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Angela Merkel. Mensch und Politikerin

Fachbuch 2013 272 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die Blazer-Farben der Angela Merkel. Eine Untersuchung von Kleidung als En-Passant-Medium und dessen kommunikativer Bedeutung von Manuel Kaufmann
Einleitung
Theoretischer Teil
Praktischer Teil
Bibliographie

Emotionalisierende Selbstdarstellung von Politikern am Beispiel des TV-Duells Schröder/Merkel 2005 von Caroline Krätz
Zusammenfassung:
Abstract
Einleitung und Überblick
Geschichte der Fernsehdebatten
Personalisierung des Wahlkampfs
Einfluss von TV-Duellen
Fragestellung der Untersuchung und methodisches Vorgehen
Theorien zur Auswahl des Materials
Analyse des Materials
Schlussfolgerungen
Implikationen und Ausblick
Literaturverzeichnis
Anhang

Ansichten zweier Vernunftsehen: Die Großen Regierungserklärungen von Angela Merkel und Kurt Georg Kiesinger im Vergleich von Felix Neubüser
Einleitung
Was vorher geschah – Die Rahmenbedingungen
Analyse und Vergleich der Reden
Zusammenfassung und Fazit
Primärquellen
Sekundärquellen

Die Blazer-Farben der Angela Merkel. Eine Untersuchung von Kleidung als En-Passant-Medium und dessen kommunikativer Bedeutung von Manuel Kaufmann

2010

Einleitung

Wer hat sich noch nicht darüber gewundert, welche Botschaften Politiker trotz ihrer oft uniformartig wirkenden Anzüge z.B. durch rot-grüne, oder schwarz-gelbe Krawatten an den Zuschauer zu kommunizieren versuchen, um ihr Image und ihr politisches Profil zu schärfen? Und wem ist es bei dieser Verwunderung noch nicht so ergangen, die „Inhalte“ der Aussagen, die doch des Öfteren vorhersehbar sind, überhört zu haben? Noch verwunderlicher wird es dann, wenn diese Zeichen subtil kommuniziert werden. Wo die Intentionalität beim Tragen einer rot-grünen Krawatte klar ist, u.a. weil sie eher Schmuck als notwendige Kleidung ist und die politische Determiniertheit obiger Farbkombinationen offensichtlich ist, wird z.B. das Tragen von Kleidung in genau einer politisch besetzten Farbe schwerer greifbar, da die Kleidung primär eine notwendige Funktion erfüllt und zwangsläufig eine, oder mehrere Farben haben muss. Diese Notwendigkeit lässt die Nutzung der Kleidung als Medium (genauer: En-Passant-Medium) im Bezug auf Farben mit einer eindeutigen Denotation fragwürdig erscheinen. Denn die Alternative, nackt in Erscheinung zu treten, wäre bei Weitem politischer. Im Folgenden soll die These belegt werden, dass eben diese Fragwürdigkeit, die Wirksamkeit von subtiler Kommunikation verstärkt.

Zunächst werden im ersten Teil der theoretische Hintergrund zur Kleidungs- und Farbsemiotik und der Terminus En-Passant-Medien erörtert. Im zweiten Teil wird, basierend auf dem Begriff des En-Passant-Mediums, die Kleidung Angela Merkels an den Wahlabenden 18.09.2005 und 27.09.2009 und deren mögliche politische Bedeutung in Korrelation zu Aussagen am Wahlabend untersucht.

Theoretischer Teil

In diesem Abschnitt wird, der theoretische Hintergrund, vor dem eine Analyse stattfinden soll, erörtert. Kleidungs- bzw. Farbsemiotik und der Terminus En-Passant-Medium sind dabei Gegenstand.

Kleidungs- und Farbsemiotik

Aus Gründen der Praktikabilität werden im Folgenden gewisse Einschränkungen vorgenommen. So zeigt sich das Problem der Kleidung von Angela Merkel als En-Passant-Medium (im speziellen an den Wahlabenden 18.09.2005 und 27.09.2009) weniger als ein kleidungssemiotisches Problem, wie es beispielsweise von Roland Barthes (Barthes:1967) oder populärwissenschaftlich von Hoffmann (Hoffmann:1985) erörtert wurde, die als klassische Referenzen im Kontext der Kleidungssemiotik zu nennen sind. Gegenstand bei Barthes ist eine strukturalistische Untersuchung von Mode. In dieser wird die Mode zweier französischer Mode-Zeitschriften verglichen mit dem Ziel relevante und distinktive Einheiten des Systems Mode zu erfassen. Ähnlich wie bei der Sprachkategorisierung in minimale Einheiten definiert Barthes sogenannte Vesteme für den Bereich der Mode. Er kommt zu dem Schluss, welche Elemente ein Kleidungskode umfasst und welche Typologie mögliche Oppositionen im System der Vesteme bildet.

Betrachtet man nun den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit, wird deutlich, dass nicht die Konnotationen und Denotationen der Kleidung als solche von Angela Merkel an besagten Abenden im Vordergrund stehen (Im Bezug auf Schnitt und Stofflichkeit sind diese nahezu identisch), sondern die Bedeutungen der Farblichkeit als solche, vermittelt durch Kleidung. Es handelt sich also nicht um ein Kleidungssemiotisches Problem im Sinne Roland Barthes. Vielmehr geht es um die Frage, welcher Status der Farbe als bedeutungstragendem Element zukommt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 (NÖTH 75:5)

Zieht man ein semiotisches Dreieck, wie es z.B. Nöth bereitstellt, für die Analyse zur Hilfe heran, wird deutlich, dass die Zeichenhaftigkeit von Farben hohe Ikonizität aufweist, folglich eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen Sign und Reference besteht. So steht in Nationalflaggen oft Rot für vergossenes Blut, Schwarz für Erde, Grün für die Natur, also alles Dinge mit gleicher Farbe. Abhängig von den Konnotationen dieser Dinge mit gleicher Farbe, können die mit den Farben assoziierten Konnotationen kulturspezifisch sehr unterschiedlich sein.

Dabei gilt für Farben als Zeichenträger das, was für Zeichen im Allgemeinen gilt:

„Zeichen sind immer, natürlich auch im Zusammenhang mit En-Passant-Medien, vom situativen Kontext und der Intersubjektivität der Kommunikationspartner abhängig. Alle Beteiligten verwenden Zeichen und Codes entsprechend ihres kulturellen Vorwissens, sie encodieren und decodieren alle Zeichen, die sie verwenden oder mit deren Verwendung sie konfrontiert werden entsprechend ihres kulturellen Hintergrundes und ihres Wissens über die jeweils anderen beteiligten Kulturen“ (Hall in Dittmar 2009:15f.).

