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Soziale Arbeit im Zugzwang des wohlfahrtsstaatlichen Wandels: Risiken und Chancen der aktuellen Qualitätsdebatte

Eine mögliche Perspektive im Nutzen eigener Produktivität

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Neoliberale Tendenzen: Soziale Arbeit im Zugzwang des wohlfahrtsstaatlichen Wandels

2. Facetten der Qualitätsdebatte Sozialer Arbeit: Quantifizierung der Qualität als zentrale Herausforderung
2.1 Anlass der fachpolitischen Debatte
2.2 Von der Qualität zur Wirksamkeit
2.3 Möglicher Idealzustand der Debatte
2.4 Schwierigkeit der Quantifizierung von ,Sozialqualität’
2.5 Technologiedefizit: utopischer Idealzustand der Debatte?

3. Umsetzung der Quiddität des Qualitätsmanagements in soziale Organisationen: QM als spezifischer Teilbereich
3.1 Wesenheit des Qualitätsmanagements
3.2 Stätige Verbesserung als Grundgedanke
3.3 Umsetzung von Qualitätsmanagement

4. Ausbalancieren von Risiken und Chancen der Qualitätsdebatte: Perspektive im Nutzen eigener Produktivität

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der aktuellen Qualitätsdebatte in der Sozialen Arbeit. Zur Heranführung an die Thematik dient das evaluierte Projekt „Seiten Wechseln“ (Staub-Bernasconi 2000: 136), bei dem es vor allem um die Darstellung von beidseitigen Lernchancen zwischen Wirtschaft und Sozialwesen geht. Darin trifft eine Führungskraft einer Profit-Organisation nach einem Einblick in die Arbeitsabläufe einer Non-Profit-Organisation folgende Aussage:

„Das Entwickeln von Strategien in Situationen drängender existenzieller Betroffenheit bei grosser Mittelknappheit ist eine grosse Herausforderung. […] Sozialarbeiter sind gar nicht so weichherzige, nachgiebige Pulloverfritzen, sondern kompetente Chaos-Manager, die auch in schwierige Situationen die Nerven nicht verlieren.“ (Interview in ebd.: 140)

In dieser Arbeit wird vordergründig das Ziel verfolgt die Qualitätsarbeit aufgrund von neoliberaler Tendenzen und wohlfahrtsstaatlicher Veränderungen, als eine Pflichtaufgabe für soziale Organisationen zu erarbeiten. Hierbei liegt der Schwer- punkt in der Suche nach möglichen Risiken und Chancen, damit abschließend ein vertretbarer Standpunkt bezüglich der Qualitätsdebatte ausgelotet werden kann. Der Hauptteil beginnt, indem die Forderung nach Qualität aus einem erwei- terten Kontext an die Soziale Arbeit herangetragen wird. Auf diese Weise wird die Relevance der Thematik demonstriert und zugleich die wesentliche Problemstel- lung der Arbeit formuliert. Im anschließenden zweiten Kapitel geht es darum, einige Facetten der aktuellen Qualitätsdebatte aufzugreifen. Hier wird vor allem die quantitative Messbarkeit von Qualität als eine zentrale Herausforderung der Debatte thematisiert, damit daraus resultierende Schwierigkeiten und Risiken aufgedeckt werden können. Im Unterschied dazu akzentuiert das dritte Kapitel die Vorteile und Chancen des Qualitätsmanagements für die Soziale Arbeit und deren Organisationen. An der Stelle werden Aufgaben, Ziele, Methoden und Um- setzung des Qualitätsmanagements konkretisiert, zu dem Zweck Aufschluss über den Grundgedanken von Qualitätsmanagementmethoden zu erhalten. Auf Grundlage der gesammelten Ergebnisse präzisiert das vierte Kapitel zusammen- fassend die bereits signalisierten Risiken und Chancen abermals, um zwischen den festgestellten Aspekten eine Balance herauszuarbeiten. Dieses Ausbalancie- ren beabsichtigt eine lohnenswerte Perspektive für Sozialarbeiter/Innen und be- tont die eigene Meinung zum Qualitätsthema. Der Abschluss der Arbeit hat eine Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse der Aufgabenstellung zum Inhalt.

