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Versuch der Erklärung von Handlungen der Akteure am Beginn von Revolutionen durch die Annahme einer ‚Bedrohungssituation’

„[…] einen guten Monat streiten sie sich um Silben, und in einer Nacht stürzen sie das ganze Gebäude der alten Monarchie über den Haufen.“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 32 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Allgemeines / Vergleiche

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Wesen der Revolution – Versuch einer Charakterisierung

3. Die Theorie der Revolution
3.1. Rational Choice plus Hoffnung auf Erfolg?
3.2. Lösungsversuch durch Annahme einer Bedrohungssituation

4. Die Amerikanische Revolution – Lexington und Concord

5. Die Französische Revolution – Der Sturm auf die Bastille

6. Die Revolution von 1848 – Berlin, 18. – 19. März

7. Fazit

8. Quellen- und Literaturverzeichnis

1.Einleitung

„Revolution, das ist, wenn eine Meinung auf Bajonette trifft.“

(Napoleon Bonaparte)

„Waffen! Waffen! Man haut und schießt die Schutzbürger vor dem Schlosse zusammen!“[1]

Dieser und ähnliche Rufe erschallten laut den Aufzeichnungen des Karl August Varnhagen von Ense am Nachmittag des 18. März 1848 in den Straßen Berlins und markierten den Beginn der Widerstandsaktionen der Bevölkerung gegen das preußische Militär. Unzählige Barrikaden wurden aus allen gerade verfügbaren Materialien errichtet, Waffenläden von der Menge gestürmt, kleinere Militärposten in entfernten Stadtteilen ausgehoben. Teilweise nur mit Steinen bewaffnet, kämpften Berliner Bürger aller sozialen Schichten Seite an Seite gegen die besser ausgerüsteten und gedrillten preußischen Truppen. Die blutigen Straßenkämpfe zogen sich bis in die frühen Morgenstunden des folgenden Tages hin und forderten auf beiden Seiten viele Menschenleben. Am 19. März befahl der wankelmütige König den Abzug seiner eigentlich siegreichen Truppen und verhalf der schon gescheiterten Revolution in Berlin damit doch noch zum Sieg.[2] Die Tragweite dieses, von Siemann als „symbolisch“[3] bezeichneten Sieges der Berliner Bevölkerung ist nicht hoch genug einzuschätzen und so kommt den Ereignissen vom 18./19. März eine besondere Bedeutung im Geflecht der Geschehnisse der Revolution von 1848 zu.

Was jedoch führte zum ‚heroischen Kampf’ der Berliner gegen die Truppen des Königs?

Was veranlasste die minder bewaffneten Bürger den Kampf mit dem gut ausgebildeten Militär aufzunehmen? Was war im Bewusstsein der Berliner am 18. März 1848 anders als an den Tagen, Wochen und Monaten zuvor, dass sie im Barrikadenkampf mit den geschulten Soldaten ihr Leben aufs Spiel setzten?

Kerngedanke dieser Frage ist die Suche nach einer Erklärung für die Handlungsmotivation von Akteuren in krisenhaften Situationen, was neben der Problematik der Definition, die größte Schwierigkeit der Revolutionsforschung darstellt. Genauer formuliert: Wie wird aus Demonstranten, die friedlich für durchaus unterschiedliche Ziele auf die Straße gehen, eine ‚Masse’, die zur Erreichung dieser Ziele gemeinsam das eigene Leben einsetzt. Vor dem Hintergrund der Wechselwirkung von Struktur und Ereignis kommt der Antwort auf diese Frage höchste Priorität zu, beschreibt sie doch den eigentlichen auslösenden Faktor der Veränderung und damit der Revolution.[4] Die vorliegende Arbeit wird versuchen eine Antwort auf die Frage nach der Motivation der Handlung zu geben und damit einen Hauptpunkt des ‚Phänomens’ Revolution genauer zu beleuchten. Im Vergleich der dafür relevanten „kritischen Ereignisse“[5] der Amerikanischen Revolution, der Französischen Revolution und der Revolution von 1848 in Berlin[6] möchte der Autor den Versuch unternehmen, das Bewusstsein einer unmittelbaren ‚Bedrohungssituation’ - einem Zustand, in dem die wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt und plakativ gesprochen entweder ‚Flucht oder Angriff’ sind - als bestimmenden Faktor der Handlungsmotivation der Akteure, aufzuzeigen und zu erläutern. Dabei wird am Anfang eine genauere Betrachtung des ‚Phänomens’ Revolution stehen, um die These des Autors im Themenfeld Revolution besser verorten zu können. Daran schließt eine Ausarbeitung der ‚Bedrohungssituation’ an, die zuletzt an den gewählten historischen Beispielen überprüft werden soll.

