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Die Aufgabe der philosophischen Anthropologie laut Arnold Gehlen

Hausarbeit 2008 15 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Aufgabe der philosophischen Anthropologie laut Arnold Gehlen
2.1. eine Theorie des ganzen Menschen
2.2. eine Modellvorstellung, die dem Menschen Orientierung gibt
2.3. die Aufgabe der philosophischen Anthropologie als Grundlagendisziplin
2.4. Anthropologie auf der Basis der Biologie

3. Konklusion

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Menschen betreiben eigentlich Anthropologie seit es sie gibt, nämlich durch die Frage "Wer bin ich?". Die Anthropologie im Sinne einer Wissenschaft entstand aber erst ca. 600 v. Chr. bei den Vorsokratikern.

Die Anthropologie übernahm dabei im Laufe der Zeit verschiedene Aufgaben. Ihre Hauptaufgabe blieb allerdings stets, das Wesen des Menschen zu deuten. Während sich die Vorsokratiker in der Anthropologie noch primär für die Natur interessierten, wurde der Mensch im Mittelalter vom Standpunkt der "göttlichen Schöpfungsordnung"[1] aufgefasst, da es eine Frage nach dem Menschen nur innerhalb der Theologie gab.[2]

In der Neuzeit rückte dann der Mensch selbst in den Vordergrund. Dabei wurden anfangs jedoch bestimmte Aspekte des Menschen einseitig betont, was dazu führte, dass der Mensch entweder überhöht dargestellt wurde, oder aber als reine Maschine galt.[3]

Gehlen zufolge ist ein Wesensmerkmal der neuen philosophischen Anthropologie, dass sie nun zu einer echten Wissenschaft wird, die sich hauptsächlich mit dem Menschen befasst.[4]

Die Anthropologie bezeichnet dabei heute ganz allgemein die Wissenschaft vom Menschen. Man kann dabei jedoch noch differenzieren, indem man eine Einteilung vornimmt in die einzelwissenschaftlichen Anthropologien (biologische, medizinische, physiologische usw.) und die philosophische Anthropologie. Während sich die Human-, Sozial- und Kulturwissenschaften zum Ziel gesetzt haben, besondere Aspekte des Menschen zu analysieren, will die philosophische Anthropologie versuchen, den Menschen als Ganzes zu behandeln.[5]

Da der Mensch ein komplexes Wesen ist, bei dem der biologische und der kulturwissenschaftliche Aspekt von gleicher Bedeutung sind, scheint es nur logisch, dass irgendwann die Frage auftauchte, ob es denn nicht möglich sei, das Bild des Menschen nicht länger auf diese beiden Aspekte aufzuteilen, sondern im Gegenteil diese beiden Aspekte zu verbinden und somit "die kulturschöpferische Aktivität eines biologisch gerade so verfaßten Wesens und seine biologische Struktur sich gegenseitig erklären"[6] zu lassen. Gehlens Versuch, diese beiden Aspekte zu verbinden, steht dabei im Umfeld verwandter Bestrebungen, denn auch Scheler ("Die Stellung des Menschen im Kosmos" von 1928) und Plessner zeichneten sich durch ähnliche Überlegungen hinsichtlich einer philosophischen Anthropologie aus, die "die Wesensmerkmale des Menschen zum Gegenstand hat"[7].

Gehlen kommt zu dem Schluss, dass die moderne Anthropologie versuchen muss, "den Menschen als Ganzes, von den leiblichen bis zu den geistigen Schichten mit einheitlichen, spezifisch menschlichen Kategorien zu erfassen"[8].

2. Die Aufgabe der philosophischen Anthropologie laut Arnold Gehlen

In den verschiedenen Werken Gehlens sowie in der Sekundärliteratur findet man verschiedene Ansichten darüber, welche Aufgaben von der modernen philosophischen Anthropologie erfüllt werden sollen. Insgesamt hat sich jedoch herauskristallisiert, dass sie vor allem dazu dienen soll, den Menschen und das Wesen des Menschen zu erklären und dem Menschen die Orientierung in einer immer komplizierter werdenden Welt zu erleichtern.

