Lade Inhalt...

Hindunationalismus: (K)ein Ende in Sicht?

Hausarbeit 2013 21 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung und Ideologie des Hindunationalismus
2.1 Nationalismus oder Kommunalismus
2.2 Beginn des indischen Nationalismus
2.3 Hindutva-Ideologie

3. Die Familie der Sangh Parivar
3.1 Die Rashtriya Swayamsevka Sangh
3.2 Der Vishwa Hindu Parishad
3.3 Die Bharatiya Janata Party

4. Politischer Erfolg und Niedergang der Hindunationalisten
4.1 Herausforderungen der Indischen Demokratie
4.2 Der Aufstieg der BJP
4.3 Die Rückkehr zu Dynastie

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Indien, insbesondere die religiöse Kultur des Subkontinents, gilt im Westen als eine tolerante, multikulturelle und friedliche Gesellschaft. Der Erfolg der straff organisierten hindunationalistischen Partei BJP wurde Ende der achtziger und neunziger Jahre von der ganzen Welt umso mehr mit Besorgnis aufgenommen. Sie propagierten, geprägt von der Hindutva-Ideologie, die Hindu Rashta, eine durch Hindus kulturell dominierte Gesellschaft. Befürchtungen vor Destabilisierung, theokratischer Diktatur und einem nuklearen Krieg mit Pakistan wurden laut.[1] Durch die Zerstörung der Babri-Moschee, die zahlreiche Menschenleben forderte, und die Ermordung Mahatma Gandhis durch einen Hindunationalisten hatte die internationale Gemeinschaft schon mehrmals ein sehr gewalttätiges Bild auf die politisch extremen Hindus bekommen.[2] Es wurden eine weitere Eskalation und Intensivierung des Konflikts vermutet. Die indische Demokratie war augenscheinlich ins Wanken geraten.

Zwei Jahrzehnte später befindet sich die Bewegung in der Opposition und darüber hinaus in einer Sinnkrise. Die hindunationalistische Vielparteienkoalition der National Democratic Alliance hat sich in den Wahlen 2004 nicht mehr durchsetzen können. Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Erfolg der Nationalisten und den Hintergründen des baldigen Abstiegs der zuvor aufstrebenden Bewegung, nach nur einer Legislaturperiode. Indien als Land, welches von kulturellen und ethnischen Konflikten durchzogen ist und in dem breite Bevölkerungsschichten in Armut leben, bietet eigentlich einen idealen Nährboden für radikales Gedankengut. Im Zuge der Modernisierung und Globalisierung tun sich immer größere Spalten auf und die Gesellschaft ist einem radikalen Wandel unterworfen. Hindus und Muslime konkurrieren um neue Möglichkeiten, um in verhältnismäßigem Wohlstand zu leben. Dies heizt den Jahrhunderte schwelenden kommunalistischen Konflikt weiter an. Ist die Schwäche der BJP deshalb nur temporär oder sticht Indien aus der Masse der multikulturellen Entwicklungsländer heraus, die politisch extreme Bedrohungen nicht abwenden konnten? Konnte sich die Demokratie gegen Unterdrückung und Diskriminierung durchsetzen?

2. Entstehung und Ideologie des Hindunationalismus

2.1 Nationalismus oder Kommunalismus

Nationalismus ist ein Phänomen, das vom Nationalbewusstsein abgegrenzt werden muss. Die Bevölkerung eines Landes ist sich in der Regel über die Zugehörigkeit zum eigenen Staat bewusst und zugleich wird dieses Wissen mit der Mehrheit als Selbstverständnis geteilt.[3] Nationalismus hingegen „bezeichnet eine Ideologie, die die Merkmale der eigenen ethnischen Gemeinschaft (z. B. Sprache, Kultur, Geschichte) überhöht, als etwas Absolutes setzt und in dem übersteigerten (i. d. R. aggressiven) Verlangen nach Einheit von Volk und Raum mündet.“ [4] Die Ideologie um den eigenen Staat ist somit im Zentrum aller sozialen Institutionen und wird auf allen Ebenen integriert.