2. Das „Wesen“ der Revolution – Versuch einer Charakterisierung

“Jede große Revolution, ob sie uns recht oder nicht so recht ist, hat irgendein wesentliches, dringendes

Bedürfnis zur Grundlage. Sie kommt nicht einfach so aus sich heraus.“ (Jawaharal Nehru)

Am Anfang einer theoretischen Arbeit zum Thema Revolution müsste eigentlich eine Definition der Revolution stehen. Die Betrachtung der Kontroverse in der Forschungsliteratur allein in Bezug auf diesen Punkt, macht aber deutlich, dass ein solches Vorhaben sich schon als äußerst kompliziert darstellt. Weil diese Arbeit nur einen kleinen Teil des großen Gesamtkomplexes Revolution betrachten will, soll hier lediglich eine Charakterisierung der Revolution bezüglich der These des Autors vorgenommen werden. Als allgemeine und grobe Richtlinie soll der ‚unpolitische’ Definitionsversuch des Soziallexikons von Reinhold dienen, nachdem Revolution „für den gewaltsamen Umsturz der bestehenden sozialen und politischen Ordnung“[7] steht. Der Autor wird im Folgenden versuchen diese ‚skelletierte’ Darstellung näher zu charakterisieren und mit etwas ‚Leben zu füllen’.

Da krisenhafte Situationen auch Kennzeichen von Aufständen oder Revolten sein können, beziehen sich die Untersuchungen dieser Arbeit auf die drei folgenden Phänomene, die allgemein als Revolution bezeichnet und auch so verstanden werden: die Amerikanische Revolution, die Französische Revolution und die Revolution von 1848.[8] Die Auswahl dieser drei Revolutionen hat vor allem den Hintergrund, dass der Autor der Überzeugung ist, seine These am Beispiel dieser ‚Phänomene’ am plausibelsten erklären zu können, da sich die ‚Bedrohungssituation’ jeweils recht einfach rekonstruieren lässt, wie noch aufgezeigt werden wird.

Weiterhin hat diese Zusammenstellung den Vorteil, zusammenhängende historische Ereignisse darzustellen. Zusammenhängend nicht nur im chronologischem Sinn, sondern auch durch zwei inhärente Kerngedanken in jedem der drei genannten ‚Phänomene’. Diese beiden ‚Wesensmerkmale’ der Revolution benennt Hannah Arendt als „…die Idee der Freiheit und die Erfahrung eines Neuanfangs…“.[9] Sie argumentiert, dass der Unterschied zwischen Aufständen, Staatsstreichen und jedwedem politischem Wechsel dieser Art einerseits und Revolutionen andererseits in dem Gedanken der Freiheit und dem Pathos des Neubeginns liegt.[10] Freiheit ist hier politische Freiheit und meint Gleichheit und Selbstbestimmungsrecht. Mit dem berühmten Ausspruch Condorcet’s gesprochen: „Das Wort ‚revolutionär’ darf nur angewendet werden auf Revolutionen, deren Ziel die Freiheit ist.“ Eingang findet dieser Aspekt in der Amerikanischen Revolution am simpelsten in dem Kampfspruch „no taxation without representation“, während der Französischen Revolution beispielsweise in der Formulierung der „Menschen- und Bürgerrechte“, und bei der Revolution von ’48 in Deutschland im Verlangen nach Abschaffung des Adels und der damit verbundenen Privilegien.

Das revolutionäre Pathos beschreibt den Gedanken „…einem Ereignis beizuwohnen, das eine radikal neue Geschichtsperiode einleite[t]…“[11] und die Erfahrung des Neuanfangs enthält, welche sich tief ins Bewusstsein der Menschen eingräbt und ein ‚Zurück’ unmöglich erscheinen lässt. Ausdruck fand dieses Pathos in der Errichtung von Freiheitsbäumen und der Unabhängigkeitserklärung, der Einführung des Revolutionskalenders, oder der Einberufung der Nationalversammlung in die Paulskirche in Frankfurt. Die Gemeinsamkeit der drei Revolutionen besteht also darin, dass sie im Ursprung hauptsächlich die Freiheit als politisches Ziel verfolgen und ein Aufbegehren gegen soziale Ungleichheit darstellen.

