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Scham und Verlegenheit in der Kommunikation

Warum bringt man sein Gegenüber dazu, aus Scham oder Verlegenheit die Antwort „Nein” zu unterlassen?

Hausarbeit 2013 17 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Scham und Verlegenheit

3. Scham und Verlegenheit in der Kommunikation
3.1. Einfluss und Motive
3.2. Das Wort „Nein“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Man is the Only Animal that Blushes. Or needs to.”

(Samuel Langhorne Clemens »Mark Twain« 1897: 256)

Das Gefühl der Scham scheint jedem Menschen bekannt zu sein und ist trotzdem für uns Menschen eine einzigartige Empfindung, die kein anderes Lebewesen in dem Maße spüren kann. Das Schamgefühl überkommt einen, trifft die jeweilige Person tief im Inneren und gilt als Ausgangspunkt für diverse andere Gefühle wie beispielsweise für die Verlegenheit (vgl. Lipps 1941: 31f.). Obwohl das Schamgefühl schwer zu deuten ist und eine Definition erst recht strittig wäre, scheint es bei vielen Menschen eher als unbeliebtes Gefühl eingeordnet zu werden, welches mit dem Wunsch verbunden ist, auf der Stelle zu verschwinden. Die Konnotationen sind meist eher negativ (vgl. Baer/ Frick-Baer 2000: 9ff.). Auf der anderen Seite kann Scham oder Verlegenheit aber auch als Signal oder Warnhinweis verstanden werden, wenn beispielsweise die gewünschte Distanz zwischen zwei Menschen nicht eingehalten wird oder Intimitätsgrenzen verletzt werden (vgl. Hilgers 2013: 20f.).

Gerade in der Abgrenzung von Scham und Verlegenheit zu anderen Gefühlen kommen Schwierigkeiten auf, da auch ein gemeinsames Auftreten oder Verflechtungen möglich und üblich sind. Auch die Gefühle von Scham und Verlegenheit selbst sind untereinander oft verknüpft und die Übergänge verschwommen. Mit dem Schamgefühl, aber auch mit den einhergehenden Verflechtungen mit anderen Gefühlen, hat sich Hans Lipps schon 1941 beschäftigt. Seine Deutungen über „Das Schamgefühl“ in seinem Werk „Die menschliche Natur“ sollen in dieser Arbeit die Grundlage bilden, um die Scham und die Verlegenheit besser untersuchen zu können. Darüber hinaus soll der Aufsatz von Guy van Kerckhoven aus dem Jahre 2011 herangezogen werden, der an Hans Lipps Arbeiten anschließt bzw. mit diesen arbeitet. Nachdem auf Gemeinsamkeiten, Überschneidungen und Unterschiede eingegangen wurde, möchte ich im nächsten Schritt auf das Scham- bzw. das Verlegenheitsgefühl bei der menschlichen Interaktion eingehen. Dabei soll im Besonderen darauf geachtet werden, inwieweit das Gegenüber bewusst oder unbewusst hinsichtlich der Gefühle Scham und Verlegenheit beeinflusst werden kann und warum Menschen überhaupt Interesse am Einfluss auf Gefühle ihrer Mitmenschen haben.

Im Weiteren soll im Hauptteil das Phänomen des Wortes „Nein“ vor dem Hintergrund von Scham und Verlegenheit näher betrachtet werden. Warum bringe ich mein Gegenüber dazu, aus Scham nicht „Nein“ sagen zu können oder nur schamhaft bzw. verlegen „Nein“ zu sagen? Warum erzeuge ich generell eine Scham- oder Verlegenheitssituation, die mein Gegenüber als unangenehm empfindet?

