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Die Spuren der zweiten Phase der Zivilisation in den Bereichen der Eliterekrutierung und der Paarbeziehungen

Die zweite Phase in der Zivilisationstheorie von Norbert Elias

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Die Gliederung

1. Einleitung

2. Eliterekrutierung und die zweite Phase der Zivilisation
2.1 Die Geschichte des Elitebegriffs
2.2 Die Offnung des Hochschulwesens und ihre Folgen
2.3 Die „feinen Unterschiede“

3. Die moderne Partnerschaft und die traditionellen Geschlechterrollen
3.1 Die offentliche Perspektive und die Mangel der Sozialforschung
3.2 Die Milieus und ihre Leitvorstellungen
3.3 Die Inkoharenz zwischen den diskursiven und praktischen Normen

4. Das Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Die Einleitung

In den 1960er Jahren begann in Westeuropa eine Informalisierungsphase. Eine Zeit, die man durch die Zunahme von Emanzipationsprozessen charakterisieren kann. Die entspannteren Umgangsformen sind das Erste, was in so einer Phase auffallt (vgl. Wouters 1999, S. 48ff). Die Informalisierung blieb nicht von Norbert Elias ungeachtet. Der Zivilisationstheoretiker war irritiert von seinen Beobachtungen, denn sie fugten sich schlecht in seine damals gelaufige Schemata ein. Denn nach der damaligen Fassung der Zivilisationstheorie konnte die Kontrolle der Gesten und Emotionen nur durch immer mehr Verbote und eine zunehmende Distanzierung zur korperlichen Unmittelbarkeit erreicht werden. Bei der Beobachtung der Badesitten der damaligen Zeit war er gezwungen zu schreiben: "Die Bewegung scheint so, von nahem betrachtet, eher in der umgekehrten Richtung weiterzugehen, als es hier gezeigt wurde" (Elias, 1979, S.257 zitiert nach Kaufmann 1996: 24). Der Prozess der Zivilisation konnte sich nach diesem Modell nicht mehr weiterentwickeln (vgl. Kaufmann 1996, S. 26). Elias zogerte aber lange mit der theoretischen Antwort auf die Informalisierung. Die Schwierigkeiten lagen darin, dass das Untersuchungsmaterial von Elias zu einem grofien Teil aus Anstandsbucher aus dem 15 bis einschliefilich dem 18 Jahrhundert bestand. Und immer wieder erwies sich bei den Untersuchungen die Formalisierung als dominant (vgl. ebd., S. 63). ,,Ein Gedanke in Caxtons Book of Curtesye, wahrscheinlich Ende des 15. Jahrhunderts geschrieben, lautet: ,,Thingis sometyme alowed ist now repreuid“ (was fruher erlaubt wahr, wird jetzt mifibilligt), und diesen Satz macht Elias zum Motto fur die ganze Entwicklung“ (Elias, 1979 I, S.107 zitiert nach Wouters 1999, S.63). Nachdem Elias mehrere Jahrhunderte mit diesem Motto im Hinterkopf gearbeitet hat, fiel es ihm schwer von der gewohnten Logik loszukommen. Die Vorstellung davon, dass eine Lockerung der Sitten mit der Schwachung der Selbstkontrolle einhergeht, hinderte Elias also Zeitlang daran, die Informalisierung in die Zivilisationstheorie zu integrieren. Die wichtigsten Einsichten, mit Hilfe derer, die Informalisierung im Kontext der Zivilisationstheorie verstanden werden kann, hat Elias dennoch selbst geliefert (vgl. Wouters 1999, S. 63ff). An ein Paar Stellen schrieb er in einigen Zeilen das, was spater die Weiterentwicklung seiner Theorie wurde. Bei einer Stelle ging es z.B um die neue Kleidermode der Zwischenkriegszeit. Genauer gesagt um den Schlafanzug. Ein Kleidungsstuck, in dem man sich in der Familie und auch aufierhalb der Familie zeigen konnte. Das war davor nicht so ublich. Elias interpretierte die Einfuhrung des Schlafanzugs nicht als Symbol des Nachlassens der Selbstkontrolle. Die Leute zeigten sich fruher weniger in der Nachtkleidern, weil man im