Beispielsweise ist Grün in Regionen des Regenwaldes mit negativen Konnotationen belegt, da es für die Gefahren der Natur steht. In anderen wiederum wird dieselbe Farbe bei selbem Referenzgegenstand positiv wahrgenommen. Im westlichen Kulturkreis gilt die Natur als etwas bewahrenswertes und etwas reines und wird somit in der Repräsentation der Farbe Grün positiv assoziiert. Darüber hinaus kann eine Farbe grundsätzlich kulturell unterschiedlich belegt sein. So steht Grün in muslimisch geprägten Kulturen für das Göttliche. Dies führt uns zu der zweiten Form der semiotischen Beziehung von Farben: Der Arbiträren Beziehung. Sie ist eine weitere häufig vorkommende Form der Bedeutungsbeziehung wie im obigen Beispiel „Grün repräsentiert das Göttliche“ oder „Gelb repräsentiert Wahrheit“ ([INT1]). Es gibt bei dieser Form der semiotischen Repräsentation keinerlei Ähnlichkeit zwischen Sign und Reference, bzw. Object (siehe hierzu Peirce in Nöth 2000:59ff.). Diese Form der willkürlichen farblichen Bezugnahme ist besonders im politischen Kontext (mit Ausnahme von Grün) anzutreffen.

Schwarz

Die schwarze Uniform italienischer Faschisten und der SS orientierten sich an den antik-heidnischen Vorstellungen, nach der schwarz die Farbe der Stärke und Kraft ist.

Als «Schwarze», bezeichnet man Anhänger der christlichen Parteien. Sie haben ihre Farbe von den Talaren der Priester und Pastoren. Vor allem in der protestantischen Kirche ist die schwarze Farbe seit dem 17. Jahrhundert vorgeschrieben. Schwarz ist auch das uralte Symbol der Kirche für die Bußfertigkeit und die Leiden Christi.

Rot die Farbe der Revolutionäre

Rot war im Mittelalter die Farbe der Herrschenden. Mit der Französischen Revolution bekam es dann eine andere Bedeutung. Jakobiner als revolutionärste Fraktion der Revolutionäre, erwählten gar die «rote Mütze» der damaligen Galeerensträflinge zu ihrem Symbol. Die grellrote Jakobinermütze wurde bald das allgemeine Symbol der Revolution. Nach diesem Vorbild erstellten revolutionäre Komitees eine rote Fahne. In der heutigen Farbensymbolik versteht man unter den «Roten» eine Gruppierung oder Partei, die das Parteienspektrum von den Sozialdemokraten bis zu den Kommunisten abdeckt.

(In Deutschland muss bei der Linkspartei PDS in grafischen Darstellungen auf rosa ausgewichen werden, um Verwechslungen mit der SPD zu vermeiden. Bei einer Koalition von SPD und PDS spricht man aber weiterhin von Rot/Rot.)

Grün

Schon seit dem Alten Testament gilt grün als Farbe des Wachstums. Die «Grünen» wählten die uralte Farbe der Natur, Vegetation und der Hoffnung als Sinnbild. Sie wollen damit auch ausdrücken, dass die Ökologie in der modernen Industriegesellschaft den wichtigsten Rang einnimmt.

Gelb

Die FDP hat sich eigentlich erst seit 1972 auf die Farbkombination blaugelb beschränkt zuvor wurde eher orange eingesetzt. Offiziell wurde das nur damit begründet, dass man das besonders attraktiv fand. Also ganz unpolitisch und wohl eher dem Marketing geschuldet.

Ersonnen wurde diese von einer Werbeagentur, die die FDP im Wahlkampf damals begleitete. Blau und gelb sind Farben, die im Straßenbild hervorstechen und sich so für die Plakatgestaltung gut eignen. ([INT2])

Darüber hinaus verfügen Farben über eine Eigenwirkung durch ihre physischen Eigenschaften, die ihren semiotischen Kodierungen zuträglich sind. Beispielsweise bedingt die spezielle Wellenlänge von Rot seine auffällige Wirkung.

Kleidung als En-Passant-Medium

Nach Dittmar (Dittmar 2009:29) definiert sich En-Passant-Medium als ein Objekt mit zusätzlicher Mitteilungsfunktion. „Wesentlich ist das Nebeneinander der Funktionen: Objekte sind nebenbei auch Informationsträger. En-Passant-Medien definieren sich entsprechend darüber, dass sie auf dem Objekt oder Artefakt aufgebrachte Informationen tragen, die ihm eine zusätzliche Bedeutung geben, die diese sonst nicht trüge.“ (ebd.) Bleibt zu Fragen in wie weit obiges auf Kleidung zutrifft und ab wann etwas als Information zu verstehen ist, bzw. wovon es abhängt, dass etwas als zusätzliche Bedeutung interpretiert wird oder nicht.

Es ist festzuhalten, „dass Kleidung (immer) auch Schmuck des Trägers ist, der Informationen transportiert.“ (Dittmar 2009:79). Dittmar argumentiert, dass auch die Qualität, Verarbeitung und Material also zwangsläufige Bestandteile der Kleidung, zu der auch die Farbe zu rechnen ist, als Zeichensystem lesbar seien, da sie eine soziale Zuordnung sofort ermöglichen. Weiter argumentiert er: „In unserem Zusammenhang ist dies jedoch nicht wesentlich, da es sich dabei um Zeichen handelt, die keine eindeutige Lesart nahelegen, sondern aufgrund der Bandbreite an möglichen Bezügen in ihrer Aussage diffus bleiben, und nur situationsabhängig in ihrer Bedeutung konkretisiert werden.“(ebd.) In Übertragung auf den Gegenstand dieser Arbeit bedeutet das: der mögliche Bedeutungsgehalt der Farbe Rot des Blazers der Bundeskanzlerin am Wahlabend vor einem politisch interessierten Millionenpublikum in Zusammenhang zu ihren Äußerungen ist ein anderer als derselbe Blazer getragen von einem Maurer nach Feierabend in einer Travestie-Show. Genauer gesagt wird dieser mögliche Bedeutungsgehalt erst durch den Kontext und die Aussagen der Kanzlerin evoziert. Zur Disposition stehen die Intentionalität möglicher Zeichen und deren bilaterale Semiose. Genau in dieser Disposition liegen die Fragilität der Bedeutung und ihre persuasive Kraft, weil die Ungewissheit über Intention und Bedeutung, über Nichtexistenz oder Existenz von Bedeutung, zur Involviertheit des Rezipienten führt. Trotzdem gilt auch für Kleidung als En-Passant-Medium, dass erst durch den Kontext die Bedeutung des Zeichens des En-Passant-Mediums konkretisiert wird. Wesentlich sind die Erkenntnis einer eindeutigen Kommunikationsabsicht, die über die Notwendigen Eigenschaften von Kleidung hinausgeht, und damit die Erkenntnis einer angelegten bilateralen Semiose. Ihr Bedeutungsinhalt lässt sich nur schwer vom Kontext trennen. Denn auch ein Zeichen mit eindeutiger Zeichenhaftigkeit wird primär in seiner pragmatischen Dimesion begriffen. Insbesondere deswegen, weil die unterstellte Intention des Trägers von ihr abhängt. Beispielsweise wenn ein Polizist im Dienst ein T-Shirt mit der Aufschrift Polizei trägt oder ein Student im alkoholisierten Zustand auf einer Party, so wird dies zu unterschiedlichen Gesamtbedeutungen führen. Das Denotat von Polizei bleibt dasselbe, doch die Bedeutung bedingt durch den Kontext divergiert.

