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Ka-Tzetnik 135633 und "Das Haus der Puppen"

Das hebräische Original im Vergleich zweier Translationen

Hausarbeit 2013 16 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Der Autor, der keine Literatur schreibt

2. Die ersten Seiten des Holocaustromans
2.1 Die Frage nach Gott
2.2 Der aus dem Feuer geborene

3. Der Holocaustroman unter der Lupe
3.1 Das Deutsche im Hebräischen
3.2 Fremde Sätze
3.3 Szenische Darstellungen im Vergleich

4. Der Roman, der ein Überlebensbericht ist

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärquellen
5.2 Sekundärquellen
5.3 Internetquellen

1. Der Autor, der keine Literatur schreibt

1 ײזה לא שם ספרותי .אני לא רואה את עצמי כותב סיפרות.ײ

In der Literatur ist die Darstellung des Holocaust immer noch umstritten. Den literarischen Beschreibungen wird häufig vorgeworfen, den Holocaust nicht wahrheitsgetreu zu zeigen und statt klarer Fakten, zu viel Kitsch und Übertreibungen zu verwenden. Ein Autor, dem nicht nur Kitsch und Fiktion, sondern auch Sadismus und Pornographie in seinen Holocaustromanen vorgeworfen wird, ist Yehiel DeNur.

Yehiel De-Nur überlebte Ausschwitz und schrieb als einer der ersten über die Ereignisse im KZ. Er legte seinen Geburtsnamen ab und nannte sich nach seiner, wie er selbst sagt, Wiedergeburt im Jahre 1943, fortan Ka-Tzetnik 135633 - nach der eintätowierten Nummer auf seinem linken Arm.2 In seinen Erzählungen beschönigt er nichts. Er beschreibt den Alltag in den Ghettos, den harten Überlebenskampf in den Konzentrationslagern, er schreibt über Verrat, Missbrauch und die Misshandlungen auf Seiten der Nationalsozialisten. Der realistisch gezeigte Horror und die pornographischen Szenen in seinen Erzählungen sind in der Holocaustliteratur unvergleichlich.

Seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt und waren kurz nach dem Krieg nicht nur in Israel sehr beliebt. Doch wie die Zeitzeugen verstummen, geraten auch seine Werke in Vergessenheit. Viele seiner Romane werden nicht mehr verlegt und sind außerhalb von Israel sehr schwer zu beschaffen.

In dieser Hausarbeit soll der Roman Das Haus der Puppen im hebräischen Original mit der en glischen und der deutschen Übersetzung verglichen werden, umבית הבובות3 aufzuzeigen, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten die verschiedenen Ausgaben aufweisen und was zwischen den Zeilen steht.

2. Die ersten Seiten des Holocaustromans

Bei dem Roman בית הבובות handelt es si ch um eine fiktive Erzählung über den Verlustבית הבובותBei dem Roman der Familie, Deportation, den Lagern und Prostitution.

Es wird die Protagonistin Daniella eingeführt, die im Ghetto ihr Dasein fristet, auf ein Zusammenleben mit ihrem Bruder Harry hofft und immer wieder Erinnerungen an alte Zeiten mit ihrer Familie hervorruft. Eines nachts wird sie mit anderen jungen Frauen bei einer ‚Aktion‘ des mit den Nazis kooperierenden Judenrats verschleppt und in ein Arbeitslager gebracht. Nach einem Apell wird sie ins so genannte ‚Puppenhaus‘ verlegt, wo sie nun als ‚Feld-Hure‘ arbeiten soll. Parallel zu Daniellas Geschichte, öffnet sich ein zusätzlicher Erzählstrang. In diesem wird von Harrys Leben im Lager berichtet, der als Sanitäter arbeitet und das Elend der hart arbeitenden und verhungernden Lagerinsassen hilflos mitansehen muss. Schlussendlich finden die beiden Geschichten in einer nervenaufreibenden Szenerie ihr Ende.

2.1 Die Frage nach Gott

Im Original stößt man schnell auf ein Zitat, welches in den beiden Übersetzungen nicht mehr vorhanden ist. Es handelt sich hierbei um einen Auszug aus dem Alten Testament, genauer, aus dem Buch der Propheten4. Hier zitiert De-Nur den Propheten Ezechiel:

''ואעבור עליך ואראך מתבוססת בדמיך

ואומד לך בדמיך חיי.

