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Die Macht der Propaganda am Beispiel des Völkermords in Ruanda von 1994

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 32 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorgeschichte
2.1 Soziale Entwicklung in der Vorkolonialzeit
2.2 Ethnische Konstruktion unter der europäischen Kolonialherrschaft
2.3 Sozio-politische Kehrtwende im Dekolonisationsprozess

3 Mechanismen der politischen Propaganda

4 `Peasant Romanticism` und der Vorbürgerkrieg

5 Angriff der RPF und der Bürgerkrieg
5.1 Öffentliche Hetzreden der MRND

6 Kangura und die „10 Gebote der Bahutu“

7 Radio-Télévision Libre des Mille Collines
7.1 Rolle RTLMs vor dem Genozid
7.2 Rolle RTLMs während des Genozids

8 Schlusswort

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1 Einleitung

Das Jahr 1994 zeichnet ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Menschheit. Es markiert ein blutiges Ereignis, welches in so einem Umfang und mit so einer Schnelligkeit nur selten oder gar noch nie zuvor von statten gegangen ist. Gemeint ist der Genozid in Ruanda. Zwischen April und Juni, kamen dort schätzungsweise bis zu einer Mio. Menschen auf brutalste Weise ums Leben, mehrere Millionen flüchteten und leben zum Teil bis heute noch im Exil. Alleine in Kigali der Hauptstadt, wurden 60.000 Leichen gezählt (Harding 1998: 139). Im Gegensatz zu anderen Kriegsverbrechen, wie beispielsweise dem Holocaust, wurde der Völkermord in Ruanda -was ihn so makaber und einzigartig zugleich macht, dank dem gezielten Einwirken des Staates, von der eigenen Bevölkerung begangen. Dabei handelt es sich um einen historisch verwurzelten ethnischen Konflikt zwischen Hutus und Tutsis – zwei ehemals homogene Volksgruppen, die seit geraumer Zeit gemeinsam in Einklang miteinander lebten. Das Fundament für die spätere Spaltung der Gesellschaft wurde im Zuge der europäischen Kolonialisierung gelegt, welche die Minderheit der Tutsi, basierend auf rassistischen Vorstellungen, zur Herrschaftsklasse erhob, worauf hin sich ein Zugehörigkeitsbewusstsein innerhalb beider Gruppen herauskristallisierte. Das Blatt wendete sich, als die benachteiligten Hutus die Macht an sich rissen und so die Kontrolle im Land übernahmen. Dies war der Anfang einer langen und systematischen Propagandaschlacht seitens der Hutu-Regierung, die nun zu politischen Zwecken hartnäckig daran arbeitete, die Tutsi in jeglicher Hinsicht zu degradieren und die komplette Bevölkerung auf eine äußerst manipulative Weise zu dichotomisieren.

Diese Arbeit soll Aufschluss darüber geben, welche strategischen Mittel zur Durchführung des anstehenden Massenmordes genutzt und implementiert wurden. Um die tatsächlichen Ursprünge und Entwicklungen des ruandischen Konfliktes zu verstehen, wird es zunächst unabdinglich sein, in die Vergangenheit zu schauen und sich mit einem Phänomen zu befassen, das all dem zugrunde liegt - der Ethnisierungsprozess. Der Völkermord, setzte nämlich voraus, dass es im Bewusstsein der Menschen ethnisch definierte Gruppen gab (Harding 1998: 37). Das Konzept der Ethnizität ist hierbei als „Prozess der ethnischen Abgrenzung von Bevölkerungsgruppen in Form der Selbst- und Fremdzuschreibung“ zu verstehen (Orywal / Hackstein 1993: 597). Nach dem historischen Überblick wird kurz auf die Bedeutung der Kriegskommunikation im Ruandakonflikt aus sozialtheoretischer Sicht eingegangen, sowie der ihr zu Grunde liegenden Faktoren. Nachfolgend wird die gesellschaftliche Indoktrinierung unter dem ersten Präsidenten Ruandas Kayibanda, dargestellt, mit dem Fokus auf dessen Schul- und Jugendpropaganda. Im Anschluss werden die strategischen Mechanismen des darauffolgenden Machthabers Habyarimana behandelt, unter dem sich nicht nur die ökonomische Situation Ruandas veränderte, analogerweise dazu die vermittelten Ideengehalte, wie auch durch seine zahlreichen öffentlichen Auftritte - die Maßnahmen zur Verbreitung der hutuistischen Ideologie. Mit dem Angriff der Tutsi-Befreiungsarmee (RPF) von 1990, der den endgültigen Anlass für den makabren Plan der Regierung bot, setzte man verstärkt auf die Austragung einer medialen Hetzkampagne, die eine größere Massen ansprechen sollte. So wird zumal die extremistische Zeitschrift Kangura dargestellt, die sich vor allem durch die Publikation der Hutu-Gebote einen Namen gemacht hatte, bevor abschließend der 1993 gegründete Hasssender Radio Television libre des Milles Collines vorgestellt wird, dem angesichts seines relativ kurzen Mitwirkens die größte Einflussnahme und somit Bedeutung zugeteilt wird.