1. Neoliberale Tendenzen: Soziale Arbeit im Zugzwang des wohlfahrtsstaatlichen Wandels

Will man die aktuelle Debatte um Qualität, oder wie Flösser und Oechler (2006) ergänzen ihre modifizierte Form um „Wirksamkeit“ (155), in der Sozialen Arbeit nachzeichnen, bedarf es offenbar einen Blick auf den Begriff ,Neoliberalismus’, um den Ursprung und die Bedeutung der Debatte in einem erweiterten Kontext zu erschließen. Dieser Begriff wird allerdings vor allem in seiner jüngeren Ge- schichte kaum einheitlich gebraucht. Zudem existieren innerhalb staatlicher Grenzen unterschiedliche neoliberale Traditionen, Entwicklungen und Theorie- stränge, die eine einheitliche Bedeutung des Begriffs erschweren. Fakt ist aber, dass in den letzten Jahrzenten der neoliberale Leitsatz ,mehr Markt, mehr Wett- bewerb und mehr individuelle Freiheit durch weniger Staat und weniger Regulie- rung’ zunehmend politisches Gehör und Wege zur Realisierung findet (vgl. Ptak 2007: 13ff). Dabei scheinen die Vorzüge neoliberaler Umgestaltung keine zwangsläufigen Notwendigkeiten zu sein, sondern sind sie eher ein politisch ge- planter und umgesetzter Tatendrang (vgl. Bourdieu 1998: 39ff). Zur Verdeutli- chung: Agenda 2010, Hartz, Job AQTIV-Gesetz, Beschlüsse der Rürup- Kommission und so weiter (vgl. Arnegger/Spatscheck 2008: 15). Dem gegen- überstehend wird der Begriff ,Neoliberalismus’ nicht selten unpräzise als ein poli- tisches und mediales Schlagwort oder geradezu als ,Schimpfwort’ verwendet (vgl. Ptak 2007: 14).

Deswegen ist in Anlehnung an Hayek (1971) darauf hinzuweisen, dass der Neoliberalismus zwar eine Hauptaufgabe in der Beschränkung der Zwangsgewalt jeder Staatsmacht sieht, aber ungeachtet dessen ob diese demokratisch ist oder nicht. Der „dogmatische Demokrat dagegen kennt nur eine Beschränkung der Staatsgewalt und das ist die Meinung der jeweiligen Majorität.“ (125) Obendrein ist im ursprünglichen Sinne mit Neoliberalismus nicht eine vollständige Auflösung staatlicher Verantwortung durch Wettbewerb und Marktautonomie gemeint. Denn nach Eucken (1975) - einem bedeutenden Gründer der deutschen neoliberalen Schule - lautet ein wirtschaftspolitischer Grundsatz:

„Die Politik des Staates sollte darauf gerichtet sein, wirtschaftliche Machtgruppen aufzulö- sen oder ihre Funktionen zu begrenzen. […] Ohne eine Wettbewerbsordnung kann kein aktionsfähiger Staat entstehen und ohne einen aktionsfähigen Staat keine Wettbewerbs- ordnung.“ (334ff.)

Der neoliberalen Idee wäre allerdings besonders aus sozialarbeiterischer Per- spektive bedenklich hinzuzufügen, dass von neoliberalen Kritikern der europäi- sche Wohlfahrtsstaat meist als „Soziallast“ (Röpke 1966: 252) angesehen wird.

Deshalb fordern sie dessen Reduzierung oder sogar Auflösung, weil dieser ver- mutlich ein Wachstums- und Markthindernis darstellt. Röpke (ebd.) zufolge „leben wir in der Not davon, daß wir verbrauchen, während ein anderer für uns produziert und entsprechend weniger verbraucht. […] Es sind also die gleichzeitig Lebenden, die, aufs Ganze gesehen, für die anderen mitproduzieren, welche in Bedrängnis geraten sind, d. h. im Augenblick nur konsumieren, ohne zu produzieren.“ (252)

Skeptisch hinsichtlich dieser Auffassung vertritt Bourdieu (1998) die Position, dass ein derzeitiges Europa „zur Zerstörung der sozialen Errungenschaften bei- trägt, wenn es ausschließlich ökonomischen Maßstäben folgt und soziale Anlie- gen keinen Platz in ihm finden.“ (8) Bezogen auf die Soziale Arbeit resultieren aus der Durchsetzung des neoliberalen Leitgedankens und der derzeitigen de- mografischen Entwicklung grundlegende sozialstaatliche Veränderungen, die zusammengefasst auf eine Ökonomisierung Sozialer Arbeit zielen. Diese Absicht ist allgemein an einer Vermarktlichung des Sozialstaats festzustellen. Hiebei ist für die Soziale Arbeit im Einzelnen vor allem die Entkräftung des Subsidiaritäts- prinzips , die Einführung der Öffentlichen Verwaltungsreform und eine politische Aktivierung der Zielgruppen, zu nennen (vgl. Arnegger/Spatscheck 2008: 12ff; Kessel/Otto 2009: 8). Solch eine Umgestaltung führt offenbar dazu, dass die So- ziale Arbeit nach dem sozialpädagogischen Jahrhundert „ihre bisherige wohl- fahrtsstaatliche Einbettung“ (Bütow/Chassè/Hirt 2008: 7) verliert. So werden So- zialarbeiter/Innen mit dem Zukunftsszenario „einer Sozialen Arbeit ohne Wohl- fahrtsstaat“ (Kessel/Otto 2009: 9) konfrontiert. Doch ist vermutlich dieser tief grei- fende Wandel im Moment praktisch kaum umzusetzen, obwohl sich die Profes- sion - wie es aussieht - bereits in einem post-wohlfahrtsstaatlichen Kontext ein- fügen muss (vgl. ebd.). Dieser Ausblick hat einen bedrohlichen Unterton, weil wenn

