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Ostalgie in Gesellschaft und Literatur: „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ von Thomas Brussig

Fachbuch 2016 153 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Dominik Eichert (2016): Der alltägliche Blick zurück. Zum Umgang mit der DDR-Geschichte, am Beispiel der Ostalgie

Einleitung

Erinnerungstheorien

Das Phänomen der DDR-Nostalgie

Heutige Bilder von der DDR

Resümee

Quellen- und Literaturverzeichnis

Susan Dankert (2005): Eine Interpretation von Thomas Brussigs „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“

Vorwort

Literarische Form und Struktur

Erzähler und Erzählstruktur

Erzählte Zeit und Erzählgeschwindigkeit

Sprache

Motivation, Motivik und Intertextualität

Analyse wichtiger “Stellen“ im Roman

Resümee / Interpretationsansatz

Literaturverzeichnis

Theresa Hiepe (2009): Eine Darstellung der Einschränkungen des täglichen Lebens in der DDR anhand Thomas Brussigs Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“

Einleitung

Brussigs Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee

Einschränkungen des täglichen Lebens in der DDR

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Anonym (2008): Komiktheoretische Annäherungen an Leander Haußmanns „Sonnenallee“. Darf man das? Lachen über den Osten

Einleitung

Leander Haußmanns Sonnenallee

Die Komödie Sonnenallee

Fazit

Bibliografie

Einzelpublikationen


Dominik Eichert (2016): Der alltägliche Blick zurück. Zum Umgang mit der DDR-Geschichte, am Beispiel der Ostalgie

Einleitung

„The past is never dead. lt s not even past.“

William Faulkner

Welche Folgen hat es für den Alltag eines Bürgers, wenn dieser permanent beobachtet und abgehört wird? Was bedeutet es, niemandem trauen zu können, – auch nicht der eigenen Familie – da der Gegenüber möglicherweise mit der Stasi zusammenarbeitet? Was heißt es, wenn man aus Angst vor Verurteilung und Inhaftierung seine Meinung nicht laut bzw. öffentlich äußern kann? Diese und weitere Fragen haben mich dazu veranlasst, mich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Der in einigen Teilen der Gesellschaft und der Literatur verbreitete verklärende Rückblick auf die DDR erzeugte bei mir ein Unverständnis und regte mich an, über diese Thematik nachzudenken. Getreu der Redewendung "Es ist nicht alles Gold was glänzt", muss aber auch nicht alles bezüglich der DDR schlecht gewesen sein. Der andere deutsche Staat ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert Geschichte. Nach Martens (2011) lebt die DDR aber in vielen Erinnerungen und Erzählungen weiter und wirkt als scheinbar Vergangenes weiterhin auf die Gegenwart, indem sie die Menschen in ihren Vorstellungen und ihrem Handeln noch heute prägt. In diesem Kontext verdeutlicht das Zitat des US-amerikanischen Schriftstellers W. Faulkner sehr zutreffend, dass die Vergangenheit niemals wirklich vergangen oder gar endgültig abgeschlossen sei. Fast 27 Jahre nach dem Mauerfall von 1989 sind die Fragen nach dem Umgang mit der DDR-Vergangenheit und nach dem Verhältnis der (Ost-)Deutschen gegenüber dem ehemaligen Diktaturstaat ebenso zahlreich wie auch vielfältig. Diesbezüglich sind eine Vielzahl von journalistischen Publikationen sowie wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur DDR-Geschichte vorzufinden. Dabei geht es nicht ausschließlich um die faktenbegründete Auseinandersetzung mit der DDR. Vielmehr stehen hier Aspekte der Vergangenheitsaufarbeitung, der Identitätssuche oder des emotionalen Erinnerns im Vordergrund (vgl. Berth & Kollegen 2010), wie beispielsweise in den sog. Ostalgie-Shows, die kurz nach der Jahrtausendwende ihren Höhepunkt im TV erlebten (vgl. Neller 2006). Diese Shows spiegeln dabei eine kollektive „positive Orientierung gegenüber der ehemaligen DDR" (ebd., S. 37) wider, welche von Neller (ebd.) als DDR-Nostalgie bezeichnet wird und die im Zentrum dieser Ausarbeitung stehen soll. Es soll an dieser Stelle außerdem herausgearbeitet werden, welches Bild der ehemaligen DDR heutzutage in der deutschen Bevölkerung existiert? Da diesbezüglich vor allem der Beschäftigung mit Erinnerung und Gedächtnis eine große Bedeutung zukommt, befasst sich diese Arbeit in Kapitel 2 zunächst mit zwei grundlegenden Erinnerungstheorien, um zu verdeutlichen wie Wahrnehmung und Erinnerung sowohl auf individueller, als auch auf gesellschaftlicher Ebene im Kontext der Ostalgie stattfindet. Im Anschluss daran wird in Kapitel 3 und seinen Unterkapiteln zum einen die historische Entwicklung derNostalgie über die DDR-Nostalgie bis hin zur Ostalgie in den Blick genommen und zum anderen eine definitorische Unterscheidung der Begriffe Ostidentität, Nostalgie sowie Ostalgie vorgenommen. Diese Differenzierungen erscheinen für die Wissenschaftlichkeit dieser Arbeit von hoher Bedeutung, da die Begriffe im öffentlichen Diskurs oft fälschlicherweise als Synonym verwendet werden (vgl. Neller 2006). Auf diese Weise sollen inhaltliche Irrtümer vermieden werden. Kapitel 3.2 und die anschließenden Unterkapitel geben einen zusammenfassenden Überblick über die ökonomischen Ausprägungen der Ostalgie am Beispiel von Filmen, Serien sowie Unterhaltungsshows und anhand typischer Ostprodukte. Darüber hinaus werden in Kapitel 4 Befragungsergebnisse verschiedener Studien vorgestellt, die zum einen das vermittelte romantische Bild mancher Medien über die DDR widerspiegeln und zum anderen auch kritische Ansichten hervorbringen. Abgeschlossen wird diese Arbeit schließlich mit einem Resümee in Kapitel 5, in dem die Ergebnisse zusammengefasst und geordnet werden.

