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Forever Punk! Punk als Musikstil, Protestkultur und Weltanschauung

Fachbuch 2013 128 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Katharina Bergmaier (2006): Analyse von Aspekten der Subkultur Punk vor dem Hintergrund der Lebensstilforschung
Einleitung
Zu den Begriffen „Lebensstil“ und „Subkultur“
Was ist Punk?
Wann und warum ist „Punk“ entstanden?
Kurze Geschichte der beiden Musikstile Punk und Hardcore:
Zu den Themen Sexismus, Feminismus, Anarchie und Tierrechtsbewegung
Schlusswort
Bibliographie

Anne Nennstiel (2003): Punk als Weltanschauung. Wurzeln, Aspekte und Transformation: Die frühen Entwicklungen in England und Westdeutschland
Einleitung
Begriffsbestimmung
Von England nach Deutschland? Eine Skizze zweier Punkszenen
Die sozialen und weltanschaulichen Wurzeln und Aspekte des Punk in England und der BRD: Punk-Populismus vs. Avantgarde-Punk
Schlussbemerkungen
Literaturverzeichnis

Katrin Wissentz (2006): Unabhängige Kulturszene ab Ende der 1970er Jahre. Die Punkbewegung in der DDR
Einleitung
Entstehungsgeschichte
Erste Phase (1977-1980)
Zweite Phase (1981-83)
Dritte Phase
Schlussbetrachtung
Literaturliste
Anhang 1
Anhang 2

Ingo Teichert (2001): Punk im Lichte der Foucaultschen Macht- und Diskurstheorie
Einleitung
Zentrale macht- und diskursanalytische Thesen und Begriffe
Was ist Punk?
Punk in der Bundesrepublik Deutschland - Von Hansaplast zu den Chaos - Tagen in Hannover
Punk in der DDR - ein Sonderfall?
Machtstrategien und -Praktiken im Umgang mit Punk
Fazit
Literatur

Katharina Bergmaier (2006): Analyse von Aspekten der Subkultur Punk vor dem Hintergrund der Lebensstilforschung

Punk [pangk; engl.-amerik.; „Abfall, Mist“]

Einleitung

Warum habe ich das Thema gewählt?

Diese Frage lässt sich leicht beantworten: Zum einen kann man mir durchaus eine gewisse Nähe zum sozialen Feld der beschriebenen Subkultur nachsagen, welche sich im Laufe der Zeit durch diverse soziale Kontakte, Konzert- und Lokalbesuche ergeben hat. Dadurch stellt sich zwar einer gänzlich objektiven Bearbeitung des Themas der Erfahrungshintergrund in den Weg, was in diesem Fall aus meiner Sicht aber auch weniger ein Problem und mehr eine Chance darstellt, einen möglichst genauen Überblick über das beschriebene Themengebiete geben zu können.

Ich will zuerst auf die Begriffe Lebensstil und Subkultur eingehen, wenden uns dann den Gründen für die Entstehung des Punk zu und nehme anschließend zu Themen wie Punkmusik, Sexismus, Feminismus und Anarchie Stellung.

Zu den Begriffen „Lebensstil“ und „Subkultur“

Was genau ist ein Lebensstil? Wie kann man einen Lebensstil definieren?

Es koexistieren verschiedene Konzepte des Begriffs „Lebensstil“, ein Beispiel bringt Geißler:

„Unter Lebensstil wird ein relativ stabiles, regelmäßig wiederkehrendes Muster der alltäglichen Lebensführung verstanden – ein `Ensemble’ von Wertorientierungen, Einstellungen, Deutungen, Geschmackspräferenzen, Handlungen und Interaktionen, die aufeinander bezogen sind; es weist in der Regel die vier folgenden Merkmale auf:

- Lebensstile sind bereichsübergreifend mit einem Schwerpunkt im Freizeit- und Konsumbereich. Neben diesem Bereich beziehen sie sich auf Familienleben, Geschmack und kulturelle Interessen, manchmal auch – meist aber am Rande – auf Arbeit und Politik.
- Lebensstilanalysen rücken expressiv-ästhetische Orientierungen und Handlungen ins Zentrum – die mehr oder weniger bewusste Selbstdarstellung (Stilisierung) der Individuen in Fragen des Geschmacks und der kulturellen Interessen.
- Lebensstile haben ganzheitlichen, sinnhaften Charakter. Ihre verschiedenen Elemente ergeben für die Individuen `ein Ganzes’ und machen `subjektiven Sinn’.
- Lebensstile sind identitätsstiftend und distinktiv (abgrenzend, ausgrenzend). Sie schaffen individuelle oder auch kollektive Identitäten, weil sich Menschen oder Gruppen mit einem bestimmten Muster der Lebensführung identifizieren.“ ( www.schader-stiftung.de/gesellschaft_wandel/451.php , 13.10.2006)

Ein Blick zurück in die Vergangenheit zeigt, dass auch bei Adler (vgl. Lüdtke, 1991, S. 134) Distinktions-, Selbstdefinitions-, Identitätssicherungs- und Geltungsmotive eine Rolle bei der Definition des Lebensstilbegriffs spielen, während bei Rothacker die Adaption des Individuums oder eines Kollektivs an die Umwelt im Vordergrund steht, die durch bewusste Entscheidungen und Ressourcenverarbeitung geschieht (vgl. Lüdtke, 1991, S. 134).