Der Begriff Kommunalismus hebt „Konflikte zwischen ethnischen, religiösen und kulturell sich definierenden gesellschaftl. Gruppen ab“[5]. Er rührt aus der britischen Kolonialzeit, in der „communities“ als eine Bezeichnung für Religionsgemeinschaften diente. Der Schwerpunkt bei dieser Form von Nationalismus liegt also weniger am integrierenden Staat, sondern mehr in ethnischen Kategorien, die von der Kolonialmacht übernommen wurden und als eigenes Ideal postuliert werden.[6] Unter britischer Herrschaft wurde versucht, die indische Gesellschaft zu entschlüsseln und die Bevölkerung in sogenannte „enumerated communities“ nach Religionszugehörigkeit einzuteilen.[7] Die diverse Kultur Indiens wurde somit klar abgegrenzt. Jeder, der sich nicht zum Christentum, Islam oder Buddhismus bekannte, wurde automatisch als Hindu “klassifiziert“. Dies machte es für die Besatzer einfach, immer wieder auftretende Konflikte, als ethnisch zu bezeichnen. Durch diese Kategorisierung identifizierte sich die rechte Bewegung Indiens als Hindus und grenzten sich somit vom „Feindbild“ der Muslime stark ab.[8] In der Realität ist eine so klare Abgrenzung aber schwierig, da sich die Menschen in manchen Gebieten selbst als „Hindoo-Mohammedaner“ [9] bezeichnen. Auch ist die „Bandbreite religiöser Vorstellungen, die später als Hinduismus klassifiziert werden sollten, […] genauso umfangreich wie die Ursprünge einzelner Kulte und die Verschiedenheit der verehrten Götter“.[10] Wenn man von Hindunationalismus spricht, wird also mehr „Kommunalismus“ als klassischer, vor allem europäisch geprägter Nationalismus gemeint. In dieser Arbeit werden beide Bezeichnungen verwendet.

2.2 Beginn des indischen Nationalismus

Im Zuge der „bengalischen Renaissance“, dem Übergang zu einer modernen Gesellschaft, entstand die „intellektuelle Vorhut einer nationalen Bewegung“.[11] In diesem Vorläufer des Hindunationalismus lässt sich bereits die starke Tendenz zur Schaffung eines muslimischen Feindbildes erkennen. Einer der wichtigsten bengalischen Autoren dieser Zeit schrieb folgende Novelle (Auszug):

„Everywhere else there’s a pact with the king for protection, but does our Muslim king protect us? We’ve lost our religious way of life, our caste status, our self-respect, our family connections – and now were about to lose our lives! If we don’t get rid of these bearded degenerates will anything be left of our Hindu identity?” [12]

Vor dem Hintergrund, des von den Kolonialherren eingesetzen, muslimischen Gouverneurs[13], hat sich hier offensichtlich eine „Hindu identity“ gebildet, die sich gegen das Feindbild der „bearded degenerates“ (Muslime) abzugrenzen versucht. Noch heute wird der Text von Hindunationalisten zur Propaganda genutzt, um ein Patriotismusgefühl zu schaffen.[14]

[...]


[1] Vgl. Cherian, John: The BJP and the Bomb, in: Frontliner v. 11-24 April 1998, S. 4f.

[2] Vgl. o.V.: Große Scham, in: Der Spiegel v. 1 Januar 1993, S.131f.

[3] Vgl. Delf, Tobias: Hindunationalismus und europäischer Faschismus: Vergleich, Transfer- und Beziehungsgeschichte, Bonn, 2008, S.28.

[4] Schubert, Klaus/Martina Klein: Nationalismus, in: Schubert, Klaus/Martina Klein(Hrsg.): Das Politiklexikon. 5. Aufl. Bonn, 2011, S.118.

[5] Nohlen, Dieter: Kommunalismus, in: Nohlen, Dieter/Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begriffe, München, 2010, S.472f.

[6] Vgl. Delf: Hindunationalismus und europäischer Faschismus, S.29.

[7] Vgl. Eckert, Julia: Der Hindunationalismus und die Politik der Unverhandelbarkeit, in: Bundeszentrale für politische Bildung(Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte B42/43, Berlin, 2002, S.25.

[8] Vgl. Ebd., S.24f.

[9] Eckert: Der Hindunationalismus und die Politik der Unverhandelbarkeit, S.25.

[10] Wolf, Tobias: Extremismus im Namen der Religion, Aachen, 2012, S.44.

[11] Delf: Hindunationalismus und europäischer Faschismus, S.39.

[12] Bankimcandra Chatterji: Anandamath, or The Sacred Brotherhood - Translated with an Introduction and Critical Apparatus by Julius J. Lipner, New York, 2005, S. 147.

[13] Vgl. Delf: Hindunationalismus und europäischer Faschismus, S.38.

[14] Vgl. Ebd., S.40.

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656488422
ISBN (Buch)
9783656493136
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232248
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Politikwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
hindunationalismus ende sicht

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Hindunationalismus: (K)ein Ende in Sicht?