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Junge Hindus in den USA. Für den Hindu-Nationalismus besonders anfällig?

Essay 2013 7 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Junge Hindus, die in der multikulturellen Gesellschaft der USA aufwachsen und leben, sehen sich in ihrem Alltag ganz anderen Umständen und Herausforderungen gegenüber als noch ihre Eltern. Die nahezu unausweichliche Begegnung mit den unterschiedlichsten Kulturen kann zu einer offenen, toleranten Geisteshaltung gegenüber der Vielfalt, im Gegensatz dazu aber auch zur Entwicklung einer chauvinistischen, intoleranten Weltanschauung beitragen. Welche Richtung schlagen die in der amerikanischen Gesellschaft sozialisierten jungen Hindus ein? Meine Argumentation soll aufzeigen, dass die Beantwortung der Frage nach ihrer Anfälligkeit, sich nationalistischen Ideologien anzuschließen, von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren abhängt. Um einer Antwort nahezukommen, ist es unabdinglich, sich mit den vielfältigen identitätsformenden Einflüssen auseinanderzusetzen, denen junge Hindus in der US-amerikanischen Multikulturalität im Laufe ihres Heranwachsens ausgesetzt sind.

Schon in frühen Jahren prägend ist das Elternhaus. Kinder, die in einer traditionsbewussten oder auf religiöse Kontinuität achtenden Umgebung aufwuchsen, nehmen die in einer solchen Erziehung vermittelte Kultur als grundlegenden Teil ihrer Identität auf (Kurien, S.456). Dadurch bedingt ist die Neugier in Bezug auf die Geschichte und aktuelle Entwicklungen im nunmehr als eigentliche Heimat angesehenen Indien. So erlangen junge Hindus Wissen über die Hindutva-Bewegung, gesellschaftlich wie politisch bedeutsame Ereignisse wie die Zerstörung der Moschee in Ayodhya 1992 und über den Hinduismus im Allgemeinen. Ob durch die Erzieher selbst vermittelt oder aber in eigener Recherche angeeignet trägt das Bild der historischen wie aktuellen "Gefährdung" durch den "fremden" Islam dazu bei, dass Angehörige dieses Glaubens bereits in jungen Jahren als Feinde wahrgenommen werden können. In den USA existiert eine große Anzahl religiöser Schulen und Bal-Vihar-Kurse anbietender Institutionen. Auch der Besuch von Sommerlagern, ebenfalls mitunter von radikal hinduistischen Organisationen veranstaltet, wird zumeist auf das Betreiben der Eltern zurückgehen. Allerdings bleibt anzumerken, dass Jugendliche und junge Erwachsene von Hindu-nationalistischer Gesinnung nicht zwangsläufig eine von ebensolchem Gedankengut bestimmte Erziehung erhielten. Wichtig ist das im Elternhaus gelegte Fundament einer Hindu-Identität. So werden offiziell dem Hinduismus angehörende junge Inder sich selbigem weniger verbunden fühlen, wenn ihre Eltern aufgrund deren eigener Unreligiösität erzieherisch niemals eine besondere Wertschätzung desselben vermittelten. Dies schließt eine Begeisterung für die eigene Religion keineswegs aus, allerdings wird ihre schwächere Inkorporierung in die Selbstwahrnehmung aus der betreffenden Person zunächst wohl keinen Anhänger der Hindutva-Ideologie machen.

