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Aspekte der paulinischen Kreuzestheologie

Ihre Bedeutung für heute

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Wort vom Kreuz als Zentrum des Evangeliums
2.1 Die Situation der Gemeinde in Korinth
2.2 Das Wort vom Kreuz als Gottes Kraft
2.3 Das Kreuz als historischer Ort
2.4 Die Torheit der Verkündigung als Gottes Weisheit
2.5 Durch die Weisheit der Welt wurde Gott nicht erkannt
2.6 Der Anstoß des Kreuzes
2.7 Gottes weisere Torheit und stärkere Schwachheit
2.8 Das Kreuz zeigt sich in der Zusammensetzung der Gemeinde
2.9 Das Kreuz wird bezeugt durch die Schwachheit des Apostels

3 Das Wort vom Kreuz in seiner Bedeutung für heute

Literatur

1 Einleitung

Das Kreuz ist das Symbol des Christentums schlechthin. Doch in der Zeit der Urkirche war es umstritten. Niemand wäre in der Antike auf die Idee gekommen, das Kreuz zum religiösen Symbol zu erheben1. Aber für Paulus bildet das Kreuz ”dieZusam- menfassung der ganzen christlichen Heilsbotschaft“2. Das Kreuz ist für ihn nicht bloß ein zeitloses, paradoxes Symbol. Es handelt sich dabei in seiner Sicht weder um einen Justizirrtum, dessen Verurteilter rehabilitiert werden könnte, noch um eine Tragödie der gescheiterten Liebe Gottes. Selbst das Motiv des Mitleids mit dem Gekreuzigten ist für ihn nicht entscheidend3, sondern das Kreuz als Heilsgeschehen, als ”GottesKraft und Weisheit“, die den Glaubenden das Heil bringt.

Die Kreuzestheologie des Paulus entstandt nicht als reine Theorie, sondern findet ihre Grundlage in der Biografie des Paulus und damit in seiner eigenen Glaubenserfahrung4: Als jüdischer Eiferer und Pharisäer kommt er in Kontakt mit Jesusanhängern, die einen Gekreuzigten als Messias verkünden. Aufgrund von Dtn 21,22f geht er davon aus, dass der dort angesprochene Fluch auf dem Gekreuzigten liegt, und bekämpft deshalb diesen Glauben als Blasphemie.

Doch aus dem leidenschaftlichen Gegner der jungen Jesusbewegung wird im Damaskus- erlebnis ein Verfechter eben dieser Botschaft: Der Gekreuzigte, den Paulus verfolgte, offenbart sich ihm als der Auferstandene und Sohn Gottes. Dadurch kommt Paulus zu einem Umdenken, durch das Gott ihn einen Schritt weiterführt und ihm seine Berufung zeigt5 ; der Fluch des Kreuzes wird ihm zum Ort des Heils, der seine Verkündigung bestimmt6. Er will nichts anderes ”wissen außer Jesus Christus,und zwar als den Gekreuzigten“ (1 Kor 2,2).

Als maßgebliches Zeugnis der Kreuzestheologie des Paulus betrachtet die vorliegende Arbeit 1 Kor 1-47. Das ”WortvomKreuz“des1 Kor entspricht inhaltlich der Rechtfer tigungslehre des Galater- und des Römerbriefs8, wobei im 1 Kor die Begriffe Weisheit und Torheit, in Gal und Röm Gerechtigkeit und Zorn benutzt werden.

2 Das Wort vom Kreuz als Zentrum des Evangeliums

2.1 Die Situation der Gemeinde in Korinth

Der Korintherbrief ist ein Antwortschreiben auf einen Brief der Gemeinde mit verschiedenen konkreten Fragen (vgl. z.B. 1 Kor 7,1.25; 8,1). Außerdem hat Paulus durch einige Gemeindemitglieder ( " die Leute der Chloe\) mündliche Nachrichten über weitere Missstande erhalten (vgl. 1,11f; 5,1; 11,18). Paulus reagiert auf die Situation in Korinth und nimmt deshalb gleich nach dem Proömium ab 1 Kor 1,10 Bezug auf die dortigen Spaltungen und Parteistreitigkeiten.

Diese Spaltungen stellen für Paulus - unter den vielen aufgeworfenen Problemen9 - die zentrale Frage dar (vgl. 1,11f; 3,3f.21f; 11,18; 12-14). Dennoch sind die Streitigkeiten für den Apostel nur Symptom einer tieferliegenden geistlichen Verirrung: der Suche nach ”σoφιαλóγoυ“(”Weisheitsrede“)(1,17),alsoder ”schwärmerischenHochschätzung pneumatischer Weisheitsrede“ ([LB [12]],68) oder einfach ”menschlicher Wichtigtue- rei“10.

