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Eine Analyse der Anklageschrift von John Cook im Prozess gegen König Charles I. von England

König Charles I. – „[…] a tyrant, traitor, murderer and a public and implacable enemy to the commonwealth of england [...]”.

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 29 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Legitimität, Autorität und politische Ordnung

3. John Cooks „King Charls His Case“
3.1. Der König als Tyrann oder Vom Naturrecht
3.2. Das Common Law
3.3. Republikanisches Denken und die Theorie des ‚Mixed Government’

4. Von der Vernunft als Methode

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„First I must know by what power I am called hither befor I will give answer. [...] Now, I would know by what authority, I mean lawful [...] I was brought from thence and carried from place to place [...] Remember I am your King – your lawful King – and what sins you bring upon your heads and the judgement of God upon this land, think well upon it [...] Therefor let me know by what lawful authority I am seated here and I shall not be unwilling to answer. [...]”[1]

Mit diesen Worten verweigerte King Charles I. am 20. Januar 1649 in der Westminster Hall die Aussage in dem gegen ihn geführten Prozess wegen Hochverrats und brachte den Vorsitzenden des Ausschusses, Lord President John Bradshaw, in gewaltige argumentative Probleme. Charles I. hatte das zu Grunde liegende Legitimitätsproblem des ganzen Prozesses offenbar sofort erkannt und bildlich gesprochen ‚den Finger in die Wunde gelegt’. Bradshaws Lösung bestand aus der wenig überzeugenden Phrase „…in the name of the people of England, of which you are elected King...”[2], welche den energischen Widerspruch des Königs erntete. Schließlich sah sich der wohl auch entnervte Bradshaw wegen der hartnäckigen Weigerung des Königs die Autorität des Gerichts anzuerkennen, gezwungen den Prozess zu vertagen und letztlich den König von den weiteren Verhandlungen auszuschließen.

Während augenscheinlich an der fehlenden Ergebnisoffenheit des Prozesses kaum gezweifelt werden kann[3], ist die Frage der Legitimität nicht nur von der Nachwelt sondern auch von den Zeitgenossen äußerst unterschiedlich bewertet worden. Charles I. selbst hatte zu Beginn des Prozesses einen Text veröffentlicht in dem er die Rechtmäßigkeit der Verhandlungen, des Gerichts und auch des Parlaments angriff, auf sein Gottesgnadentum verwies und sich selbst zum eigentlichen Beschützer der Rechte des englischen Volkes stilisierte.[4] Diese Gedanken gingen nach seiner Hinrichtung in einem Königsmythos auf, wie er beispielsweise im „Eikon Basilike“ beschrieben wird, und erzeugten einen gewissen Rechtfertigungsdruck auf Cromwell und die anderen Ausschussmitglieder, die das Todesurteil unterzeichnet hatten.[5]

Es sollte deshalb nicht überraschen, dass die Veröffentlichungen der Königsgegner nicht einfach nur Gegendarstellungen sind, sondern vielmehr Apologien, Verteidigungsschriften, deren Sinn sich eben nicht darin erschöpft dem Leser eine andere Version des Geschehenen anzubieten, sondern argumentativ von der Richtigkeit des eigenen Standpunktes und der eigenen Handlungen zu überzeugen. Hieraus entwickelte sich eine Art öffentliche Diskussion über die Legitimität des Prozesses gegen den König, wobei die verschiedenen Autoren die grundlegenden und vielleicht auch meistgestellten Fragen jener Zeit debattierten: Wer hatte die legitime Macht in England, der König oder das Parlament? Konnte das Parlament den König überhaupt anklagen? War es gar gottgefällig über einen König zu Gericht zu sitzen, zumal dieser sich auf ein Gottesgnadentum berief?

Diese Fragen verlangten insbesondere von den Königsgegnern nach Antworten und damit verbunden nach Rechtfertigung durch Argumente. Sie konnten nicht mit einfachen Gegendarstellungen abgetan werden. Vielmehr waren sie in gewisser Weise ein Sinnbild für den Bruch, für das Unerhörte, für die bis dahin wohl nicht einmal vorstellbare Hinrichtung eines Monarchen durch die Hand der eigenen Untertanen. Dass selbst die Königsgegner sich dieser Tatsache bewusst waren, wird aus dem Vorgehen Cromwells und der Armee deutlich, welche erst im „Prides Purge“ ein willfähriges Parlament installierten[6], das dann die entsprechenden Gesetze für den Prozess gegen den König erließ[7] und so dem weiteren Vorgehen der Königsgegner wenigstens den Hauch von Legitimität sicherte.