Für Bourdieu stellt das Habituskonzept einen entscheidenden Faktor für die Entwicklung eines Lebensstilkonzeptes dar, er bezieht also im Gegensatz zu Rothacker die Klassenanlagen in einem viel größeren Ausmaß in seine Überlegungen mit ein (vgl. Lüdtke, 1991, S. 135).

Daraus ergibt sich: „Lebensstile signalisieren entweder den Monopol- bzw. Distinktionsanspruch von Oberschichten oder das Aufstiegsstreben von Mittelschichten bzw. die Anpassung der Unterschicht an schlichte ökonomische Notwendigkeiten.“ (Lüdtke, 1991, S. 135)

Wir erkennen nun eine Ähnlichkeit zwischen Rothacker und Bourdieu den Adaptionsaspekt betreffend, der aber bei Bourdieu nur unterschichtspezifisch zu orten ist.

Eine weitere „moderne“ Abgrenzung und Definition des Begriffes „Lebensstil“ findet sich bei Lüdtke: Ein Lebensstil lässt sich „als unverwechselbare Struktur und Form der subjektiv als sinnvoll empfundenen, durch Versuch und Irrtum, Lernen und Vergleich mit anderen erprobten Gestalt der Lebensorganisation eines privaten Haushalts definieren, die dieser mit einem Kollektiv teilt und dessen Mitglieder einander als sozial ähnlich wahrnehmen und bewerten.“ (Lüdtke, 1991, S. 135)

Zum Begriff Subkultur:

Der Begriff „Subkultur“ ergibt sich aus dem Kulturbegriff heraus, Lee und Gordon sahen bereits in den 40er Jahren „in der Subkultur ein Subsystem der nationalen Kultur.“ (Brake, 1981, S. 15)

Schwendter definiert den Subkulturbegriff wie folgt: „Subkultur ist ein Teil einer konkreten Gesellschaft, der sich in seinen Institutionen, Bräuchen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungssystemen, Präferenzen und Bedürfnissen usw. in einem wesentlichen Ausmaß von den herrschenden Institutionen etc. der jeweiligen Gesamtgesellschaft unterscheidet.“ (zit. nach Köttstorfer, 1988, S. 42)

Vaskovics sieht Subkulturen „als Ergebnis interaktiver Zuschreibungen von Merkmalen und somit als „konstruierte Wirklichkeit“„ ( http://userpage.fu-berlin.de/~jroose/fjnsb/pages/jahrgang/1995/abstract_02_95.htm , 13.10.2006), während Brake davon spricht, „dass die Subkulturen dem einzelnen eher eine Scheinlösung (magical solution) als einen tatsächlichen Ausweg aus den individuell erfahrenen Widersprüchen des Wirtschaftssystems anbieten.“ (1981, S. 23)

Hierbei ist es wichtig, auf den Unterschied in der Wortwahl der beiden Autoren hinzuweisen. Wirklichkeit ist individuell subjektiv spürbar und greifbar, eine Scheinlösung hat dagegen nur illusorischen Charakter und keine Substanz. Zu diesem interessanten Punkt wird man auch bei O’Hara fündig, der meint, die Mitglieder von Subkulturen „sind oft sich selbst gegenüber viel weniger entfremdet und zeigen, dass ihnen daran gelegen ist, zu einer selbstbestimmten Existenz zurückzufinden. Mitglieder einer Subkultur, egal wie unterdrückt sie sein mögen, schaffen es oft, untereinander in Solidarität und mit gegenseitigem Einverständnis zu leben; etwas, das der Mainstream-Gesellschaft fehlt. Die Mitglieder haben anscheinend ein Verständnis von sich und anderen wiedererlangt, das zuvor verloren, vergessen oder gestohlen worden war. Dieses Phänomen existiert bei Solidargemeinschaften, die auf gemeinsamen Erfahrungen, Überzeugungen, oder auf gleichem Geschlecht beziehungsweise gleicher Abstammung basieren.“ (2004, S. 25)

Auch meine ich, dass das persönliche Erleben ausschlaggebend ist, auch wenn die erlebte Wirklichkeit „nur“ konstruiert ist.