Nach obiger Definition fällt also die Farbe der Kleidung nicht unter den Terminus En-Passant-Medium.

Praktischer Teil

In diesem Abschnitt werden die möglichen Bedeutungen der Blazer-Farben Angela Merkels an den Wahlabenden 18.09.2005 und 27.09.2009 in deren Kontext untersucht.

Die Blazer-Farben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(aus Stolz/Häntzschel 2010)

Wie zuvor erwähnt, spielt der Kontext für das Auftreten von Semiosen mit Bezug auf Stofflichkeit, Material und Farbe bei der Kleidung eine besondere Rolle. So ist zu erwarten, dass eine Kanzlerkandidatin an einem politisch so bedeutenden Moment wie einem Wahlabend sich der Besonderheit dieser Situation mit Hinblick auf eine politische Rahmung sie umgebender Zeichen in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit bewusst sein dürfte.

Betrachtet man diesen Kontext, lässt sich vermuten, welche Kleidungsfarbe erwartbar und angemessen zu sein scheint: Zum einen bedingen den Erwatungsrahmen die Farbe ihrer Partei und die der politischen Gegner, zum anderen, welche Farben konventionell eher üblich sind. So lässt sich besonders bei Anzügen von Männern kaum erwarten, dass ein SPD Politiker in einem roten Jackett auftritt, weil dies nicht den momentanen modischen Normen entspricht. Im Umkehrschluss kann man davon ausgehen, dass ein Linker Politiker im schwarzen Anzug höchstwahrscheinlich nicht seine Zuneigung zu konservativen Parteien ausdrücken will, und wenn er es intendiert, Schwierigkeiten haben wird, wahrgenommen zu werden, weil die konventionellen Farben von Anzügen der letzten Jahrzehnte Schwarz bis Dunkelblau sind. Bei Frauen sind die farblichen Konventionen nicht so stringent, es gilt die Tendenz: je bedeckter, desto konventioneller (zumindest für die Kontexte Geschäftsleben, Politik, Öffentlichkeit).

Demnach ist die Blazer Farbe von Frau Merkel am Wahlabend 2005 völlig erwartbar und unspektakulär. Sie steht für eine konservative Politik mit dem Ziel die damalige Koalition (Rot-Grün) abzulösen und einer Koalitionsaussage zugunsten der FDP. Ihre Kleidungsfarbe unterstreicht dies.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Merkel am Wahlabend 2009, [INT3])

Anders 2009, als Angela Merkel antrat ihre Position als Kanzlerin zu verteidigen. Es löst zunächst Verwirrung aus, wenn eine Politikerin Kleidung in einer offenensichtlich anders politisch besetzten Farbe trägt, deren Partei sie nicht angehört und die außerdem nicht unbedingt zu den konventionellen Kleidungsfarben zu zählen ist. Letztlich führt dies zu einer Art konversationellen Implikatur (vgl. Meibauer 2001:24ff.): Man darf davon ausgehen, dass Frau Merkel sich der Wirkung ihrer Blazer-Farbe bewusst ist, dass sie nach wie vor Mitglied ihrer Partei ist, es sein möchte und auch hinter deren Grundsätzen steht. Was kann sie also dadurch kommunizieren wollen? Als mögliche Implikatur lässt sich eine inhaltlich-politische Annäherung an den politischen Gegner interpretieren. Diese These lässt sich sowohl durch Slogans wie „Die Mitte“ (s.o.) oder Äußerungen Angela Merkels am Wahlabend unterstreichen:

„[…] aber ich möchte den Menschen im Lande auch sagen, mein Verständnis war es und mein Verständnis ist es, dass ich die Kanzlerin aller Deutschen sein möchte, damit es unserem Land besser geht […]

[…] unser Anspruch heißt, wir wollen Volkspartei bleiben, auch im 21. Jahrhundert. Daran werden wir weiter arbeiten, für Jüngere, für Ältere (Applaus)

Wir wollen die große Volkspartei der Mitte sein, für Ältere, für Junge, für die die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind, genauso wie die, die Unternehmer sind – also für Jeden ein Angebot.“ (Angela Merkel am Wahlabend 2009 im Konrad Adenauer Haus vor ihren Anhängern [INT4])

Durch die äußerst geschickte Strategie der CDU wird die SPD quasi obsolet, indem die CDU soziale Aspekte übernimmt und sich in ihrer Symbolik dieser annähert. Sie erweitert damit Ihre Zielgruppe auf die der typischen SPD Wähler. Wie gut diese Strategie funktioniert hat, bestätigt das Wahlergebnis der Bundestagswahl 2009 (es wanderten 870.000 Wähler von der SPD zur CDU).

Schlussbemerkung

Die Erörterung des semiotischen Status von Farben wurde im Bezug auf Kleidung im theoretischen Teil erörtert, um im praktischen Teil die Frage nach der Bedeutung der Blazer-Farben Angela Merkels im Kontext des Wahlabends zu beschreiben.

Es wurde deutlich, dass eine Betrachtung von Kleidungsfarbe als En-Passant-Medium mit Schwierigkeiten verbunden ist, da die Intentionalität und Bedeutung diffus und kontextbezogen bleibt. Darüber hinaus wurde aber auch deutlich, dass das Diffuse die persuasive Kraft möglicher Farb-Bedeutungen evoziert. Letztlich konnte sich dem Stellenwert der Bedeutung der Blazer-Farbe Angela Merkels angenähert werden und gezeigt werden, dass der Kontext der Äußerungen, der Wahlkampfsymbolik der CDU und die Besonderheit des Anlasses eine intendierte oder gewünschte Wahrnehmung einer Farbbedeutung am Wahlabend 2009 höchstwahrscheinlich angedacht war.

Bibliographie

Barthes, Roland. 1967. Systéme de la mode. Paris: Seuil.- Dt.1984. Die Sprache der Mode. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Dittmar, Jakob F. 2009. Im Vorbeigehen – Graffiti, Tattoo, Tragetaschen: En-Passant-Medien. Berlin: Verlag der TU-Berlin.

Hoffmann, Hans-Joachim. 1985. Kleidersprache. Frankfurt/Main: Ullstein.

Nöth, Winfried. 1975. Semiotik- eine Einführung mit Beispielen für die Reklameanalyse. Tübingen: Niemeyer.

Nöth, Winfried. 2000. Handbuch der Semiotik. Stuttgart: Metzler.

Meibauer, Jörg. 2001. Pragmatik. 2., verb. Aufl. Tübingen: Stauffenburg.