Erinnerungstheorien

Wie vollzieht sich das Erinnern und wie werden Erinnerungen weitergegeben? Wie wird etwa im Familiengespräch Vergangenheit gebildet? Und wie verändert sich zum Beispiel die Wahrnehmung und Geschichtsschreibung der DDR mit wachsendem Abstand?

Um die Rückblickseuphorie, die kennzeichnend für die Ostalgie ist (vgl. ebd.), besser verstehen zu können, soll die Beschäftigung mit der Erinnerung den zentralen Ausgangspunkt dieses Kapitels darstellen. Insbesondere bei historischen Transformationsprozessen wie der deutschen Wiedervereinigung, erscheint es sinnvoll sich mit der sozial- und kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung intensiver zu beschäftigen (vgl. Moller 2010). Aber auch im Hinblick auf die Aufarbeitung der diktatorischen Vergangenheit und Erinnerungskultur der (Ost-)Deutschen kann es hilfreich sein, gedächtnistheoretische Überlegungen mit einzubeziehen. Zwar ist das Unrechtsregime DDR schon relativ lange beendet, jedoch tragen auch noch heutzutage die Gespenster der DDR-Vergangenheit zu gesellschaftlichen Debatten bei. Prof. Dr. Osterle (2002), der Sprecher des Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen sagte einst: „Die Erinnerungskultur einer Gesellschaft ist der Spiegel ihrer Gegenwart" (https://idw-online.de/de/news56845, letzter Zugriff: 29.04.16). Um den persönlichen wie auch den kollektiven Umgang mit der Vergangenheit sowie im weiteren Verlauf dieser Arbeit die Sehnsucht nach der DDR besser nachvollziehen zu können, werden nun die Erinnerungstheorien von drei ausgesuchten Wissenschaftlern vorgestellt. Dabei zählen Harald Welzer und die Eheleute Jan und Aleida Assmann zu den zentralen deutschsprachigen Forschern in diesem Bereich. Ihre Überlegungen werden im Folgenden als theoretische Grundlage vorgestellt.

[...]


Susan Dankert (2005): Eine Interpretation von Thomas Brussigs „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“

Vorwort

Im Angesicht der momentanen politischen Diskussionen um Hartz IV, Montagsdemonstrationen etc. erlebte auch die Ost-West-Debatte erneut eine ungewöhnlich starke Brisanz. Fünfzehn Jahre nach dem Mauerfall wünscht sich jeder fünfte Deutsche die Mauer zurück – so heißt es einer Forsa-Umfrage der vergangenen Wochen zufolge.[1] Der Stinkefinger von Bernd Görgelein (ein arbeitsloser Ostdeutscher) gen Westen wird deutschlandweit zum Symbol der aufgeladenen Stimmung. Er spricht aus, was viele denken: „[I]n der DDR waren wir glücklicher. Wenn jemand die Mauer wieder aufbauen wollte, würde ich sagen: Ja“.[2] Da fragt man sich, was in den Köpfen der Menschen vonstatten geht, wenn sie einen solch absurden Wunsch äußern - wohin verschwand das kollektive Gedächtnis, wohin das Bedauern um eine Zeit der Diktatur, Mangelwirtschaft, Eingesperrtheit? Doch darin liegt das Problem – ein kollektiv – deutsches Gedächtnis zur DDR-Vergangenheit gibt es in dem Sinne nicht. Schließlich kam es nie zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit und v. a. dem individuellen Versagen in der DDR-Geschichte seitens der Ostdeutschen. Stattdessen gab es auf der einen Seite Ostalgie-Shows, in denen sich die Ossis selbst feierten und die DDR in knalligem Bunt erstrahlte, während auf der anderen Seite westdeutsche Late-Night-Moderatoren das Publikum mit klischeebeladenen Ossi-Witzen erfreuten. Von Vergangenheits-Bewältigung keine Spur – auf beiden Seiten redete man sich die Zeit vor dem Mauerfall schön, man wurde nostalgisch. Genau an diesem Punkt, an dem Gedächtnis aufhört und Erinnerung anfängt, knüpft Brussigs Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee an. Der Stoff des Buches „war ursprünglich ein Filmstoff“, d. h. Brussig schrieb zunächst (gemeinsam mit Leander Haußmann) das Drehbuch zum Film Sonnenallee und entschloss sich, den Stoff erneut im Roman zu verarbeiten. Der Film folgte den „Intentionen des Regisseurs Leander Haußmann, der auf das Kultpotenzial des Stoffes setzte (mit musicalartigen Tanzeinlagen, stilisierten Kostümen usw.)“ wobei Brussig die Erzählung im Nachhinein schrieb, um „zu untersuchen, was Nostalgie eigentlich ist“.[3] Der Rückentext von Am kürzeren Ende der Sonnenallee macht dabei dringlich auf dieses Prinzip der Lektüre aufmerksam: „Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen“ (S. 157).

