Lade Inhalt...

Syldavien verus Bordurien

Der Länderkonflikt bei Tintin im zeithistorischen Kontext

Essay 2013 8 Seiten

Französisch - Landeskunde

Leseprobe

Syldavien versus Bordurien - eine zeithistorischen Kontextualisierung

Hergé n’invente jamais ; il s’imbibe et transpose - en effaçant partiellement la violence, l’horreur, le mal historique - le discours d’actualité de son temps.1

1. Rückblick ins Jahr 1938…

Am Freitag, den 11. März, stellte Adolf Hitler die Expansionspläne Unternehmen Otto aus, Pläne, die die militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich beinhalteten. Am nächs- ten Tag überschritten deutsche Wehrmachtseinheiten schließlich die österreichische Grenze und setzten das Projekt ǷAnschluss“ in die Tat um. Am Montag, den 8. August, veröffentlichte der belgische Comicautor Georges Remi alias Hergé im Petit Vingtième den ersten Teil eines neuen Tintin-Abenteuers - es trägt den Titel Le Sceptre d’Ottokar und handelt von der ge- planten Annexion syldavischen Monarchie durch dessen Nachbarland Bordurien.

2. Überblick zu meiner Untersuchung

Zugegeben, eine solche Reihung von weltgeschichtlichen und von - nennen wir es - kulturgeschichtlichen Ereignissen wirkt willkürlich und anmutend. Was aber anhand dieser deutlich gemacht werden soll, ist die Tatsache, dass Hergé historische Fakten (in unserem Beispiel ist es der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich) als Inspirationsquelle nutzte und diese in seinen Tintin-Abenteuern verarbeitete. Nimmt die zahlreichen zeithistorischen Bezüge, Deutungen und mitunter auch Zukunftsprognosen wahr, so entpuppt sich Hergés Comicwerk als etwas, das alles andere ist als triviale Unterhaltungsliteratur, die sich ohne Bezug zur Realität in quasi luftleerem Raum befindet.

Anhand der von Hergé ins Leben gerufenen Länder Bordurien und Syldavien soll dieses Phänomen aufgezeigt werden. Der Pointierung halber konzentriert sich meine Unter- suchung auf die beiden Bände Le Sceptre d’Ottokar und L’affaire Tournesol. Folgende Leitfra- gen sollen bei meiner Analyse zu den Bänden das Gerüst geben: Wie werden die beiden Länder in den Bänden jeweils dargestellt? Inwiefern wurde Hergé von der Zeitgeschichte inspiriert? Lassen sich Bordurien und Syldavien auf Ƿechte“ Länder übertragen? Wie entwi- ckeln sich die Staaten in den Bänden und mit welchem sympathisieren wir als Leser? Daran anknüpfend lege ich, ähnlich dem bereits zitierten Aufsatz von Marc Angenot, dar, inwiefern Hergé die von ihm erlebte Zeitgeschichte selektierte, zensierte oder gar neu gestaltete und dadurch in seinem Werk eine Ƿtintinisierte“, eine selektierte und modifizierte Weltanschau- ung herstellte.

3. Le Sceptre d’Ottokar

Die fiktiven Länder Bordurien und Syldavien treten erstmals im achten Tintin-Band in Erscheinung. Veröffentlicht wurde er zwischen dem 4. August 1938 und dem 10. August und trug zunächst den Arbeitstitel Tintin en Syldavie.

- Inhaltlicher Abriss

Tintin wird Zeuge einer Verschwörung gegen den syldavischen König Muskar XII.: Umstürz- ler aus dem expansionistischen Nachbarland Bordurien versuchen, dessen Zepter zu stehlen. Ohne dieses jedoch, so besagt es die syldavische Tradition, verliere der Machthaber die Würde zu regieren. Da die Verschwörer bereits wichtige Leitstellen der Regierung besetzt haben und somit unmittelbaren Einfluss auf die Entscheidungen des Königs ausüben können (man denke hierbei besonders an Colonel Boris2 ), ist die Lage überaus ernst. Und tatsächlich gelingt es den bordurischen Konspirateuren kurzzeitig, das Zepter an sich zu reißen; der Ƿchef du parti ‚La garde d'acier‘“ mit dem Namen Müsstler fertigte zu diesem Anlass auch ein Schreiben an, in welchem von der unmittelbaren Machtergreifung (Ƿprise de pouvoir“) und von der Besetzung gesprochen wird. Nach zwei Gefangennahmen und nach einigen Verfol- gungsjagden kann Tintin das Zepter in sprichwörtlich letzter Minute König Muskar XII. zu- rückgeben. Die syldavische Monarchie bleibt vor den Expansionsplänen Borduriens bewahrt.