Stolz, Matthias / Häntzschel, Ole. 2010. Die Grosse Jahresschau – Alles, was 2010 wichtig ist. München: Knaur.

Internetquellen

[INT1] http://www.mariaclaudiacortes.com/ ,aufgerufen 10.04.2010

[INT2]

http://www.werbewolf.ch/News-Inhalte/Sammel%20Fachartikel/parteifr.html

Aufgerufen 10.04.2010

[INT3] http://www.morgenpost.de/multimedia/archive/00471/Merkel_FOT_02_BM_Be

471958b.jpg , aufgerufen 12.04.2010

[INT4]

http://www.youtube.com/watch?v=tNQ0Mv5eTpI, aufgerufen 12.04.2010

Emotionalisierende Selbstdarstellung von Politikern am Beispiel des TV-Duells Schröder/Merkel 2005 von Caroline Krätz

2006

Zusammenfassung:

Diese Diplomarbeit untersucht die Bedeutung und Beschaffenheit von emotionalen Argumenten zum Zwecke der Selbstdarstellung. Anhand des Beispiels des TV-Duells 2005 zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Herausforderin Angela Merkel wurde sich folgenden Fragen genähert:

Welche emotionalen Argumente werden von den Duellanten Schröder und Merkel verwendet und wie werden diese Argumente konkret ausgestaltet?

Welche selbstdarstellerischen und nonverbalen Mittel treten bei der Ausgestaltung von zwölf emotionshaltigen Szenen auf?

Drei Theorien wurden in dieser Arbeit zur Auswahl von emotionshaltigen Stellen im TV-Duell vorgestellt sowie auf das Material bezogen. Es handelt sich dabei um die vier Argumente Ad (vgl. Walton, 1992), das Argument der Emotionsbenennung (vgl. Fiehler, 1990) und das Argument mit positiver Valenz (vgl. Johnson et al., 2004).

Qualitativ inhaltsanalytisch wurden in einem nächsten Schritt zwei Kategorien-systeme auf die ausgewählten Szenen angewendet: das Kategoriensystem der Selbstdarstellung nach Schütz (1992) und ein für die Zwecke dieser Arbeit verkürztes System zum mimischen Ausdrucksverhalten auf Grundlage der Arbeiten von Ekman (2004).

Die qualitative Inhaltsanalyse zeigte, wie die beiden Kandidaten Emotionen unterschiedlich nutzten: Schröder grenzte sich durch seine emotionalen Argumente häufig vom direkten Gegner ab, argumentierte mit Werten und Moral und betonte seine Bürgernähe. Merkel differenzierte und deutete um, stellte ihr Programm, ihrer Ziele und ihre Meinung dar und betonte ebenfalls ihre Bürgernähe.

Beide Kandidaten zeigten den Gesichtsausdruck von Angst und unechtem Lächeln, was dazu führte, dass inkongruente Nachrichten auf verbalem und nonverbalem Kanal gesendet wurden.

Merkel zeigte ein sehr intensives Mienenspiel, das häufig von heruntergezogenen Mundwinkeln begleitet war, so dass ihr nonverbales Verhalten in vielen Fällen dem Inhalt ihrer Worte widersprach.

Schröders relativ wenig bewegtes Gesicht lenkte die Aufmerksamkeit auf seine sparsam eingesetzte Mimik und verringerte das Risiko, Nachrichten zu senden, die mit dem verbalen Kanal inkongruent sind. Mit seinem häufig kämpferischen Ausdruck entsprach sein nonverbales Verhalten eher den Erwartungen an eine Führungspersönlichkeit, als Merkels Verhalten, welches sie eher unsicher wirken ließ.

Abstract

This thesis examines the role of emotion in argument. The chancellor’s debate, televised in Germany in 2005, was reviewed with reference to the following questions:

Which emotional arguments were used during the debate and how were they construed?

How were self-expression and non-verbal ploys used within a sequence of twelve emotive scenes?

Based on relevant literature, three theories were used to select emotive scenes. These were the four Argumentum Ad (see Walton, 1992), the denomination of emotion (see Fiehler, 1990) and the argument with positive valence (see Johnson et al., 2004). Two systems of qualitative content analysis were applied to selected scenes: the category system of self-expression (see Schütz, 1992) and a new category system for the detection of facial displays. The latter was constructed for the purposes of this thesis, following Ekman (2004).

Qualitative content analysis revealed how the two candidates made different uses of emotion. Schröder often dissociated himself from the direct opponent, instead basing his arguments on values and morals, and emphasized his closeness to the citizens. Merkel differentiated and reinterpreted arguments, describing her program, goals and opinions, but also underlined her connection to the people.

Both candidates made use of facial expressions, such as fear and insincere smiles, whose effect was to send incongruent messages on verbal and nonverbal channels.

In particular, Merkel demonstrated an intense display of expressions. These, often accompanied by a downturned mouth, belied the meaning of her words.

Schröder’s relatively calm face drew attention to his sparingly-used facial expressions and reduced the risk of sending mixed messages. With his frequently fierce countenance, Schröder’s nonverbal behaviour met the public’s expectations of a leadership personality, whereas Merkel’s nonverbal behaviour made her look insecure.

Einleitung und Überblick

Das Format des TV-Duells ist in der deutschen Politik ein noch junges Phänomen, das bezüglich des hohen Interesses in der Bevölkerung nur von Sportereignissen und dramatischen tagesaktuellen Nachrichten übertroffen wird. Mit einem TV-Duell erreichen die Kandidaten mehr Bürger als mit jedem anderen Auftritt des Wahlkampfes und besitzen damit kurz vor dem Urnengang ein wichtiges PR-Instrument, um sich dem Zuschauer als kompetent und sympathisch zu präsentieren.

Das Medium des Fernsehens begünstigt dabei eine emotionalisierende Selbstdarstellung, die besonders die Zuschauer erreicht, die sich sonst weniger für Politik interessieren. Wie es den Politikern[1] allerdings gelingt, die Zuschauer emotional anzusprechen und für sich zu gewinnen, über die Beschaffenheit der emotionalen Argumentation in der Politik, die Wirkungsprozesse, die durch TV-Duelle ausgelöst werden, über die Kommunikation von Emotionen im Massenmedium Fernsehen und über das Verhältnis von Sprache und Emotion gibt es erstaunlich wenig Forschung (vgl. Maurer & Reinemann, 2003; Nuyts, 1990; Huth, 1978).

Mit dem Format der Presidential Debates, wie die TV-Duelle in den USA genannt werden, hat sich bisher vorrangig die Politologie und die Publizistik beschäftigt. Psychologische Fragestellungen wurden dabei nur am Rande behandelt.

In der vorliegenden Arbeit wird das TV-Duell 2005 im Hinblick auf die verwendeten emotionalen Argumentationsformen von Frau Merkel und Herrn Schröder untersucht.