Das übergeordnete Schema, nach dem der Roman funktioniert und verstanden werden soll, ist somit für jeden ersichtlich und deutlich formuliert. Inwieweit Text-, Darstellungs- sowie Bedeutungsebene zum Träger dieses Prinzips werden, untersucht die folgende Auseinandersetzung mit dem Primärtext. Dabei orientiert sich die Analyse an der literaturwissenschaftlichen Methode, die in Einführung in die Erzähltheorie von Martinez/Scheffel zugrunde gelegt wird.

Literarische Form und Struktur

Romanstruktur

Der 2001 in Frankfurt am Main erschienene Wenderoman Am kürzeren Ende der Sonnenallee von Thomas Brussig umfasst 151 Seiten und unterteilt sich in 14 Kapitel, die jeweils zwischen 3 und 24 Seiten lang sind. Die Kapitel sind nicht durchnummeriert und ein Inhaltsverzeichnis samt Kapitelauflistung fehlt ganz - hier deutet sich schon an, dass in der Lektüre Struktur eine untergeordnete Rolle spielt bzw. Struktur gar nicht erwünscht ist. Die im Roman stattfindende Vernetzung der Haupthandlung mit vielen in sich abgeschlossenen Teilhandlungen spricht ebenfalls für diesen Schluss. Als Haupthandlung ist dabei eindeutig die Liebesgeschichte zwischen Micha und Miriam auszumachen, die zwar oft unterbrochen wird und auch kapitelweise aussetzt, jedoch den Roman vom ersten bis zum letzten Kapitel durchzieht und die Grundlage darstellt, um welche sich die verschiedenen Nebenhandlungen ranken. Dazu gehört die Handlung um den verlorenen Pass einer BRD-Bürgerin, Michas Weg ins Rote Kloster und zurück, Wuschels Suche nach der Exile on Mainstreet und u. a. Bernds Armeeerlebnisse. Sie sind eher locker mit der Haupthandlung verbunden und treiben die Liebesgeschichte nicht wirklich voran. Manche Teilhandlungen, wie Michas leidenschaftliche Fehde mit dem ABV (durch die der Liebesbrief in den Todesstreifen gelangt und per Fahndungskontrolle einen Besuch bei Miriam verhindert) oder die westliche Hi-Fi-Anlage (welche zunächst in Ton oder Knete Erwähnung findet und schließlich im letzten Kapitel das gesamte Grenzgebiet inklusive Haupt- und Teilhandlungen kurzschließt) wirken hingegen dynamisch auf die Haupthandlung.

Das erste Kapitel des Romans stellt eine Art Vorrede dar, in der sich Micha als Hauptfigur und das kürzere Ende der Sonnenallee (daher auch der Titel) als Hauptschauplatz des Romans herauskristallisieren. In Churchills kalter Stumpen kommt es noch zu keiner Handlung – dementgegen erhält der Leser eine kurze Einführung in die Problematik der Erzählung. Nach Michas Ausmalungen zur Potsdamer Konferenz, seiner Verurteilung Churchills (vgl. S. 8) und Aussichtsplattform (vgl. S. 9) drängt sich der Ost-West-Konflikt auf und auch die Teilhandlung um „Mischa[s]“ (S. 9) Mutter und ihrem Bestreben, Micha aufs Rote Kloster zu schicken, finden hier andeutungsweise Erwähnung (vgl. S. 9). Schließlich führt das erste Kapitel unmittelbar an die (im zweiten Kapitel beginnende) Haupthandlung heran, indem Liebesbrief (vgl. S. 9) und Liebesgeschichte (vgl. S. 10) angeschnitten werden.

Die Verdonnerten ist Ausgangspunkt für die wichtigen Handlungsstränge, die sich um Micha und seine Freunde drehen: die ABV-Fehde, der verloren gegangene BRD- Pass und natürlich Miriam und ihr Kussversprechen. Zudem erhält die Clique vom Spielplatz (die in Churchills kalter Stumpen schon genannt wurde) hier Namen.

Kapitel 3 bis 12 verfolgen diese Handlungsstränge sowie weitere Teilhandlungen, die erst später angelegt werden (etwa Onkel Heinz mit seinen Schmuggelaktionen oder die Gründung einer autonomen Gegenrepublik).

Leben und Sterben in der Sonnenallee schließt dann den Handlungsrahmen um Liebesbrief (welcher im Feuer endet), Liebesgeschichte (Miriam und Micha finden sich) und Onkel Heinz (der stirbt und per Zweckentfremdung einer Kaffeedose selbst zur Schmuggelware wird) und schließlich bekommen Mario und Elisabeth (denn sie hat nun einen Namen) ihr Kind.

Am Ende steht das Schlusswort des Erzählers, dass die inhaltliche Aussage des Romans auf den Punkt bringt, und mit dem sich diese Arbeit an anderer Stelle näher beschäftigt.