Auf der Makroebene stellen Subkulturen eine Scheinlösung dar, weil sie die Strukturen, gegen die sie Stellung beziehen, nicht beseitigen. Eine Lösung aus dieser Sicht wäre die Ausweitung der Ideale der Subkultur auf die Gesamtgesellschaft. Solange die Subkultur dies nicht schafft, ist sie eine Scheinlösung. Wenn der Einzelne/die Einzelne aber durch die Partizipation an einer Subkultur Möglichkeiten zur Bewältigung des Alltags vorfindet, die Subkultur des Weiteren identitätsstiftend wirkt und Selbstbewusstsein vermittelt, dann ist sie individuell von äußerst eminenter Bedeutung.

Meines Erachtens ergibt sich durch eine zunehmende Pluralisierung der Lebensstile (vgl. Lüdtke, 1991, S. 131) und einer Annäherung der Faktoren, die Lebensstile und Subkulturen determinieren, die Legitimation einer Untersuchung der Subkultur des Punk als Lebensstil.

Was ist Punk?

Die Definition in der Überschrift verweist auf die ursprüngliche Semantik des Wortes, im Duden kann man folgende Definitionen des Begriffes finden : „1. (ohne Plural, meist ohne Artikel) (Ende der 70er Jahre auf dem Hintergrund von wachsenden wirtschaftlichen u. sozialen Krisen aufkommende) Bewegung von Jugendlichen, die sich den bürgerlichen Normen verweigern. 2. Anhänger des Punk (1), der durch bewußt auffallende Aufmachung (grelle Haare, zerrissene Kleidung, Metallketten o.ä.) u. bewußt exaltiertes Verhalten seine antibürgerliche Einstellung zum Ausdruck bringen will. 3. (ohne Plural) Kurzform von ↑Punkrock.“

Weitere Definitionen im Duden in diesem Kontext sind Pun |ker der;-s,-: 1. Musiker des Punkrock. 2. = Punk (2). pun |kig: aussehend wie ein Punk (2); sich in der Art eines Punk verhaltend. Punk |rock der; - [s ]: Richtung in der Rockmusik, die durch einfache Harmonik, harte Akkorde, hektisch-aggressive Spielweise u. meist zynisch-resignative Texte gekennzeichnet ist. Punk |rocker der; -s, -: = Punker (1)“

Diese Definitionen aus dem Duden grenzen den Begriff „Punk“ eigentlich sehr scharf ab, wobei es aber einige Zeitgenossen gibt, die den Begriff etwas weiter fassen: „Punk ist … mach dein Ding, steh dazu.“ (Die Ärzte, zit. nach O’Hara, 2004, S.8) Andere Ansätze gehen den umgekehrten Weg und definieren, was Punk nicht ist: „Zu Beginn möchte ich euch sagen, was Punk nicht ist – er ist keine Mode, keine bestimmte Art sich anzuziehen, keine vorübergehende Phase vorhersehbarer Rebellion gegen die Eltern, nicht der neueste „coole“ Trend und auch nicht eine bestimmte Lebensform oder ein Lebensstil. In Wirklichkeit ist Punk eine Idee, die dir den Weg durchs Leben zeigt und dich motiviert. Die bestehende Punk-Gemeinschaft existiert, um diese Idee durch Musik, Kunst, Fanzines und andere Ausdrucksformen persönlicher Kreativität zu unterstützen und zu realisieren. Und was beinhaltet diese Idee? Denke selbstständig, sei du selbst, nimm nicht einfach das, was dir die Gesellschaft anbietet, schaffe deine eigenen Regeln, lebe dein eigenes Leben.“ (Andersen, zit. nach O’Hara, 2004, S.37)

Anhand der vielen unterschiedlichen Definitionen und Auffassungen des Begriffes „Punk“ ist ersichtlich, dass es sehr schwierig ist, ihn in eine bestimmte Schublade zu stecken. Für die einen ist es ein Lebensstil, für andere eine Lebensphilosophie, für wiederum andere eine Kunstform. Wenn man Punk zu verstehen versucht, sind für O’Hara „Vergleiche mit vorangegangenen künstlerischen Bewegungen hilfreich. (…) Der am häufigsten gezogene Vergleich zwischen Punk und einer etablierten Kunstbewegung ist der mit Dada (nach dem kindersprachlichen Stammellaut „dada“ benannte Kunstrichtung nach 1916, die die absolute Sinnlosigkeit u. einen konsequenten Irrationalismus in der Kunst proklamierte, Anm. d. Verf., aus dem Duden entnommen). Es gibt mindestens drei mir bekannte Studien, in denen Punk als moderne Version von Dada dargestellt wird. Der Vergleich ist stichhaltig, obgleich ich glaube, dass den meisten Punks die dadaistische Kunst eher zuwider wäre. Beide sind zwar subversiv, aber Punk ist glücklicherweise weniger absurd und abstrakt, wenn es um Subversivität geht.“ (2004, S. 34)