יחזקאל טייו ,וי''

Aus De-Nurs Leben weiß man, dass er von chassidischen Eltern aufgezogen wurde und selbst eine Yeshivah, also eine Talmudhochschule, besuchte.6 Man kann davon ausgehen, dass De-Nur vor dem Krieg, wie seine Eltern, ein strenggläubiger Jude war. Die Reaktionen der Juden auf den Holocaust waren unterschiedlich. Zum einen gab es die Meinung, gerade bei den Orthodoxen, dass der Holocaust eine Art göttliche Strafe sei, die auf eine widersprüchliche Art und Weise dem jüdischen Volk beweisen sollte, dass Gott sie trotz allem liebt, doch sind sie vom rechten Weg abgekommen.7 Auch der Prophet Ezechiel berichtet von der Vernichtung der Juden auf Befehl Gottes, da sie ihren Glauben nicht gebührend auslebten.8 Zum anderen fragte man sich aber auch, warum Gott sie gerade in diesen Zeiten verließ und warum sie so viel Leid alleine ertragen mussten.9

Auch De-Nur thematisiert in בית הבובות den Glauben. So führt er im dritten K apitelבית הבובותAuch De-Nur thematisiert in „die zwei Schwestern aus Chebin“10 ein, die ihrerseits sehr gläubig sind. Zu ihnen kann man folgendes lesen:

''על המיטה ,ממול לדנילה ,יושבת חנה מטשאבין .סידור-המפילה מוטל לה בחיקה [...] .המתפללות בכל יום 11 אלוהים''.

Im Laufe der Erzählung wandelt sich der treue Glaube in pure Verzweiflung. Kurz '''. Imרבונו של עולם !אל תפקירנוnach der Ankunft im Lager flehen sie bereits: 12 '''..! Laufe der Erzählung, wird sogar von der Strafe Gottes gesprochen:

13 ''היא [לא בכתה ,אלא קיבלה הכל באהבה כעונש מידי שמיים.''

Betrachtet man die Theodizee-Frage der Juden, die Auseinandersetzung der Überlebenden wie De-Nur und insbesondere die Darstellung und den Umgang mit dem Glauben im vorliegenden Roman, fällt einem die Besonderheit der Wahl des Bibelzitates auf. Doch auch in Shivitti berichtet De-Nur, dass er sich in einem erlebten Trancezustand14 wie der Prophet Ezechiel fühlt. Durch seine Niederschriften über den Holocaust, berichtet er den Über-/Lebenden von den Geschehnissen und zeigt sowohl den Untergang, wie auch das Weiterleben der Juden. Doch nicht nur im Blute sollen sie leben. De-Nur möchte mit seinen Erzählungen gerade die verstorbenen, die anderen Ka-Tzetniks aus der Asche des ‚Ascheplaneten‘15 erheben lassen und der Welt zeigen, was sie durchleben mussten.

2.2 Der aus dem Feuer geborene

Das Erheben aus der Asche hat für De-Nur allerdings auch noch eine andere Bedeutung.

‚Ka-Tzetnik‘ ist nur einer seiner Scheinnamen, die er sich nach Ausschwitz gab. Ein weiterer wäre ‚De-Nur‘, den er als Familiennamen trug und sogar seinen Kindern weitergab. Sein ursprünglicher Geburtsname lautet Feiner, doch war er nach seiner Befreiung aus Auschwitz sehr darauf bedacht, das Leben, das vor dem KZ stattfand, zu verwischen und sogar auszulöschen.16 Daher existieren viele verschiedene und meistens auch konträre Behauptungen über sein Leben, die er oftmals selbst aufstellte, so zum Beispiel über sein korrektes Geburtsjahr.

De-Nur ist aus dem Aramäischen und bedeutet ‚aus dem Feuer‘17 - somit lautet sein volles Pseudonym in der Übersetzung: Yehiel, der aus dem Feuer kam.