Episodische Struktur des Romans

In der Abfolge der Kapitel ist es kaum möglich, einen konsequent fortlaufenden Handlungsstrang zu finden, da sich Haupthandlung und Nebenhandlungen erst aus einer Vielzahl von Episoden zusammensetzen. Stattdessen sind alle Kapitel locker miteinander verbunden, indem der Anfang eines Kapitels einen Aspekt vom Vorherigen aufgreift. So geht es in Kapitel 4 um Michas Tanzschulerlebnisse und Fünfzig West zuwenig beginnt mit „Wuschel ging nicht zur Tanzschule“ (S. 51) worauf Wuschels Episode folgt, in der sich alles um eine Westplatte dreht (Exile on Mainstreet). Das nächste Kapitel knüpft daran an: „Micha hatte keine Westplatten“ (S. 59), eine Aussage, die nur dazu dient, die nächste Episode um Onkel Heinz einzuleiten. Auch innerhalb der Kapitel wird auf diese Weise Kohärenz zwischen den einzelnen Episoden erzeugt. Ein Name oder ein Sachverhalt regen den Erzähler zur nächsten Episode an – eine Art des Erzählens, die den Anschein erweckt, der Erzähler würde sich selbst an diese Geschichte erinnern und erst im Laufe des Erzählens die einzelnen Episoden hinzukommen.

Dieser Eindruck verstärkt sich dadurch, dass die Episoden oft gespickt sind mit Vorausdeutungen (Prolepsen), die immer wieder in der Handlung vorgreifen wenn der Erzähler Episoden mit deren Ergebnis einleitet (vgl. u. a. S. 85, 103, 121 sowie die Kapitelüberschrift Wie Deutschland nicht gevierteilt wurde) oder Hinweise auf Ereignisse gibt, welche erst in einem der folgenden Kapitel geschildert werden (vgl. u. a. S. 9, 16, 57). Es kommt ebenso vor, dass ein Kapitel mit einer Vorausdeutung fürs nächste Kapitel schließt (vgl. S. 83). Abgesehen von Vorausdeutungen tragen zudem auch Rückblicke (vgl. S. 7-8, 16, 78-79) dazu bei, dass Handlungsstränge ergänzt oder erweitert werden, eine chronologische Kontinuität jener aber zurückbleibt. Das episodische Erzählen führt, wie man sieht, summa summarum zur Diskontinuität des Romans.

Erzähler und Erzählstruktur

Fokalisierung

Die Erzählung ist weder dem dramatischen, noch dem narrativen Modus eindeutig zuzuordnen. Der Roman lebt sowohl von Erzählbericht (narrativ) als auch direkter Figurenrede (dramatisch), Indirekter Rede und Erlebter Rede (beides zwischen narrativ und dramatisch). Dementsprechend gehen Nullfokalisierung (Erzählbericht, direkte Figurenrede und Indirekte Rede) und Interne Fokalisierung (Erlebte Rede) einher.

Merkmale der Nullfokalisierung zeigen sich, wenn der Erzähler nicht nur Vergangenheit sondern auch die Gegenwart der Figuren überschaut und ihnen somit an Wissen voraus ist: Er weiß, dass „heute alle Welt CD´s [benutzt]“ (S. 57), Günther „immer noch das Wägelchen mit dem Sauerstoff hinter sich her [zieht]“ (S. 125) und was Herr Kuppisch im Nachhinein über die DDR sagt (vgl. S. 89). Zudem machen die vielen Prolepsen und die Verwendung des epischen Präteritums (3. Person Prät.) - mit Ausnahme der eben genannten Stellen - den Leser darauf aufmerksam, dass es sich hier um einen späteren Zeitpunkt des Erzählens handelt und der Erzähler eine klare (zeitliche) Distanz zum Wahrnehmungsstandpunkt der erlebenden Figur hat. Der Erzähler überblickt außerdem auch Gedanken, Vorstellungen und Gefühle der Protagonisten und gibt diese per Bewusstseinsbericht oder Gedankenzitat wider: „Micha konnte sich die Szene gut vorstellen“ (S. 16), „[Onkel Heinz] fürchtete, daß er mit einer Keksrolle […] erwischt wird“ (S. 59) und „Frau Kuppisch dachte: Ja, ja, melde du mal ruhig weiter, was wir für ´ne sozialistische Familie sind“ (S. 67). Besonders häufig nimmt der Erzähler natürlich Bezug auf das Innenleben der Figur, um die sich die jeweilige Episode gerade dreht.

Trotz Übersicht des Erzählers über Gegenwart und Gedanken der Figuren ist es schwierig von einer reinen Form der Nullfokalisierung zu sprechen, da sich der Erzähler oft eng an die Begriffe und Ausdrucksformen der erzählten Welt und seiner Figuren hält. Ein weiterer Aspekt, der gegen Nullfokalisierung spricht, ergibt sich im Weiteren dadurch, dass - mit Ausnahme der kurzen Ausflüge in die Gegenwart - die Erzählung nicht über die Wahrnehmung der in den Episoden betroffenen Figuren hinausgeht.