2 Vorgeschichte

2.1 Soziale Entwicklung in der Vorkolonialzeit

Die Bildung des ruandischen Staates ist auf mehrere große Einwanderungswellen zurückzuführen, die sich jedoch einer eindeutigen Charakterisierung entziehen. Eine bis heute am meist verbreitete Hypothese behauptet etwa, die pygmäischen Twa, eine Gruppe von Jägern und Sammlern, die heute 1% der ruandischen Bevölkerung ausmacht, habe das Land als erstes besiedelt. Zwischen 400-300 v.Chr. wurde das Land anschließend von einigen Bantu-sprechenden Gruppen bewohnt, wobei die Gruppe der Bahutu, die von Kamerun ostwärts bis Kenya und südwerts bis zum Kap etwa einen Drittel Afrikas ausmachte, die größten Gebiete besiedelte (85% der ruandischen Bevölkerung). Die Volksgruppe der Batutsi, hingegen, soll in den darauffolgenden Jahrhunderten aus Nordostafrika nachgekommen sein und im Gegensatz zu den Bahutus, die hauptsächlich Hackbauern waren, sich durch Viehzucht ausgezeichnet haben (Gorus 2000:176). Im Verlauf kam es anschließend zur Vermischung der Siedlungsgruppen, die zu einer stabilen sozio-ökonomischen und voneinander abhängigen Gemeinschaft wurde (Kruk/ Vorwerg 2003: 9). Samt ihrer Ahnenkulte und Initiationsriten teilten sie die gleiche Religion, sowie Kultur und Sprache[1] (Scherrer, 1997: 28). Sie bewohnten und bewirtschafteten die gleichen Siedlungsräume und bildeten eine exogame Clangesellschaft, wodurch sie häufig gemischte Ehen führten (Mamdani, 2001: 51-54). Im Zuge der weiteren Entwicklung, wurde Ruanda jedoch allmählich von den Viehzüchtern beherrscht, worauf es im 17Jh. unter Mutara I schließlich zur Bildung der ersten Tutsi-Dynastie kam. Diese stärkte ihre Position als Großviehbesitzer und Landlords, wobei die Hutus sich eher dem Ackerbau widmeten und nicht selten bei den Tutsi angestellt waren (Kruk/ Vorwerg 2003: 9). Im 19 Jh. unter Kigari IV, der eine Vielzahl an autonomen Gebieten Ruandas zu seinem Herrschaftsgebiet ernannte, wodurch er den Zentralisierungsprozess Ruandas herbei steuerte, kam es innerhalb des Landes zu einer stärkeren sozialen Differenzierung. Das eingeführte Feudalsystem, unter dem vor allem die Hutu (als Angehörige der „anderen“ Gruppe) gelitten hatten, während die Tutsi zunehmend die Machtposition erlangten, führte dazu, dass die Tutsi nach und nach zum Synonym der herrschenden Klasse wurde, und die Hutus zur beherrschten. Durch die Expansionspolitik Kigaris, der nicht nur die heutigen Grenzen Ruandas, sondern auch die seiner Bevölkerung markierte, endete die Hutu-Tutsi-Beziehung als eine bloße sozio-ökonomische Kategorie (Harding 1998: 15-19), dessen Fortgang im folgenden beschreiben wird.