2.1. eine Theorie des ganzen Menschen

Die Urfrage der Anthropologie, "Was ist der Mensch?", ist auch in der modernen Anthropologie noch von größter Bedeutung. Laut Scheler ist sich der Mensch heute selbst restlos problematisch geworden, und auch Heidegger kommt zu dem Schluss, dass der Mensch nie weniger wusste, was er ist, als heute.[9]

Ryffel zufolge lässt sich Gehlen bei seinem anthropologischen Modell "von der heuristischen Frage leiten [...], wie sich der Mensch angesichts seiner leiblichen Beschaffenheit und im Vergleich mit dem Tier im Dasein halten kann."[10]

Gehlen kommt es, wie es Ryffel scheint, darauf an, das "noch nicht festgestellte Tier" festzustellen, und "ihm auf einer höheren Ebene sozusagen die Sicherheit des Tieres zu geben"[11].

Gehlen entwickelt dabei eine formal-strukturelle Anthropologie, die "die Aufbaugesetze menschlicher Daseinsverfassung in der direkten Erfassung der Sachverhalte nachkonstruiert"[12], wobei er ausdrücklich betont, dass man naiv sei, wenn man glaube, "sämtliche" Kategorien des Menschen erheben und den Menschen ausdefinieren zu können, denn die "Unabschließbarkeit der Forschungen am Menschen"[13] hängt eng zusammen mit dem Anspruch der philosophischen Anthropologie als einer empirische Wissenschaft.[14]

Er erklärt des Weiteren, dass die Frage nach den Existenzbedingungen des Menschen den ganzheitlichen Menschen umfasst, und er will den Menschen erklären und eine allgemeine Anthropologie aufstellen, ohne auf die Metaphysik zurückzugreifen.[15] Er will vielmehr eine Theorie des ganzen Menschen hervorbringen, die allein die Erkenntnisse der Erfahrungswissenschaften verwertet.

Dabei sollte man bei der Erkundung des Menschen nicht "oben", beim Geist, beginnen, wie es die metaphysische oder christliche Anthropologie fordert, sondern "unten", also beim Körper und bei der Empirie.[16]

Für Gehlen stellt der Mensch unter organischen Gesichtspunkten ein Mängelwesen dar, eine Tatsache, aufgrund derer ihm eine Sonderstellung in der Natur zukommt.[17]

Als Mängelwesen fehlt ihm dabei das, was die Tiere von Natur aus am Leben hält, nämlich ihre "organische Einpassung in ein Ausschnittsmilieu", die Spezialisierung ihrer Organe und die "verläßliche [sic] Leitung durch Instinkte".[18]

Durch das Wegfallen der spezialisierten Organe und des natürlichen Lebensraums wird für Gehlen zur Grundfrage der Anthropologie, " wie sich ein solches Mängelwesen überhaupt am Leben erhalten kann"[19]. Er kommt zu dem Schluss, dass der Mensch vor allem durch Handlung und Entlastung überleben kann.

Gehlen weigert sich den Menschen als Geistwesen, Schöpfung Gottes oder als Krone der Schöpfung zu sehen, er sieht ihn vielmehr als Sonderentwurf der Natur und will ihn "in seiner Totalität und Spezifik allein und vollständig im grundsätzliches Unterschied zum Tier definieren."[20]

Um den Fehler zu vermeiden, den Menschen entweder von Gott oder aber vom Tier abzuleiten, entscheidet sich Gehlen für die empirische Analyse des Menschen.[21]

Für Gehlen muss die philosophische Anthropologie dabei zu einer rein empirischen Wissenschaft werden, da die Geisteswissenschaften auf diesem Gebiet versagt haben und sich immer bloß in einem Dualismus von Körper und Geist verfangen haben, den Gehlen scharf kritisiert, da er eine Sachgasse darstellt und bis heute zu keinem Ergebnis führte.[22]

Er kommt zu dem Schluss, dass das einzig Sinnvolle ist, jeglichen Dualismus zu vermeiden, da über die Frage, wie sich Leib und Seele zueinander verhalten, "trotz jahrhundertelangen Nachdenkens nichts zu erfahren"[23] war.

Er will die Fragestellung ändern, und dabei alle metaphysischen (= unbeantwortbaren) Fragen ausklammern.[24]

Gehlen stellt diese Anthropologie erstmals 1940 in „Der Mensch, seine Natur und seine Stellung in der Welt” vor. Ziel seiner Anthropologie ist es, den Menschen mit reiner Erfahrungswissenschaft zu erklären.