Mit diesem Schlagwort bezeichnet Paulus ein Denken und Reden, das das Kreuz entleert und seines Effektes beraubt. Dabei geht es nicht um eine Ablehnung der Rhetorik, sondern darum, dass jede Verkündigung den Bezug zu Gottes Erlösungshandeln am Kreuz bewahrt. In der jüdisch-hellenistischen Weisheitstheologie hatten Eloquenz und überzeugende Rede eine große Bedeutung und galten oft als Nachweis eines höheren Stadiums von Glauben. Für Paulus stehen die Kategorien dieser Denkweise dem Kreuz Christi gegenüber und entleeren es. Durch Verkündigung in Weisheitsrede würde das Kreuz seines Effektes ( ”Kraft“bzw. ”δυναµις“;vgl. 1,18; 1,24) beraubtunddamit zerstört. Die σoφια λóγoυ bezeichnet also eher einen hermeneutischen Ansatz, eine Zugangsweise zum Kreuz, die das Kreuz in mythologischer Denkweise relativiert z.B. durch Einordnen in ein Gefüge verschiedener Heilsereignisse11.

2.2 Das Wort vom Kreuz als Gottes Kraft

Diese Haltung lehnt Paulus ab und stellt ihm in 1 Kor 1,18-25 ein Denken und Reden gegenüber, das das Kreuz zur Geltung bringt: ”das Wort vom Kreuz“- ”λóγoςτoυ σταυρoυ“ (1,18).

Entgegen der Auffassung, die Kreuzestheologie des Paulus habe ausschließlich eine kritisch-polemische Funktion gegen Gesetzesfrömmigkeit und Geistenthusiasmus12, be- tont U. Schnelle, dass die Rede vom Kreuz Teil der Erstverkündigung ist und ”die Mitte der paulinischen Sinnwelt“13 darstellt.

Der ganze Inhalt des Evangeliums ist dem Wort vom Kreuz deckungsgleich. Es steht nicht neben anderen "Worten, sondern die gesamte Theologie des Paulus ist dessen Ausgestaltung und umfasst demnach selbstverstandlich auch die Auferstehung14 Das Kreuz stellt fur Paulus das " entscheidende theologische Kriterium“15 dar, an dem jegliche Erkenntnis von Gott, Welt und Mensch gemessen werden. "Nicht das Kreuz ist in einen größeren Zusammenhang einzuordnen, sondern schlechthin alles ist in den Horizont des Kreuzes einzuordnen.“16

"Denn das Wort vom Kreuz ist Torheit denen, die verloren gehen; uns aber, die gerettet werden, ist es Kraft Gottes“ (1,18). Röm 1,16f entspricht diesem Vers inhaltlich: Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die den Glaubenden das Heil bringt. Mit dem hier ver- wendeten Begriff ”δυναµιςθϵoυ“(”KraftGottes“)weistPaulusaufalttestamentlich- frühjüdische Glaubensvorstellungen hin. Gemäß dieser Überlieferung zeigt sich Gottes Kraft darin, in die Geschichte einzugreifen und sie zu bestimmen. Die zentrale Handlung stellt in diesem Glauben der Exodus dar. In diese Vorstellung fließen auch schöpfungs- theologische Elemente ein und die Hoffnung auf einen endzeitlichen und endgültigen Machterweis Gottes17.

2.3 Das Kreuz als historischer Ort

Dass Paulus das Wort vom Kreuz als Kraft Gottes bezeichnet, erscheint besonders erstaunlich, weil es bei Paulus in direktem Bezug zur Geschichte steht und vom Kreuz als dem historischen Ort des Todes Jesu ausgeht. Der Begriff ”Anstoß des Kreuzes“ - ”σκáνδαλoντoυσταυρoυ“-in 1 Kor 1,25 (vgl.Gal 5,11)weistaufdiekonkrete Hinrichtungsart hin. Die Kreuzigung ist die grausamste und entehrendste Todesstrafe der damaligen Welt, die bevorzugte Strafe für Sklaven und Aufständische. Auf diese Weise zu sterben galt in der antiken Welt als besonders niedriger Tod18. Auch die Juden verhängten diese Strafe bei Hochverrat, besonders mit dem Ziel den Täter zu schänden. Demnach ist die Kreuzigung eine Zumutung der Verkündigung, denn sie weist Jesus als Verbrecher, nicht als Gottessohn aus19.

”DererwarteteeschatologischeMachterweisGottes,seinezentralege- schichtsgestaltende Tat, die an Wirkmächtigkeit mit dem Exodus ver- gleichbar ist, wird nicht nur - was erstaunlich genug wäre - mit einer so kraftlos scheinenden Sache wie einem Wort verbunden, sondern speziell mit einem Wort, dessen prägender Inhalt das Kreuz ist, an dem Christi Kräfte schwanden und er der totalen Kraftlosigkeit, dem Tod, erlag.“20

2.4 Die Torheit der Verkündigung als Gottes Weisheit

Vor dem Hintergrund des schier unfassbaren Zusammenhangs zwischen dem Wort vom Kreuz und der Kraft Gottes muss die menschliche Weisheit scheitern. Paulus unter- scheidet deshalb streng zwischen der Weisheit der Welt und der Weisheit Gottes: Wie die Schrift bezeugt, kann die Weisheit Gottes ihren Inhalt nicht der Weisheit der Welt entnehmen (1,19).