2.2 Ethnische Konstruktion unter der europäischen Kolonialherrschaft

Auch wenn die Rollenverteilung beider Gruppen bereits in der Vorkolonialzeit mehr oder weniger ausgeprägt war, wirkten die Europäer maßgeblich an der Ethnisierung der ruandischen Bevölkerung mit. Im Rahmen der Kongokonferenz von 1884-85, die die Aufteilung der Einflusssphären Afrikas unter den Westmächten regelte, beschloss man das Königreich Ruanda der Regentschaft des Deutschen Reiches zu überlassen (1900 - 1916). In diesem Zeitraum hatte man den Grundstein für die spätere Spaltung der ruandischen Gesellschaft gelegt – die Hamitentheorie. Diese Kolonialideologie, auf deren Basis man versucht hatte, das Volk gezielt in zwei Rassen zu kategorisieren, postulierte die Überlegenheit der ´hamitischen Rasse´, der die Tutsi zugeteilt wurden, gegenüber der negroiden Bevölkerung Afrikas, den Hutu.[2] Die Kolonialherren bemühten sich aus der bestehenden Gesellschaftsordnung eine Stammesordnung zu schaffen und bedienten sich dabei einer Politik der indirekten Machtausübung, wodurch sie die Tutsi-Minderheit zu imperialistischen Zwecken instrumentalisierten und sie zu ihren politischen Kollaborateuren machten (Scherrer 1997: 98). Vollzogen wurde die ethnische Teilung jedoch erst unter den darauffolgenden Belgiern, die ebenfalls von der Existenz eines ethnisch begründeten feudalen Systems und der (physiologischen und intellektuellen) Überlegenheit der Tutsi ausgingen (Meyns 1995: 413). Demnach wurde diese Volksgruppe als eine zivilisierte, hochwertige und „beinah-europäische“ Menschenklasse angesehen, häufig auch als „négres aristocratiques“ bezeichnet (Scherrer 1997: 23). Diese rechtsradikalen Vorstellungen der belgischen Besatzer, die nun weiterhin und im verstärkten Masse die Hamitentheorie propagierten, spiegelten sich in den Worten eines ehemaligen belgischen Kolonialisten wider:

Die Tutsi waren zum Herrschen geschaffen. Ihr feines Auftreten ist an sich genug, um ihnen ein höheres Ansehen gegenüber den untergeordneten Rassen zu verschaffen, die sie umgeben (…) es überrascht nicht, daß die guten Hutu, weniger intelligent, einfacher im Gemüt, spontaner und gutgläubiger, sich haben versklaven lassen, ohne jemals eine Revolte zu wagen (Harding 1998: 26).

Dies führte zwangsläufig zur Festigung der ethnischen Rangordnung beider Gruppen, die angesichts der Tatsache, dass sämtliche Privilegien fast ausschließlich den Tutsi gewährt wurden, die Situation zusätzlich zugespitzt hatte (Gorus 2000: 178). Den Gipfel der kolonialistischen Segregationspolitik erreichte man jedoch mit der Volkszählung von 1933, die die Zuordnung aller Bewohner Ruandas endgültig klassifiziert und in der Verwaltung dokumentiert hatte. Der Viehbesitz, der bereits zu Zeiten Kigaris den sozialen Rang beider Volksgruppen markierte, fungierte dabei als ausschlaggebendes Kriterium, denn die Zugehörigkeit zur herrschenden Klasse wurde am Besitz von mindestens 10 Rindern gemessen und somit den Tutsi zugerechnet (Scherrer 1997: 24). Die institutionelle Fixierung der Ethnien führte zum Antagonismus beider Scheinvolksstämme, welches zwangsläufig in der Selbstwahrnehmung der Tutsi als Herrscher der „überlegenen Rasse“ mündete. Die Unterscheidung nach sozialem und wirtschaftlichem Status wurde biologisiert und die neu geschaffenen administrativen Beziehungen zum legitimen Gewohnheitsrecht ernannt (Meyns 1995: 413).

