Fragen des Familien- und Personenstandrechts autonom. Im Vergleich zu den moslemischen Arabern sind die Christen sozial leicht besser gestellt. Dies zeigt sich unter anderem an dem größeren Anteil von Christen mit höher qualifizierten Schulabschlüssen, der höheren Zahl christlicher Universitätsabsolventen, sowie anhand einer geringeren Arbeitslosenquote.[18] Eine weitere Minderheit innerhalb der arabischen Minderheit wird durch die Drusen repräsentiert. Etwa 100.000 Drusen leben in Israel.[19] Sie dienen bemerkenswerter Weise im israelischen Militär und verhalten sich dem Staat gegenüber auch ansonsten weitgehend loyal. Was die Religion betrifft, so werden die Drusen von Israel als eigenständige Religionsgemeinschaft betrachtet. Die Drusen definieren sich selbst nicht als Muslime, sondern identifizieren sich über ihre eigenständige, bezüglich den Inhalten weitgehend geheime, Religion. Neben den Drusen gibt es noch die Gruppe der Beduinen. Sie machen den wohl kleinsten Anteil der arabischen Minderheit aus und dienen ebenfalls in der israelischen Armee. Sie leben vorwiegend in der Negevwüste und widmen sich hauptsächlich ihren Tierherden, da ihre Existenz von diesen abhängt. Sie unterscheiden sich von den anderen Arabern nicht durch ihre Religion[20], sondern über ihre kulturelle Einzigartigkeit und durch die Beibehaltung ihrer traditionellen Lebensweise. Eines ist jedoch allen Arabern auch sechzig Jahre nach der israelischen Staatsgründung gleich: Sie leben zusammen als Minderheit in einem Staat, dem es bis heute leider nicht vollständig gelungen ist, die in der Unabhängigkeitserklärung versprochen Gleichberechtigung auf alle Bürger des Staates Israel anzuwenden. Trotz der formellen Gleichberechtigung und Israels Verständnis als demokratischer Staat kam es seit der Staatsgründung immer wieder zu Benachteiligungen gegenüber den israelischen Arabern und Bevorzugungen gegenüber den jüdischen Israelis. Wie sich solche, das öffentliche Leben der Araber bestimmende, Diskriminierungen auswirken hat die Vergangenheit leider auch gezeigt. Die Entladung von aufgestautem Hass und Aggressionen sind die Folge und haben die Beziehung zwischen Arabern und Juden immer wieder stark belastet und belasten sich noch heute.

[...]


[1] Der Ausdruck „israelischer Araber“ fortan als Bezeichnung für einen arabischstämmigen Staatsbürger Israels.

[2] Johannes Honsell: Araber mit israelischen Pass, in: Sueddeutsche Online; URL:

http://www.sueddeutsche.de/ausland/special/259/171753/index.html/ausland/artikel/777/174256/article.html (18.06.2008).

[3] Ebenda.

[4] Aliya ist ein Synonym für die jüdische Einwanderungsbewegung und kommt aus dem Hebräischen; abgeleitet von „la´alot“, was soviel wie „hinaufgehen“ bedeutet.

[5] Mehrzahl von Aliya.

[6] Benannt nach dem britischen Außenminister Arthur Balfour.

[7] Vgl. El Sayed, Adel: Palästina in der Mandatszeit. Der palästinensische Kampf um politische Unabhängigkeit und das zionistische Projekt. Zur Dynamik eines Interessenkonflikts vom Zerfall des Osmanischen Reiches bis zur Gründung des Staates Israel im Jahre 1948. Bern, [u.a.] 1996, S. 62 ff.

[8] Segev, Tom: Es war einmal ein Palästina. Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels, aus dem

amerikan. von Doris Gerstner, 3. Auflage. München 2005, S. 12.

[9] Ansprenger, Franz: Juden und Araber in Einem Land. Die politischen Beziehungen der beiden Völker im Mandatsgebiet Palästina um im Staat Israel. München 1978, S. 63.

[10] Jordanien, Syrien, Libanon, Ägypten, Irak, Saudi-Arabien, Jemen.

[11] Der Unabhängigkeitskrieg, der Sechstagekrieg, der Jom-Kippur-Krieg, die erste und die zweite Intifada, sowie die unzähligen Terroranschläge belasteten das Verhältnis zwischen Juden und Arabern immer wieder auf ein Neues.

[12] Israels Central Bureau of Statistics. Monthly Bulletin of Statistics No. 7/2008;

URL: http://www1.cbs.gov.il/www/yarhon/b1_e.htm (06.08.2008).

[13] Ebenda.

[14] Louer, Laurence: To be an Arab in Israel, übers. von John King, revised and updated edition. London 2007, S. 1.

[15] Vgl. Wolffsohn, Michael: Israel. Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, 3. erw. und überarb. Auflage. Opladen 1991, S. 249.

[16] Goldberger, Ernest: Die Seele Israels. Ein Volk zwischen Traum, Wirklichkeit und Hoffnung. München 2004, S. 308.

[17] Ebenda.

[18] Ebenda, S.308-309.

[19] Sie leben hauptsächlich in Galiläa und auf dem Karmel.

[20] Der Religion nach sind sie Muslime.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656488378
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232265
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Schlagworte
Israel Minderheitenrechte Araber

Autor

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