Palmer macht diesen Punkt noch deutlicher, denn er sieht in dem ‚Drang zur Freiheit’ den Ausdruck des Kampfes zwischen den ’Demokraten’ und ’Aristokraten’ in der ‚westlichen Welt’ (Europa und Nordamerika) um die politische Macht. Er beschreibt das „Age of Democratic Revolution“ als einen Zeitraum von etwa 1760 bis 1800, in welchem die alten Eliten und das althergebrachte System im ganzen benannten geografischen Raum massiv unter Druck gerieten.[12]

„The situation ... was revolutionary in a deeper way. By a revolutionary situation is here meant one in witch confidence in the justice or reasonableness of existing authority is undermined; where old loyalities fade, obligations are felt as impositions, laws seems arbitrary, and respect for superior is felt as a form of humiliation; ... and government is sensed as distant, apart from the governed and not really ‘representing’ them.”[13]

Das ‘Ancien Regime’ befand sich in einer ernsthaften, die elementaren Grundlagen der althergebrachten Ordnung bedrohenden Krise. Die Philosophie der Aufklärung hatte die Menschen gelehrt selbstständig zu denken und die Verschwendungssucht der europäischen Höfe, mit den dafür beständig steigenden Steuern, sowie der absolutistische Herrschaftsstil der Monarchen konnten einer kritischen Betrachtung nicht (mehr) standhalten. Das Gedankengut des Naturrechts, wie etwa Pufendorf es vertreten hatte und das eine gute Basis für Angriffe auf die alte Rechtsordnung darstellte, fand immer größere Verbreitung.[14] Am meisten jedoch beeinflusste Amerika das Denken der Europäer, dass diese aus Briefen, Erzählungen und Berichten nur als ein Land kannten, in dem es kein Elend gab und wo alles „…wofür ein Mann arbeitet, ihm [gehört], und es keine Steuereintreiber [gibt].“[15] Nur ganz allmählich wurde den Menschen in Europa bewusst, dass Not und Elend keine gottgewollten Notwendigkeiten des Lebens darstellten und die Unterscheidung in Arm und Reich keine ‚natürliche’ war. Aus dieser Erkenntnis entwickelte sich in Europa die Forderung nach der Lösung dessen, was später als die ‚Soziale Frage’ bezeichnet werden sollte, ein Problem, dass es in Amerika selbst, gar nicht gab.[16] Sobald aber in Zweifel gezogen wurde, dass das ‚Ancien Regime’ die ökonomische Ungerechtigkeit beseitigen konnte, musste auch die Frage nach der politischen Mitsprache, nach der politischen Macht im Land gestellt werden.

Diese Krise erschütterte laut Palmer die ‚Alte Ordnung’ und liegt dem von ihm postulierten Kampf von ‚Aristokraten’ und ‚Demokraten’ in jener Zeit zu Grunde. Deshalb kann er reinen Gewissens auch eine systematische Einheit von Amerikanischer – und Französischer Revolution behaupten.[17] In der Forschung wird dieser Typ der Revolution als „Bürgerliche Revolution“ bezeichnet, die sich eben durch den Aufstand der Bürger gegen die ‚alte Ordnung’ und die dadurch Privilegierten auszeichnet.[18]

Die Revolution von 1848 kann und muss ebenso dieser systematischen Einheit hinzugefügt werden. Zwar ist sie von den beiden anderen ‚Phänomenen’ durch die Zeit der Napoleonischen Kriege und die Restauration der europäischen Staatenwelt ab dem Wiener Kongress chronologisch getrennt, aber die aufgeführten Merkmale für die systematische Einheit der Französischen – und Amerikanischen Revolution sind hier ebenfalls zu finden. Auch sie ist, typologisch betrachtet, eine ‚Bürgerliche Revolution’[19] und zeichnet sich durch die „Idee der Freiheit und der Erfahrung des Neuanfangs“ aus, wie schon angedeutet wurde. Palmers ‚Zeitalter der Demokratischen Revolution’ könnte man also durchaus mit Unterbrechung, bis mindestens 1848 ziehen.