Bei einer vertiefenden Betrachtung wird deutlich, dass Hergé auf verschiedenen Ebenen einen scharfen Kontrast zwischen den beiden Nachbarländern zeichnet.

- Syldavien versus Bordurien: eine vertiefende Betrachtung

Syldavien lässt sich dank einer Randnotiz geographisch ziemlich genau situieren, nämlich als Ƿun des États de la péninsule des Balkans“. Abgebildet wird es als kleines, friedliches und ökonomisch rückständiges, dafür aber als erdölreiches Agrarland mit lediglich 642.000 Einwohnern, das noch immer seine mittelalterlichen Bräuche auslebt. Besonders bei der detailreichen Beschreibung zu Beginn des Bandes verfolgt Hergé den für ihn typischen An- spruch, eine zwar völlig fiktionalisierte, aber dafür sehr glaubwürdige und metaperspektivi- sche Welt für den Plot zu kreieren,3 wobei diese gleichzeitig in Verbindung mit der realen Welt gesetzt wird, beispielsweise indem Hergé beschreibt, wie Tintin von Frankfurt über Prag nach Syldavien gelangt.

Wir Leser können also annehmen, dass Hergé mittels Syldavien auf Länder in Osteuropa anspielen will, die über das genannte Balkangebiet hinausgehen: Der Name der syldavischen Hauptstadt - ǷKlow“ - mutet aufgrund seiner Endung polnisch an; die kyrillischen Schriftzeichen und die Konsonantenhäufungen der syldavischen Sprache4 (ǷCzesztot wzrykar nietz on waghabontz!“) sind zweifelsohne slawischen Ursprungs; tatsächlich gab es im 13. Jahrhundert einen böhmischen König namens Ottokar II. Přemysl5 ; Rumänien gilt, genau wie Syldavien, als erdölreicher Staat; und schließlich ähnelt der Pelikan auf dem syldavischen Wappen dem Adler der albanischen Flagge.

Gemessen an technischen, aber auch an institutionellen Maßstäben erscheint Syldaviens Nachbarland Bordurien, das bereits im 12. Jahrhundert schon einmal versuchte, Syldavien zu annektieren, weitaus fortschrittlicher: Als expansionistischer Staat verfügt es über hochmoderne Kampfflugzeuge, über Ƿsections de propagande“ und die Uniformen ma- chen im Gegensatz zu der einfachen syldavischen Kleidung einen modernen Eindruck. Zu- dem ist die Art, wie es den bordurischen Agenten gelingt, sich in die syldavische Regierung zu infiltrieren, ausgesprochen ausgeklügelt. Auch gelingt es Hergé durch die Charakterisie- rung der beiden Staatschefs, Syldavien und Bordurien gegenüberzustellen: Während König Muskar im Verlauf von Le sceptre d’Ottokar immer nahbarer und dem Leser immer sympa- thischer wird, Tintin zum Dank sogar persönlich den ǷPélican d’Or“ verleiht, mutet das bordurische Staatsoberhaupt namens Müsstler entrückt und geradezu mystisch an, zumal er nie in persona erscheint.