Eine größere Ähnlichkeit hat der (frühe) Punk mit dem Futurismus. Beide Bewegungen versuchen, die üblicherweise vorherrschende Distanz zwischen Künstler und Publikum aufzulösen (vgl. O’Hara, 2004, S. 34). „Als Teil der provokativen Punk-Taktik haben sich die Akteure auf der Bühne übergeben, das Publikum angespuckt und aus Selbstverstümmelung resultierende Wunden zur Schau gestellt – nachdem sie sich mit kaputten Flaschen, Angelhaken und Messern geschnitten und sich Prellungen zugefügt hatten. Die Rolle des Publikums beinhaltete oft, >fest < installierte Sitze, Bierflaschen, Gläser und alles mögliche andere, das zufällig verfügbar war, nach den Auftretenden zu werfen.“ (Henry zit. nach O’Hara, 2004, S.35)

Für mich ist der Begriff „Punk“ als Konzeption eines Konglomerats an Verhaltensweisen und Einstellungen zu verstehen, das den Ausdruck der Nonkonformität und der Selbstbestimmung zum Ziel hat.

Wann und warum ist „Punk“ entstanden?

O’Hara ortet den Ursprung der Punkbewegung einerseits in der New Yorker Szene Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre, andererseits bei den britischen Punks 1975/76 (vgl. O’Hara, 2004, S.27). Für die Entstehung der Szene sind diese Zeitpunkte aber etwas zu früh angesiedelt, „da erst in den späten Siebzigern spezifische politische Ideen auftauchten und eine echte Formierung der Bewegung stattfand.“ (O’Hara, 2004, S.27)

Im Rahmen der Frage nach dem „Warum“ wurde bereits auf die generelle Funktion von Subkulturen eingegangen, so dass wir uns nun im Speziellen der Entstehung von Punk zuwenden können:

Die Situation in England zu Beginn der 70er Jahre war geprägt von einer sozialen Verelendung und einer hohen Jugendarbeitslosigkeit. Diese Faktoren haben wesentlich dazu beigetragen, dass Punk entstand.

Einerseits demonstrierte Punk eine Ablehnung gegenüber dem Konsumverhalten in dieser Zeit, andererseits war er Rebellion gegen die soziale Ungleichheit (vgl. http://www.zeitgeschichte online.de/zol/portals/_rainbow/documents/pdf/mergel_lebensstil.pdf)

Diese frühe Punkbewegung kann man dennoch nicht als „links“ bezeichnen, vielmehr war sie politisch eher ungerichtet. Freilich lehnte man das System ab, aber „es wäre allerdings gelogen, würde man behaupten, dass die ersten Punks weit entwickelte gesellschaftliche und politische Theorien vertraten. Es mag stimmen, dass sie gegen sämtliche allgemein verbreiteten „Ismen“ waren, aber sie neigten eher dazu, öffentlich herumzuspucken und zu fluchen, als ihre Gefühle der Mainstream-Öffentlichkeit zu erklären.(…) Diese Punks wollten ihre Wut auf raue und originelle Weise ausdrücken. Am allermeisten hassten sie willige Konformisten.“ (O’Hara, 2004, S. 29)

Theoretisch kann man auch davon ausgehen, dass Teds, Mods, Skinheads und Punks englische Erfindungen sind, die der sozialen Vorstellungswelt der Insel entsprachen und anhand derer man die soziale Ordnung ablesen konnte und kann (vgl. http://www.zeitgeschichte online.de/zol/portals
/_rainbow/documents/pdf/mergel_lebensstil.pdf).

Kurze Geschichte der beiden Musikstile Punk und Hardcore:

Die Punkmusik hat ihren Ursprung in Amerika in der Szene des Nordostens, speziell New York. Diese Musik schwappte schließlich über den Atlantik und fiel in Großbritannien auf fruchtbaren Boden. Meiner Ansicht war die amerikanische Form des Punk immer schon die ausgefeiltere, instrumentaltechnisch anspruchsvollere Variante, in Großbritannien hat sich dagegen eine minimalistischere, „dreckigere“ Form durchgesetzt, ganz der Botschaft der Sex Pistols folgend, die beinhaltet, dass Punk nur drei Akkorde braucht und ihn deshalb jeder spielen kann.

