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Die Literatur der Neuen Sachlichkeit und ihre Bedeutung im Kulturleben der Weimarer Republik (Teil I)

Wissenschaftliche Studie 2013 21 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Die Literatur der Neuen Sachlichkeit und ihre Bedeutung im Kulturleben der Weimarer Republik

(Teil I)

Übersicht:

1. Zum Begriff "Neue Sachlichkeit": eine Einführung

Unter Berücksichtigung wichtiger Schlüsselbegriffe vermittelt dieser Teil einen Einblick in die Bedeutungsvielfalt der literarischen Strömung, die unter der Bezeichnung "Neue Sachlichkeit" bekannt geworden ist. Dabei finden die Gattungen Epik (Roman), Drama (Theater) und Lyrik gebührende Berücksichtigung. Besondere Aufmerksamkeit wird dem Aspekt des Gebrauchswertes von Literatur zugewandt, der sich z. B. im dokumentarischen Schreiben (Reportagestil) niederschlägt.

2. Die Neue Sachlichkeit im literaturkritischen und kulturpolitischen Diskurs der Zwanziger Jahre

Die Ablösung des konventionellen Autonomieanspruchs der Literatur führt zu einem erweiterten Literaturkonzept. Danach versteht sich die Literatur als ein Forum der öffentlichen Diskussion und des Meinungsaustausches. Sie überwindet die herkömmliche Trennung zwischen Literatur und Alltag. Das Alltagsleben wird zum Gegenstand literarischen Schreibens. Damit verändert sich auch das schriftstellerische Selbstverständnis. Es entsteht ein "neuer Typus von Schriftsteller".

3. Im Zeichen der Modernisierung: die Entstehung einer Populär- und Massenkultur

Der neusachliche Schriftsteller strebt nach kultureller Modernität. Er versteht sich als Kosmopolit und will auf der Höhe der Zeit sein. Er öffnet sich gegenüber einer durch die neuen Medien verbreiteten Massenkultur. Wie Bertolt Brecht zeigt er z. B. ein ausgeprägtes Interesse für Sportveranstaltungen und für eine aus Amerika importierte Unterhaltungs- und Vergnügungsindustrie (z. B. in Musik, Film und Showbusiness). Berlin wird zum Paradigma einer großstädtischen Vergnügungsmetropole, die dem Bedürfnis nach Zerstreuung einer wachsenden Schicht von Angestellten Rechnung trägt.

4. Die Funktion der Literatur in der demokratischen Gesellschaft

In einer demokratischen Gesellschaft konzentriert sich die Literatur stärker als bisher auf die Lebenswelt und die Interessen eines zahlreichen Lesepublikums. Daher gewinnen die "Reportage" und der "Reportagestil" zunehmend an Bedeutung. Es geht um eine möglichst objektive Beschreibung der beobachteten Wirklichkeit.

5. Die Kontroverse um den "Amerikanismus" der Zwanziger Jahre

Der "Amerikanismus" der Zwanziger Jahre wird zum Gegenstand einer kontroversen öffentlichen Diskussion. Einerseits werden der "American Way of Life" und das moderne amerikanische Wirtschaftsleben von vielen Zeitgenossen bewundert. Andererseits kommt es aber auch zu einer radikalen und kompromisslosen Ablehnung des Amerikanisierungstrends, der von einigen Schriftstellern wie Stefan Zweig als wirtschaftlicher und kultureller Eroberungsfeldzug angeprangert wird.

Die Literatur der Neuen Sachlichkeit und ihre Bedeutung im Kulturleben der Weimarer Republik

(Teil I)

1. Zum Begriff "Neue Sachlichkeit": eine Einführung

Schlüsselbegriffe: Alltagswelt (2), Amerikanisierung /"Amerikanismus" (11, 14), Anti-Psychologismus (6), Behaviorismus (6), "Entauratisierung" (2), Fakten und Tatsachen (1), funktionales Literaturverständnis (1), "Gebrauchsanweisung" (4), Gebrauchswert (1), "Männlichkeit" (3, 8), Massenpublikum (2), die "neue Frau" (12, Anm. 8), Nüchternheit und Kälte (3), Reportagestil (3, 6, 14), Sport (7, 11), Vergnügungs- und Unterhaltungskultur (2), "Vivisektion der Zeit" (5), Zerstreuungskultur (11).

(In Klammern sind jeweils die Seitennumern angeben.)