Neben der vermeintlichen Nullfokalisierung kommt es im Verlauf der Handlung ebenso dazu, dass Charaktere intern fokularisiert werden. Vorwiegend handelt es sich dabei um Micha, dem der Erzähler augenscheinlich am nahesten kommt. Da der Erzähler die 3. Person verwendet, kann die Mitsicht entsprechend nur per Erlebter Rede erreicht werden: „Micha pendelte die ganze Zeit aufgeregt zwischen den Zimmern hin und her und machte jeden nervös. Miriam war noch nicht gekommen. Wird sie noch kommen? Oder doch nicht?“ (S. 105). In den verschiedenen Episoden nimmt der Erzähler neben Michas Perspektive auch vereinzelt den Fokus einer anderen Figur an. Der Leser erfährt so die Gedanken von Onkel Heinz („Der Grenzer holte ihn in die Zollbaracke und Heinz wußte: Das ist das Ende. Von jetzt an nur noch gesiebte Luft. Er streckte sogar schon seine Hände vor, für die Handschellen. Lieber gleich alles gestehen“ [S. 59]) und Aussagen von Miriam (vgl. S. 145) sowie Wuschel (vgl. S. 51) in Form von Erlebter Rede. Es muss aber festgehalten werden, dass dies im Vergleich zum Erzählbericht und direkter Figurenrede eher einen kleinen Teil der Erzählung ausmacht und die etwaige Nullfokalisierung im Grunde dominiert.

[...]

[1] Vgl. Hunfeld, Frauke: Unser geteiltes Land. In: Stern Nr. 38 (2004). S. 52.

[2] Hunfeld, Frauke: Unser geteiltes Land. In: Stern Nr. 38 (2004). S.47.

[3] Brussig, Thomas: Wir sind nostalgisch, weil wir Menschen sind. www.thomasbrussig.de/publizistik/sehnsucht.htm


Theresa Hiepe (2009): Eine Darstellung der Einschränkungen des täglichen Lebens in der DDR anhand Thomas Brussigs Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“

„In manchen Ländern hat man angestrebt, daß es einem Bürger nicht gestattet ist, die Gegend, in der er zufällig geboren ist, zu verlassen. Der Sinn dieses Gesetzes liegt auf der Hand: ‚Dieses Land ist so schlecht und wird so schlecht regiert, daß wir jedem verbieten, es zu verlassen, weil es sonst die ganze Bevölkerung verlassen würde’.“[1]

François Marie Arouet (Voltaire)

Einleitung

Thomas Brussig ist mit seinem Jugendroman Am kürzeren Ende der Sonnenallee eine Geschichte gelungen, die „in einer Mischung aus liebevoll nostalgischer ‚Ostalgie’ und entlarvend-ironisierendem Humor das Leben in der DDR [...] veranschaulich(t) und zugleich [...] kritisier(t).“[2] Anhand des Protagonisten Michael Kuppisch, seiner Familie und seinen Freunden vergegenwärtigt der Autor die DDR[3]-Vergangenheit. Immer wieder werden die Figuren mit dem DDR-System konfrontiert, das bis ins Privatleben hinein ihr Leben zu bestimmen sucht. Dabei tut dies Brussig mit einer bemerkenswerten Detailgetreue, die bereits andeutet, dass er seine eigenen DDR-Erfahrungen in diesem Roman integriert hat.

Aufgrund der Thematisierung alltäglicher Probleme in Am kürzeren Ende der Sonnenallee halte ich diesen Roman für meine Untersuchungen über die Einschränkungen des täglichen Lebens in der DDR für geeignet. Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich zunächst auf den Jugendroman eingehen: Zeitgeschichtlicher Hintergrund, Entstehung und Aufbau des Buches werde ich beleuchten sowie die handelnden Personen vorstellen. In meinem zweiten Hauptpunkt widme ich mich den Einschränkungen des täglichen Lebens, die Thomas Brussig in seinem Roman andeutet, thematisiert und kritisiert. In diesem Zusammenhang beziehe ich mich ebenfalls auf den Film Sonnenallee, der in Zusammenarbeit des Autors mit dem Regisseur Leander Haußmann entstanden ist.

Brussigs Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee

Thomas Brussig wurde am 19. Dezember 1964 in Ostberlin geboren. In seinem Jugendroman Am kürzeren Ende der Sonnenallee integriert er eigene Erfahrungen mit dem DDR-System, wenn auch pointiert und z. T. satirisch überzeichnet. Die DDR erscheint bei ihm jedoch nicht nur ‚ostalgisch’ verklärend, sondern er definiert sehr deutlich die täglichen Probleme und Nöte der Menschen in der DDR.

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Der Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee von Thomas Brussig spielt in Ostberlin der 1970er bzw. beginnenden 1980er Jahre.[4] Zu dieser Zeit waren Ost- und Westdeutschland durch den so genannten ‚antifaschistischen Schutzwall’ voneinander getrennt. An ein Zusammenleben war nicht zu denken; es existierten zwei deutsche Gesellschaften: die kapitalistische BRD im Westen und die sozialistische DDR im Osten. Zu dieser Trennung kam es durch die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (1945). Für das Gebiet der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde im Jahre 1949 die DDR als sozialistischer Staat ausgerufen. Dieser verstand sich nach sowjetischem Vorbild als Diktatur des Proletariats. Als Reaktion auf zunehmende Abwanderungen wurde 1961 die Grenze zur Bundesrepublik Deutschland geschlossen und die Berliner Mauer errichtet.[5] Die Trennung der Gesellschaften wird im Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee thematisiert: Schauplatz ist der Stadtteil Neukölln/Treptow, Bezirk Berlin-Baumschulenweg, Sonnenallee. Dort leben die Menschen in unmittelbarer Nähe zur Mauer, denn die Sonnenallee ist eine Straße, „deren längeres Ende im Westen und deren kürzeres Ende im Osten liegt [...]“[6]