Ausführlich über Punkmusik zu schreiben würde den Rahmen sprengen, darum werden wir uns nun kurz auf wenige wichtige Aspekte konzentrieren: In der Geschichte der Punkmusik gab es verschiedene Stile, die sich entwickelten. Zwei Tendenzen stehen hier im Vordergrund: Zum einen gab es den Punk, zum anderen entwickelte sich daraus über den Begriff „Hardcore Punk“, einem Songtitel der Band „Maniacs“, der so genannte „Hardcore“. Aus diesen beiden dicken Ästen wuchsen viele verschiedene Stile, Punk betreffend zum Beispiel Punkrock, Skatepunk, Skapunk, Surfpunk, Punk’n’Roll, Streetpunk; dem Hardcore zuzuordnen wären Oldschool Hardcore, Newschool Hardcore, Metalcore, Melodycore, Emocore.

Martin Büsser (2006) beschreibt anhand dreier Punkte, wie der Begriff „Hardcore“ vom Punk abgegrenzt werden kann:

„1. Ausarbeiten und Formulieren eines über die Musik/Band hinausgehenden Polit-Konzepts; Einbinden der anarchischen Emotion von Punk in komplexe Gesellschaftstheorien. (…) >Gegen Sexismus, Rassismus und Kapitalismus< wird zum Dreigespann, auf dem Hardcore aufbaut, ganz gleich wie stark nun mit der autonomen Linken verwoben. Andere Selbstverständlichkeiten [>gegen Drogen< im Straight Edge, >gegen Tierversuche< etc.] bilden sich heraus, je mehr Hardcore in einzelne Sparten zerfällt.
Aber auch: Entpolitisierung vieler Bands und Fans nach der Erfahrung, wie sehr selbst Punk in den Achtzigern zum Runterbeten starrer Politfloskeln geworden ist; (…)
2. Ausweiten des vom Rock’n’Roll entlehnten Drei-Akkord-Schemas des Punk im Hardcore (…). Sei es, wie schon sehr früh geschehen, durch ironische Zitate [Country-, Barjazz-, und Surfrock-Demontagen bei den Dead Kennedys] oder durch Hinzunahme von Funk-Elementen (…) und Metal-Strukturen (…).
3. Allgemeine Bezeichnung für musikalische/textliche Verschärfung, z.B. Hardcore-Rap (…), Hardcore-Pop (…), Hardcore-Techno, Hardcore-Jazz (…). Dieser Ausdruck ist oft sehr problematisch; wird von gegenüber der strikt antisexistischen Hardcore-Bewegung Unkundigen gerne dazu verwendet, sexistische Inhalte zu bezeichnen.“ (Büsser, 2006, S. 23 f.)

Meinem Eindruck über die Entwicklung der Punk- und Hardcoremusikszene nach lässt sich sagen, dass eine Entwicklung von der Musik als subkulturelle Ausdrucksform hin zu einer über die Medien kommerzialisierten kulturellen Erscheinung, die unabhängig von der jeweiligen Subkultur existenzfähig ist, zu beobachten ist und war. Wie schon von der Kritischen Theorie vorausgesehen, wurde der Punk, von der Kulturindustrie aufgegriffen, welche seinen kritischen, systemtransformierenden Inhalt absorbiert hatte, zum systemstabilisierenden, sinnentleerten Spaßpunk degradiert.

Zu den Themen Sexismus, Feminismus, Anarchie und Tierrechtsbewegung

Sexismus und Feminismus:

Für Brake sind betont männliche Verhaltensweisen das wichtigste Merkmal jugendlicher Subkulturen der Unterschicht (vgl. Brake, 1981, S. 97). „Es handelt sich bei den Subkulturen überwiegend um männlich dominierte Kulturen, die vergleichbare Varianten des Machismo und eine dementsprechende Identität anbieten. Mädchen werden zu bloßen Anhängseln degradiert, und die Ehe wird als bürgerliches Institut abgelehnt.“ (Brake, 1981, S. 97)

Obwohl Brake diese Verhaltensweisen „nur“ den „meisten“, also nicht allen, Subkulturen zuschreibt, birgt diese Form der Darstellung die Gefahr einer Generalisierung, im Rahmen derer auch die Subkultur des Punk in Verbindung mit solchen Verhaltensweisen gebracht wird.

Kürzer als O’Hara im folgenden Satz kann man die Haltung von Punks diesbezüglich kaum beschreiben: „Die Punkbewegung lehnt Sexismus ab.“ (O’Hara, 2004, S. 101) Natürlich muss gesagt werden, dass auch in der Punkszene das Problem des Sexismus existiert. Es ist aber im Vergleich zur Mainstream-Gesellschaft klein und ein Auftreten „wird von vielen AktivistInnen sofort missbilligt und verurteilt.“ (O’Hara, 2004, S. 102)

O’Hara führt weiters aus, dass Frauen schon von Anfang an eine aktive Rolle in der Punkbewegung gespielt haben. Hier bot sich ihnen die Chance, die üblichen Einschränkungen hinter sich zu lassen und als feministische Aktivistinnen eine Veränderung zu bewirken. Die männlichen Punks haben den Begriff „Feminismus“ ebenfalls positiv gesehen, da durch ein System männlicher Herrschaft keine kooperative Atmosphäre ermöglicht wird (vgl. O’Hara, 2004, S. 102).