Kapitel 2 dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte der Fernsehdebatten und, damit einhergehend, den Voraussetzungen, die zur Einführung von TV-Duellen in Deutschland führten.

Im dritten Kapitel wird die bisherige Forschungslage zum Einfluss von TV Debatten erörtert. Dabei wird näher darauf eingegangen, ob und unter welchen Umständen ein TV-Duell wahlentscheidend sein kann sowie welche Ansätze bzgl. der Erforschung emotionaler Inhalte bereits verfolgt wurden. Die vorliegende Arbeit wird zudem in den Kontext der Emotionspsychologie eingeordnet.

Kaptiel 4 differenziert die Fragestellung, auf die sich konzentriert wird. Im Mittelpunkt stehen zwei Forschungsfragen, erstens, wie emotionale Argumente von den Duellanten Frau Merkel und Herrn Schröder angewendet werden und zweitens, welche selbstdarstellerischen und nonverbalen Merkmale damit einhergehen.

Da die Datenmenge keine Totalanalyse zulässt, wird die Fragestellung explorativ angegangen.

Die Methode der Wahl, die qualitative Inhaltsanalyse, wird diesbezüglich erläutert.

In Kapitel 5 werden theoriegeleitet und anhand zahlreicher Beispiele sechs Argumentationsmuster (begründet auf drei Theorien) vorgestellt, die eine Identifizierung und erste inhaltliche Einordnung von emotionshaltigen Argumenten erlauben: Das Argumentum Ad Populum (Meinung des Volkes betonen), Argumentum Ad Misericordiam (Mitgefühl zeigen), Argumentum Ad Baculum (negative Konsequenzen darstellen), Argumentum Ad Hominem (Gegner kritisieren) (vgl. Walton, 1992), die Emotionsbenennung (Gefühle ansprechen) (vgl. Fiehler, 1990) und das Argument mit positiver Valenz (positive Sachverhalte darstellen) (vgl. Johnson et al., 2004). Pro Kanzlerkandidat und pro Argumentationsform wird eine Szene ausgewählt, so dass für die folgende Analyse insgesamt zwölf Szenen zur Verfügung stehen.

Ausgehend davon, dass hochrangige Politiker, insbesondere Kanzlerkandidaten über eine hohe Medienwirksamkeit und Fähigkeit zur Selbstdarstellung verfügen müssen, da diese in einer Zeit der Mediatisierung und Personalisierung zu Selektionskriterien für den Aufstieg in politische Spitzenpositionen geworden sind, wird in Kapitel 6.1 das Selbstdarstellungsverhalten von Schröder und Merkel anhand des Kategoriensystems nach Schütz (1992) analysiert, welches selbstdarstellerisches Verhalten in die drei Oberkategorien offensive, defensive und assertive Selbstdarstellung einordnet. 30 Unterkategorien ermöglichen eine differenziertere Betrachtungsweise.

Kapitel 6.2 widmet sich der Kommunikation von Emotionen durch die Körpersprache. Theorien des nonverbalen Verhaltens stellen die herausragende Bedeutung einer angemessenen Körpersprache als Informationsquelle für den Zuschauer heraus. In der Analyse wird sich auf die Mimik konzentriert, da der Gesichtsausdruck den wichtigsten nonverbalen Reiz zur Kommunikation von Emotionen darstellt. Basierend auf der Forschung von Ekman (2004) wird ein Kodierungssystem zur Identifikation der sieben Primäraffekte (Trauer, Zorn, Angst, Überraschung, Ekel, Verachtung und Freude) für die Zwecke der vorliegenden Arbeit zusammengestellt. Exemplarisch wird pro Szene ein Gesichtsausdruck im Hinblick auf die emotionale Wirkung untersucht.

Kapitel 7 stellt die Implikationen der vorliegenden Arbeit für Politiker, Zuschauer sowie für die weitere Forschung heraus und gibt einen Ausblick auf mögliche zukünftige Fragestellungen auf diesem Gebiet.

Geschichte der Fernsehdebatten

Die Präsidentschaftsdebatten in den USA

Ein TV-Duell oder eine Fernsehdebatte ist ein Zusammentreffen der Spitzenkandidaten des Wahlkampfs. Es wird live im Fernsehen übertragen. Die Kandidaten werden von einem oder mehreren Moderatoren zu den Themen des Wahlkampfs befragt.

Das Format der politischen Debatte ist keineswegs neu – bereits im alten Rom wurde auf dem Forum über Politik diskutiert, Reden gehalten und sich mit dem politischen Gegner vor Zuschauern ein Streitgespräch geliefert. Ein jüngerer Trend ist jedoch der Aufwand und die Sorgfalt mit der die Kandidaten und Parteien mit Hilfe ihrer Berater und Werbeagenturen an der Vermarktung ihrer Politik und ihres Images arbeiten. Damit werden in Deutschland die Wahlkämpfe heute weit professioneller geführt als beispielsweise noch in den 80er Jahren. Viele dieser neuen Vermarktungsstrategien kommen ursprünglich aus den USA und werden unter dem Begriff „Amerikanisierung“ subsumiert. So sind auch die deutschen TV-Duelle nach dem Vorbild der Presidential Debates entstanden (vgl. Maurer & Reinemann, 2003). Diese Entwicklung soll in den folgenden Unterkapiteln kurz dargestellt werden.

Schon 1858 trafen Abraham Lincoln und Stephen Douglas nicht weniger als sieben Mal aufeinander um über die Sklaverei zu debattieren. Dem Vor-Fernsehzeitalter gemäß sah das Format eine relativ ausführliche Debatte von einer Stunde Redezeit, eineinhalb Stunden Antwort und nochmals einer halben Stunde für die Zusammenfassung vor. Im Radio wurde eine Präsidentschaftsdebatte erstmals 1948 übertragen und das Fernsehpublikum konnte die Debatten zu den Vorwahlen ab 1956 verfolgen (vgl. The Museum of Broadcast Communication, 2005). Eine herausragende Bedeutung im Wahlkampf bekam das Format der Präsidentschaftsdebatten allerdings erst 1960, als sich Richard Nixon und John F. Kennedy gegenüberstanden. Nixon war den Umfragewerten zufolge als Favorit ins Rennen gegangen, war aber durch einen langen Krankenhausaufenthalt abgemagert, geschwächt und blass. In punkto Auftreten verlor er im ersten der vier Duelle auf ganzer Länge: Sein Erscheinungsbild wirkte nicht so, wie sich das Volk ihren Präsidenten vorstellte. Nixon war schlecht rasiert, sein Jackett war zu groß, ihm blieb mehrmals die Stimme weg und er wandte sich in seinen Antworten an den Kontrahenten Kennedy anstatt an das Fernsehpublikum. Kennedy dagegen, sonnengebräunt, sprach direkt in die Kameras und machte insgesamt einen jungen, aktiven, gesunden und tatkräftigen Eindruck. Inhaltlich hatte jedoch Nixon die besseren Argumente, was sich darin zeigte, dass diejenigen Personen, die die Debatte im Radio nur gehört hatten, immer noch Nixon als Favorit wahrnahmen, wohingegen die Fernsehzuschauer Kennedy als Sieger sahen. Die Nachberichterstattung über die Debatten konzentrierte sich zudem hauptsächlich auf das Auftreten der Kandidaten und weniger auf die Inhalte, so dass anzunehmen ist, dass auch die Radiohörer in ihrer Meinung im Nachhinein noch beeinflusst wurden.

