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Neufassung der ADHS- E Kriterien nach DSM-V

Vergleich zur Vorgängerversion und Auswirkung auf Therapie und Rehabilitation

Examensarbeit 2013 66 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. DSM
1.1. Allgemeines
1.2. Geschichte
1.3. DSM und ICD

2. DSM-IV-TR
2.1. Allgemeines
2.2. Aufbau
2.2.1. Achse I: Klinische Störungen; Andere Klinisch Relevante Probleme
2.2.2. Achse II: Persönlichkeitsstörungen; Geistige Behinderung
2.2.3. Achse III: Medizinische Krankheitsfaktoren.
2.2.4. Achse IV: Psychosoziale oder Umgebungsbedingte Probleme
2.2.5. Achse V: Globale Beurteilung des Funktionsniveaus
2.3. Verwendung.
2.4. DSM-IV-TR Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungs- (ADHS) Kriterien.
2.4.1. Subtypen
2.4.2. Erwachsene

3. ADHS bei Erwachsenen
3.1. Epidemiologie
3.2. Symptome
3.3. Bedingungsmodell
3.4. Komorbidität
3.4.1. Psychosoziale Folgen
3.5. Diagnostik
3.6. Therapie
3.6.1. Allgemeines
3.6.2. Psychoedukation
3.6.3. Psychotherapie
3.6.4. Pharmakologische Therapie
3.6.5. Kombinationstherapien

4. Internationale Unterschiede
4.1. Allgemeines
4.1.1. Australien
4.1.2. Deutschland
4.1.3. Griechenland
4.1.4. Indien.
4.1.5. Israel
4.1.6. Italien
4.1.7. Spanien
4.1.8. Taiwan.
4.1.9. Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland
4.1.10. Vereinigte Staaten von Amerika

5. DSM-5 Ausblick
5.1. Allgemeines
5.2. Aufbau
5.3. Kritik an den bisherigen ADHS- Kriterien
5.4. Voraussichtliche Änderungen in den ADHS- DSM- 5- Kriterien
5.4.1. Learning Disorder
5.4.2. Komorbidität
5.5. Diagnose
5.6. Rehabilitation
5.6.1. Therapie

6. Reaktionen auf die geplanten Änderungen
6.1. Internationale Einschätzungen bezüglich der Auswirkungen von Änderungen
6.1.1. Australien
6.1.2. Deutschland
6.1.3. Griechenland
6.1.4. Indien.
6.1.5. Israel
6.1.6. Italien
6.1.7. Spanien
6.1.8. Taiwan.
6.1.9. Das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland
6.1.10. Die Vereinigten Staaten von Amerika

7. Ausblick
7.1. Gesellschaftliche Auswirkungen der DSM- 5 Änderungen
7.2. Zukünftige Aufgaben

8. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Erklärung I

Einleitung

Im Mai 2013 erscheint die neue Ausgabe des „Diagnostischen und Statistischen Manuals für Psychische Störungen“ (DSM-5). Darin enthalten sind diagnostische Kriterien zur Erstellung von Störungsdiagno­sen. Auch die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird hier definiert und durch Diagnoserichtlinien klassifiziert. Die folgende Arbeit wird sich mit den geplanten Änderungen dieser ADHS-Kriterien beschäftigen, wobei der Fokus auf Erwachsenen mit ADHS liegen wird. Außerdem werden die möglichen Auswirkungen der Änderungen auf Therapie und Rehabilitation diskutieren.

Dieser Arbeit liegt die Fragestellung zugrunde, wie die möglichen Änderungen der ADHS-DSM-Kriterien aussehen werden und wie sich diese Änderungen auf die Therapie und Rehabilitation Erwachsener mit ADHS auswirken könnten.

Aufgrund der Aktualität des Themas gestaltete sich die Literaturrecherche als schwierig. Das DSM-5 wird im Mai von der American Psychiatric Association publiziert und kann zurzeit nur vorbestellt werden. Anfragen bezüglich eines vorzeitigen Einblicks in die finalen ADHS-DSM-5-Kriterien, wurde erst kurz vor der Fertigstellung dieser Arbeit beantwortet. Leider stellt die American Psychiatric Association keine weiteren Informationen, neben den bereits publizierten, zu Verfügung. Dem Hogrefe Verlag, der das DSM-5 in Deutschland veröffentlichen wird, steht das Manual auch erst zur Verfügung, wenn es offiziell publiziert wurde.