Nachthemd eher ihre Nacktheit sehen konnte. Der Pyjama war aber eine Erfindung, die die Grenze der Emotionskontrolle naher an die Personen herangeruckt hat (vgl. Kaufmann 1996, S. 25). „Dieses Beispiel zeigt, dafi die Formen der sogenannten Korperbefreiung in Wirklichkeit nur darauf zielten, aufiere physische Zwange durch flexiblere Modalitaten zu ersetzen, sobald die Individuen fahig sind, den Fremdzwang zum Selbstzwang zu transformieren und zu verinnerlichen, und dieser hierbei zu einem personlichen Automatismus wird“ (vgl. ebd., S. 25). Es wurde Elias klar, dass es sich nur um scheinbare Lockerungen handelte, die durch eine wachsende Fahigkeit zur Selbstkontrolle moglich wurden. Die angebliche Befreiung kann als illusionare Befreiung angesehen werden. „ [...] nur eine Kompensation (in genau begrenzten Raumen wie Sportanlagen oder am Strand) in einer Gesellschaft, die in Wirklichkeit den Korper verneint [...] " (Le Breton 1990; Guibentif 1991 zitiert nach Kaufmann 1996, S. 28). Daraus lasst sich also schliefien, dass die ,,Befreiung“ nur eine Verstarkung der Normen ist, die in tieferen Schichten der Psyche liegen. Die Informalisierung konnte somit als eine weitere Formalisierung angesehen werden (vgl. ebd., S. 25). Nach einem zeitweiligen Zogern bemerkte Elias, dass der Zivilisationsprozess sich nach dem alten Motto nicht mehr weiterentwickeln konnte. Man durfte jedoch auch nicht behaupten, dass die Haupttendenz dieses Prozesses (Disziplinierung) wahrend und nach der Informalisierung nicht mehr vorhanden war (vgl. ebd., S. 25).

Die Befreiung des Korpers ist also kein Argument gegen die Theorie von Elias, sondern vielmehr selbst ein Teil dieses Konzeptes und leitet lediglich die zweite Phase des Prozesses ein (vgl. ebd., S. 25).

In dem Jahr 1995 erschienenen Buch "Frauenkorper-Mannerblicke" schaut Jean-Claude Kaufmann hinter die Kulissen des Strandlebens und demonstriert eindrucksvoll, wie viel Kontrolle sich hinter einer angeblichen Befreiung verbergen kann. Bei meiner Arbeit beschaftige ich mich ebenfalls mit der zweiten Phase der Zivilisation. Als Erstes werde ich mein Augenmerk auf die Rekrutierung der gesellschaftlichen Eliten in der Bundesrepublik richten. Als Zweites nehme ich die Geschlechterrollen in einer Paarbeziehung unter die Lupe. Diese Themenbereiche machen auf sich durch die mediale, wissenschaftliche und offentliche Diskussionen aufmerksam. Bei der Kontroverse um die Rekrutierung der Eliten dient der Slogan ,,Chancen fur alle“ als Leitmotiv. ,,Der Begriff Leistung spielt in der breit angelegten Kampagne, die von der Initiative in den Medien und der Offentlichkeit sehr offensiv gefuhrt wird, eine ganz entscheidende Rolle. Jeder konne es in dieser Gesellschaft schaffen, so der Grundtenor aller Verlautbarungen, wenn er nur leistungsbereit und risikofreudig sei“ (vgl. Hartmann 2002, S. 15). So wie der Zugang zu Elitepositionen angeblich nicht mehr von Barrieren behaftet ist, wird eine Partnerschaft in der Offentlichkeit von den Geschlechterrollen unabhangig angesehen.

Inspiriert durch das Werk von Kaufmann und mit der theoretischen Stutze von Michael Hartmann, Cornelia Koppetsch und Gunter Burkart, werde ich die von mir ausgewahlten Sachgebiete auf die Spuren der Umwandlung der offensichtlichen aufieren Zwange in die latenten inneren Normen uberprufen.

2. Eliterekrutierung und die zweite Phase der Zivilisation.

2.1 Die Geschichte des Elitebegriffs,

Um zu verstehen, wie die Vorstellung von angeblichjedem Leistungstrager offenen Eliten zustande kam, ist es unabdingbar auf die Geschichte des Elitebegriffs zuruckzublicken.

