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Das Herz eines Cäsar im Busen einer Frau: Artemisia Gentileschi in London am Hof Carls I. und ihre letzten Jahre in Neapel

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 28 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Artemisia in London
2.1 Charles I und Henriette Marie
2.2 Das Queen‘s House
2.3 Orazio und Artemisias Allegorie des Friedens und der Künste unter der Herrschaft der englischen Krone
2.4 Artemisias Rückkehr nach Neapel

3. Zurück in Neapel: Artemisias letzte Jahre
3.1 Artemisias Kontakt mit Don Antonio Ruffo
3.2 Artemisias Spätwerk – Neudefinierung oder Anpassung?
3.2.1 Die Bathseba im Bade
3.3 Tod

4. Fazit

5. Anhang
5.1 Werksverzeichnis 1640 – 1635
5.2 Literaturverzeichnis
5.3 Abbildungsverzeichnis
5.4 Abbildungen

1. Einleitung

Artemisia Gentileschi gilt als die wohl erfolgreichste Künstlerin des Barocks und war die erste Frau in der westlichen Geschichte die das Konzept des Künstlergenies erfüllte[1]. Nach ihrem Tod geriet sie für fast 350 Jahre in Vergessenheit, bis Roberto Longhi 1916 maßgeblich zu ihrer Wiederentdeckung beitrug und sie als „einzige Frau in Italien, die jemals wusste, was Malerei, Kolorit [und] Farbauftrag ist“, pries[2]. Als angesehene Künstlerin reiste sie in ihrem Leben viel und arbeitete für verschiedene Auftraggeber.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Artemisia Gentileschis Zeit in London und ihrer dortigen Zusammenarbeit mit ihrem Vater Orazio, sowie den letzten Jahren ihres Lebens, die sie in Neapel verbrachte. Beginnend mit ihrer Zeit am englischen Hof, soll neben dem Königspaar auch das Queen‘s House kurz vorgestellt werden. Anschließend soll auf die Deckenpanelen, bei deren Fertigstellung Artemisia ihrem Vater helfend zur Seite stand, eingegangen werden.

Der zweite Teil dieser Arbeit befasst sich mit Artemisia Gentileschis letzten Lebensjahren in Neapel. Ihre Korrespondenz mit Don Antonio Ruffo spielt dabei eine große Rolle, da der Briefkontakt zwischen den Beiden die einzige schriftliche Überlieferung aus Artemisias letzten Jahren darstellt. Vergleicht man die Werke der reifen Künstlerin mit einem ihrer früheren Gemälde, fällt ein Wandel in der Darstellung von Weiblichkeit auf. Mögliche Ursachen für diesen Wandel sollen genannt und die Veränderung des Stils anhand verschiedener Bathsebaversionen deutlich gemacht werden. Abschließend werden die satirischen Grabinschriften vorgestellt, anhand welcher das ungefähre Todesdatum der Künstlerin festgemacht wird. Im Anhang befindet sich zudem eine Werksübersicht der letzten Jahre der Künstlerin[3].

2. Artemisia in London

Der Überlieferung zufolge wurde Artemisia Gentileschi im Jahr 1635 durch ihren Bruder Francesco, der als Kunstagent im Auftrag von Orazio, Artemisia und der englischen Krone in Italien unterwegs war, eine Einladung an den englischen Hof überbracht[4]. Bevor Artemisia sich jedoch auf die Reise nach London begab blieb sie laut Briefen noch mindestens bis Ende 1637 in Neapel[5]. Es wird angenommen, dass sie die Einladung annahm, weil es ihrem alten Vater gesundheitlich immer schlechter ging, jedoch zögerte weil die in London wütende Pest sie abschreckte.[6]

Orazio arbeitete zu dieser Zeit bereits seit neun Jahren erfolgreich am Hof und ihm wurde 1636 die Aufgabe zuteil die Deckengemälde „Allegorie des Friedens und der Künste unter der Herrschaft der englischen Krone“ des Queen‘s House in Greenwich zu malen (Abb. 1). Mit seinen 73 Jahren war dies eine Aufgabe, die er alleine nicht hätte meistern können, und so wird angenommen, dass Artemisia an den Hof reiste um ihrem Vater bei der Fertigstellung der Deckenpanelen zu helfen.[7]

