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Die Entwicklung des Austroslawentums als politisches Konzeptes in der ersten Hälfte XIX. Jahrhunderts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Ursprünge des Austroslawismus

3. Entwicklung der austroslawistischen und austroföderalistischen Ideen unter den Intellektuellen in der ersten Hälfte des XIX. Jh

4. Kongress der Slawen in Prag und Versuche der Umsetzung der austroslawistischen Konzepte während der Revolution 1848/49

5. Schlussfolgerungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das österreichische Reich vereinigte in sich bis Ende seiner Existenz eine Vielzahl verschiedener Völker. Diese Nationen standen auf verschiedenen Ebenen der kulturellen und politischen Entwicklung. Anfang XIX. Jh. erlebten Völker Habsburger Österreichs in verschiedenen Zeitperioden und auch im unterschiedlichen Maße das Aufkommen des nationalen Bewusstseins und Entwicklung der eigentlichen Nationen auf der Basis der existierten Besonderheiten der historischen, kulturellen und politischen Evolution. Die Revolution 1848 brachte einige Veränderungen im Bewusstsein und Dasein Österreichs. Das Habsburger Reich konfrontierte mit den komplizierten Problemen der Regelung und Zusammenbindung der Bestrebungen seiner verschiedenen nationalen Elemente. Dabei bildete sich ein scharfer Gegensatz zwischen den Versuchen der Demokratisierung und Einleitung der liberalen Freiheiten und den Forderungen nach Dezentralisierung des Reichs und nach der Emanzipation verschiedener Nationen, weil die Völker, die im Vordergrund der Demokratisierung und Modernisierung des Lebens in der Habsburgermonarchie waren – Deutschen und Magyaren, gleichzeitig am härtesten den Widerstand der Gleichberechtigung anderer Nationen, in erster Linie slawischen, leisteten. Diese gegenseitige Feindlichkeit machte deutsche Liberalen und Radikale sowie magyarische Nationalbewegung mehr chauvinistisch und Vertreter der Nationalbewegungen der slawischen Nationen, in erster Linie Tschechen und Südslawen, mehr reaktionär im Bezug auf Revolutionsereignisse in Wien und in Ungarn. Slawische Völker Österreichs suchten nach den Möglichkeiten der Gleichberechtigung und nationalen Entwicklung in dieser aggressiven Umgebung. Eine der konzeptuellen Denkensrichtungen der nationalen Entwicklung slawischer Völker und der Umgestaltung Österreichs auf Prinzipien der nationalen Gleichberechtigung und Föderalismus war der sogenannte Austroslawismus.

Austroslawismus war nicht ein festes Programm, sondern ein theoretischer Denkensrahmen, dessen konkrete Einfüllung sich in verschiedenen zeitlichen Etappen evolutionierte und sich abhängig von der konkreten nationalen Interpretation unterschied. Unter dem Begriff des Austroslawismus im weiten Sinne kann die Gesamtheit der Ideen des gemeinsamen historischen Entwicklung der Slawen Österreichs, ihrer gemeinsamen kulturellen Traditionen, ihrer sprachlichen und kulturellen Nahe und Wechselseitigkeit verstanden werden, welche, mehr oder wenig, unter Vertretern aller österreichischen slawischen Völker verbreitet waren. Im engeren Sinne bedeutet Austroslawismus das konkrete politische Programm der Umgestaltung des österreichischen Reiches im Sinne der Föderalisierung und der Stärkung des Einflusses des slawischen Elementes des Reichs, das in erster Linie von den Vertretern der tschechischen Nationalbewegung getragen wurde und konkrete Versuche dessen Realisierung während der Revolution 1848/49 stattfanden. Trotz der Entwicklung der Revolution und deren Scheiterns sowie abgesehen vom Ausgleich 1867 überlebte Austroslawismus als politische Plattform in verschiedenen Formen bis zum Anfang XX. Jh.

Ziel dieser Arbeit ist die Entwicklung der austroslawistischen Konzepte in der ersten Hälfte des XIX. Jh. zu verfolgen und die Versuche deren Umsetzung während der Revolution 1848/49 zu bewerten. In den ersten zwei Abschnitten wird ein historischer Exkurs in die Entwicklung von Austroslawentum gemacht, im dritten Abschnitt der Arbeit werden slawischer Kongress in Prag und Tätigkeit der tschechischen Liberalen im Reichstag 1848/49 mit dem Schwerpunkt auf austroslawistischen Ideen und deren Umsetzungsversuchen dargestellt.

2. Ursprünge des Austroslawismus

Schon am Ende XVIII. Jh. intensivierte sich beachtlich das Interesse für die Slawen Österreichs, für ihre Geschichte und Kultur, letztendlich für ihre politische Rolle im Habsburger Reich. Diese Entwicklungen waren natürlicherweise mit gesamteuropäischen kulturellen Tendenzen verbunden, denen das Buch von Johann Gottfried Herder „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ vom Jahre 1791 einen intellektuellen Anstoß gab. Die Belebung des Interesses zu der Geschichte der Völker, Reflektion über die Ursprünge und Besonderheiten der Entwicklung verschiedener Völker mündeten in der Entstehung des neuen national und geschichtlich geprägten Bewusstseins. Die Epoche der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege trug auch zu der Intensivierung der nationalen Bewegungen und des nationalgeprägten politischen und kulturellen Lebens in Europa. Auch unter slawischen Völkern Österreichs entstanden erste nationale Ideen.