Von vergleichbarer Bedeutung für die Identitätsbildung ist das soziale Umfeld, mit dem junge Hindus in Kindheit und Jugendjahren konfrontiert werden. Offenbar macht es durchaus einen Unterschied, ob diese Jahre im kleinstädtischen bis ländlichen und somit in den USA überwiegend weißen Milieu verlebt werden, oder aber in einer Großstadt, wo das Vorkommen großer, konzentrierter südasiatischer Gemeinschaften wahrscheinlicher ist. Hindus, die in einer durch die weiße Mittelschicht geprägten Umgebung heranwuchsen, scheinen gehäuft eine gesamt-indische, wenn nicht sogar südasiatische Identität entwickelt zu haben, während jene, die in Nachbarschaft mit Pakistanis, Sikhs, indischen Muslimen, Tamilen usw. sozialisiert wurden, zur Bildung einer religiösen oder sub-ethnischen Identität neigen (Gupta, S. 129). Die Beschaffenheit des Freundeskreises spielt ebenfalls eine Rolle, die sich den Umständen gemäß auf unterschiedliche Weise auswirken kann. So ist es denkbar, dass ein ausschließlich weißer Freundeskreis ein Gefühl der Isolation hervorruft und somit das Bedürfnis nach dem Umgang mit Menschen gleicher Wurzeln oder desselben Glaubens – bis hin zum Abdriften in eine nationalistische Haltung, die die vorherige Marginalisierung kompensiert.

Andererseits könnte gerade der Kontakt mit Altersgenossen ähnlicher Herkunft oder anderen übereinstimmenden Eigenschaften, wie er in der Schule und spätestens auf dem College passiert, ein Gefühl der Verbundenheit, insbesondere angesichts von Diskriminierung, aufkommen lassen, und somit eine religiöse, ethnische und kulturelle Schranken überwindende Solidarität fördern. Konflikte wie die um Ayodhya treten dabei im Bewusstsein der jüngeren Generation in den Hintergrund; ausschlaggebender scheint der Alltag in der multikulturellen Gesellschaft der USA zu sein (Khandelwal, S. 150). Tatsächlich fühlen sich viele junge Inder, entgegen der in den USA herrschenden Erwartung einer sowohl ethnischen als auch amerikanischen Identität, von ihrer vermeintlichen Heimat Indien, das eher als Land der Eltern empfunden wird, ebenso wie von dessen hinduistischen Traditionen entfremdet. Sie mögen noch Teil ihrer Identität sein, allerdings in weitaus geringerem Maße als das tägliche Leben und Erleben in der US-amerikanischen Multikulturalität. Ebendiese Multikulturalität ist es jedoch, die fast zwangsläufig eine Art Marginalisierung seiner Bestandteile, der einzelnen Kultur-Welten, zur Folge hat. Diskriminierung auf sozialer und politischer Ebene sowie der Eindruck mangelnder Akzeptanz durch die Leitkultur rufen zuweilen eine "reaktive Ethnizität" (s. Kurien, S. 437ff.) hervor - in diesem Fall die Überhöhung der indischen Heimat und ihrer hinduistischen Traditionen, welche durch die viktimisierende Selbstdarstellung als unterdrückte Minderheit legitimiert wird. Die in den USA herrschenden ethnischen Kategorien und Vorurteile erschweren vorallem der Jugend indischer Abstammung das Finden einer klar definierten Identität - zwingen sie aber gleichzeitig zur Auseinandersetzung mit ihren Wurzeln. So sehen sie sich nicht selten am College mit der Frage konfrontiert, welcher dieser Kategorien sie sich zugehörig fühlen; angefangen mit der Zuordnung zu Oberbegriffen wie "Asian American", "White" u.Ä. in manchen Anmeldungsformularen und weitergeführt durch zahlreiche Campus-Organisationen, die mit ihrer oftmals kulturellen oder religiösen Ausrichtung um die Neuankömmlinge werben. So existieren Klubs, die bewusst eine gesamt-indische bis südasiatische Identität fördern und propagieren; ihre Mitglieder mögen vorallem aus dem ländlichen und kleinstädtischen Raum stammen oder weitgehend frei sein von Vorurteilen gegenüber Indern bzw. Südasiaten anderen Glaubens oder Ethnie.

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Details

Seiten
7
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656487692
ISBN (Buch)
9783656575597
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232170
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Centre for Modern Indian Studies
Note
1,0
Schlagworte
junge hindus hindu-nationalismus

Autor

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