Nachdem sich Vater und Tochter 17 Jahre nicht gesehen hatten, war die Zusammenarbeit der beiden in London weit entfernt von dem Verhältnis einer Schülerin zu ihrem Lehrmeister. Artemisia arbeitete als reife, angesehene Künstlerin an der Seite ihres alten Vaters, um ihn zu unterstützen und längst nicht mehr als die Schülerin die sie einst war.[8]

2.1 Charles I und Henriette Marie

Charles I von England (Abb. 2), der Artemisia an seinen Hof einlud, hatte den Thron 1625 nach dem Tode seines Vaters bestiegen[9] und war ein großer Kunstliebhaber und Besitzer einer der eindrucksvollsten Privatsammlungen in Europa. Er besaß unter anderem Meisterstücke von Raphael, Correggio, Titian, Mantegna und Caravaggio, sowie zahlreiche antike Skulpturen[10]. Durch seine Liebe zur Kunst versuchte er viele Künstler an seinen Hof einzuladen, jedoch hatte er bei den Italienern nicht sehr viel Glück: Seiner Einladung folgten nur Orazio, Artemisia und der Bildhauer Francesco Fanelli[11].

Seine Gemahlin, Königin Henriette Marie de Bourbon (Abb. 2), war die jüngste Tochter des verstorbenen Henri IV und dessen Gemahlin Maria de’Medici, sowie Schwester des französischen Königs Louis XIII[12]. Sie war katholischen Glaubens und trat für die Verbreitung des Katholizismus am englischen Hof ein. Dies wirkte sich fördernd auf die englisch-italienische Beziehung aus, jedoch machten ihre französische Herkunft und ihr römisch-katholischer Glaube sie anfangs im protestantischen England sehr unbeliebt. In ihrer Residenz, dem Queens House in Greenwich sollte Orazio die Decke der Great Hall ausschmücken.

Im Zuge der Hochzeitsvorbereitungen des Königspaares reisten George Villier und Balthazar Gerbier[13] im Mai 1625 nach Paris. Dort erwarb der Herzog, wahrscheinlich auf Empfehlung von Gerbier, zwei Gemälde von Orazio Gentileschi und lud bei dieser Gelegenheit den Maler vermutlich auch an den Hof nach England ein. Im Herbst 1626 nahm der fast 63- jährige Künstler die Einladung wahr und reiste mit seinen Söhnen Francesco, Giulio und Marco nach London.[14]

Von der Königin bekam Orazio den Auftrag, die Decke der Great Hall im Queen‘s House mit neun Deckengemälden auszuschmücken. Neben diesem Auftrag fertigte Orazio Gentileschi laut Inventar nicht mehr als elf Leinwandgemälde für den König an[15].

Im Folgenden soll das private Refugium der Königin Henriette Marie, für welches die Deckenpanelen gedacht waren, kurz vorgestellt werden. Im Anschluss daran soll näher auf die Deckengemälde eingegangen werden.

2.2 Das Queen‘s House

Das Schloss, das bei dem englischen Architekten Inigo Jones[16] in Auftrag gegeben wurde, war ursprünglich für Königin Anne von Dänemark, die Frau von James Stuart von Schottland, gedacht[17]. 1618 starb diese jedoch, als der Bau erst zur Hälfte vollendet war. 1625, nach der Hochzeit von Charles I und Henriette Marie, ließ der König den Palast vollenden und schenkte ihn seiner Gattin[18]. Diese beauftragte Orazio Gentileschi mit der Ausschmückung der Decke der Great Hall.

Die Wahl des Bildprogrammes war keine unbedachte: Henriette Marie zielte auf eine repräsentative Wirkung ab. Die Decke sollte zeigen, dass sie gebildet und belesen war. Das Queen’s House diente Henriette Marie als privates Refugium und das gewählte Bildprogramm sollte den Eindruck einer weltgewandten und gebildeten Königin unterstreichen.