Der letzte wesentlich zu nennende Punkt ist der Aspekt der Gewalt. Betrachtet man Revolutionen unter diesem Gesichtspunkt, so sind zwei Arten der Gewalt festzustellen, einmal die nach Innen- und als Gegensatz die nach Außen gerichtete Gewalt. Letztere äußert sich in Form von Kriegen zwischen Staaten, die wir in Verbindung mit Revolutionen beobachten können.[20] Hannah Arendt erklärt dieses Phänomen dadurch, dass Gewalt der „gemeinsame Nenner“ von Revolution und Krieg sei und deshalb die Neigung der Verbindung von Beidem als so stark erscheint.[21]

Für diese Arbeit ist jedoch die nach Innen gerichtete Gewalt von größerem Interesse, beschreibt sie doch eine Bürgerkriegsähnliche Form der Auseinandersetzung. Bekannt ist in diesem Zusammenhang natürlich der „Terreur“ während der Französischen Revolution, doch schon am Anfang der Veränderung, am Anfang der Revolution steht die Gewalt. Diese leitet den „Umsturz der sozialen und politischen“ Umstände ein. Sie ist, ganz nüchtern betrachtet, das Mittel die alte Ordnung hinweg zu fegen und so Platz zu schaffen für einen neuen Anfang. Es ist eine enge Verbindung von revolutionärem Pathos (dem Neuanfang) und der Gewalt (dem Mittel) festzustellen. Diese ‚erste Gewalt’, diese ‚erste Auseinandersetzung’ zwischen dem alten System und den fortschrittlichen Kräften, findet sich in unterschiedlicher, aber im Kern gleicher Form in den drei zu untersuchenden ‚Phänomenen’ wieder. Wie es zu dieser Gewalt kommt, wird in den nächsten Kapiteln untersucht werden, doch folgt zunächst eine kurze Arbeitsthese zum Thema Revolution, mit der im Weiteren verfahren werden kann.[22]

Revolution in Bezug auf die hier geführte Untersuchung ist zusammengefasst der gewaltsame Umsturz des sozialen- und politischen Systems des ‚Ancien Regime’ und der restaurierten ‚Alten Ordnung’ in mehreren Länder der westlichen Welt zwischen 1760 und 1848. Hintergrund des ‚Aufstandes’ der nicht- privilegierten Schichten oder Gruppen der Bevölkerung ist der „Gedanke der Freiheit“, welcher durch strukturelle Bedingungen der Zeit (Aufklärung, Naturrecht, das Beispiel Amerikas,…) und die damit verbundene Krise des ‚Ancien Regime’ generiert wurde.

3. Die Theorie der Revolution

„…der Baum der Freiheit muß von Zeit zu Zeit mit dem Blut der Patrioten und der Tyrannen

begossen werden. Dies ist der Freiheit natürlicher Dünger.“ (Thomas Jefferson)

Nachdem ein Begriff der Revolution erarbeitet wurde, fehlt nun noch eine Theorie die diesem Revolutionsbegriff gerecht wird und welcher in sich möglichst viele und verschiedene Faktoren vereint. Es existiert eine Vielzahl an Revolutionstheorien, die jeweils politische, ökonomische, oder soziale Aspekte bei der Erklärung des ‚Phänomens’ Revolution besonders hervorheben und sich dabei im Gegensatz von Struktur und Ereignis verzetteln, doch die umfassendste, dem Autor plausibelste und gleichzeitig einfache Theorie hat ein französischer Soziologe in den 1980er Jahren aufgestellt.