Zum ersten Mal erschien die Erwähnung über die Bedeutung der slawischen Völker für Österreichs Existenz im Memorandum des tschechischen Sprachenforschers Josef Dobrovskýs „Über die Ergebenheit und Anhängigkeit der slawischen Völker an das Erzhaus Österreich“ vom 25. September 1791 anlässlich des Besuchs von Leopold II in Prag.[1] In diesem Werk fanden Ausdruck Ideen der zahlenmäßigen Überlegenheit der slawischen Völker im Österreich, ihrer Rolle in der Erhaltung der Habsburger Monarchie sowie der Treue der Slawen zu den Habsburgern. Natürlicherweise gab J. Dobrovský in seinen Werken die führende Rolle unter allen slawischen Völkern Österreichs den Tschechen. Er versuchte in seinem weiteren Werk über die Geschichte der böhmischen Sprache und Literatur im Jahre 1792, das Konzept der einheitlichen tschechischen Nation zu begründen, welche durch die kulturelle Kontinuität und staatliche Tradition geformt wurde.[2]

Der Slowene Anton Linhart meinte in seinem Werk über die Geschichte von Kärnten und der südlichen Slawen im Jahre 1792, dass die Habsburger Monarchie wegen der zahlenmäßiger Überlegenheit der Slawen als überwiegend slawisches Reich, wie zaristisches Russland, gesehen werden solle.[3]

Die Ideen der führenden Rolle und der Bedeutung der slawischen Völker im Österreich, die auf Geschichte gestützt waren und mit der Bevölkerungszahl der Slawen belegt waren, führten allmählich zu dem Verständnis, dass diese geschichtliche Rolle die Widerspiegelung in der politischen Gestaltung der Monarchie finden soll. In der Entwicklung dieser konzeptuellen Basis des Austroslawentums waren tschechische und slowenische Historiker und Linguisten im Vordergrund.

Anfang XIX. Jh. entwickelte die austroslawistischen Ideen der Slowene Jernei Kopitar, der eine Stelle bei dem kaiserlichen Hof als Kurator des slawischen Bücherwesens Anfang XIX. Jh. innehatte. Sein Artikel in der Wiener Zeitung „Vaterländische Blätter“ vom Jahre 1810 enthielt einige Argumente für die Umorientierung der Politik Österreichs auf die slawischen Probleme. J. Kopitar betonte, dass im Österreich alle „slawischen Stämme“ vertreten seien, während zaristisches Reich von einem slawischen Dialekt dominiert sei. Außerdem rechnete J. Kopitar Tätigkeit von slawischen Mönchen und Gelehrten Kyrill und Method auch zu der österreichischen kulturellen Erbschaft, weil diese „auf dem österreichischen Boden“ gearbeitet haben (konkret in Mähren). So, meinte er, die kirchlich-slawische Sprache sei auf dem österreichischen Boden geschaffen. Deswegen sollte Wien und nicht Moskau das natürliche Zentrum des Slawentums und der slawischen Vereinigung sein.[4]

Auch in seiner praktischen Tätigkeit in Wien versuchte J. Kopitar, seine Konzepte umzusetzen. So, trug er am meisten dazu bei, dass das alte slawische Manuskripte vom Berg Athos während des griechischen Aufstandes in 1820-er nach Wien und nicht nach Moskau gebracht wurden. Dabei versuchte er, eine wissenschaftliche Quellenbasis für sein Konzept der geschichtlichen Entwicklung der Slawen unter Habsburger Zepter zu schaffen, eine dokumentarische Begründung für das Austroslawentum in seiner Fassung zu besorgen.

[...]


[1] Moritsch, Andreas: Der Austroslavismus: ein verfrühtes Konzept zur politischen Neugestaltung Mitteleuropas. In: Moritsch, Andreas: Der Austroslavismus: ein verfrühtes Konzept zur politischen Neugestaltung Mitteleuropas. Hrsg. von Horst Haselsteiner. Weimar 1996. (= Schriftenreihe des Internationalen Zentrums für europäische Nationalismus- und Minderheitenforschung. Band 1.) S. 11-23.

[2] Šesták, Miroslav: Der tschechische Austroslavismus bis zum österreichisch-ungarischen Ausgleich in der tschechischen Historiographie. In: Moritsch, Andreas: Der Austroslavismus: ein verfrühtes Konzept zur politischen Neugestaltung Mitteleuropas. Hrsg. von Horst Haselsteiner. Weimar 1996. (= Schriftenreihe des Internationalen Zentrums für europäische Nationalismus- und Minderheitenforschung. Band 1.) S. 24-43.

[3] Orton, Lawrence D.: The Prague Slav Congress of 1848. New York 1978. (= East European Monographs. No. XLVI.) S. 4 f.

[4] Ebd.

Details

Seiten
21
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638263238
ISBN (Buch)
9783638759786
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23140
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Historisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Entwicklung Austroslawentums Konzeptes Hälfte Jahrhunderts Hauptseminar Geschichte Nationalismus Entstehung Nationalbewegungen Osteuropa

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