Gehlen nennt seine Methode eine "anthropo-biologische Betrachtungsweise"[25]. Er glaubt, dass metaphysische Fragen sich entweder ganz vermeiden lassen, oder aber frühestens bei der Problematik des Geistes auftauchen.[26]

Auch Haffn kommt zu dem Schluss, dass Gehlen einzig und allein nach den empirischen Bedingungen fragt, die das Überleben eines so unspezialisierten Wesens ermöglichen, und dass seine empirische Methode genetische Kausalfragen vermeidet.[27]

[...]


[1] Hans Ryffel. „Der Beitrag Arnold Gehlens zur philosophischen Anthropologie”. In: Arnold Gehlen zum Gedächtnis. Vorträge vom 21.Juni 1976 in der Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer (Schriftenreihe der Hochschule Speyer, Bd. 61). Berlin 1976, 13.

[2] Vgl. Arnold Gehlen. Anthropologische Forschung. Zur Selbstbegegnung und Selbstentdeckung des Menschen. 4. Aufl. Reinbek bei Hamburg 1965, 13.

[3] Vgl. Ryffel (1976), 13.

[4] Vgl. Werner Rügemer. Philosophische Anthropologie und Epochenkrise. Studie über den Zusammenhang von allgemeiner Krise des Kapitalismus und anthropologischer Grundlegung der Philosophie am Beispiel Arnold Gehlens (Kleine Bibliothek, Bd. 160). Köln 1979, 65.

[5] Vgl. Reiner Ruffing. Philosophie. Paderborn 2006, 158 u. vgl. Ryffel (1976), 13.

[6] Arnold Gehlen. Anthropologische Forschung. Zur Selbstbegegnung und Selbstentdeckung des Menschen. 4. Aufl. Reinbek bei Hamburg 1965, 12.

[7] Ryffel (1976), 11.

[8] Ryffel (1976), 13.

[9] Vgl. Franz Graber. Die Weltoffenheit des Menschen. Eine Darstellung und Deutung der philosophischen Anthropologie (Arbeiten zur Psychologie, Pädagogik und Heilpädagogik, Bd. 28). Freiburg Schweiz 1974, 13.

[10] Ryffel (1976), 14.

[11] Ryffel (1976), 20.

[12] Ryffel (1976), 20.

[13] Werner Rügemer. Philosophische Anthropologie und Epochenkrise. Studie über den Zusammenhang von allgemeiner Krise des Kapitalismus und anthropologischer Grundlegung der Philosophie am Beispiel Arnold Gehlens (Kleine Bibliothek, Bd. 160). Köln 1979, 135.

[14] Vgl. Rügemer (1979), 135.

[15] Vgl. Arnold Gehlen. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt (Gehlen, Arnold. Gesamtausgabe, Bd. 3). Textkritische Edition unter Einbeziehung des gesamten Textes der 1. Auflage von 1940. Hrsg. v. Karl-Siegbert Rehberg. Frankfurt am Main 1993, 11.

[16] Vgl. Henning Ottmann: „Arnold Gehlen”. In: Nida-Rümelin, Julian. Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Von Adorno bis v. Wright (Kröners Taschenausgabe, Bd. 423). 2., akt. u. erw. Aufl. Stuttgart 1999, 245.

[17] Vgl. Ottmann (1999), 245f.

[18] Ottmann (1999), 246.

[19] Ottmann (1999), 246.

[20] Rügemer (1979), 135.

[21] Vgl. Veit Steinkamp. Mensch und Technik bei Arnold Gehlen. Zur Kritik der anthropologischen Technikbegründung. Köln 1994, 7.

[22] Hargasser (1976), 12.

[23] Gehlen (1965), 16.

[24] Vgl. Gehlen (1965), 17.

[25] Franz Hargasser. Mensch und Kultur. Die pädagogische Dimension der Anthropologie Arnold Gehlens. Bad Heilbronn 1976, 11.

[26] Vgl. Hargasser (1976), 11.

[27] Haffn, Egon. Der „Humanitarismus” und die Versuche seiner Überwindung bei Nietzsche, Scheler und Gehlen (Epistemata. Reihe Philosophie, Bd. 51). Würzburg 1988, 174.

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656487159
ISBN (Buch)
9783656490265
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232060
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Schlagworte
aufgabe anthropologie arnold gehlen

Autor

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