Die 1980er Jahre fielen unter die ‚Ära Honecker’. Als Generalsekretär der ‚Partei der Arbeiterklasse’, der ‚Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands’ (SED) und als Staatsratsvorsitzender war er der ‚starke Mann’ der DDR. Die Bevölkerung war in Massenorganisationen, wie der ‚Freien deutschen Jugend’ (FDJ), eingebunden. Als einzige zugelassene sozialistische Jugendorganisation der DDR hatte sie großen Einfluss. Nach der Jugendweihe wurden die jungen Erwachsenen meist Mitglied dieser Organisation und gehörten ihr i. d. R. bis zum 25. Lebensjahr an. Die FDJ verstand sich „als der aktive Helfer und die Kampfreserve der Partei“[7] und diente damit im Wesentlichen der staatlichen Jugendpolitik. Zwar war die Mitgliedschaft in der FDJ freiwillig, wer ihr aber nicht angehören wollte, musste mit Benachteiligungen rechnen. Angesichts dieser Tatsache wird das Prinzip des DDR-Staates ersichtlich: Der unterschwellige Zwang zum sozialistischem Denken.[8]

Ähnliche Ziele verfolgten die DDR-Schulen: Ihnen ging es nicht in erster Linie darum, ihre Schüler fachlich und allgemein bildend zu qualifizieren, sondern nach §1 des Bildungsgesetzes die „Bildung und Erziehung allseitig und harmonisch entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten“[9] voran zu treiben, um ihre Integration in und ihr Engagement für die DDR-Gesellschaft zu gewährleisten.[10] So sollten sich die Schüler unter Einfluss sozialistischer Vorstellungen entwickeln. Nach erfolgreichem Abschluss der zehnten Klasse der polytechnischen Oberschule hing es somit nicht allein nur vom Notendurchschnitt ab, welchen weiteren Bildungsweg[11] ein Schüler bestritt, sondern es kam auch darauf an, ob der Schüler durch eigenes Handeln etwas für die „Stärkung und Verteidigung des Sozialismus, den weiteren gesellschaftlichen Fortschritt (und) die Festigung der politischen Macht der Arbeiterklasse“[12] getan hatte.[13]

Der Unmut vieler DDR- Bürger wurde v. a. in den 80er Jahren durch Demonstrationen und Ausrufe wie „Wir sind das Volk!“ immer deutlicher. Während man heute durch die Wahl einer anderen Partei die politischen Umstände mitbestimmen und verändern kann, galt dies für die DDR nicht. Es gab zwar alle fünf Jahre Wahlen, allerdings fanden sie nach dem Prinzip der Einheitsliste statt, d. h. dem Wähler wir ein von der Nationalen Front ausgearbeiteter Wahlvorschlag vorgelegt. Der politische Kurs der DDR wurde deshalb von der SED und nicht durch die Wahl der Bürger bestimmt. Die Wahl diente somit einzig und allein der Bestätigung der Parteipolitik.[14]

Auch geheime Stasispitzel, die einen denunzieren konnten sowie Volkspolizisten, die einen mit grundlosen Ausweiskontrollen schikanierten, zeigen, dass die Staatsmacht im Leben der DDR-Bürger allgegenwärtig war. Nichtstaatskonformes Verhalten wurde i. d. R. umgehend sanktioniert. In der Schule beispielsweise durch Schulverweis oder Nichtzulassung zum Studium. Zudem war alles, was als ‚unsozialistisch’ empfunden wurde (besonders das, was westliches Lebensgefühl symbolisierte), verboten oder zumindest ungern gesehen. Die meist älteren Bürger versuchten sich irgendwie mit ‚ihrem’ Staat zu arrangieren, indem sie sich zumindest äußerlich (scheinbar) anpassten.[15] Dabei entstand immer wieder ein Zwiespalt und Widerspruch zwischen der inneren Distanzierung und der weitgehend äußeren Systemförmigkeit, welche man offiziell gegenüber Staat und Partei vertreten musste.[16] In Brussigs Roman zeigt sich dieser innere Konflikt und das daraus resultierende Verhalten an den Figuren Doris und Horst Kuppisch. Vielen Jugendlichen hingegen fiel es zunehmend schwerer sich immerfort bevormunden zu lassen. Sie wehrten sich gegen die Bevormundungen durch lange Haare (im Roman: Mario), westliche Kleidung, das Hören verbotener westlicher Musik(-sender) oder durch den Konsum von Drogen[17] (im Roman: die Clique). Das rebellische Verhalten vieler Jugendlicher der 1980er Jahre deutete bereits auf die bevorstehenden Veränderungen hin.[18] Ohne Michail Gorbatschow wären der Zusammenbruch der östlichen sozialistisch-kommunistischen Systeme und die deutsche Wiedervereinigung nicht möglich gewesen. Mit seiner Berufung ins Politbüro der KPdSU, dem höchsten Führungsgremium der UdSSR (1980) und schließlich seiner Ernennung zum Generalsekretär der KPdSU im Jahre 1985 begann die Wende in der Politik der UdSSR. Die zwei Begriffe Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) veränderten die Welt.[19] Gorbatschow wurde „’n Russe, der Wunder vollbringt“[20], der mit seiner Reformpolitik den Grundstein zur Niederreißung des ‚Eisernen Vorhangs’ zwischen Ost- und Westeuropa legte.[21]