„Feminismus, wie er von Punks verstanden wird, schließt ganz klar aus, Frauen zu applaudieren, die sich zum männlichen Stereotyp der Härte hocharbeiten (oder zu ihm abrutschen). Frauen, die im Golfkrieg kämpfen, Politikerinnen wie Margaret Thatcher und Frauen, die in multinationalen Konzernen Macht und Anerkennung erlangt haben, sind alles andere als ein Vorbild.“ (O’Hara, 2004, S. 103)

Zur Anarchie:

Üblicherweise sind Punks anarchistisch orientiert, es gibt aber auch einzelne Vertreter irgendeiner Form von Kapitalismus und kommunistische Punks.

Was aber genau bedeutet Anarchie? Medial wird das anarchistische Prinzip in der Regel falsch dargestellt beziehungsweise der Terminus in einem falschen Zusammenhang verwendet. Üblicherweise wird Anarchie als Gesetzlosigkeit verstanden, die sich im Chaos ausdrückt. Es wird medial „von der Anarchie im Irak“ oder „von anarchischen Zuständen in afrikanischen Staaten“ gesprochen. Überall dort, wo das Chaos regiert, wird dies mit dem Begriff „Anarchie“ bezeichnet.

Dem Begriff „Anarchie“ wohnt aber eine Bedeutung inne, die weit über die Übersetzung „Gesetzlosigkeit“ hinausgeht. Durch die folgenden Meinungen wird von uns versucht, diese Bedeutung anschaulich zu machen:

„Die Vorstellung, dass Menschen sich selbst regieren können, stützt sich in der Regel auf die Annahme, dass der Mensch von Natur aus gut ist –gemäß Kropotkins Beobachtung, dass das soziale Leben am besten funktioniert, wenn alle sich gegenseitig helfen.“ (O’Hara, 2004, S. 82 f.)

„Die Anarchie ist die einzige Form politischen Denkens, die nicht versucht, das Individuum durch Gewalt zu kontrollieren.“ (Crass, zit. nach O’Hara, 2004, S.80)

„Anarchie bedeutet, staatliche Kontrolle abzulehnen; sie stellt den Anspruch des Individuums dar, ein Leben in persönlicher Freiheit und nicht eines der politischen Manipulation zu leben.“ (Crass, zit. nach O’Hara, 2004, S.80)

„Wer sich der Kontrolle verweigert, nimmt sein Leben selbst in die Hand. Im Gegensatz zur landläufigen Vorstellung von Anarchie als Chaos ist genau das der Beginn persönlicher Ordnung … Anarchie bedeutet kein wirres Durcheinander, in dem sich jeder selbst der Nächste ist.“ (Crass, zit. nach O’Hara, 2004, S.80)

Wir könnten jetzt noch mehrere Seiten füllen darüber, wie sich die Anarchie zum Kommunismus verhält, wo, wann und unter welchen Bedingungen anarchische Gemeinschaften existiert haben, und wie Punks in der heutigen Zeit die anarchische Philosophie verwirklichen. Diese Fragen können aber an dieser Stelle nicht mehr behandelt werden.

Zur antispeziesistischen Tierrechtsbewegung

Die Tierrechtsbewegung tritt, im Gegensatz zum Tierschutz nicht für eine Humanisierung des Tötens ein, sondern lehnt diese Form der Ausbeutung und Unterdrückung, wie jede andere Form der Ausbeutung und Unterdrückung, als Verstöße gegen das universelle Gleichheitsprinzip und der Missachtung des jedem zu fühlen und leiden fähigen Lebewesen inhärenten Wert, ab. Speziesismus wird als Fortführung anderer Ausbeutungs- und Unterdrückungsformen wie Sexismus und Rassismus erkannt. (vgl. Kaplan, 2000; S: 61-64)