„die Einrichtung des Wohlfahrtsstaates einen Versuch darstellte, ökonomische Interessen im Dienst moralischer Verantwortlichkeit zu mobilisieren, werden beim Abbau des Wohlfahrtsstaates ökonomische Interessen als Mittel eingesetzt, politische Überlegungen von moralischen Zwängen zu befreien.“ (Bauman 2009: 363)

Tatsächlich steigt mit der aktuellen Frage, „wie soziale Zusammenhänge in Zu- kunft reguliert und gestaltet werden sollen“ (Kessel/Otto 2009: 15), der Rechtfer- tigungsdruck für soziale Berufe. Deshalb müssen sich Sozialarbeiter/Innen der- zeit verstärkt damit auseinandersetzten, ihr Handeln ökonomisch zu legitimieren und wettbewerbsorientierter zu begreifen. Dabei sollen sie in erster Linie sowohl wirksam als auch ökonomisch handeln (vgl. Merchel 2010: 9). Folglich ändert sich nicht nur der Gestaltungsspielraum, sondern wohl auch das gewünschte Berufsprofil der Sozialarbeiter/Innen. Allem Anschein nach genügen die traditio- nellen Tugenden und klassischen Tätigkeiten nicht mehr, sodass eine Umorien- tierung gefordert wird, die neue Qualitäten und Qualifikationen verlangt, welche die altbewährte Sozialarbeit vermutlich nicht bieten kann. Vor diesem Hintergrund kann man behaupten, dass Fachkräfte der Sozialen Arbeit voraussichtlich nicht mehr wie bisher weiterarbeiten können (vgl. Kaiser 1997: 15).

Im Hinblick auf die von Finis Siegler (2009) formulierte „Ökonomik Sozialer Arbeit“, ergibt sich sicherlich eine Möglichkeit, die Ökonomisierung als Sozial- arbeiter/In nicht zwangsläufig negativ zu interpretieren. Ganz im Gegenteil akzen- tuiert die Autorin eine Öffnung zur Ökonomie im Sinne einer Perspektiverweite- rung und weiteren Bezugswissenschaft Sozialer Arbeit, um ökonomisches Wis- sen für das Kompetenzenprofil zu gewinnen (vgl. ebd.: 202). Denn am Ende der Ursachenkette steht ein geforderter Nachweis über Qualität oder Wirkung der konkreten Unterstützungsleistung für Adressaten/Innen Sozialer Arbeit, dies ver- langt höchstwahrscheinlich immer mehr neue Handlungsstrategien (vgl. Arneg- ger/Spatscheck 2008: 17). Zugespitzt ausgedrückt: Die Soziale Arbeit steht of- fensichtlich im Zugzwang, wenn sie eine Weiterentwicklung anstrebt bzw. - vor- sichtig angemerkt - das Fortbestehen ihrer Organisationen beansprucht (vgl. Merchel 2009a: 55).

2. Facetten der Qualitätsdebatte Sozialer Arbeit: Quantifizie- rung der Qualität als zentrale Herausforderung

2.1 Anlass der fachpolitischen Debatte

Zunächst einmal kann man davon ausgehen, dass Qualität im Grunde schon immer ein Thema in der Sozialen Arbeit ist. Es wird nämlich schon lange über Begriffe wie ,professionelles Handeln’ und ,fachliche Standards’ etc. diskutiert. Allerdings lässt sich seit Mitte der 1990er Jahre ein beispielloser und eindringli- cher Einzug des Qualitätsthemas in die sozialarbeiterische Fachliteratur und Pra- xis feststellen. Dabei ist zu beobachten, dass sich besonders zu Beginn der ak- tuellen Qualitätsdebatte durchaus verschiedene Positionen zum Thema Qualität und Qualitätsmanagement gruppierten. Jedoch herrscht mittlerweile weitgehend Einstimmigkeit darüber, dass das Qualitätsthema nicht mehr abzuwenden ist, und die Soziale Arbeit somit um eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Anforderungen der Qualitätsdebatte nicht herumkommt. Dies ist - im Groben - an drei Punkten zu konstatieren: gestiegene Legitimationsanforderung, wach- sende betriebswirtschaftliche Orientierung und die gesetzliche Verankerung des Qualitätsthemas. Vor allem durch diese drei Aspekte ist die Qualitätsdebatte in umfassender Weise ausgelöst worden.

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Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656477846
ISBN (Buch)
9783656479840
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231363
Institution / Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1
Schlagworte
soziale arbeit zugzwang wandels risiken chancen qualitätsdebatte eine perspektive nutzen produktivität

Autor

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Titel: Soziale Arbeit im Zugzwang des wohlfahrtsstaatlichen Wandels: Risiken und Chancen der aktuellen Qualitätsdebatte