Obwohl die Meinungsbildung durch die Fernsehdebatte vermutlich nicht ausschlaggebend für den Wahlsieg Kennedys war (vgl. Kap. 3.2) war die amerikanische Öffentlichkeit doch von dieser Wirkung überzeugt (vgl. The Museum of Broadcast Communication, 2005).

An den nächsten Debatten 1976 zwischen Gerald Ford und Jimmy Carter ist besonders ein Aspekt interessant: Mitten in der Debatte gab es technische Probleme, so dass die Übertragung für 27 Minuten unterbrochen wurde. Um diese Zeit zu überbrücken, analysierten die Fernsehjournalisten das Auftreten, Verhalten und die Antworten der Kandidaten. Die „Instant Analysis“ war geboren, und wo vorher noch Bedenken herrschten, ob die Meinung der Zuschauer derart beeinflusst werden darf, wurden sofortige Analysen bei Folgedebatten selbstverständlich (vgl. CNN, 2006). Nach dem Wahlkampf 1976 hatten sich die Präsidentschaftsdebatten so etabliert, dass sie ein fester Bestandteil des Wahlkampfes wurden und die Kandidaten praktisch teilnehmen mussten. Verschiedene unabhängige Kommissionen übernahmen es, die Debatten zu organisieren, verbindliche Regeln aufzustellen und die Einhaltung dieser Regeln zu überwachen (vgl. Commission on Presidential Debates, 2005).

Formate, in denen die Spitzenkandidaten vor der Wahl zusammenkommen gibt es auf der ganzen Welt: In Spanien und Frankreich sind es die Spitzenkandidaten der Parteien, in Kanada und Australien sind auch Vertreter der kleineren Parteien an der Diskussion beteiligt, ähnlich den deutschen „Elefantenrunden“ an denen Repräsentanten aller Bundestagsparteien zu Wort kamen. Diese waren von 1969 bis 1987 insgesamt sechs Mal im deutschen Fernsehen zu sehen. Im nächsten Kapitel werden die Voraussetzungen dafür geschildert, dass dieses Format zugunsten eines Aufeinandertreffens der Spitzenkandidaten aufgegeben wurde.

Personalisierung des Wahlkampfs

Ein Grund für die unterschiedlichen Wahlkampfstrategien von Deutschland und den USA, liegt in den unterschiedlichen Wahlsystemen. In Deutschland wird bei den Bundestagswahlen eine Partei gewählt, nicht eine Person wie in einer Präsidialdemokratie. Deshalb wurde der Wahlkampf lange so geführt, dass die Partei, das Parteiprogramm und die Sachfragen im Mittelpunkt standen. Der Spitzenpolitiker war dabei ein wichtiger Faktor unter mehreren. In den USA wird der Präsident direkt von den Wahlmännern gewählt und hat als Person größeren Einfluss auf die Politik. Häufig ist er vor seiner Aufstellung als Präsidentschaftskandidat in der Öffentlichkeit unbekannter als deutsche Spitzenpolitiker mit langjähriger Parteikarriere. Presidential Debates, in denen der Kandidat im Mittelpunkt steht sind daher eine nahe liegende Form, sich dem Volk zu präsentieren (vgl. US Embassy, 2005).

In der politologischen Literatur werden meist drei Determinanten genannt, die die Wahlentscheidung konstituieren: Die Parteien, die Kandidaten und die politischen Streitfragen. Diese Komponenten stehen in Beziehung zueinander und hängen voneinander ab; ihr jeweiliger Einfluss kann ab- oder zunehmen (vgl. Campbell, 1960). In den USA war die Bedeutung des Kandidaten schon immer groß – in Deutschland hat sich die Bedeutung der Partei in den letzten 30 Jahren zugunsten der Kandidaten verschoben. Durch eine veränderte Medienkultur und Mediennutzung gelang es den Parteien nicht mehr, zielgerichtet zu werben. Die Zahl der Fernsehsender und die Geschwindigkeit der Botschaften haben sich vervielfacht, Werbespots müssen kurze und prägnante Statements bringen und Diskussionsrunden müssen unterhaltsam sein. Die Parteibindung hat abgenommen, immer weniger Menschen gehen wählen und die Bereitschaft, sich mit einem Parteiprogramm auseinanderzusetzen bringen die wenigsten Wähler mit (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, 2005a).

Die Amerikanisierung des Wahlkampfes kann als ein Versuch gesehen werden, auf diese veränderten Umstände zu reagieren. Gemeint ist damit dreierlei: Die Personalisierung, Mediatisierung und Professionalisierung des Wahlkampfes. Personalisierung bedeutet, dass im Wahlkampf der Spitzenkandidat im Mittelpunkt steht. Mediatisierung meint, dass Wähler Politik fast nur noch durch Medien aufbereitet erleben; und Professionalisierung ist der Trend, einen Stab an Wahlkampfberatern und Werbeexperten zu beschäftigen.

Die Fragestellung der Diplomarbeit im Auge behaltend, soll hier v. a. auf die Personalisierung eingegangen werden.

Die Wahlkämpfe 2002 und 2005 können als Fortsetzung eines Trends gesehen werden, der sich in den letzten 20-30 Jahren entwickelte. In der Öffentlichkeit trat die Beschäftigung mit den Parteiprogrammen und Sachfragen zurück; das Interesse an und die Darstellung der Person und ihrer Persönlichkeit wuchsen.

Abromeit (1971 in Schütz, 1992, S. 101) stellt fest:

„An Stelle der sachlichen Inhalte der Politik treten nahezu durchgängig die Eigenschaften, mittels derer sie durchgesetzt werden sollen: Energie, Zähigkeit, Entschlossenheit, Geduld, Sachlichkeit, Mut, Besonnenheit, Redlichkeit, Pflichterfüllung und Hingabe und vor allem Verantwortungsbewusstsein.“

Schütz (1992) bietet weitere Erklärungsansätze für eine zunehmende Personalisierung: Bei wachsender Komplexität der politischen Inhalte dient Personalisierung zur Komplexitätsreduktion. Die Reduktion auf den Politiker dient als Vehikel, die komplexen Themen überzeugend zu transportieren, auch wenn der Inhalt dabei oft auf der Strecke bleibt. Beispielsweise war Kirchhof, „der Professor aus Heidelberg“ zum Synonym für die geplante Steuerreform der Union geworden. Anstatt im Duell nun die Be- und Entlastungen anhand des neuen Konzepts zu diskutieren, diente als Argument dafür, dass seine Steuerreform Müttern die Berufstätigkeit erleichtern wird, dass Kirchhofs vier Töchter (bzw. seine zwei Töchter und zwei Schwiegertöchter) berufstätig sind und Familie haben.