Werksgenese

Die Entstehungsgeschichte des Jugendromans ist ungewöhnlich und fällt aus dem Rahmen: Am 7. Oktober 1999 kam der Film Sonnenallee in die Kinos – eine Gemeinschaftsarbeit zwischen Thomas Brussig und dem ebenfalls aus der ehemaligen DDR stammenden Regisseur Leander Haußmann. Ein halbes Jahr zuvor erhielten beide für das Drehbuch zum Film den Drehbuchpreis der Bundesregierung. Dieses Drehbuch bildet den Ausgangspunkt sowie in gewisser Weise auch die Grundlage für den Roman, da viele Geschichten und Ideen im Drehbuch keinen Platz mehr fanden. Brussig beschloss daher seine Vorstellungen in einem eigenen Roman zu verarbeiten. Dadurch konnte er neue Schwerpunkte setzen und die Geschichten und Ideen verarbeiten, die den Rahmen des Filmprojektes gesprengt hätten. Der Film ist somit nicht die Verfilmung des Romans, der Roman hingegen aber auch nicht ‚das Buch zum Film’, sondern ein eigenständiges Werk, das den Film ergänzen kann, neue Aspekte enthält und andere Schwerpunkte setzt. Dies wird deutlich, wenn man beide Medien miteinander vergleicht. So unterscheiden sich z. B. die Namen der Hauptpersonen (Micha heißt im Film mit Nachnamen Ehrenreich statt Kuppich).[22]

Das Buch erschien im Jahr 1999 im Verlag Volk und Welt und wurde später in mehrere Sprachen, u. a. Ukrainisch, Rumänisch, Russisch, Arabisch, Schwedisch, Slowakisch und Spanisch, übersetzt.[23]

[...]

[1] Voltaire, S. 173.

[2] Krischel, S. 5 f.

[3] Aufgrund der besseren Lesbarkeit benutze ich in meiner Hausarbeit nur die Abkürzung ‚DDR’ für die

Bezeichnung der Deutschen Demokratischen Republik.

[4] Vgl. Krischel, S. 10.

[5] Vgl. Schubert et. al.

[6] Vgl. Film Sonnenallee, Zitat Michael Ehrenreich 00:02:26.

[7] Stratenschulte, S. 50.

[8] Vgl. Krischel, S. 10 f.

[9] Krischel, S. 11.

[10] Vgl. Heydemann, S. 99.

[11] Zweijährige Berufsausbildung, zweijährige erweiterte Oberschule (EOS) mit dem Abschluss des Abiturs oder eine Abiturklasse der Berufsausbildung.

[12] Stratenschulte, S. 46.

[13] Vgl. Krischel, S. 11 f.

[14] Vgl. ebd., S. 13.

[15] Vgl. ebd., S. 13 f.

[16] Vgl. Heydemann, S. 106.

[17] Meist nur Ersatzdrogen, wie Alkohol oder Tabletten mit Alkohol.

[18] Vgl. Krischel, S. 13 f.

[19] Vgl. ebd., S. 14.

[20] Brussig, S. 156.

[21] Vgl. Krischel, S. 13 f.

[22] Vgl. Krischel, S. 18.

[23] Vgl. Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, S. 4.


Anonym (2008): Komiktheoretische Annäherungen an Leander Haußmanns „Sonnenallee“. Darf man das? Lachen über den Osten

Einleitung

„Ich lebe in der DDR. Ansonsten hab ich keine Probleme."[1]

Nostalgie im Umgang mit der ehemaligen DDR oder auf neudeutsch Ostalgie[2] war eines, wenn nicht sogar das Thema im deutschen Kino in den letzten Jahren. Filme wie Goodbye Lenin,NVA, Der rote Kakadu und Neuruppin forever zeigten die ehemalige DDR aus einem ganz anderen Blickwinkel[3] und beäugten ihre Geschichte mit einen Augenzwinkern. Der Auslöser für diese Flut von „Mauerkomödien“[4] ist sicherlich Thomas Brussig[5] und Leander Haußmann[6] zuzuschreiben, die im Jahr 1999 ihren Film Sonnenallee in die Kinos brachten. Das, was vielen Menschen bislang nur als Straße im ehemaligen Berliner Osten bekannt war, wurde zum Titel und Schauplatz eines der erfolgreichsten deutschen Filme der vergangenen Jahre.

Trotz seines Erfolges blieb der Film jedoch nicht unumstritten. Zwar ist Sonnenallee als Komödie deklariert, man warf ihm zum Teil jedoch überzogene Darstellungen des DDR-Alltags vor und sprach im gleichen Kontext von Lächerlichkeit.

Inwiefern der Titel Komödie gerechtfertigt ist und warum man über den Osten lacht und ob man es darf, soll in dieser Arbeit untersucht werden. Nach einem kurzen Überblick zur Entstehung von Sonnenallee und dessen Wahrnehmung innerhalb der (Presse-)Kritik wird im vierten Kapitel die Komik im Film näher erläutert werden. Welche spezifischen komischen Merkmale besitzt der Film und wie lassen sich die Komiktheorien von Henri Bergson und Michail Bachtin auf den Film anwenden. In diesem Zusammenhang werden verschiedene Szenen analysiert. Aufgrund des Umfangs der Arbeit kann leider nicht auf jeden einzelnen Handlungsstrang und jede komische Szene eingegangen werden. Darüber hinaus wird kurz die Frage beantwortet werden müssen, ob Sonnenallee einen dokumentarischen Charakter hat, der es eventuell sogar verbietet über die DDR zu lachen.