Die Neue Sachlichkeit wird oft als eine unpolitische, ideologiefreie, alle Bereiche der Kultur, und insbesondere die Literatur, umfassende Strömung in der Zeit der Weimarer Republik (1918 - 1933) aufgefasst. Sie entsteht u. a. als Reaktion auf den idealisierenden Welterneuerungswillen des Expressionismus und tritt für eine nüchterne und objektive Haltung gegenüber der Wirklichkeit ein, unter Verzicht auf den gefühlsbetonten Subjektivismus und das übertriebene Pathos der Expressionisten. Die Vertreter der Neuen Sachlichkeit betrachten die Welt aus der Perspektive eines aufmerksamen, um Authentizität bemühten, nüchternen, aber kritischen Beobachters. Ausgehend von einem funktionalen Literaturverständnis im Unterschied zur traditionellen Ästhetik mit ihrer Betonung der künstlerischen Autonomie, stellen sie den Gebrauchswert eines literarischen Werkes in den Vordergrund, d. h. sie vertreten eine Kunstauffassung, die sich an den alltäglichen Erfahrungen und Bedürfnissen eines Massenpublikums orientiert. Damit reagiert diese Bewegung auf die Demokratisierung der Gesellschaft in den Zwanziger Jahren und versteht sich als wesentlicher Teil eines gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses. Von dieser Warte aus betrachtet, trägt die Neue Sachlichkeit in erheblichem Maße zu einer Politisierung der Kunst und der Literatur bei.

Die Wirkungsästhetik der neusachlichen Literatur, die sich auf eine objektive Darstellung gesellschaftlicher Tatbestände gründet, soll den modernen Leser zur politischen Meinungsbildung, zur Stellungnahme und zur Überprüfung seiner politischen Handlungsmöglichkeiten anregen. Eine Berichterstattung, die sich auf die nüchterne Darstellung von Fakten und Tatsachen konzentriert, besitzt im Unterschied zu rein fiktionalem Schreiben ein beträchtliches Aufklärungspotenzial, wobei Fiktionalität und Faktizität keineswegs als sich einander ausschließende Gegensätze, sondern als sich gegenseitig ergänzende Darstellungsmöglichkeiten angesehen werden. Nach Siegfried Kracauer bwirkt die bloße Bestandsaufnahme gesellschaftlicher Verhältnisse bereits eine

"»Veränderung« gesellschaftlicher Tatbestände". (Becker 1, S. 191)

Die funktionale Kunst- und Literaturauffassung führt zur Einbeziehung von bisher als "unkünstlerisch" betrachteten aktuellen Themen wie Arbeitswelt, Rolle der Frau, Freizeit und Sport, Inflation und Wirtschaftskrise, usw. Damit betritt ein neues literarisches Personal die Bildfläche, das sich verstärkt aus der in den Zwanziger Jahren stark

anwachsenden Schicht der Angestellten kaufmännischer und technischer Berufe (viele von ihnen als Stenotypistinnen arbeitende und nach beruflicher Unabhängigkeit strebende Frauen) oder aus der Welt des Sports rekrutiert, aber auch den von Arbeitslosigkeit bedrohten "Kleinen Mann" einbezieht, den Hans Fallada zur Titelfigur seines gleichnamigen Romans ernennt und dem auch Erich Kästner mit seinem "Fabian" ein Denkmal setzt. Zugleich verbindet sich die Neue Sachlichkeit mit einer - vor allem in Berlin entstehenden - großstädtischen Vergnügungs- und Unterhaltungskultur, die durch die Medien Film, Rundfunk, Schallplatte, Zeitschriften und Illustrierte propagiert wird und sich großer Beliebtheit erfreut. Um der Routine und den Sorgen des Alltags zu entfliehen, sucht man Zerstreuung im Kino, in Revuen und Variétés oder, in intellektuell anregender Form, im literarischen Kabarett. Mit der Neuen Sachlichkeit verlieren Kunst und Literatur ihren geheimnisvollen Nimbus und ihren elitären Anspruch. Es vollzieht sich eine "Entzauberung" (Siegfried Kracauer in seinem Aufsatz "Vivisektion der Zeit", 1932; in: Becker 2, S. 130)

der ästhetisch-autonomen Kunstliteratur zugunsten einer sachlich-kritischen Gebrauchsliteratur, die Sabina Becker als "Entauratisierung" (Becker 1, S. 231)

bezeichnet. [1]

Die Neue Sachlichkeit entspricht dem Lebensgefühl großer Teile der städtischen Bevölkerung und trägt in erheblichem Maße dazu bei, diese Gebrauchskunst einem Massenpublikum zugänglich zu machen. Sachlichkeit bestimmt die Einstellung des modernen Großstadtmenschen gegenüber der Welt. Er registriert mit nüchternem Blick seine Umgebung und glaubt nicht an weltverbessernde Utopien. Der von Walter Benjamin beschriebene Typ des Flaneurs ("Einbahnstraße", 1928) analysiert distanziert und schulterzuckend die Alltagsphänomene der Stadt, ohne Stellung zu beziehen, zu kritisieren oder sich einzumischen. Das führt bei kritisch eingestellten Zeitgenossen zu einer Diskreditierung der Neuen Sachlichkeit als einer Haltung der "Melancholie" und des "Fatalismus" (Becker 1, S. 278) und zur ihrer Verurteilung "als eine resignative, unpolitische Bewegung". (ebd.) Kurt Pinthus erkennt in der Bereitschaft, "das Gegebene einfach hinzunehmen und zu kuschen ..., keine eigene Meinung auszusprechen, nicht Stellung zu nehmen ..., keine Absicht, keine Idee, kein Kampfziel zu haben ..." (ebd.) typischerweise ein Zeichen von Unmännlichkeit.