Im Folgenden soll das gewählte Programm „ Allegorie des Friedens und der Künste unter der Herrschaft der englischen Krone“ vorgestellt werden.

2.3 Orazio und Artemisias Allegorie des Friedens und der Künste unter der Herrschaft der englischen Krone

Orazio bekam die Aufgabe die ca. 145 m² große Deckenfläche der Great Hall mit neun Leinwänden auszuschmücken. Die Bildkomposition der Decke wurde mit großer Wahrscheinlichkeit in Zusammenarbeit mit dem Architekten des Queen‘s House, Inigo Jones, entworfen[19]. Dies lässt sich vor allem an der Wiederholung des Deckenmusters in den Bodenfließen erkennen[20] (Abb. 3).

Im runden Mittelbild (Abb. 4) ist die Figur des Friedens mit einem Olivenzweig in der Hand zu sehen. Sie ist umgeben von den Personifikationen des Sieges, der Kraft, der Eintracht, der Gottesliebe und der Andacht sowie den Sieben Freien Künsten, verkörpert in Trivium (Grammatik, Dialektik, Rhetorik) und Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik). Diese bildeten den Lehrstoff der philosophischen Fakultäten an den Universitäten.[21]

Das Mittelbild wird von vier rechteckigen Gemälden mit den Figuren der neun Musen gerahmt. Oben befinden sich Euterpe, Muse der Musik und Lyrik ,sowie Polyhymnia, Muse des Tanzes und der Pantomime (Abb. 5). Rechts vom runden Mittelbild abgebildet sind Erato, Muse des Tanzes und des Liebeslieds und Terpsichore, ebenfalls Muse des Tanzes und der chorischen Lyrik (Abb. 6). Die untere Leinwand zeigt Thalia, die als Muse der Komödie das Attribut der Maske trägt und Klio, die Muse der Geschichte (Abb. 7). Links befinden sich Urania, die Muse der Astronomie, Kalliope, Muse des Epos und Melpomene, Muse der Tragödie (Abb. 8). Als Attribut der Urania dient ein Astrolabium, Kalliope trägt einen Bücherstapel und Melpomene hält ein Schwert.

Die Eckmedaillons zeigen die Allegorien der bildenden Künste. Zu sehen sind Bildhauerei, Architektur, Malerei und Musik (Abb. 9-12). Sie wurden alle stark übermalt und ihr Ausdruck ist wahrscheinlich von einer Restauration aus dem 18. Jahrhundert beeinflusst[22]. Wie in vielen Deckenfresken der Renaissance, befinden sich die Figuren um den Kranz des zentralen Bereiches, und die äußeren Kreise und Rechtecke beherbergen solide und stabile Formen, die unter Berücksichtigung des Tageslichtes beleuchtet sind[23]. Orazios Anpassung des dekorativen Stils an den konservativen englischen Geschmack war eine effektive Verbindung der Traditionen der beiden Länder[24].

Die Deckengemälde sollen zum Ausdruck bringen, dass die Künste sich unter der friedlichen Herrschaft von Charles I und seiner Frau entfalten und wachsen können[25]. Dass der Gedanke hinter dieser Darstellung ein utopischer war, zeigte sich wenige Jahre später. Schon während Artemisias Aufenthalt in London war das Volk aufgebracht, weil der König neue Steuern veranlasste. 1641 bricht in England schließlich die Revolution aus und endet in der Enthauptung Charles I im Jahr 1649.[26]

Irgendwann nach 1711 wurden die Deckengemälde aus dem Queens House entfernt und an der Decke des Salons im Marlborough House in London neu angebracht[27]. Aufgrund der geringeren Größe des Marlborough House im Gegensatz zum Queen‘s House wurden die Gemälde hemmungslos beschnitten, verkürzt und anders angeordnet und somit sehr in Mitleidenschaft gezogen[28].