- Ein erster zeithistorischer Transfer

So gesehen benötigt es für den nächsten Schritt nicht allzu viel Phantasie, nämlich das achte Tintin-Abenteuer als Anspielung auf die Außenpolitik der faschistischen Achsenmächte Ita- lien und Deutschland während der späten 30er Jahre zu interpretieren. Als Argument dafür dienen zunächst die ereignishistorischen Fakten: Borduriens Umgang mit Syldavien erinnert einerseits an den ǷAnschluss“ Österreichs, andererseits an die durch das Münchner Abkom- men von 1938 ratifizierte Eingliederung des Sudetenlandes durch das Deutsche Reich. Ebenso erhärten die Anspielungen auf die faschistischen Achsenmächte den Verdacht: Dass die Ƿsections de propagande“, wie sie in Bordurien existieren, zur Verbreitung der faschisti- schen Ideologie unabdingbar waren, ist selbstredend. Und während die gezeichneten Uni- formen an diejenigen der SS zumindest erinnern, sind die dargestellten Jagdbomber eindeu- tig deutsche Fabrikate6 ; außerdem, so wird in der Tintin-Forschung bemerkt, kommt der Name des bordurischen Staatschefs nicht von ungefähr: ǷMüsstler“ sei nichts anderes als ein Portemanteau-Wort, das aus den durchaus realen Namen ǷMussolini“ und ǷHitler“ zusam- mengesetzt ist. propos: Begriffe wie Ƿprise de pouvoir“ dürften bei den zeitgenössischen Lesern Reminiszenzen an Hitlers Staatsstreich von 1933 geweckt haben. Ebenso wird in der Tintinologie, auch wenn diese These etwas gewagter ist, angenommen, dass Colonel Boris der Ähnlichkeit wegen den damaligen Reichsführer-SS Heinrich Himmler darstellen soll.

Klar wird bei unserem Transfer in die Zeitgeschichte jedenfalls: Weder Syldavien noch Bordurien lassen sich eins zu eins auf real existierende Länder übertragen. Vielmehr sind beide Staaten als Metaphern für damals aktuelle außenpolitische Konflikte zu verstehen. Bordurien verkörpert dabei die expansionistischen Achsenmächte Italien und Deutschland, Syldavien sämtliche osteuropäische Opfer dieses imperialistischen Beutekrieges. Folgende - durchaus mögliche - clins d’œil bezüglich der Namensbildung wurden zwar in der Sekundärliteratur noch nicht untersucht beziehungsweise erkannt, sind aber zumindest eine Randnotiz wert: War die phonische Ähnlichkeit des Titels Le Sceptre d‘Ottokar zum Unternehmen Otto von Hergé beabsichtigt, um einen Bezug zu implizieren? Verfolgte er dasselbe Ziel bei der erwähnten Partei Ƿgarde d’acier“, die dem patto d’acciao (ǷStahlpakt“) zwischen Deutschland und Italien phonisch so ähnlich klingt?7

Trotz dieser frappierenden Parallelen sollte bei einer differenzierten Betrachtung nicht außer Acht gelassen werden, wie Hergé bei seinem Transfer der historischen Gege- benheiten ins Medium Comic Fakten zensierte und modifizierte. Erstens: Dank Tintin schei- tert der Anschluss. Hergé muss somit keine Gewalt darstellen. Zweitens: Vorausgesetzt, Hergé will mit dem Müsstler-Portemanteau eine Personalunion zwischen Hitler und Musso- lini andeuten, so vereinfacht er die historische Realität. Denn es gab bei der Achse durchaus Konfliktpotential.8 Zudem sollte betont werden, dass das Bündnis der Achsenmächte, auch das könnte durch die Portemanteau-Bildung suggeriert werden, kein ideologisches, sondern ein machtpolitisch motiviertes Bündnis war. Die von Hergé tintinisierte Weltanschauung ist damit eine simplifizierte, da eine unvollständige.

4. L’affaire Tournesol

Das 18. Abenteuer Tintins mit dem Titel L’affaire Tournesol erschien im Jahre 1956; neun Bände, gut 17 Jahre und eine Mondreise hat es gedauert, bis der syldavisch-bordurische Konflikt wieder im Vordergrund des Plots steht. Während wir zuvor einen Einblick ins syldavische Territorium bekommen haben, wechseln wir nun den Schauplatz: Ein großer Teil der Handlung spielt sich auf bordurischem Boden ab.