Auch hinsichtlich der künstlerischen Ausdrucksformen sind markante Veränderungen zu beobachten. In dem Maße wie die Alltagswelt der Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, versachlichen sich auch die Form der Darstellung und die Mittel der Beschreibung. Alltägliche Themen wie Technik, Industrie, Arbeit und Freizeit eignen sich nicht für irgendeine Art der dichterischen Überhöhung. Sie werden einem nüchtern und unvoreingenommen prüfenden Blick aus der Perspektive eines protokollierenden Beobachters unterworfen. Die künstlerische Subjektivität des Autors "tritt hinter der der Anonymität des Dokuments zurück". (Anton Kaes: "Schreiben und Lesen in der Weimarer Republik"; in: Weyergraf, S. 38 - 64; hier: S. 60) Daraus entwickelt sich eine Art neusachlicher Habitus in

[1] Vgl. hierzu die folgende Passage aus dem "Vorwort" zu Joseph Roths Roman "Die Flucht ohne Ende" (1927), das schon von seinen Zeitgenossen als eine Art Manifest der Neuen Sachlichkeit angesehen wird:

"Im Folgenden erzähle ich die Geschichte meines Freundes, Kameraden und Gesinnungsgenossen Frank Tunda. Ich folge zum Teil seinen Aufzeichnungen, zum Teil seinen Erzählungen. Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert. Es handelt sich nicht mehr darum zu 'dichten'. Das wichtigste ist das Beobachtete. - Paris, im März 1927." (in: Becker 2, S. 202)

der Darstellung, der sich einen nicht-femininen, sportlich-asketischen Anstrich verleiht und einer betont "männlichen" Sprache bedient. (Vgl. Glaser, S. 172)

Man legt Wert auf Schmuck- und Schnörkellosigkeit im Ausdruck, verzichtet auf farbige, fantasievolle Ornamentik, nimmt eine distanzierende Haltung zu den Objekten der Darstellung ein und bevorzugt Nüchternheit, Kühle und Präzision in der Beschreibung. Die funktionale Gebrauchsliteratur der Neuen Sachlichkeit experimentiert mit neuen, bis dato als unliterarisch geltenden, journalistischen Schreibstrategien wie Dokumentarismus, Reportagestil und Montagetechnik. Durch die Verbindung von fiktionalem und dokumentarischem Schreiben entstehen neue literarische Genres wie Zeit- und Reportageroman, Reportagedrama, Zeitstück, Gebrauchslyrik, sowie Hörspiel und Hörbericht im Rundfunk.

In der neusachlichen Literatur - und in besonderem Maße im neusachlichen Roman - ist die Tendenz zu einer unterkühlten Darstellung modernen Lebens zu beobachten, in der die Bewegung eingefroren und erstarrt zu sein scheint und das Geschehen wie durch eine Glasscheibe betrachtet wird. Diese Tendenz zeichnet sich - nach dem Urteil einiger Kritiker - schon in der Ausstellung nachexpressionistischer Malerei [2] in der Kunsthalle der Stadt Mannheim (1925) unter der Leitung des Kunsthistorikers Georg Friedrich Hartlaub ab. Der von Hartlaub hier erstmalig verwendete Begriff "Neue Sachlichkeit" beschreibt die Haltung der Ernüchterung und Entzauberung, durch die sich - wie bereits beschrieben - auch die neusachliche Gebrauchsliteratur ausweist. Kritische Stimmen sprechen von "gefrorener Idyllenstimmung" bei Georg Schrimpf, "Formen magischer Erstarrung" bei George Grosz, "gefrorener Unbeweglichkeit der Figuren" bei Otto Dix (vgl. Leiß/Stadler, S. 64), und die "Allgemeine Zeitung Chemnitz" wittert sogar die Gefahr, "daß man in die Kälte bedeutungsloser Objektivität abstürzt." (Ausgabe vom 09.01.1926; in: Buderer/Fath, S. 32)

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656484622
ISBN (Buch)
9783656485568
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231591
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Philosophische Fakultät
Note
Schlagworte
literatur neuen sachlichkeit bedeutung kulturleben weimarer republik teil

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