Ein gutes Beispiel für den Umgang der Männer um Cromwell mit dem Legitimitätsproblem und der Rechtfertigung, stellt die später veröffentlichte Predigt John Owens, einen Tag nach der Hinrichtung des Königs, vor dem Parlament dar.[8] Darin rechtfertigt Owens nicht nur den Prozess und das Urteil des Ausschusses mit theologischen Argumenten, vielmehr gelingt es ihm die defensive Position des ‚sich-rechtfertigen-müssens’ zu verlassen, indem er allen Anwesenden und eigentlich auch den späteren Lesern eine Mitschuld an dem Geschehenen zuspricht und das Leid des Bürgerkrieges und alle Konsequenzen zur Strafe eines zürnenden Gottes erklärte.[9] Gleichzeitig betont Owens die Bedeutung der Vorsehung für das Geschehene und zwar in dem Sinne, dass nichts geschehen konnte (Krieg gegen den König und dessen Hinrichtung) was Gott nicht auch so gewollt habe.[10]

Die Berufung auf eine Vorsehung, welcher sich Cromwell auch häufig bediente, war jedoch kein zur Rechtfertigung und Legitimierung ausreichendes Argument, da prinzipiell alles Geschehene Teil der Vorsehung sein konnte und so der Interpretation und Nutzung offen stand. So rekurrierten beispielsweise die Verfasser des „Eikon Basilike“ ebenfalls auf die göttliche Vorsehung als sie Charles I. mit Jesus am Kreuz verglichen und zum Märtyrer der Gesetze und Freiheiten des Commonwealth of England erklärten.

Argumentativ interessanter, für diese Arbeit und generell, ist deshalb der Text von John Cook, des Kronanwalts (Generalstaatsanwalts) im Prozess gegen den König.[11] Als solcher war es seine Aufgabe die Anklage gegen Charles I. auszuarbeiten und durchzuführen, wobei letzteres auf Grund der schon erwähnten Ausschließung des Königs vom Prozess hinfällig wurde. Cook veröffentlichte seine verdichtete Anklagerede nach der Hinrichtung Charles I. und charakterisierte den König darin als Tyrann, Verräter und Mörder.[12] Anders als Owen versuchte Cook die Schuld des Königs und die Rechtmäßigkeit des Prozesses und der Hinrichtung auf juristischem, nicht theologischen Weg nachzuweisen und stützte sich dabei auf eine Reihe von Argumenten die ihren Ursprung unter anderem im Naturrecht und dem Common Law haben.[13]

Wie Cook dies nachwies, welche Argumente er dabei verwendete und aus welchen Traditionen und Quellen er diese schöpfte, wird diese Arbeit versuchen zu zeigen. Zuerst soll dazu die Struktur der Anklage gegen Charles analysiert werden um zu verstehen, wie Cook die Schuld des Königs nachzuweisen suchte. Im Anschluss daran werden die einzelnen Argumente, welche Cook nutzte um den König zu diskreditieren und die Handlungen Cromwells und des Parlaments zu legitimieren, herausgearbeitet und in Beziehung zu ihren grundlegenden ‚Prinzipien’ gesetzt werden. Das Ziel dieser Arbeit ist vorrangig, diese ‚Prinzipien’ und die aus ihnen abgeleiteten Argumente sowie die von Cook verwendete Methodik des Argumentierens zu erfassen und zu analysieren. Weiterhin soll diese Arbeit aufzeigen, dass die Debatte über die Legitimität des Prozesses, des Urteils, aber auch des gesamten Vorgehens des Parlaments auch auf einer Ebene geführt wurde, die weitgehend frei war von Auserwähltheitsglauben und Bibelauslegungen. Mit anderen Worten, dass die ‚Sache des Parlaments’ mehr war als die Ideologie der Saints.

Zunächst jedoch soll eine Präzisierung der Thematik dieser Arbeit im Kontext der Fragen nach Legitimität, Autorität und politischer Ordnung vor dem Hintergrund der Entwicklung des ‚republikanischen’ Gedankens erfolgen.

2. Legitimität, Autorität und politische Ordnung

Cooks Schrift ist mehr als nur die Summe der gegen den König zusammengetragenen Argumente. Neben der offensichtlichen Funktion die Schuld Charles I. nachzuweisen und die Person des Königs im Verlauf des Prozesses soweit wie möglich zu diskreditieren[14], erfüllt Cooks Schrift auch die Aufgabe die Position und Handlungen der Königsgegner und damit auch des Prozesses selbst zu rechtfertigen. Vor allem aber sollte diese Schrift das Urteil rechtfertigen, welches ein Ereignis war, das einen Bruch mit den Traditionen und dem Bekannten darstellte, schon unter den Zeitgenossen umstritten war und auf Grund der damit verbundenen rechtlichen, sozialen und politischen ‚Sprengkraft’ nach Legitimierung durch Begründung verlangte. Es ist ein Gemeinplatz, dass es Menschen schwerer fällt Veränderungen vorzunehmen, als in Trägheit bei dem Gewohnten zu verharren.[15] Die Hinrichtung des eigenen Königs ist jedoch eine Veränderung solcher Art und Güte, dass sie gar nicht ohne Begründungen und legitimierende Argumente vorstellbar ist.