Pierre Bourdieu entwirft in seinem Werk „Homo Academicus“ eine Theorie krisenhafter Situationen die in der Lage zu sein scheint, den Gegensatz von Ereignis und Struktur aufzuheben.[23] Er stellt fest, dass außergewöhnliche, kritische Ereignisse vor allem dann auftreten, wenn es zu einer „Koinzidenz der Auswirkung einer Vielzahl latenter Krisen maximaler Stärke kommt.“[24] Bourdieu meint damit jedoch nicht die Addition verschiedener Krisen, sondern deren Synchronisierung, zeitliche Überschneidung. Dem ‚kritischen Ereignis’, welches durchaus etwas Zufälliges hat, wie Bourdieu meint, fällt die Aufgabe zu die verschiedenen Krisen und ihre Akteure miteinander zu vereinbaren. Diese Synchronisierung lokaler Krisen durch das ‚kritische Ereignis’ führt zum „kritischen Moment“, einem Zustand in dem den Akteuren „alle Zukünfte möglich scheinen“.[25] Dem ‚kritisches Ereignis’ und dem ‚kritischen Moment’ kommen damit die Schlüsselpositionen in der Theorie des Soziologen zu, da sie verdeutlichen wie aus verschiedenen, latenten Krisen eine Systembedrohende Krise oder Revolution werden kann. Bourdieu erhebt den Anspruch mit dieser Theorie alle Krisen und Revolutionen erklären zu können, bleibt eine Anwendung seiner Theorie aber schuldig. Dennoch führen seine Gedanken zu der wichtigen Erkenntnis, dass Ereignis und Struktur vereinbar sind, auch wenn er selbst die Integration der Ursachen und Wirkungen im Moment des ‚kritischen Ereignisses’ nicht darlegen kann, oder will.[26]

Ingrid Gilcher- Holtey greift seine Theorie in ihrer Arbeit über die Studentenproteste in Frankreich wieder auf und wendet sie auf den Mai 1968 an.[27] Dabei löst sie scheinbar intuitiv das Integrationsproblem, indem sie die ‚menschliche Agency’ berücksichtigt. Die Entscheidungen und Handlungen der Akteure führen zum ‚kritischen Ereignis’, oder wie es Gilcher- Holtey ausdrückt: “Das ‚kritische Ereignis’…ist weder sozial determiniert noch von Gruppen oder einzelnen intendiert. Es entsteht aus einer Sequenz oder,…Koinzidenz von unkoordinierten Entscheidungen der Regierung, situativen Entschlüssen der Bewegung und repressivem Verhalten der Polizei, d.h. aus kontingenten Handlungssituationen. [Das ‚kritische Ereignis’] durchbricht den Alltag und die normale Ordnung der Dinge, hebt die Trennung zwischen verschiedenen Feldern auf, synchronisiert die Wahrnehmung von sozial heterogenen Gruppen, fordert zur Stellungnahme heraus, macht die Zeit zur öffentlichen Zeit, identisch für alle, gemessen an denselben Bezugspunkten.“[28]

Die Handlungen der Akteure, und zwar aller beteiligten Akteure, führen zum ‚kritischen Ereignis’, welches die Synchronisierung der verschiedenen Krisen bewirkt. Dies geschieht, indem das ‚kritische Ereignis’ zeitgleich in der Wahrnehmung der an den verschiedenen Krisen beteiligten Gruppen einen ‚besonderen Status’ erhält und zwar dermaßen, dass es etwas nicht-alltägliches und der gewohnten Ordnung widersprechendes ist. Die Synchronisierung erfolgt durch die kollektive und identische Wahrnehmung des ‚kritischen Ereignisses’. Hieran schließt der ‚kritische Moment’ an, welcher diese Wahrnehmung verfestigt und an neue, vorher nicht für möglich gehaltene Zukunftsoptionen bindet. Gilcher- Holtey erweckt mit der zitierten Schilderung zwar den Eindruck der Zufälligkeit der Handlung, doch ist dem ebenso eine inhärente Notwendigkeit von Aktion und Reaktion, einer Rationalität der Handlung, zu entnehmen. Es mag sein, dass das ‚kritischen Ereignis’ von den Akteuren nicht intendiert war, doch basierten ihre Handlungen auf Entschlüssen und Entscheidungen, selbst wenn diese situativ oder unkoordiniert waren. Es stellt sich also die Frage nach der Motivation für die Handlung bei den Akteuren - will man nicht von der Gleichzeitigkeit von Kontingenz und reflektierter Handlung als Ursache ‚kritischer Ereignisse’ ausgehen - denn die veranschlagte Zufälligkeit ist nicht notwendig.

[...]


[1] Peter Goldammer (Hg.): 1848 Augenzeugen der Revolution. Briefe, Tagebücher, Reden und Berichte. Berlin, 1973, S. 124.