Der unuberbruckbarer Gegensatz zwischen Masse und Elite, ist fur die klassischen Elitetheorien charakteristisch. Dieser Elitebegriff wurde wegen seiner Korrelation mit der Vorstellungen des Dritten Reiches uber die Masse und Fuhrer diskreditiert (vgl. Hartmann 2002, S. 10). Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die klassischen Elitetheorien durch die funktionalistischen abgelost. Die Funktionseliten unterscheiden sich von den klassischen durch ihre Offenheit. Es ist keine einheitliche Klasse mehr, sondern miteinander konkurrierende Fuhrungsgruppen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Die Rekrutierung der Funktionseliten basiert ausschliefilich auf der personlichen Leistung. Diese Vorstellung von Eliten haben zumindest die Theoretiker, die man als Hauptreprasentanten (z.B Stammer) der funktionalistischen Elitetheorie betrachten kann. (vgl. ebd., S. 12).

Aber auch nach der Neudefinition wurde der Elitebegriff, wegen seiner traditionellen Nahe zu nationalsozialistischen Ideologie weiterhin Zeitlang stigmatisiert. Erst Ende der 80er Jahre anderte sich die Einstellung der Offentlichkeit und auch der Wissenschaft zu dem Elitebegriff gravierend. Die Ursachen fur diese Anderung sieht Hartmann in dem Untergang des „Realsozialismus“ und den Siegeszug des neoliberalen Denkens, die dafur sorgten, dass soziale Ungleichheit in der Gesellschaft zunehmend als gerechtfertigt angesehen wurde (vgl. ebd., S. 13ff). Die enttabuisierte und „wiederauferstandene“ Elite sollte ein Teil des gesamtgesellschaftlichen Klimawechsels werden. Durch mehr Wettbewerb, Tempo und Effizienz sollte Deutschland sich wieder zum einen leistungsfahigen „Unternehmen“ aufarbeiten. Es wurde eine konkurrenzfahige Gesellschaft geschaffen, in der es Jeder mit eigener Kraft bis in die Spitze schaffen kann (vgl. ebd., S. 15ff). So lautet zumindest das Credo der Leistungsgesellschaft, dass in der oberen Etagen der Gesellschaftshierarchie besondere Anerkennung geniefit. Der Begriff der Leistung ist seit dem zweiten Weltkrieg auch fur die sozialwissenschaftliche Diskussion von grofier Bedeutung. ,,Im Unterschied zu den vorindustriellen oder vormodernen Gesellschaften handele es sich heutzutage bei den Eliten, so die Kernaussage der dominierenden funktionalistischen Elitetheorien, um reine Funktions- oder Positionseliten, deren Mitglieder ihre Elitezugehorigkeit ausschliefilich oder zumindest ganz uberwiegend ihrer individuellen Leistung zu verdanken hatten und nicht mehr ihrer familiaren Abstammung“ (vgl. ebd., S. 18). Fur die meisten Eliteforscher ist die soziale Ungleichheit innerhalb des Bildungssystems die zentrale Ursache fur die selektive soziale Rekrutierung der Eliten in Deutschland. Nach der abgeschlossenen universitaren Ausbildung hat die soziale Herkunft keinen eigenstandigem Einfluss mehr auf den Aufstieg in die Elite (Hoffmann- Lange 1991: 87, 1992: 129f zitiert nach Hartmann 2002, S. 20). Da die meisten Eliteforscher davon ausgehen, dass die soziale Rekrutierung der deutschen Eliten entweder ganz oder stark von der Chancenungleicheit im Bildungswesen abhangt, wurde automatisch angenommen, dass die Bildungsexpansion eine Offnung der Chefetagen gezwungenermafien zufolge haben wird. Die Spitzenposition ist im Grunde fur jedermann zuganglich, der Wille ist jedoch unterschiedlich ausgepragt (vgl. ebd., S. 21).