Leander Haußmanns Sonnenallee

Sieben Jahre nach dem Fall der Mauer rief Thomas Brussig den damals noch weitgehend unbekannten Leander Haußmann an und fragte ihn, ob dieser nicht Lust hätte einen Film über den Osten mit dem Titel Am kürzeren Ende der Sonnenallee mit ihm zu machen. Dazu äußerte sich Brussig in einem Interview wie folgt:

Ich hatte mal ein Interview mit ihm gelesen und fand es klasse, wie er dort über den Osten geredet hat. Er sagte in etwa: „Die DDR war die totale Hippie-Republik, wir haben auf Matratzen gelegen und gesoffen und uns ständig krankschreiben lassen.“ Das war so unverkrampft. Ich mochte es, daß er nicht die typische Geschichte vom totalitaristischen System gebracht hat. Deshalb dachte ich: der ist der Richtige. Ich finde es außerdem gut, daß ein Regisseur auch biographisch auf den Stoff reagiert, nicht nur ästhetisch.[7]

Nur drei Jahre später, im Jahr 1999, genauer am 7. Oktober lief der Film unter dem Titel „Sonnenallee“ in den deutschen Kinos an.

„Sonnenallee“ ist der Name einer Straße, dessen kürzeres Ende, in den Zeiten der Teilung im Osten Berlins lag, während sich der größere Teil in Westberlin befand. Zur der Zeit, in der der Film spielt, in den siebziger Jahren, ist die Bevölkerung in Massenorganisationen eingebunden. So sind die Jugendlichen beispielsweise in der „Freien deutschen Jugend“, kurz „FDJ“, organisiert. So auch Micha und seine Freunde im Film. Eine Mitgliedschaft in der Partei und Einsatz für das Land sind dabei entscheidend, wenn es um die Zukunft der Jugendlichen und deren Ausbildung geht.[8] Mehr als mit der Politik des totalitären Staates in dem sie leben, beschäftigen sich Micha und seine Clique aber mit Musik, Popkultur, Drogenexperimenten, der ersten Liebe und der Suche nach sich selbst, eben den Dingen, mit denen sich Jugendliche auf der ganzen Welt beschäftigen.[9]

Wie die an sich unspektakuläre Ausgangssituation des Films den Film zur Komödie macht und wie die Kritik auf den Film reagierte soll im folgenden Teil der Arbeit näher erläutert werden.

[...]

[1] Micha Ehrenreich (Alexander Scheer) zu Beginn des Films Sonnenallee, Minute 1:37. Im Folgenden wird der Film mit der Sigle S und der entsprechenden Minutenzahl zitiert.

[2] Der Begriff der Ostalgie kann hier ohne Anführungszeichen gebraucht werden, da er heute selbst im Duden als Beschreibung für die „Sehnsucht nach der DDR“ genutzt wird.

[3] Im Gegensatz zu z. B. Florian Henckel von Donnersmarcks Das Leben der Anderen (2006).

[4] Als „Mauerkomödie“ wird „Sonnenallee“ von Leander Haußmann im Vorwort von Sonnenallee- Das Buch zum Film bezeichnet.

[5] Der am 19. Dezember 1965 geborene Thomas Brussig wuchs, wie auch seine Film- und Buchhelden aus „Sonnenallee“, im Osten Berlins auf. Brussig ist Film- und Drehbuchautor. Während er noch 1991 seinen Erstlingsroman „Wasserfarben“ unter einem Pseudonym veröffentliche, wurde Brussig 1995 mit dem Roman „Helden wie wir“ unter seinem richtigen Namen schließlich bekannt. Der Durchbruch folgte mit dem Drehbuch zu „Sonnenallee“ und dem daraus resultierenden Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“. Weitere Romane von ihm sind „Leben bis Männer“ (2001), „Wie es leuchtet“ (2004), „Berlin Orgie“ (2007) und „Schiedsrichter Fertig“ (2007).

[6] Leander Haußmann wurde am 26. Juni 1956 in Quedlinburg in der ehemaligen DDR geboren. Er ist deutscher Film- und Theaterregisseur, sowie Schauspieler. Neben zahlreichen Theaterinszenierungen und Fernsehfilmen drehte Haußmann neben „Sonnenallee“, im Jahr 1999, unter anderem „Herr Lehmann“ (2003), NVA (2005). Auch in diesen beiden Filmen spielte die DDR, bzw. das Leben in einem geteilten Deutschland eine wichtige Rolle. Sein letzter Kinofilm war „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ im Jahr 2007. Für das Skript zu „Sonnenallee“ erhielt Haußmann zusammen mit Brussig 1999 den Deutschen Drehbuchpreis.

[7] Leander Haußmann (Hrsg.): Sonnenallee. Das Buch zum Film. Berlin: Quadriga Verlag 1999. S. 9.

[8] Vgl.: Volker Krischel: Thomas Brussig. Am kürzeren Ende der Sonnenallee . 2. Auflage. Hollfeld: C. Bange 2002. S. 10 ff.

[9]Vgl.:Heinz-B. Heller; Matthias Steinle (Hrsg.): Filmgenres. Komödie. Stuttgart: Reclam 2005. S. 492.

Details

Seiten
153
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783656475088
ISBN (Buch)
9783956870286
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231629
Note
Schlagworte
ostalgie gesellschaft literatur ende sonnenallee thomas brussig

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Titel: Ostalgie in Gesellschaft und Literatur: „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ von Thomas Brussig