[2] Rudolf Stadelmann: Soziale und Politische Geschichte der Revolution von 1848, München, 1948, S. 56- 58.

[3] Wolfram Siemann: Die deutsche Revolution von 1848/49. F. a. M., 1985, S. 67.

[4] In der Forschungsliteratur bezeichnet man diesen Punkt als These vom ‚Dritten Mann’, der ‚menschlichen Agency’ oder der ‚Rationalität’ der Revolution.

[5] Der Terminus „kritisches Ereignis“ wird ebenso, wie der des „kritischen Momentes“ in Kapitel 3 näher erläutert.

[6] Ersteres und letzteres Phänomen werden von einigen Historikern nicht als Revolution anerkannt. Der Autor wird im Folgenden aber aufzeigen, warum sie doch als solche gelten sollten.

[7] Gerd Reinholt: Revolution, in: Ders., Soziologie- Lexikon, München, 1991.

[8] Letztere wird hier nur in ihrem Verlauf in Deutschland und speziell auf die Ereignisse in Berlin betrachtet.

[9] Hannah Arendt: Über die Revolution, München, 1965, S. 34.

[10] Ebenda S. 41 ff.

[11] Ebenda S. 34.

[12] R. R. Palmer: The Age of Democratic Revolution. The Challange, Princeton University Press, 1959, S. 13 ff.

[13] Palmer: The Age of Democratic Revolution, Seite 21.

[14] Die Schriften Thomas Paines und die Unabhängigkeitserklärung der USA argumentieren zum Beispiel auf der Basis des Naturrechts.

[15] Aus einem Brief eines irischen Einwanderers, zitiert nach Horst Dippel: Die Amerikanische Revolution 1763 – 1787, FaM, 2001, S. 88.

[16] Arendt: Über die Revolution, S. 26.

[17] Palmer beleuchtet in seinem aufschlussreichen Buch neben den ‚großen’ Revolutionen auch kleinere, in dieser Zeit sich ereignende ‚Phänomene’, etwa in Genf, Holland, Belgien und den italienischen Staaten.

[18] Everhard Holtmann: Revolution/Revolutionstheorien in: Ders., Politik- Lexikon, München, 1991.

[19] ‚Bürgerlich’ ist hierbei nicht hinsichtlich einer sozialen Schicht, sondern im Sinne des ‚Staatsbürgers’ zu verstehen. Siehe dazu: Rüdiger Hachtmann: Epochenschwelle zur Moderne. Einführung in die Revolution von 1848/49. Tübingen, 2002, S. 13.

[20] Die Amerikaner führten einen Befreiungskrieg gegen die Engländer, die Franzosen erst einen Verteidigungs- und dann Angriffskrieg gegen fast ganz Europa, die ‚Deutschen’ eine Art Befreiungs- oder Verteidigungskrieg gegen Dänemark.

[21] Arendt: Über die Revolution, S. 19 ff.

[22] Ein Eingehen auf weitere Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede im strukturellen und länderspezifischen Bereich innerhalb der Revolutionen dieser Zeit, oder aber eine Auseinandersetzung mit den durchaus unterschiedlichen Klassifizierungen und Einschätzung der Amerikanischen Revolution oder der Revolution von 1848, hätte eine eigene Arbeit verdient, kann aber nicht Gegenstand dieser Untersuchungen sein. Eine kurze Unterscheidung wird jedoch bei der Untersuchung der ‚kritischen Ereignisse’ erfolgen müssen.

[23] Pierre Bourdieu: Homo Academicus, Frankfurt am Main, 1992.

[24] Ebd. S. 258.

[25] Bourdieu: Homo Academicus, S. 258.

[26] Ebd. Fußnote.

[27] Ingrid Gilcher- Holtey: Die Phantasie an die Macht. Mai '68 in Frankreich, Frankfurt am Main, 1995.

[28] Ebd. S. 258.

Details

Seiten
32
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656482840
ISBN (Buch)
9783656482857
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231561
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Geschichte
Note
1 - 2
Schlagworte
Revolution - Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg - Französische Revolution - Revolution von 1848

Autor

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Titel: Versuch der Erklärung von Handlungen der Akteure am Beginn von Revolutionen durch die Annahme einer ‚Bedrohungssituation’