Diese Situation führte dazu, dass in dieser Arbeit auf Artikel aus Fachzeitschriften, welche die vorläufigen Kriterien zugrunde gelegt haben, Bezug genommen wurde. Es werden also die vermuteten Änderungen der Kriterien und deren Auswirkungen, nicht aber die tatsächlichen Änderungen diskutiert werden. Da die vorliegende Literatur jedoch sehr aktuell ist, sind tiefgreifende Änderungen in der offiziellen Version der Kriterien nicht zu erwarten.

Die hier verwendete Literatur bezüglich der neuen DSM-5-Kriterien ist ausschließlich englischsprachig. Da aufgrund der aktuellen Situation keine offizielle Übersetzung ins Deutsche existiert, wird hier darauf verzichtet, Störungsnamen oder andere spezifische, bisher nicht verwendete Begriffe zu übersetzen. Dadurch sollen Ungenauigkeiten vermieden werden, wie sie beispielsweise bei der Gleichsetzung der Begriffe „Lernbehinderung“ und „Learning Disorder“ entstehen würden.

In Kapitel 1 wird ein Überblick über die Funktion und Geschichte des DSM gegeben, außerdem wird das DSM-Konzept dem Konzept der ICD gegenübergestellt werden und Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten beleuchtet.

Im zweiten Kapitel wird die momentan noch aktuelle Version des DSM-IV-TR näher betrachtet. Nachdem die Funktion, der multiaxiale Aufbau und die Verwendung beschrieben wurden, werden die aktuellen DSM-IV-TR-ADHS-Kriterien dargestellt.

Das dritte Kapitel wird die wichtigsten Aspekte, über die Thematik der ADHS bei Erwachsenen, erläutern. Hier werden Beschreibungen von Epidemiologie, Symptomen, möglichen Ursachen, Komorbidität, Diagnostik und Therapie erfolgen. Dem Leser soll so ein Grundlagenwissen in diesem Bereich vermittelt werden, damit die Bedeutung der Auswirkungen von möglichen Änderungen der Kriterien ersichtlich wird.

Das nächste Kapitel wird sich, da das DSM ein international genutztes Diagnosemanual ist, mit den Unterschieden des Umgangs mit ADHS in verschiedenen Ländern befassen. Interessant ist es hier zu sehen, wie verschieden die Sichtweisen auf ein und dieselbe Thematik sein können.

Kapitel 5 wird einen Ausblick auf die geplanten Änderungen im DSM-5 geben. Zunächst werden allgemeine strukturelle Änderungen beschrieben. Anschließend werden Kritikpunkte an den bisherigen ADHS-Kriterien betrachtet, um die Änderungsnotwendigkeit zu erfassen. Im Anschluss daran werden die geplanten Kriterien so konkret wie möglich beschrieben und den ´alten´ Kriterien gegenübergestellt. Ein zusätzlicher Fokus wird hierbei auf Aspekte „Learning Disorder“ und „Komorbidität“ gelegt. Anschließend werden Einschätzungen zu möglichen Auswirkungen dieser Änderungen auf Diagnose, Therapie und Rehabilitation diskutiert.

Bezug nehmend auf den internationalen Charakter dieses Manuals und somit auch der Änderungen werden die Einschätzungen der Änderungsauswirkungen, der in Kapitel vier vertretenen Nationen, in Kapitel 6 beschrieben.

Kapitel 7 wird einen allgemeinen Ausblick auf die aus den Änderungen resultierenden Auswirkungen geben.

Abschließend wird in Kapitel 8 in einem Resümee diese Arbeit rückblickend betrachtet.