Im letzten Teil meiner Arbeit werde ich ein Fazit ziehen, wobei ich zentrale Punkte meiner Analyse nochmals kurz darstelle. Wichtig wird hier vor allem der Feldbegriff des Lernens sein, der von dem Psychologen Kurt Lewin geprägt wurde. Neben vielen anderen wichtigen Aspekten ging es Kurt Lewin auch um den bewussten Widerspruch, die Verneinung und um die Handlungsfreiheit des Menschen. Die Möglichkeit und Fähigkeit, ein „Nein“ hervorzubringen, obwohl bei Befolgung eine positive Verstärkung in Aussicht steht, die Kritikfähigkeit und die Reflexionsfähigkeit von Menschen sind für ihn der Inbegriff von demokratischem Verhalten und Handeln (vgl. Lewin 1982: 174f). Der Zusammenhang dieser Feldtheorie mit den Gefühlen von Scham und Verlegenheit soll im Zentrum des Fazits stehen. Darüber hinaus soll ein kurzer Ausblick auf den Zusammenhang zwischen den Attributen Toleranz, Respekt und Akzeptanz und der Möglichkeit einer Verneinung während eines Gesprächs gegeben werden.

Bei meinen Ausführungen soll der Schwerpunkt eher auf einer phänomenologischen Sichtweise liegen und die Gefühle im Besonderen Scham und Verlegenheit als Ereignis und Erlebnis verstanden werden. Soziologische Betrachtungsweisen, wie sie zum Beispiel Sighard Neckel oder Axel Paul verfolgen, sollen in dieser Arbeit vernachlässigt werden bzw. nur insoweit eingebunden werden, wie es dem Hauptthema der Arbeit dienlich ist.[1] Auf Krankheitsbilder oder Therapien, die mit Scham und Verlegenheit zusammenhängen, soll ebenfalls nicht näher eingegangen werden.[2] Auch auf Ausführungen über die Körperscham, die sich vorwiegend auf geschlechtsspezifische Körpermerkmale konzentriert, wird weitestgehend verzichtet.

Scham und Verlegenheit stehen nicht nur untereinander in Verbindung oder haben Parallelen, sondern treten häufig auch im Zusammenhang mit anderen Gefühlen wie beispielsweise Wut, Schuld, Blöße, Ekel etc. auf. Das Spektrum ist breit, die Gefühlszustände sind oftmals schwer zu unterscheiden und bei jedem Menschen individuell (vgl. Demmerling 2009: 100f.). Das Hauptaugenmerk soll in dieser Arbeit aber auf der Scham und der Verlegenheit liegen, auch wenn diese nur sehr selten in ihrer Reinheit vorliegen bzw. empfunden werden. Eine gewisse Unschärfe bleibt demnach bestehen, wenn von „Dem Schamgefühl“ oder von „Der Verlegenheit“ die Rede sein wird.

2. Scham und Verlegenheit

Scham und Verlegenheit werden häufig sinnähnlich verwendet, da die Situationen, in denen diese Gefühle auftreten, oftmals kaum zu unterscheiden sind. Darüber hinaus können sie auch in Mischformen vorkommen oder aus anderen Gefühlen erst entstehen. So kann zum Beispiel ein Schamgefühl erst in bestimmten Situationen der Verlegenheit entstehen (vgl. Lipps 1941: 31). Aber auch die Scham kann als Ausgangspunkt für diverse Gefühle wie zum Beispiel der Verlegenheit stehen. Ferner kann die Scham vorbeugend und verhindernd wirken, wenn sie die Intention hat, bestimmte Situationen und damit verbundene Gefühle erst gar nicht aufkommen zu lassen. Überkommt jemanden das Schamgefühl oder die Verlegenheit aber dennoch, hat die Scham nicht vor der Situation bewahrt (vgl. van Kerckhoven 2011: 51f.). In dem Zusammenhang spricht Hans Lipps von „prohibitiver Scham“, die den Menschen aus Furcht vor möglichen Schamgegebenheiten im Vorhinein „bannt“ und gewisse Verhaltensweisen damit „unterbindet“ (1941: 32). Das Schamgefühl veranlasst den Menschen nicht dazu, sich zu öffnen. Im Gegenteil: Der vom Schamgefühl Betroffene versucht sich eher zu verstecken und gewisse persönliche und intime Dinge zu verdecken, um eine gewisse Art von Integrität aufrecht zu erhalten (vgl. Henningfeld 1993: 354f.). Schafft man es nicht, diese Fassade zu bewahren, bricht die Scham über einen ein. Das Private wird entblößt, man ist dem Gegenüber ausgesetzt und empfindet eine Form von Bedrohung, da man seinem Fluchtwunsch oder dem Bedürfnis nach Beendigung der Schamsituation nicht nachkommen kann (vgl. Larsson 2012: 88f.).