De-Nur war auf dem ‚Ascheplaneten‘, er entkam dem Feuer, erhob sich aus der Asche und berichtete von den Leiden der Juden - ähnlich, wie es auch schon dem Propheten Ezechiel von Gott aufgetragen wurde.

[...]


1 “Das ist kein literarischer Name. Ich sehe mich nicht als Schreiber von Literatur.“ Übers. ABLZ; Dies ist ein Teil der Aussage De-Nurs aus dem Eichmann-Prozess.

2 Sicher, Efraim: Dictionary of Literary Biography Volume 299. Holocaust Novelists, 2004; S. 159.

3 Bei De-Nurs Werken ist es schwer, von einem Original zu sprechen, da er Bücher oft in beiden Sprachen - Yiddisch und Hebräisch - verfasste. In dieser Hausarbeit wird von einem hebräischen Original ausgegangen.

4 o.A.: Die vierundzwanzig Bücher der Heiligen Schrift, übers. v. Leopold Schulz, Basel: Victor Goldschmidt Verlag 1980, Die letzten Propheten.

5 „Da ging ich an dir vorüber und sah dich zappelnd in deinem Blute und ich sprach zu dir: In deinem Blute lebe!“, Ezechiel 16:6, Die vierundzwanzig Bücher der Heiligen Schrift.

6 Sicher, Efraim: Dictionary of Literary Biography Volume 299. Holocaust Novelists, 2004; S. 158 - 159.

7 Zu diesem Thema gibt es mehrere Schriften. Um nur eine zu nennen: Meyer, Hajo G.: Tragisches Schicksal. Das deutsche Judentum und die Wirkung historischer Kräfte, Berlin: Frank&Timme 2008.

8 Ezechiel, Kap. 9 ff..

9 Die Frage nach Gott, die Thematisierung der ‚Gottlosigkeit‘ und die Anklage gegen den Ewigen, hat Elie Wiesel in seinem Buch Die Nacht. Erinnerung und Zeugnis ebenfalls verarbeitet. Doch ist auch Primo Levi mit seinem Werk Ist das ein Mensch? zu erwähnen, der sich ebenfalls mit diesen Themen literarisch auseinandersetzte. , S. 34; house of dolls, S. 33; Das Haus der Puppe n, S. 47. נית הבובות 10 Vgl.

11 „Auf dem Bett, gegenüber von Daniella, sitzt Hannah aus Tschebin. Das geschlossene Gebetsbuch in ihrem Schoß. […] die jeden Tag zu Gott betet.“ Übers. ABLZ;
Vgl. house of dolls, S. 33; Das Haus der Puppen, S. 47.

12 „Herrscher der Welt! Verlasse uns nicht !.. “ ,über s. ABLZ; בית הבובות , S. 133. Vgl. house of dolls, S. 129; Das Haus der Puppen, S. 186.

13 „[sie] weinte nicht, doch sie ertrug alles aus Liebe, als Gottes Bestrafung“, übers. ABLZ Vgl. house of dolls, S. 136; Das Haus der Puppen, S. 196.

14 In seinem Erlebnisbericht Shivitti erzählt De-Nur von seiner LSD-Therapie, unter der er die Erlebnisse des Holocausts verarbeiten wollte.

15 Feiner prägte diesen Ausdruck. Er nannte Ausschwitz immer ‚den anderen Planeten‘ oder eben ‚Ascheplanet‘, wie auch im Eichmannprozess.

16 So berichtet David Mikics auf tabletmag.com, dass De-Nur eine Kopie seines Gedichtbandes

Tsveiuntsvantsig in der Nationalbibliothek Israels fand, es klaute, verbrannte und die Überreste mit einem Vermerk zurückschickte: „[…] with the instruction that the rest of it should be reduced to ashes, like all of his pre-Auschwitz existence.“; http://www.tabletmag.com/jewish-arts-and- culture/books/97160/ka-tzetnik, zuletzt aufgerufen: 04.08.2013, 12:02 Uhr.

17 De = aus; Nur = Feuer; ABLZ.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656485094
ISBN (Buch)
9783656486084
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231766
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
ka-tzetnik haus puppen original vergleich translationen

Autor

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Titel: Ka-Tzetnik 135633 und "Das Haus der Puppen"