[...]


1 Günther Bornkamm, Paulus. Stuttgart u.a. (Kohlhammer)41979, 166. Im Weiteren abgekürzt: Bornkamm, Paulus.

2 Das Glaubensbekenntnis der Kirche. In: Katholischer Erwachsenenkatechismus. 1. Band, Hg. v. der Deutschen Bischofskonferenz, Kevelaer (Butzon & Bercker) u.a.41989, 183.

3 Bornkamm, Paulus, 166f.

4 Vgl. dazu weiterführend Christian Dietzfelbinger, Die Berufung des Paulus als Ursprung seiner Theologie. Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament 58. NeukirchenVluyn (Neukirchener Verlag) 1985.

5 Vgl. Norbert Baumert, Paulus - alte und neue Perspektiven : zum Paulusjahr. In: Zeitschrift für katholische Theologie. Würzburg (Echter) 130 (2008), 170.

6 Vgl. Udo Schnelle, Paulus. Leben und Denken. Berlin, New York (Walter de Gruyter) 2003, 486f. Im Weiteren abgekürzt: Schnelle, Paulus; Joachim Gnilka, Paulus von Tarsus: Apostel und Zeuge. Freiburg (Herder) 1996, 34-47; Bornkamm, Paulus, 36-47.

7 Die verbleibenden Kapitel des 1 Kor können als weiterführende Erörterung und Anwendung dieser Lehre angesehen werden. Vgl. Florian Voss, Das Wort vom Kreuz und die menschliche Vernunft. Zur Soteriologie des 1. Korintherbriefes. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2002, 61. Im Wei-

teren abgekürzt: Voss, Das Wort vom Kreuz.

8 Vgl. Rolf Baumann, Aufbaukurs Lehrbrief 12 ”DieHeilsverkündigungdesApostelsPaulus“.Hg. v. Theologie im Fernkurs, Würzburg2008,61. Im Weiteren abgekürzt: LB 12; sowie Voss, Das Wort vom Kreuz,69.

9 Vgl. z.B. Schnelle, Paulus, 205f.

10 Norbert Baumert, Sorgen des Seelsorgers. Übersetzung und Auslegung des ersten Korintherbriefs. Würzburg (Echter) 2007, 23.

11 Vgl. Voss, Das Wort vom Kreuz, 55-61.

12 Vgl. Wolfgang Schrage, Kreuzestheologie und Ethik im Neuen Testament. Gesammelte Studien. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2004, 13-15. Im Weiteren abgekürzt: Schrage, Kreuzes- theologie; sowie Andreas Dettwiler, Jean Zumstein (Hg.), Kreuzestheologie im Neuen Testa- ment, Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 151, Tübingen (Mohr Siebeck) 2002, 32.

13 Schnelle, Paulus, 491.

14 Vgl. Voss, Das Wort vom Kreuz, 62f; Schnelle, Paulus, 463.

15 Schnelle, Paulus, 209.

16 Voss, Das Wort vom Kreuz, 61.

17 Vgl. Voss, Das Wort vom Kreuz, 66.

18 Vgl. Cicero, pro Rabirio 5,16: " Wenn schließlich der Tod angedroht wird, so wollen wir in Freiheit sterben. Der Henker aber und die Verhüllung des Hauptes und das bloße Wort Kreuz sei ferne nicht nur vom Leib römischer Bürger, sondern auch von ihren Gedanken, Augen, Ohren. Denn von allen diesen Dingen ist nicht allein das Ertragen, sondern auch das Los, die Erwartung, allein die Erwähnung eines römischen Bürgers und freien Mannes unwürdig“.

19 Vgl. Schnelle, Paulus, 487f; sowie Voss, Das Wort vom Kreuz, 67.

20 Voss, Das Wort vom Kreuz, 67f.

21 Johannes Weiß, Der erste Korintherbrief. Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Tes- tament Abt. 5 , Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) (Neudruck der völlig neubearbeiteten Aufl. 1910)91970, 27.

22 Vgl. Hans Weder, Das Kreuz Jesu bei Paulus. Ein Versuch, über den Geschichtsbezug des christ- lichen Glaubens nachzudenken. Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Tes- taments 125. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1981, 145f. Im Weiteren abgekürzt: Weder, Das Kreuz Jesu.

23 Weder, Das Kreuz Jesu, 148.

24 Weder, Das Kreuz Jesu, 149.

25 Vgl. Schnelle, Paulus, 209.

26 Ulrich Wilckens, Weisheit und Torheit. Eine exegetisch-religionsgeschichtliche Untersuchung zu 1. Kor. 1 und 2. Beiträge zur historischen Theologie 26. Tübingen (Mohr) 1959, 29.

27 Vgl. Voss, Das Wort vom Kreuz, 81.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656478195
ISBN (Buch)
9783656479123
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231648
Institution / Hochschule
Katholische Akademie Domschule Würzburg
Note
1,0
Schlagworte
Theologie Paulus Kreuzestheologie Kreuz Exegese Bibel Neues Testament Korintherbrief

Autor

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