- Inhaltlicher Abriss

Alles beginnt mit mysteriösen Vorkommnissen auf Moulinsart, für die niemand eine Erklä- rung findet: Gegenstände zerbersten ohne einen offensichtlichen Auslöser. Gleichzeitig wird das Schloss von unabhängig voneinander operierenden Agenten observiert - wie sich später herausstellen soll, handelt es sich um syldavische und bordurische Spione. Als wenige Tage später Professeur Tournesol wegen eines Kongresses nach Genf abreist, kehrt auf Moulinsart wieder alles zur Normalität zurück. Tintin und Co., die einen Zusammenhang vermuten, entdecken in Tournesols Büro einen parabolartigen Gegenstand, werden dann aber von einem Einbrecher niedergeschlagen. Wegen des Überfalls wägen sie nun auch Tournesol in Gefahr, weshalb sie ihm nach Genf hinterher reisen, um ihn zu warnen - aller- dings vergebens, denn Tournesol befindet sich bereits in den Händen der Geheimdienste. In Genf angekommen, verüben bordurische Saboteure immer wieder (erfolglose) Attentate auf Tintin, Milou und Haddock. Wenig später gelingt es den Freunden, den Grund für Tournesols Entführung herauszufinden: Der Professeur arbeitete an den Plänen einer Massenvernich- tungswaffe mit, die durch ihre Schallwellen Gebäude in bedrohliche Schwingungen verset- zen und zerstören kann. Syldavien und Bordurien, für die eine solche Waffe die Weltherr- schaft bedeuten würde, befinden sich in einem Wettlauf um Tournesol, der die Pläne für diese Waffe besitzt. Einmal mehr ist es Tintin, der für die Entscheidung sorgt: Ihm gelingt es, Tournesol aus dem bordurischen Staatsgefängnis zu befreien und nach Moulinsart zurück- zubringen, wo dieser seine Pläne zerstört.

Schauen wir uns vertiefend nochmals die beiden in Konflikt stehenden Länder Bor- durien und Syldavien an: Wie haben sich die beiden Ländern in der Zwischenzeit entwickelt?

[...]


1 Marc Angenot (2010): Basil Zaharoff et la guerre du Chaco. La tintinisation de la géopolitique des années 1930, Études françaises 46, 2, S. 60f.

2 Colonel Boris alias Jörgen wird auch in Objectif Lune und in On a marché sur la Lune als Gegenspieler Tintins auftreten. Hergé gelingt es mit diesem Charakter, eine werkinterne Kohärenz zu schaffen.

3 Dieses Prinzip entspricht der englischen Tradition der Ruritanian Romance, nach der ein fiktives Land ausgestaltet wird, vgl. Angenot, S. 51 : Ƿ[ǥȐ particulièrement dans ces régions aux frontières fluctuantes où les connaissances géographiques du public [ǥȐ étaient éminemment peu sûres, à savoir les Balkans [ǥȐ.

4 Tatsächlich hat Hergé mit dem Syldavischen eine neue Sprache erschaffen, die auf dem Brüsseler Dialekt gründet; vertiefende Untersuchungen finden sich bei: Frédéric Soumois (1987): Dossier Tintin, Brüssel: Antoine auf Seite 143f.

5 http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016338/images/index.html?seite=713, abgerufen am 10. Juli 2013.

6 In der schwarz-weiß Ausgabe von Le sceptre d’Ottokar ist sogar noch der Firmenname des deutschen Flugzeugwerks Heinkel lesbar.

7 Aus chronologischer Sicht wäre diese Inspirationsquelle für Hergé allemal möglich: Der ǷStahlpakt“ wurde am 22.05.1939 geschlossen, der letzte Teil von Le sceptre d’Ottokar, in dem auch von der garde d’acier die Rede ist, erschien am 10.08.1939; Lapaque (2004) dagegen nimmt an, dass es sich um eine Anspielung auf die rumänische faschistische Bewegung mit dem Namen Garda de Fier handelt.

8 Auch wenn den historischen Fakten in dieser Arbeit nicht allzu viel Platz gegeben werden soll, hier eini- ge Stichpunkte: Auseinandersetzungen gab es um die Vorherrschaft im faschistischen Lager, zweitens um die Selbstständigkeit Österreichs (welches Mussolini als Puffer gegen Deutschland nutzen wollte, drittens um Südtirol (welches Mussolini italinisieren, Hitler in sein Großdeutschland einbetten wollte), viertens um politischen und ökonomischen Einfluss in Südost-Europa - eben da, wo Hergé Syldavien situiert.

Details

Seiten
8
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656474630
ISBN (Buch)
9783656498940
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231528
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
noch keine
Schlagworte
syldavien bordurien länderkonflikt tintin kontext

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Syldavien verus Bordurien