1. DSM

1.1. Allgemeines

Das DSM ist das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM) der American Psychiatric Association (APA) (vgl. Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003). In diesem Manual werden „in einem multiaxialen System mehrere hundert Formen psychischer Störungen“ (Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 37) beschrieben, definiert und klassifiziert. Das DSM richtet sich an viele unterschiedliche Berufsgruppen und ist an verschiedenen Einsatzorten zu verwenden (vgl. American Psychiatric Association, 2000, S. xxiii). Die diagnos­ti­schen Kriterien sollen Richtlinien zur Diagnosestellung sein und „die Verständigung zwischen Klinikern und Forschern“ (Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. 3) erleichtern.

1.2. Geschichte

1940: In einer Volkszählung in den Vereinigten Staaten von Amerika wurde die Grundlage für die Entwicklung des DSM gelegt (vgl. Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. IX). In dieser Erhebung „wurden sieben Kategorien für schwere Geisteskrankheiten“ (vgl. ebd., S. IX) unter der „Kategorie für Schwachsinn und Wahnsinn (idiocracy/ insanity)“ (vgl. ebd., S. IX) erfasst.

1917: Die „American Medico- Psychological Association” veröffentlichte erstmals ein Klassifikationssystem (vgl. ebd., S. IX).

1921: Aus der „American Medico- Psychological Association wurde die American Psychiatric Association (vgl. edb., S. IX).

1952: Das erste DSM erschien; in diesem wurde schon versucht „die Codierungsziffern mit der ICD-6 der WHO abzustimmen“ (ebd., S. IX).

1968: In diesem Jahr wurde das DSM-II publiziert, darin waren die in einem „Review psychiatrischer Klassifikationssysteme“ (Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. X) geforderten expliziten Definitionen, kaum berücksichtigt worden.

1980: Das Erscheinen des DSM-III stellte „einen radikalen Paradigmenwechsel im Vergleich zu früheren Systemen dar“ (Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 36). Mit dieser Ausgabe des DSM stellte die American Pychiatric Association erstmals ein „neuartiges diagnostisches Klassifikationsmanual“ (ebd., S. 36) vor. Das DSM-III enthielt nun explizite diagnostische Kriterien, ein multiaxiales System und einen beschreibenden Ansatz (vgl. American Psychiatric Association, 2000, S. xxviv). Die Ableitung der Diagnose wurde „explizit und operationalisiert algorithmisch spezifiziert“ (Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 36), dadurch wurden wichtige Ausschlusskriterien ohne viel Raum für Interpretationen vorgegeben (vgl. ebd., S. 36-37).

1987: Aufgrund einiger Widersprüche im System und Ungenauigkeiten in den Kriterien, wurde das DSM-III überarbeitet und als DSM-III-R veröffentlicht (vgl. American Psychiatric Association, 2000, S. xxvi).

1994: Die American Psychiatric Association publizierte die vierte Ausgabe des DSM als DSM-IV. Die Entwicklung des DSM-IV wurde eng mit der des ICD-10[1] abgestimmt (vgl. Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. XI). Um Änderungen empirisch begründen zu können, wurden „die Kriterienlisten von DSM-III, DSM-III-R und die ICD-10 Forschungskriterien in 12 Feldstudien an insgesamt 6000 Patienten verglichen“ (ebd., S. XI). Zur besseren Abstimmung der Systeme DSM-IV und ICD-10 untereinander, wurden neue Diagnosen vorwiegend aus der ICD-10 entnommen (vgl. Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. XI).

2000: Da zwischen dem Erscheinungsdatum des DSM-IV 1994 und dem für frühestens 2006 geplanten Erscheinen des DSM-V eine lange Zeitspanne lag, wurde das DSM-IV einer Textrevision unterzogen (vgl. ebd., S. XXV).

2013: Die Erarbeitung des DSM-V erstreckte sich letztendlich über einen noch längeren Zeitraum und führte schließlich dazu, dass das DSM-V laut der American Psychiatric Association im Mai 2013 erscheinen wird.

1.3. DSM und ICD

ICD ist die internationale Klassifikation der Diagnosen, welche von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erarbeitet und herausgegeben wird (Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. VII).