2.3 Sozio-politische Kehrtwende im Dekolonisationsprozess

Zwar hatte die europäische Kolonialverwaltung die sozialen und politischen Kategorien in ethnische umgewandelt, diese bestanden aber zunächst nur formal, ohne einen offenkundigen Einfluss auf die Eigenwahrnehmung der Bewohner zu haben. Im Verlauf der 50er und 60er Jahre bestrebte die Tutsis-Minderheit allmählich das uneingeschränkte Machtmonopol im Lande. Zum einen bestrebten sie zu dem Zeitpunkt genau wie andere afrikanischen Länder, nach nationaler Unabhängigkeit, frei von jeglicher europäischen Vormundschaft. Zum anderen, zielten sie auf eine ausschließliche Tutsi-Hegemonie, ohne Berücksichtigung der benachteiligten und unterdrückten Hutu-Mehrheit. Dies stieß bei beiden Kontrahenten jedoch schnell auf Widerwillen (Kruk/Vorwerk 2003:10). Angesichts der verweigernden Haltung der Tutsi, änderte sich die ethnische Politisierung Ruandas (Harding 1998: 37). So kam es schließlich unter Führung der entstandenen Hutu-Parteien zur sog. Hutu-Revolution von 1959, die bis zu 200.000 Tutsis das Land oder sogar das Leben raubte. (Scherrer 1997: 13). Man könnte die Eskalation es als den Vorläufer des Genozids von 1994 bezeichnen. Das blutige Ereignis war für Ruanda von besonderer Bedeutung, denn „spätestens zu diesem Zeitpunkt war der Prozess der Ethnogenese, der Entstehung von ethnischen Einheiten, in Gang gekommen. Die erfundene ethnische Identität der Tutsis die deren Privilegien sichern sollte, wurde jetzt gegen sie selbst gewendet […]“ (Meyns 1995: 413). Der koloniale Rassenmythos wurde nämlich neu interpretiert – die später eingewanderten Tutsi-Invasoren, die nur einen Bruchteil der Gesamtbevölkerung Ruandas ausmachten und sich der Machtausübung, sowie der Ländereien auf Kosten der Hutu bemächtigt hatten, waren nicht mehr legitimiert, die Bevölkerungsreichen Hutu, welche sie ja jahrelang auf tyrannische Weise beherrschten, weiter zu regieren (Harding 1988: 127). Schließlich fingen die Belgier damit an, die Hutu in allen Domänen zu begünstigen, sie im Verwaltungsapparat durch die Tutsi auszuwechseln, die letzeren hingegen, mit Hilfe ihrer neuen politischen Genossen einer “ethnischen Diktatur“ auszusetzen (Neubert 2004: 54). Diese Koalition dauerte jedoch nicht lange. Denn nachdem Gregoire Kayibanda kurz darauf (1962) zum ersten demokratisch gewählten Staatspräsidenten wurde (der eine Tutsi-feindliche Politik weitestgehend fortführte), endete nicht nur die Regentschaft der Kolonialmächte, sondern mit ihr auch endgültig die letzte Tutsi-Monarchie. Die gesellschaftlichen Disparitäten blieben bestehen. Das Hutu-Regime erlangte hierdurch totalitäre Machtposition.

3 Mechanismen der politischen Propaganda

Grund für die mehr oder weniger tiefgreifende geschichtliche Schilderung Ruandas soll zeigen, dass die Frage nach der ethnischen Identität stets eine lange Geschichte hatte. Die Tutsi-Hutu Dichotomie, die anfangs keine ethnisch fundierte Kategorie war, nur den sozialen Status markierte, wird, wie man im späteren Verlauf sehen wird, lediglich als politisches Instrument der Machthaber dienen. Zu Beginn des Völkermords von 1994, wurde das Geschehen in der westlichen Welt als „normaler Stammeskrieg“ dargestellt, der die afrikanischen Länder aufgrund ihrer tief verwurzelten kulturellen und historischen Evolution alle Jahre wieder heimsuchte. Das Bild einer natürlich zum Töten programmierten Gesellschaft ist jedoch ebenso fachlich unfundiert, wie degradierend. Es ist ein Stereotyp, das immer wieder zum Vorschein kam, sobald man einen Konflikt auf afrikanischem Boden zu erklären versucht (Meyns 1995: 425). Tatsache ist jedoch, dass der Genozid bereits Jahre zuvor von dem Hutu-Regime in Erwägung gezogen wurde, und die durch ihre langandauernde Verbreitung rassistischer Anschauungen indirekt darauf hingearbeitet hatte (Verwimp 2000: 327). Die endgültige Planung für seinen Vollzug stand mit der Attacke der Tutsi-Befreiungsarmee - Ruandischen Patriotischen Front (RPF) fest (Melvern 2009: 68).

Um so ein Vorhaben wirksam implementieren zu können, müssen Feindbilder in den Köpfender ruandischen Bevölkerung geschaffen werden. In deren Falle war dieses Unterfangen nicht allzu schwierig, da aufgrund des kolonialistischen Rassenmythoses bereits eine gewisse Abneigung gegenüber den Tutsi bestand. Diese Feindbilder mussten lediglich gestärkt werden.

Wie in ethnisch bedingten Konflikten häufig zu beobachten üblich, mussten hierfür gezielte Mechanismen der In- und Exklusion angewendet werden:

Die Konstruktion einer kollektiven Geschichte und Identität, die von einer inneren, religiösen, nationalen oder ethnischen Wesensgleichheit aller Mitglieder einer bestimmten Gemeinschaft von Menschen ausgeht und damit im Schosse moderner Gesellschaften Gemeinschaften formt, welche die Ausschließung Anderer aus der gemeinsamen Gesellschaft zu ihrer Mission macht, ist ein massenkommunikativer Akt der Güte (Friedli /Widmer 2001: 73).