An dieser Stelle lassen sich wiederum Parallelen zur Verlegenheit erkennen. Auch die Verlegenheit überkommt den Menschen und man ist ihr ebenfalls ausgesetzt, in ihr gefangen und im Inneren getroffen (vgl. van Kerckhoven 2011: 26f.). Allerdings ist es hier meist die Situation oder das Auftreten bzw. das Handeln des Anderen, was jemanden verlegen macht. „Die Taktlosigkeit des Anderen macht verlegen“ (Lipps 1938: 9). Meine Anwesenheit in einer für mich unmöglichen Situation, in der es mir nicht mehr gelingt, mit meinem Gegenüber mit der eigentlich vorherrschenden Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit zu kommunizieren, löst in mir die Verlegenheit aus. Versuche „unverbindlichen Verhalten[s]“ scheitern, da „das Lockere, Lässige, Ungezwungene gesellschaftlicher Unterhaltung“ abhanden gekommen ist (van Kerckhoven 2011: 30). Gerade eine verlegene Person zeigt dem Gegenüber auch auf nonverbaler Ebene an, ob die gültigen Standards auf Anerkennung oder Ablehnung stoßen. Dies kann beispielsweise durch das Erröten oder die Senkung des Blicks geschehen.

Doch anders als das Schamgefühl, welches die Person völlig lähmt, versucht man, aus der Verlegenheit zu flüchten oder diese zu verdecken und zu überspielen. Dies kann zum Beispiel durch ein Ausweichen auf andere Gesprächsthemen versucht werden oder durch ein relativierendes Lachen geschehen (vgl. Demmerling 2009: 96). Da Scham die eigentliche Absicht hat, etwas erst gar nicht aufkommen zu lassen, ist sie im Gegensatz zur Verlegenheit selbst gebärdenlos (vgl. van Kerckhoven: 51). Udo Baer und Gabriele Frick-Baer führen dazu passend den Begriff der „überflutende[n] Scham“ ein, die durch ihre massive Beeinflussung zum direkten Kontaktabbruch mit dem Gegenüber führt und den „lebendigen Kontakt“ völlig hemmt (2000: 41f.). Im Vergleich zur Verlegenheit ist das Schamgefühl demnach eine intensivere Emotion, die vor allem mehr nach innen gerichtet ist und das Selbst betrifft. Scham geht eher aus schwerwiegenden Fehlern und aus moralischen Verstößen hervor. Diese Verstöße müssen nicht unbedingt allgemeingültig sein. Entscheidend sind die Betrachtungsweisen und die Normvorstellungen der Person, die von Scham betroffenen ist. Diese Anschauungen können auch unbegründet sein. Solange sie für das jeweilige Individuum maßgebend sind und als wichtig erachtet werden, behalten sie ihren Einfluss auf die Gefühle und damit auf den Handlungsraum der Person (vgl. Demmerling 2009: 88).

[...]


[1] Vgl. z.B. Neckel, Sighard (2009): Soziologie der Scham. In Schäfer, Alfred; Thompson, Christiane (Hrsg.): Scham, S. 37-49 oder Paul, Axel (2011): Die Gewalt der Scham. Elias, Duerr und das Problem der Historizität menschlicher Gefühle. In Bauks, Michaela; Meyer, Martin (Hrsg.): Zur Kulturgeschichte der Scham.

[2] Vgl. z.B. Flassbeck, Jens (2011): Co-Abhängigkeit: Diagnose, Ursachen und Therapien für Angehörige von Suchtkranken.

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656478614
ISBN (Buch)
9783656479383
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231439
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Scham Verlegenheit Kommunikation Gefühle Nein Gegenüber RUB Interaktion negativ Unterlassung Pädagogik Erziehungswissenschaft Hausarbeit Seminararbeit

Autor

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Titel: Scham und Verlegenheit in der Kommunikation