Die ICD-10 klassifiziert alle Krankheiten und Störungen, wohingegen das DSM, sich ausschließlich auf psychische Störungen bezieht (vgl. Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 38). Da es sich beim DSM, anders als bei der ICD, nicht um eine internationale Klassifikation handelt, erreicht das DSM eine größere Spezifität und Passung für den westlichen Kulturraum als die ICD (vgl. ebd., S. 37).

Die Entstehungsprozesse des DSM-IV und des ICD-10 waren eng aufeinander abgestimmt (vgl. Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. XI). Jedoch behielten beide Konzepte unterschiedliche Tendenzen in der Schwerpunktsetzung bei (vgl. ebd., S. XII).

Das DSM-IV legte den Fokus verstärkt auf „forschungsorientierte Gesichtspunkte“ (ebd., S. XII), wohingegen die ICD-10 interkulturelle Aspekte und die Anwendbarkeit in den Mittelpunkt stellte (vgl. ebd., S. XII).

Formulierungsunterschiede zwischen den beiden Systemen bewirken, dass „ICD-10 eher einen Richtlinien- und DSM-IV eher einen Vorschriftencharakter“ (Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. XII) hat.

Die interkulturelle Perspektive der ICD-10 führte auch dazu, dass das eingangs jeder im DSM-IV klassifizierten Störung aufgeführte Kriterium, „[d]as Störungsbild verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen“ (ebd., S. XII), in ICD-10 möglichst ausgeklammert wurde (vgl. ebd., S. XII).

In Deutschland sind in offiziellen Dokumenten in vielen Bereichen die ICD-10-Kriterium verpflichtend vorgeschrieben (vgl. ebd., S. XII), dahingegen wird in den USA vorwiegend auf die ICD-9-CM, die klinische Modifikation der ICD zurückgegriffen (vgl. ebd., S. XII). Aus diesem Grund sind in dem DSM-IV sowohl ICD-9-CM Codierungen, als auch die ICD-10 Codierungen enthalten (vgl. ebd., S. XII).

2. DSM-IV-TR

2.1. Allgemeines

Das DSM-IV-TR ist die zum jetzigen Zeitpunkt aktuellste Version des DSM. Diese Textrevision erschien im Jahr 2000 und löste die Version des DSM-IV ab (vgl. Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. XXV). In dieser Ausgabe wurden „Fehler und Ungenauigkeiten korrigiert“ (ebd., S. XXV) und neue Forschungserkenntnisse zu „Komorbidität, Prävalenz, Verlauf, familiären Verteilungsmustern, Alters- und Geschlechtsmerkmalen und zur Differentialdiagnose der verschiedenen Störungen“ (ebd., S.XXV) berücksichtigt.

2.2. Aufbau

Das DSM-IV-TR ist in einem multiaxialen System strukturiert und aufgebaut (vgl. Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 41). Insgesamt unterscheidet es „fünf verschiedene Achsen […], auf denen Informationen zum Zustandsbild eines Patienten beurteilt und kodiert werden können“ (ebd., S. 41).

Dieses System erleichtert „die umfassende und systematische Beurteilung unter Beachtung der verschiedenen psychischen Störungen und medizinischen Krankheitsfaktoren, der psychosozialen und Probleme des Umfelds und des Funktionsniveaus“ (Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. 17). Laut Saß et al. können durch diese Strukturierung klinische Informationen, klinische Situationen und die Heterogenität von Patienten gleichermaßen Berücksichtigung finden (vgl. ebd., S. 17).

2.2.1. Achse I: Klinische Störungen; Andere Klinisch Relevante Probleme

Auf Achse I werden „alle psychischen Störungen sowie Zustände und andere klinisch relevante Probleme beschrieben, definiert und kodiert; Ausnahme sind die Persönlichkeitsstörungen und geistige Behinderungen“ (Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 41), diese werden auf Achse II erfasst. Mit Hilfe explizit deskriptiver diagnostischer Kriterien wird jede Störung spezifiziert und mit einem diagnostischen Algorithmus versehen (vgl. ebd., S. 41). Dieser Algorithmus ermöglicht die Verrechnung von Einzelkriterien und Symptomgruppen zu einer operationalisierten Diagnose (vgl. ebd., S. 41). Ergänzung findet diese Diagnose durch eine in allen Kapiteln gleich aufgebaute, systematische Beschreibung der

- „Kernsymptome und –syndrome
- Subtypen und Kodierungsregeln
- zugehörigen Merkmale und Störungen (Laborbefunde, körperliche Befunde) sowie
- Angaben zu besonderen kulturellen, Alters- und Geschlechtsmerkmalen, Angaben zur Prävalenz, des Verlaufs und des familiären Verteilungsmusters jeder Störung“ (ebd., S. 42).