Wann aber wird ein Argument als legitim betrachtet und was sorgt für diese Legitimität? Es ist die Absicht des Autors diese Fragen in der folgenden Untersuchung anhand eines zweistufigen Autoritätsmodells nachzuvollziehen. Der Autor geht dabei davon aus, dass sich die Legitimität eines Argumentes zum einen auf ein zugrunde liegendes und weitgehend akzeptiertes, soll heißen nicht zu hinterfragendes Prinzip - die Quelle des Arguments – stützt und zum anderen auf die Person oder den Personenkreis, welcher das Argument verwendet.[16] Beide, die Quelle und die Person, können an sich unabhängig voneinander und allein ausreichen um ein Argument zu legitimieren, aber nicht in den hier zu betrachtenden Fällen. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass Cromwell und die Armee eine bestehende politische und juristische Ordnung faktisch außer Kraft setzten und eine Neue errichteten. Sie brachen dabei notwendigerweise mit dem bestehenden Ordnungssystem und ersetzten eine de jure Herrschaft durch „rule de facto [which] was rule by the sword.“[17]

Ihre Herrschaft und damit auch ihre Autorität stützte sich also allein auf die vorhandenen Machtmittel und nicht auf eine stabilisierende politisch-juristische Ordnung, den die hatten sie ja außer Kraft gesetzt. Das Problem mit dem sie konfrontiert waren „[…] was that of establishing the exact conditions under which government by human law had broken down and given place to government by human power, and in so doing to determine the modes in which power might be seen as supplying its own justification.”[18] Aber wie „[…]einen Anfang machen, dessen Autorität nicht angezweifelt werden kann[…]“[19] ?

[...]


[1] Zitiert nach Edwards, Graham: The Last Days of Charles I.Thrupp – Stroud – Gloucestershire, 1999, S. 132 -133.

[2] Ebd., S. 134.

[3] Eine Ausnahme bildet Dr. Sean Kelsey, der in seinen Arbeiten den Prozess gegen den König als ergebnisoffene Verhandlung, einem Pokerspiel gleich, versteht, in welchem der König schließlich sein Blatt überreizt hat.

[4] Edwards: The Last Days, S. 140 – 142.

[5] Die offizielle Antwort des Parlaments auf den “Eikon Basilike” war das “Eikonoclast” von John Milton.

[6] Gardiner, S.R.: History of the great Civil War. Volume Four 1647 – 49. London, 1987, S. 270 f.

[7] Ebd., S. 276 f.

[8] Owen, John: A sermon preached to the Honourable House of Commons, in Parliament assembled: on January 31. A day of Solemne Humiliation. London, 1649.

[9] Beispielhaft seien hier nur erwähnt: „…Now they, who place men in authority to be Gods Vicegerents doe undertake to God for their deportment in that authority, and therfore may justly beare the sad effects of their sinfull miscarriages.”(Owen: A sermon preached, S. 3.) “...When kings command unrighteous things, and people suite them with willing complyance, none doubts, but the destruction of them both is just and righteous.” (Ebd.)

[10] Ebd., S. 8.

[11] Cook, John: King Charls his Case: Or, an Appeal to all Rational Men, concerning His Tryal at the High Court of Justice. London, 1649.

[12] In der Anklageschrift wird Charles I. wörtlich „…as a tyrant, traitor, murderer and a public and implacable enemy to the commonwealth of england...” bezeichnet. (Zitiert nach Edwards: The Last Days, S. 131- 132.)

[13] Natürlich finden sich auch in Cooks Text theologische Anspielungen, Bibelzitate und Gleichnisse, doch dienen diese nicht primär der Argumentation, sondern der Veranschaulichung.

[14] Auf diesen Punkt wird besonders in Kapitel 3.1 eingegangen werden.

[15] Dies ist ein Gemeinplatz der es allerdings bis in die Unabhängigkeitserklärung der USA geschafft hat: „Klughait […], und dieser gemäß hat alle Erfahrung gezeigt, daß die Menschheit geneigter ist, zu leiden, so lange Leiden zu ertragen sind, als sich selbst Rechte zu verschaffen, durch Vernichtung der Formen, an welche sie sich einmal gewöhnt.“ (Unabhängigkeits-Erklärung der Vereinigten Staaten gegeben im Kongreß am 4. Juli 1776, http://www.verfassungen.net/us/unabhaengigkeit76.htm, Text von 1849, Stand 08.01.2011, S. 1.)

[16] In Bezug auf die Hinrichtung Charles I. wäre eine solche Quelle beispielsweise das Naturrecht, die Person wäre John Cook und das Argument könnte die Pflicht sein, einen Tyrannen zu töten.

[17] Pocock, J.G.A.: The Machiavellian Moment. Florentine Political Thought and the Atlantic Republican Tradition. Princeton und Oxford, 1975, S. 378.

[18] Pocock: The Machiavellian Moment, S 378.

[19] Arendt, Hannah: Über die Revolution. München, Zürich, 1974, S. 238.

Details

Seiten
29
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656481256
ISBN (Buch)
9783656481041
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231562
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Englischer Bürgerkrieg - Charles I.

Autor

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