Dörner vertritt sogar die Position, dass der Wähler rational handle, indem er sich für Personen anstatt für Inhalte entscheide, da die Politik heute zu schnelllebig ist um sich an Programme zu halten, die nach wenigen Monaten überholt sind. Der Bürger müsse also einen Menschen aussuchen, dem er auch noch in vier Jahren die richtigen Entscheidungen zutraut (vgl. Dörner, 2005).

Bildlich zeigt sich die Konzentration auf die Persönlichkeit an einer veränderten Werbestrategie der Parteien, welche sich an kommerzieller Werbung orientiert. Auf Plakaten und in Wahlwerbespots sind häufig Spitzenkandidaten zu sehen, die mit ihren Persönlichkeitseigenschaften werben; dies führt zu einer Entpolitisierung und kann auch dazu dienen, von Schwächen der eigenen Partei abzulenken.

Die SPD strahlte beispielsweise 1998 einen ganz auf Schröder fokussierten Werbespot aus, bei dem politische Inhalte nur angedeutet wurden. In diesem Spot erklärt Schröder anhand vieler Plastikwörter den recht trivialen Inhalt, dass Ideen wichtig sind und Menschen eine Vision haben sollten (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, 2005a). Da der Politiker im Mittelpunkt steht, wird er gleichzeitig zum Produkt, das verkauft wird und zum Verkäufer des Produkts.

Eine weitere Ursache für zunehmende Personalisierung hängt eng mit der Mediatisierung zusammen: Personen lassen sich bildlich – v. a. im Fernsehen – leichter darstellen als Sachthemen. Die Darstellung von Charaktereigenschaften erhöht die Einschaltquoten. Politik muss auch unterhalten; es wird zum „Politainment“, das mediengerecht aufgearbeitet wird (vgl. Schütz, 1992). Bußkamp (2002) untersucht in diesem Zusammenhang das Auftreten von Politkern in Talkshows und stellt fest, dass heutzutage die Inszenierung des Privatlebens für einen Spitzenpolitiker sogar Karrierebedingung geworden ist.

„In der modernen Politik käme es einem Selbstmord gleich, wollte ein Politiker darauf beharren, dass man sein Privatleben aus dem Spiel lässt“ (Sennet 1986 in Bußkamp, 2002, S.13).

Die Ausschnitte aus dem Privatleben, die schließlich thematisiert werden, müssen mit Bedacht gewählt und inszeniert werden um wünschenswerte Politikereigenschaften zu verstärken. Somit wird das Privatleben des Politikers zu einem Qualifikationsmerkmal, anhand dessen sich normative Wertvorstellungen vermitteln lassen. Der Zuschauer erhält damit eine zusätzliche Beurteilungsdimension, die ihm nützen oder ihn in die Irre führen kann.

Ist der Politiker zusätzlich ein guter Entertainer, der in Talkshows Witze erzählt, schlagfertig ist und Späße des Moderators mitmacht, steigt seine Chance auf zukünftige Medienpräsenz. Dies führt dazu, dass immer die gleichen bekannten Politiker im Fernsehen auftreten und unbekannte sowie wenig telegene Politiker unterrepräsentiert sind.

Das TV-Duell bildet somit eine logische Konsequenz der fortschreitenden Personalisierung im Wahlkampf – und umgekehrt wird die Bedeutung der Debatten durch einen vermehrten Personenkult noch weiter verstärkt (vgl. Laux & Schütz, 1996).

TV-Duelle in Deutschland

Seit 1969 gab es in Deutschland immer wieder Bestrebungen von verschiedenen Parteien, ein TV-Duell der Spitzenkandidaten nach amerikanischem Vorbild zu veranstalten, die immer daran scheiterten, dass einer der Kandidaten das Duell ablehnte. Willy Brandt forderte den amtierenden Kanzler Kurt Georg Kiesinger heraus, was dieser ablehnte. Brandt wurde Kanzler, lehnte aber seinerseits ein Duell ab, als er drei Jahre später von Barzel herausgefordert wurde.

Die Premiere der deutschen TV Debatten fand schließlich anlässlich der Bürgerschaftswahl in Hamburg 1996 statt. Henning Voscherau (SPD) stellte sich dem Herausforderer Ole von Beust (CDU). Zwei Jahre später debattieren bei den Landtagswahlen in Niedersachsen Gerhard Schröder und Christian Wulff. Der Fernsehsender N3 strahlte die beiden Debatten aus. Der Medienkanzler Schröder sammelte hierbei die ersten positiven Erfahrungen mit dem Format TV-Duell.

Als er 1998 als Kanzlerkandidat gegen Helmut Kohl antrat, lehnte Kohl den Vorschlag zum Duell ab. Erst 2002 kam es zu den ersten zwei Kanzlerduellen in Deutschland, bei dem Gerhard Schröder und Edmund Stoiber gegeneinander antraten (vgl. Maurer & Reinemann, 2003). Vier und zwei Wochen vor der Bundestagswahl 2002 standen sie jeweils einem Moderatorenpaar Rede und Antwort. Die Sendungen waren ca. 75 Minuten lang und wurden von je zwei Fernsehsendern – erst den privaten RTL und SAT. 1, dann den öffentlich-rechtlichen ARD und ZDF – zeitgleich gesendet.

Manche Kritiker hatten Bedenken, die Parteien würden durch die Kandidaten in den Hintergrund gedrängt. Den kleineren Parteien gegenüber sei es ungerecht, da sie gar nicht berücksichtig würden. Äußerlichkeiten wie Auftreten und Aussehen könnten wahlentscheidend werden. Andere Kritiker bezogen sich auf Studien, nach denen der Einfluss der TV Debatte auf den Wahlausgang verschwindend gering sei und es daher die ganze Aufregung nicht wert wäre.

Es gab aber auch große Erwartungen: Die Fernsehsender erwarteten hohe Einschaltquoten, die SPD wusste um die Entertainerqualitäten ihres Kanzler und erwarteten sich einen sympathischen, menschlichen Auftritt, der möglichst viele unentschlossene Wähler überzeugen möge. Die CDU/CSU erwartete sich einen größeren Bekanntheitsgrad von Edmund Stoiber und dass er durch seine Kompetenz die Wähler auf seine Seite ziehen möge. Im Interesse beider Parteien stand, auch politisch unmotivierte Bürger für den Wahlkampf zu interessieren und zum Gang an die Urne mobilisieren zu können. Die Zuschauer erwarteten, die Kandidaten kurz vor der Wahl unmittelbar miteinander vergleichen zu können – und zwar nicht nur bzgl. der vermittelten Kompetenz sondern auch bzgl. ihrer Persönlichkeit.