Man kann das komplexe Denken der Tierrechtsbewegung und ihre umfassenden politischen Ziele am besten mit einem Beispiel darstellen: Die Annahme, Tiere seien zum Essen da, liegt der selben hierarchischen, lebensfeindlichen Vorrechtsvorstellung zu Grunde, wie das von KapitalistInnen propagierte Menschenbild, Arbeiter seien minderwertig und gehörten ausgebeutet. Doch die Annahme der Tierrechtsbewegung ist es nun, dass all diese Unterdrückungsformen (Speziesismus, welcher die gefühlte Vorrechtsstellung aufgrund der Zugehörigkeit zu der Gattung Mensch und die daraus resultierende Ausbeutung meint, sowie Rassismus, Faschismus und Sexismus) Symptome eines Grundübels namens Empathieunfähigkeit sind und das diese nur gemeinsam verschwinden können, indem die fehlende Empathie bei den Menschen bekämpft wird. Ein in der Tierrechtsbewegung weit verbreiteter Button drückt diese Annahme treffend aus: Solange es Schlachthöfe gibt, wird es Schlachtfelder geben. Wenn also Menschen empathiefähig „gemacht werden“, durch Sensibilisierungen, wenn sie sich in die Lage und das Leiden eines anderen Lebewesens hineinversetzen können und wollen, wird automatisch, aber nur dann, Rassismus, Faschismus, und auch die Unterdrückungsform des Speziesismus aufhören zu existieren, da diese ja auf den dichotomisierten Wahrnehmungskategorien Wir- die wertverminderten Anderen basieren, welchen durch gegebene Empathie die Grundlage entzogen würde.

Auch in der Punk- Szene gibt es eine vitale und lebendige Vegetarier- und Veganer- Bewegung und eine große Menge Bands, die sich mit dem Leiden der Tiere auseinandersetzen und universelle Menschen- und Tierrechte fordern. So zum Beispiel die spanische Band Ska-P, welche den barbarischen, als Kultur getarnten, sadistischen Akt der Stiere tötenden spanischen Toreros kritisieren. Auch die Hardcore-PETA (P eople for E thical T reatment of A nimal)- Aktivisten „Rise Against” wären hier erwähnenswert.

Schlusswort

Die Auseinandersetzung mit der Thematik war spannend, es tut uns allerdings leid, dass ich einige Themen aussparen musste, die relevant gewesen wären. Die Ökobewegung, Straight Edge, die spannungsgeladene Beziehung Punks/Skinheads, das Alkoholismusproblem, Homosexualität in der Punkbewegung – all dies hätte in einer längeren und intensiveren Auseinandersetzung Platz finden können.

Interessant wäre auch eine differenziertere Betrachtung in geographischer Hinsicht. Die verwendete Literatur bezieht sich vorwiegend auf Großbritannien und Nordamerika, und auch wenn die Verfasser globalisierte Einstellungen postulieren, könnte man regionale Differenzen annehmen. Dennoch hoffe ich, einen ungefähren Überblick über die Thematik gegeben zu haben.

Bibliographie

Brake, Mike (1981): Soziologie der jugendlichen Subkulturen. Eine Einführung, Frankfurt/Main; New York, Campus-Verlag

Büsser, Martin (2006): If the kids are united. Von Punk zu Hardcore und zurück. 7. Auflage, Mainz, Ventil Verlag

Kaplan, Helmut F. (200): Tierrechte- Die Philosophie einer Befreiungsbewegung. 1. Auflage, Göttingen, Echo Verlag

Köttstorfer, Brigitte (1988): Diplomarbeit: Die Entstehung von Subkulturen im Jugendalter. Johannes Kepler Universität Linz

Lüdtke, Hartmut (1991): Kulturelle und soziale Dimensionen des modernen Lebensstils. In: Vetter, Hans-Rolf (Hg.): Muster moderner Lebensführung, München. S. 131-151

O’Hara, Craig (2004): The philosophy of punk. Die Geschichte einer Kulturrevolte. 3. Auflage der Übersetzung, Mainz, Ventil-Verlag

Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung, www.schader-stiftung.de/gesellschaft_wandel/451.php, 13.10.2006

Vaskovics, Laszlo: Subkulturen und Subkulturkonzepte, http://userpage.fu-berlin.de/~jroose/fjnsb/pages/jahrgang/1995/abstract_02_95.htm, 13.10.2006

www.zeitgeschichte-online.de/zol/portals/_rainbow/documents/pdf/mergel_lebensstil.pdf

Anne Nennstiel (2003): Punk als Weltanschauung. Wurzeln, Aspekte und Transformation: Die frühen Entwicklungen in England und Westdeutschland

Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Rock in den Siebziger Jahren. Ideologie und Stil“ soll diese Arbeit das Phänomen Punk als, in erster Linie, Weltanschauung vorstellen. Diese nahm Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre einen prägenden, nachhaltigen Einfluss auf die Musik und die Gesellschaft. Hierbei ziehe ich es vor, Punk als eine Weltanschauung zu bezeichnen, nicht als eine Ideologie. Der Begriff ‚Ideologie’ hat meiner Meinung nach, mit der Zeit schon zu viele unterschiedliche Bedeutungen erfahren, wobei eine einzige, sehr negative in den Vordergrund rückt, die unter Ideologie, „ein System von Gedanken“ versteht, welches „aus sich selbst heraus so wenig überzeugend ist, dass es durch Gewalt und Terror gestützt werden muss.“[1]