Ein weiterer Aspekt der in Achse I beschrieben wird, um Störungen zu klassifizieren, sind Ausschlusskriterien, die die differentialdiagnostische Abgrenzung zu anderen Störungen und normalen Variationen ermöglichen sollen (vgl. ebd., S. 42).

Bei einem mehrfachen Vorliegen von Achse I- Störungen, „sollten diese alle wiedergegeben werden“ (Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. 18). Dabei sollte darauf geachtet werden, die Hauptdiagnose oder den Konsultationsgrund an erster Stelle aufzuführen, gefolgt von den weiteren Störungen (vgl. ebd., S. 18). Bei einem Vorliegen von sowohl Achse I- Störung, als auch Achse II-Störung, muss deutlich gekennzeichnet werden, welche Störung als Hauptdiagnose bzw. Konsultationsgrund bewertet wird (vgl. ebd., S. 18).

Klinische Störungen bzw. Andere Klinisch Relevante Probleme der Achse I sind:

- „Störungen, die Gewöhnlich Zuerst im Kleinkindalter, in der Kindheit oder Adoleszenz Diagnostiziert werden (außer Gesitige Behinderung, die auf Achse II codiert wird)
- Delir, Demenz, Amnestische und Andere Kognitive Störungen
- Psychische Störungen Aufgrund eines Medizinischen Krankheitsfaktors
- Störungen im Zusammenhang mit Psychotropen Substanzen
- Schizophrenie und andere Psychotische Störungen
- Affektive Störungen
- Angststörungen
- Somatoforme Störungen
- Vorgetäuschte Störungen
- Dissoziative Störungen
- Sexuelle und Geschlechtsindentitätsstörungen
- Eßstörungen
- Schlafstörungen
- Störungen der Impulskontrolle, Nicht Andernorts Klassifiziert
- Anpassungsstörungen
- Andere Klinisch Relevante Probleme“

(Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. 18)

2.2.2. Achse II: Persönlichkeitsstörungen; Geistige Behinderung

Auf dieser Achse werden Geistige Behinderung, Persönlichkeitsstörungen, unangepasste Persönlichkeitszüge und Abwehrmechanismen erfasst (vgl. Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 43). Zu den hier erfassten Störungen gehören:

- „Paranoide Persönlichkeitsstörung
- Schizoide Persönlichkeitsstörung
- Schizotypische Persönlichkeitsstörung
- Antisoziale Persönlichkeitsstörung
- Borderline Persönlichkeitsstörung
- Histrionische Persönlichkeitsstörung
- Narzißtische Persönlichkeitsstörung
- Vermeidend- Selbstunsichere Persönlichkeitsstörung
- Dependente Persönlichkeitsstörung
- Zwanghafte Persönlichkeitsstörung
- Nicht Näher Bezeichnete Persönlichkeitsstörung
- Geistige Behinderung“

(Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. 19)

Die Spezifizierung der Persönlichkeitsstörungskriterien ist ähnlich wie auf Achse I, jedoch gibt es auf Achse II zusätzliche allgemeine Richtlinien, die über die störungsspezifischen Kriterien hinaus erfüllt sein müssen (vgl. Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 43). Die Kriterien setzen sich aus folgenden Punkten zusammen:

„A. Ein überdauerndes Muster von innerem Erleben und Verhalten, das merklich von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung abweicht. Dieses Muster manifestiert sich in mindestens zwei der folgenden Bereiche:
1. Kognition (also die Art, sich selbst, andere Menschen und Ereignisse wahrzunehmen und zu interpretieren),
2. Affektivität (also die Variationsbreite, die Intensität, die Labilität und Angemessenheit emotionaler Reaktionen),
3. Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen,
4. Impulskontrolle
B. Das überdauernde Muster ist unflexibel und tiefgreifend in einem weiten Bereich persönlicher und sozialer Situationen.
C. Das überdauernde Muster führt in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
D. Das Muster ist stabil und lang andauernd, und sein Beginn ist zumindest bis in die Adoleszenz oder in das frühe Erwachsenenalter zurückzuverfolgen.
E. Das überdauernde Muster lässt sich nicht besser als Manifestation oder Folge einer anderen psychischen Störung erklären.
F. Das überdauernde Muster geht nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz (z.B. Droge, Medikament) oder eines medizinischen Krankheitsfaktors (z.B. Hirnverletzung) zurück.“

(Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 43)

Auch auf Achse II sollen laut alle Diagnosen unter Kennzeichnung der Hauptdiagnose beziehungsweise des Konsultationsgrundes erfasst werden (vgl. Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. 19).

2.2.3. Achse III: Medizinische Krankheitsfaktoren

Diese Achse dient zur Erfassung medizinischer Krankheitsfaktoren, welche sich unter Umständen als Auslöser für eine psychische Störung erweisen können. Die Erfassung dieser Wechselbeziehungen erweist sich in der Praxis oft als problematisch. Sollte eine psychische Störung erfasst werden, welche sich aufgrund eines medizinischen Krankheitsfaktors entwickelt hat, so werden beide gesondert mit Verweis auf die Wechselbeziehung in der jeweiligen Achse erfasst (vgl. Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 44). Lässt sich dieser Zusammenhang jedoch nicht ausreichend klären, „sollte eine getrennte Kodierung der Achse-I-Hauptdiagnose und der (medizinischen) Achse-III-Diagnose erfolgen“ (ebd., S. 44). Hierunter werden folgende Krankheitsfaktoren erfasst (Angabe mit ICD-9-CM-Codes):

- „Infektiöse und parasitäre Erkrankungen (001-139)
- Neoplasmen (140-239)
- Endokrine, alimentäre, metabolische Erkrankungen und Immunstörungen (240-279)
- Erkrankungen des Blutes und der blutbildenden Organe (280-289)
- Erkrankungen des Nervensystems und der Sinnesorgane (320-389)
- Erkrankungen des Kreislaufsystems (390-459)
- Atemwegserkrankungen (460-519)
- Erkrankungen des Verdauungssystems (520-579)
- Urogenitale Erkrankungen (580-629)
- Komplikationen in der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett (630-676)
- Erkrankungen der Haut und des Subkutangewebes (680-709)
- Erkrankungen des Bewegungsapparates und Bindegewebes (710-739)
- Angeborene Störungen (740-759)
- Bestimmte Zustände, die in der perinatalen Phase ihren Ursprung haben (760-779)
- Symptome, Zeichen und unklar definierte Zustände (780-799)
- Verletzungen und Vergiftungen (800-999)“

(Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. 21)

2.2.4. Achse IV: Psychosoziale oder Umgebungsbedingte Probleme

In Achse IV werden psychosoziale und umgebungsbedingte Probleme erfasst, welche Diagnose, Therapie und Prognose einer psychischen Störung beeinflussen können (vgl. Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. 21). Hierunter werden beispielsweise negative Lebensereignisse, umgebungsbedingte Schwierigkeiten, familiäre oder zwischenmenschliche Belastungen und unzureichende soziale Unterstützung erfasst (vgl. ebd., S. 21). Positive Stressoren sollen nur erfasst werden, wenn sie problemauslösend sind (vgl. ebd., S. 21). Zur Erleichterung der Erfassung sind die Probleme in folgende Kategorien gegliedert:

- „Probleme in der Hauptbezugsgruppe
- Probleme im sozialen Umfeld
- Ausbildungsprobleme
- Berufliche Probleme
- Wohnungsprobleme
- Wirtschaftliche Probleme
- Probleme beim Zugang zu Einrichtungen der Krankenversorgung
- Probleme beim Umgang mit dem Rechtssystem/ Delinquenz
- Andere psychosoziale oder umgebungsbedingte Probleme“ (ebd., S. 22)

Erfasst werden sollen nur Probleme, die „im Laufe des letzten Jahres vor der augenblicklichen Untersuchung gegeben waren“ (ebd., S. 21), es sei denn, länger zurückliegende Probleme haben erheblich zur Entwicklung der psychischen Störung beigetragen (vgl. ebd., S.21).