Dabei musste das Zugehörigkeitsgefühl zur eigenen Gruppe gestärkt werden, damit zwangsläufig auch die Ausgrenzung der Fremdgruppe erfolgen konnte. Einige psychologische Studien lassen darauf schließen, dass es eine Anzahl von Faktoren gibt, die die ethnische Grenzziehung stärken und zudem wirksam rechtfertigen. Einer dieser Faktoren ist die Assoziation der Fremdgruppe mit Feindseligkeiten, wie beispielsweise als Ursache für Frustration oder Bedrohung (Gurr 1973: 213). Dies wird die Regierung, wie wir sehen werden, mit Hilfe zahlreicher manipulativer Mittel gnadenlos zu nutzen wissen.

Das wirft zwangsläufig die Frage nach den Mechanismen einer psychologischen Kriegsführung auf, welche durch ihre angewandte Methodik der Beeinflussung damals in Ruanda vorlag (Neubert 2004: 60). Die Autorin Ann Fujii benutzt in ihrer Monographie Killing Neighbours dabei den Begriff „state-sponsored ethnicity“ (Fujii 2009: 16), welches, wie sie behauptet, in den Händen der Machthaber zum durchdachten und vorgefertigten Drehbuch für das spätere Massaker wurde:

The creators of this script are usually threatened elites in the capital who come to see genocide as their best strategy for staying in power. Through this text, they are able to summon a new political and social order, one that ensures attainment of their political goals. By diffusing this text through elite-controlled channels, such as meetings, rallies and mass media, they attempt to make others see this world as well (Fujii 2009: 12).

Ein Propagandaapparat ist, wie die Autorin im letzten Satz andeutet, im Stande eine Scheinwirklichkeit zu erschaffen, der man sich nur schwer entziehen kann. Als Empfänger ist man in diesem Sozialkonstrukt gefangen, welcher Personen unterbewusst durch Manipulation zum Handeln bewegen kann (Wasburn 1992: 54) – zu altruistischen wie auch zu verbrecherischen.[3] Um das Potential kollektiver Gewaltanwendung innerhalb einer Gesellschaft zu wecken und diese dann aber auch gleichzeitig plausibel, legitim und durchsetzungsfähig zu machen, bedarf es jedoch ausgeklügelter Vorbereitungsmaßnahmen, die es schaffen, dank einer systematischen Kriegskommunikation, eine Ideologie mit ihrem aggressiven Gedankengehalt, wirkungsvoll zu verbreiten (Gurr 1973: 231). Dabei zählt die Devise - je größer die Konzentration und vor allem die Reichweite der feindlichen Botschaften, desto leichter lassen sich die Menschen von der Konfliktrealität überzeugen (Wasburn 1992: 47). In Ruanda musste der Prozess der aktiven Wahrnehmungsbildung, wie jedes andere Großvorhaben, schrittweise und systematisch erfolgen:

The logic of genocide – the need to exterminate an entire group of people […] had to be taught […]. Transforming the normative environment was a multi-step process […]. The first step in the process was to spread the genocidal message far and wide. This required not only penetrating all reaches of society (from elites to non-elites and from urban to rural populations), but also monopolizing the discursive space such that no contradictory messages came through that could challenge the inherent logic of the norm. The second was to give substance to the message (Fujii 2004: 99-100).

[...]


[1] Die Sprache heißt Kinyarwanda und ist bis heute die Muttersprache fast 90% der Ruander (Mamdani, 2001: 52).

[2] Die Theorie bezieht sich auf die biblische Gestalt Ham, den jüngsten Sohn Noahs, und bezeichnet alle Völker, die Ham abstammen. Dabei seien die Tutsi, die zu den Niloten gehörten (afrikanische Völker mit nilotischer Sprache) ein hamitisches Volk, das aus kaukasischen Gebieten nach Afrika umgesiedelt und somit, trotz ihrer Dunkelhäutigkeit, mit europäischen Völkern verwandt sei. Dies legitimierte die Minderwertigkeit der „negroiden Bevölkerung“ zu denen, in den Augen der Kolonialisten, die Hutu gehörten (Mamdani 2001: 79-81).

[3] Was Wasburn (1992: 91) als social costruction of reality bezeichnet, wird im nächsten Kapitel näher unter dem Begriff der Tiefenkultur beschrieben.

Details

Seiten
32
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656475453
ISBN (Buch)
9783656476627
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231744
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Philosophische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
macht propaganda beispiel völkermords ruanda

Autor

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