Thema dieser Arbeit ist der britische Punk um die ‚Sex Pistols’ im Vergleich zur Punk und New Wave Szene Westdeutschlands im Zeitraum 1977-1983. Es soll untersucht werden, wo Punk seine sozialen und weltanschaulichen Wurzeln hat und wie sich der britische Punk auf die Entwicklung der westdeutschen Szene auswirkte. Auf der Suche nach dem, was die Weltanschauung des Punk begründete und nach der künstlerischen Tradition, in die er sich einreiht, beginne ich mit der Punkrevolution 1975 in England. Nach einer kurzen Darstellung der Entwicklung beider Punkszenen, der britischen und westdeutschen, werde ich im Hinblick auf die von Simon Frith herausgestellte Polarität zweier Auffassungen von Punk – ‚Punk-Populismus versus Punk-Avantgarde’ – die sozialen und weltanschaulichen Wurzeln und Aspekte des Punk ausgehend von England darstellen und anschließend die Szene der BRD untersuchen: Hier soll herausgestellt werden, inwieweit es eine ähnliche Spaltung der deutschen Szene gab – in populistischen und avantgardistischen Punk – und inwieweit in der BRD eine eigenständige, lebendige Szene entstand.

Begriffsbestimmung

Der Begriff ‚Punk’ stammt aus dem Amerikanischen und erscheint um 1600 das erste Mal. Die Erklärungen in Wörterbüchern sind vielfältig und beziehen sich zusammengenommen immer wieder auf eine einzelne Person am Rande einer bestimmt gearteten Normalität, wobei die Bezeichnung Punk beispielsweise für „prostitute“, „gangster“ oder „stupid, naive, or foolish person“ stehen konnte.[2] Mit dem Aufkommen des Punk Rock wurde Punk dann im Duden 1980 zu einer „Protestbewegung von Jugendlichen, die mit bewusst rüdem, exaltiertem Auftreten und lauter Musik provozieren will.“[3] In anderen Nachschlagewerken, wie im Sachlexikon Rockmusik 1992 ist man sich der Begriffsbestimmung weniger sicher:

’Punk’ ist ein schillernder Begriff, der sowohl ’Schund’, ’wertloses Zeug’ wie ’Vorstadtjungen’ bedeutet. Dementsprechend läßt sich auch ’Punk-Rock’ nicht eindeutig definieren.[4]

Tricia Henry und andere Autoren, wie zum Beispiel Dirk Budde, stellen fest, dass der Begriff ’Punk’ jedoch in den meisten Fällen auf die 1975 entstandene Szene in London bezogen wird.[5] Wobei „der engste Begriff“ nach Faulstich, „Punk mit den Songs der Sex Pistols praktisch synonym“[6] setzt. Hier soll sich jedoch die Bezeichnung ‚Punk’ nicht allein auf die englische Szene beschränken, wobei man zur besseren Unterscheidung vom „British Punk“[7] sprechen kann. Vielmehr soll Punk Ausdruck einer musikalischen Bewegung und Weltanschauung sein, welche vielgestaltige Wurzeln hat und deren Verbreitung und Entwicklung besonders in der BRD untersucht werden soll. So beschreibt auch Henry in ihrem Buch „Break all Rules! Punk Rock and the Making of a Style“ den englischen Punk nicht als isoliert entstandenes englisches Phänomen, sondern rekonstruiert die ‚Evolution des Punk-Stils’ beginnend mit der Untersuchung des New Yorker „underground rock“[8] um Lou Reed und ‚The Velvet Underground.’ Ihre Betrachtungen decken Parallelen zwischen verschiedenen Musik- und Kunstszenen auf, die in dieser Arbeit später noch von Interesse sein sollen

[...]


[1] Grosses Lexikon in Farbe, Band 2, 386.

[2] Vgl. Lau, 9.

[3] Duden, 1980 zitiert nach Lau, 10.

[4] Halbscheffel/Kneif zitiert nach Budde, 16.

[5] Vgl. Budde, 17 und Henry, 10.

[6] Faulstich zitiert nach Budde, 16.

[7] Budde, 17.

[8] Henry, 10.

Details

Seiten
128
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656474395
ISBN (Buch)
9783956870293
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231627
Note
Schlagworte
forever punk musikstil protestkultur weltanschauung

Autoren

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Titel: Forever Punk! Punk als Musikstil, Protestkultur und Weltanschauung