2.2.5. Achse V: Globale Beurteilung des Funktionsniveaus

Diese Achse dient zur Erfassung des allgemeinen Funktionsniveaus des Patienten, die hier festgehaltenen Daten sollen zur besseren Therapieplanung, deren Wirksamkeitsüberprüfung und zur Erstellung der Prognose herangezogen werden (vgl. Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. 23). Als Hilfsmittel steht hier die „GAF (Global Assessment of Functioning)-Skala“ (ebd., S. 23) zur Verfügung. Der Wert des Funktionsniveaus wird mit Codes von 1-100 angegeben, wobei 100 für eine „Hervorragende Leistungsfähigkeit“ (ebd., S. 24) und 1 für die „ständige Gefahr, sich oder andere schwer zu verletzten“(ebd., S. 25) steht. Diese Skala ist wiederum in 10 Funktionsniveaus unterteilt (vgl. ebd., S. 23). Bei der Beurteilung soll möglichst auf den aktuellen Zeitpunkt Bezug genommen werden, „da der Skalenwert für das augenblickliche Funktionsniveau in der Regel den Bedarf an Behandlung und Fürsorge widerspiegelt“ (vgl. ebd., S. 23).

2.3. Verwendung

Obwohl „die ICD mit ihren Kodierungen für alle Erkrankungen zu Dokumentationszwecken verbindlich“ (Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 37) ist, wurde das DSM „zu einem Standardwerk in der psychiatrischen, psychopathologischen und klinisch- psychologischen Forschung und Praxis“ (Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, S. XXI).

Zur Erleichterung der Differentialdiagnose, befinden sich im DSM diagnostische Entscheidungsbäume in Form von Flussdiagrammen (vgl. Wittchen & Hoyer (Hrsg.), 2011, S. 48). Diese Entscheidungsbäume stehen für die Hauptformen psychischer Störungen zur Verfügung und helfen anhand von klinischen Merkmalen verschiedene Störungen aus- und einzuschließen (vgl. ebd., S. 48).

2.4. DSM-IV-TR Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungs- (ADHS) Kriterien

Die DSM-IV-TR-Kriterien für die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivi­tätsstörung sind in verschiedene Unterkategorien gegliedert (vgl. American Psychiatric Association, 2000, S. 85).

Kriterium für die Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung laut DSM-IV-TR ist das Vorliegen von mindestens sechs der folgend beschriebenen Kriterien aus Kategorie A1 oder A2. Dies führt zu Feststellung des Subtyps (siehe unten). Die Kriterien B bis E müssen vollständig erfüllt werden (vgl. ebd., S. 92- 93). Wichtig ist, dass die Differenzen deutlich vom Entwicklungsstand abweichen (vgl. ebd., S. 92).

Kriterium A beschreibt ein beständiges Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität/Impulsivität, das sich bei dem Betroffenen in einem größeren Ausmaß als bei anderen Menschen auf dem gleichen Entwicklungsstand (vgl. ebd., S. 85) zeigt. Das Kriterium A wiederum gliedert sich in die weiteren Unterkategorien A1a bis A2i, in denen die Kriterien für Unaufmerksamkeit (Kriterium A1a bis A1i) und/oder Hyperaktivität/Impulsivität (Kriterium A2a bis A2i) spezifiziert werden (vgl. ebd., S. 85).

Kriterium A1a legt fest, dass die Unaufmerksamkeit in schulischen, beruflichen oder auch sozialen Situationen auftreten kann (vgl. ebd., S. 85).

[...]


[1] Siehe Kapitel 1.3. DSM und ICD

Details

Seiten
66
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656484172
ISBN (Buch)
9783656483854
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231706
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Schlagworte
DSM-5 DSM DSM-V DSM-IV ADHS ADHS bei Erwachsenen Learning Disorder ADHS Symptome DSM und ICD

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