Trotz der Haltung der Musen, die Orazios Stil entsprechen, kann angenommen werden, dass aufgrund der scharfen Präzision der Gewänder und den anatomisch akkuraten Brüsten Artemisia sie gemalt oder nach Orazios Tod beendet hat. Artemisia wurden nur die Musen Urania und Euterpe zugesprochen, jedoch muss sie wesentlich mehr gemalt haben, da ihr Vater schon alt und gesundheitlich schwach war[29]. Garrard nimmt sogar an, dass nur Calliope und Thalia von Orazio stammen und der Rest seiner Tochter zugeschrieben werden muss.[30]

Es ist nicht überliefert, ob die Deckengemälde vor Orazios Tod am 7. Februar 1639[31] bereits fertig gestellt waren, jedoch mussten sie bis Ende des Jahres vollendet worden sein, da der Raum ab diesem Zeitpunkt mit Möbeln ausgestattet wurde[32].

Obwohl Artemisia am englischen Hof viele Aufträge gehabt haben muss, ist bis auf diese Deckengemälde sonst keine Arbeit von ihr bekannt. Auch das berühmte Selbstbildnis „ La Pittura“ kann nicht sicher in ihre englische Phase eingeordnet werden[33].

[...]


[1] Mary D. Garrard, Artemisia Gentileschi. The Image of the Female Hero in Italian Baroque Art, New Jersey 1989, S. 137.

[2] Dagmar Lutz, Artemisia Gentileschi: Leben und Werk, Stuttgart, 2011, S. 6.

[3] Nach Lutz 2011, S.113.

[4] Susanna Stolzenwald, Artemisia Gentileschi. Bindung und Befreiung in Leben und Werk einer Malerin, Stuttgart 1991, S. 43.

[5] Im November 1637 schrieb Artemisia noch einen Brief von Neapel aus. Ihr Aufenthalt in London ist zum ersten Mal durch einen Brief vom Dezember 1639 dokumentiert (ebd.).

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S. 45.

[9] Lutz 2011, S. 69.

[10] Stolzenwald 1991, S. 43.

[11] Ebd.

[12] Lutz 2011, S. 69.

[13] George Villier war der Herzog von Buckingham (1592- 1628). Seine Bildersammlung umfasste Werke von Tizian, Veronese und Rubens. Sein Begleiter, Balthazar Gerbier war königlicher Kunstberater, Architekt und Miniaturist. Er begleitete den Herzog als Künstler-Diplomat (ebd.).

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Inigo Jones war ein englischer Baumeister, Maler und Bühnengestalter. Er gilt „als Begründer der von Szene zu Szene wechselnden Bühnendekoration“ (Jones, Inigo: Meyers Großes Taschenlexikon Bd. 10, 19. Aufl., Mannheim 2006).

[17] Lutz 2011, S. 69.

[18] Stolzenwald 1991, S. 44.

[19] Orazio and Artemisia Gentileschi hg. von Keith Christiansen und Judith W. Mann, New York 2001, S. 229.

[20] Ward R. Bissell, Artemisia Gentileschi- A New Documented Chronology, in: The Art Bullentin Nr. 2 1968, S. 161.

[21] Lutz 2011, S. 71.

[22] Garrard 1989, S. 120.

[23] Ebd, S. 114.

[24] Garrard 1989, S. 116.

[25] Ebd.

[26] Stolzenwald 1991, S. 44.

[27] Garrard 1989, S. 113.

[28] Stolzenwald 1991, S. 44.

[29] Garrard 1989 S. 112.

[30] Ebd., S. 120.

[31] Orazio starb im Alter von 76 Jahren am englischen Hof und erhielt ein Ehrenbegräbnis in der Queen’s Chapel des Somerset House (Christiansen 2001, S. 230).

[32] Garrard 1989, S. 113.

[33] Die Meinungen des Entstehungsjahres gehen in der Literatur auseinander. So datiert Garrard La Pittura auf 1630 während Bissell es mit den Deckengemälden des Queen‘s House vergleicht und es um 1638 datiert (Bissell 1999, S. 272).

Details

Seiten
28
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656486978
ISBN (Buch)
9783656490340
Dateigröße
3.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232103
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
Schlagworte
Artemisia Gentileschi Malerin Neapel

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