2.2 Die Offnung des Hochschulwesens und ihre Folgen.

Wenn man aber, die in der Einleitung beschriebene Spezifik der zweiten Phase der Zivilisation im Hinterkopf behalt, dann muss man sich im Klaren sein, dass hinter einer angeblichen Befreiung sich immer eine latente Verhartung der Zugangsbarrieren verbergen kann. Um zu uberprufen, ob es sich auch bei dem Fall der angeblich offenen Eliten, nicht um eine Pseudooffnung handelt, muss man analysieren, ob die Bildungsexpansion, wie die funktionalistische Elitetheorie erwarten lasst, wirklich die Karrierechancen der Reprasentanten verschiedener Schichten ausgeglichen hat. Wenn dies der Fall sein sollte, hiefie es noch lange nicht, man konne sich entspannt zurucklehnen. Es konnte immer noch sein, dass die latenten Barrieren erst nach dem Bildungsabschluss wirksam werden. Deshalb ist es sinnvoll, nach der genauen Uberprufung der Auswirkungen der Bildungsexpansion, nach einem direkten Einfluss der sozialen Herkunft auf die Rekrutierung der Eliten zu suchen.

Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werden unter Eliten, ganz allgemein die Inhaber von Herrschaftspositionen verstanden, die Kraft der Macht, die mit der von ihnen besetzten Position verbunden ist, die Moglichkeit haben wichtige gesellschaftliche Entscheidungen mafigeblich zu bestimmen oder zu beeinflussen (vgl. ebd., S. 25).

Wenn man die Folgen der Bildungsexpansion analysiert, sieht man, dass die spurbare soziale Offnung des Hochschulwesens kein Mythos ist. Die Erhebungen zeigen, dass die Studenten des Jahres 1959 eine wesentlich exklusivere soziale Auslese aufwiesen, als die Studierenden der folgenden Jahre. Die Akademiker nahmen in der Bundesrepublik in den 60er und 70er Jahren sehr stark zu. Der Prozentsatz der mannlichen Erwerbstatigen mit Hochschulabschluss blieb aber fast unverandert. Deshalb kann man davon ausgehen, dass es eine starke Abnahme der Zahl der Kinder aus gehobenen Burgertum im Erwerbssektor gab. Bei den Studenten des Jahres 1959 stammen die Vater zum Grofiteil aus dem Grofiburgertum. In den nachsten Jahren gab es viel mehr Akademiker, ein grofier Teil von ihnen konnte aber nicht mehr einen Vater aufWeisen, der zu dem Milieu des gehobenen Burgertums gehort. (vgl. ebd., S. 52).

Der Hochschulbereich wurde also tatsachlich offener fur die Studierenden aus den unteren und mittleren Schichten der Gesellschaft. Es kann aber immer noch sein, dass der gehobene Burgertum auf die Offnungsprozesse im Hochschulwesen, mit einem verstarkten Erwerb des Doktortitels reagiert hat. Die Daten zeigen, dass in den meisten Facher diese Strategie nicht durchsetzbar war. Die Arbeiterkinder konnten z.B ihren Anteil unter den Promovierten um das Zweieinhalb- bis Sechsfache erhohen. Nur den Kindern des Grofiburgertums in den Rechtswissenschaften ist es noch bis in die Mitte der 80er Jahre gelungen, sich durch den Erwerb des hoheren Bildungstitel von den nachruckenden Schichten abzugrenzen (vgl. ebd., S. 59ff).

Nach dem die Zugange zu Hochschule und zu der Promotion als die potenziellen Barrieren fur die breite Bevolkerung auf dem Weg zu Elite analysiert wurden, bleibt noch ein weiterer untersuchungsbedurftiger Faktor im Hochschulbereich. Es handelt sich um den Zusammenhang zwischen dem Studienverhalten und der sozialen Herkunft. Bei der Analyse von Hartmann stellte sich heraus, dass es tatsachlich Merkmale des Studienverhaltens gibt, bei denen sich die soziale Herkunft spurbar auswirkt. Eine berufliche Ausbildung vor dem Studienbeginn, haben beispielsweise meist die Kinder aus der breiten Bevolkerung absolviert. Das hat selbstverstandlich Auswirkungen auf das Alter, in dem man zu studieren anfangt. Aufierdem konnen die Studenten aus den burgerlichen Kreisen ihr Studium langfristiger und durchdachter planen. Kinder aus dem gehobenen Burgertum wechseln haufiger die Universitat aus strategischen Grunden und studieren im Ausland, im Gegensatz zu ihren gleichaltrigen Konkurrenten aus der breiten Bevolkerung (vgl. ebd., S. 61ff).

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656485032
ISBN (Buch)
9783656486312
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231737
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
spuren phase zivilisation bereichen eliterekrutierung paarbeziehungen zivilisationstheorie norbert elias

Autor

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