Was konnte oder besser, was hätte man aus der Geschichte der Präsidentschaftsdebatten und den deutschen TV-Duellen 2002 lernen können?

Dass das nächste Duell bestimmt kommen würde. 15 bzw. 16 Millionen Zuschauer in Deutschland und bis zu 81 Millionen Zuschauer in den USA stellen jede andere politische Sendung und jedes andere Medium in den Schatten. Zusammen mit der ausführlichen Vor- und Nachberichterstattung verfügen TV-Debatten somit über eine enorme mediale Präsenz. Auch wenn Frau Merkel geahnt hatte, dass sie gegenüber einem sympathischen, volksnahen, humorvollen Gerhard Schröder einen schweren Stand haben würde und dass das TV-Duell nicht das Medium ist, indem sie ihre Kompetenz am besten demonstrieren kann, so konnte sie sich einem Duell nicht entziehen – wenn sie auch nur einem der zwei geforderten Fernsehduelle zustimmte (vgl. Niggemeier, 2005; Rüb, 2005).

Weiterhin konnte beobachtet werden, dass Kleinigkeiten im Auftreten – lächeln, auf die Uhr sehen, Blickrichtung, Kleidung – die Sympathiewerte und die Frage, wer das Duell gewonnen hat, entscheiden können. Somit kann sich eine große Chance schnell ein großes Fettnäpfchen verwandeln.

Ein Fernsehduell braucht Regeln. Die Intention ist löblich, soll dadurch doch keiner der Politiker bevorzugt werden, die Redezeit ausgeglichen und zumindest eine allzu überzogene Selbstdarstellung vermieden werden. Dass zu starre Regeln jedoch unnatürlich, einschränkend und für den Zuschauer ermüdend sind, zeigte das erste Duell 2002, so dass schon beim zweiten Duell die Regeln etwas großzügiger ausgelegt wurden und diese 2005 schließlich erheblich gelockert wurden.

Das TV-Duell 2005

Am Sonntag, den 4. September 2005 – zwei Wochen vor der Bundestagswahl – traten sich Bundeskanzler Gerhard Schröder und die Herausforderin Angela Merkel im einzigen TV-Duell dieses Wahlkampfs gegenüber. Sie wurden in 93 Minuten von den vier Moderatoren Sabine Christiansen (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Thomas Kausch (Sat. 1) zu den Themen Rente, Gesundheit, Familie, Bildung, Außenpolitik, Umwelt, Wirtschaft, Steuern und Arbeit befragt (vgl. Infratest dimap, 2005). Die Sendung wurde gleichzeitig auf den vier Fernsehkanälen ARD, ZDF, RTL und Sat.1 übertragen.

Im Vorfeld machte Angela Merkel eine schlechte Figur, weil sie sich weigerte, für ein zweites TV-Duell zur Verfügung zu stehen, obwohl dies von den Fernsehsendern, z.B. von ARD-Chefredakteur Hartmann sowie von der SPD ausdrücklich gewünscht wurde. „Termingründe“ wurden von Merkel offiziell als Erklärung genannt. Es kann aber vermutet werden, dass die Wahlkampfberater vor einer zweiten Konfrontation mit den viel zitierten telegenen Fähigkeiten des Kanzlers abrieten. Wie schon beim Kanzlerkandidaten der CDU/CSU 2002, Edmund Stoiber, war bekannt, dass Frau Merkel in ihren Auftritten vor der Kamera dem Kanzler in Auftreten, Lockerheit und Charme unterlegen ist. In den Medien wurde der Rückzieher Merkels sehr negativ bewertet – dadurch hat sie ihrem Ansehen bei den Wählern eventuell mehr geschadet, als mit einem weiterem (befürchteten) mittelmäßigem Auftritt in einem zweiten Duell (vgl. Tradesignal.com, 2005).

Die starren Regeln der Duelle 2002 wurden aufgehoben. Die Politiker sollten auf die Fragen der Moderatoren antworten. Diskutieren, den anderen unterbrechen oder direkt antworten sollte jedoch ermöglicht werden um eine etwas natürlichere Atmosphäre zu schaffen. Es wurde nur festgelegt, dass Gerhard Schröder zuerst antworten darf und dafür Frau Merkel als letzte ihr Statement sprechen darf. Die Antworten sollten sich grob zwischen einer Minute und 90 Sekunden bewegen und am Ende sollte die Redezeit höchstens eine Minute Unterschied aufweisen. Diesmal sollte dem Publikum ein spannendes Match geboten werden. Mit den Worten des Moderators Peter Kloeppel: „Richtig nett wird's erst, wenn Dinge passieren, die wir nicht geplant haben.“ (vgl. Niggemeier, 2005).

Nach Dörner besteht allerdings der Vorteil einer relativ sterilen und reglementierten Inszenierung darin, die politischen Inhalte in den Vordergrund zu stellen und die Beifall heischende Persönlichkeitsdarstellung in den Hintergrund treten zu lassen. Medienprofis wie Herrn Schröder gelingt es dabei häufig, die Frage-Antwort Struktur aufzubrechen und Frau Merkel anzugreifen, indem er die Rolle des Journalisten einnimmt und ihr beispielsweise vorhält „Das war aber nicht die Frage.“ (TV-Duell, 2005, S. 22; vgl. Dörner, 2005).

Einfluss von TV-Duellen

Die Rezeption des TV-Duells 2005

Nachdem im vorangegangenen Kapitel die Geschichte der Fernsehdebatten dargestellt wurde und gezeigt wurde, wie sich dieses Format in jüngster Zeit auch in Deutschland durchsetzte, soll in diesem Kapitel auf den Einfluss von TV-Duellen eingegangen werden sowie auf die Rolle, die Emotionen dabei spielen.

Die Meinung über die Performance der Duellanten mag uneinheitlich sein. Was jedoch nicht bestritten werden kann ist die enorme mediale Bedeutung, die der Sendung zukommt. Beinahe 21 Millionen Zuschauer haben in Deutschland die Debatte verfolgt, das sind sechs Millionen Zuschauer mehr als noch im Jahr 2002. Mit keinem anderen Fernseh- oder Wahlkampfauftritt werden so viele Wähler gleichzeitig erreicht. Durch die intensive und ausführliche Vor- und Nach-berichterstattung wird zudem noch ein großer Teil der Wählerschaft erreicht, der das Duell nicht mitverfolgte – meist in Form von Fazits und Analysen über den Gewinner und Verlierer. Nach Bajor (2003) und Maurer & Reinemann (2003) hat die Nachberichterstattung sogar noch einen größeren Einfluss auf die Meinung der Zuschauer als das Duell selbst. Sofort einleuchtend ist, dass diejenigen, die die Debatte nicht selbst verfolgt haben, sich in ihrer Meinung von der Berichterstattung beeinflussen lassen. Weit erstaunlicher ist jedoch, dass sich sogar die Zuschauer, die das Duell live verfolgt haben und somit die Gelegenheit besaßen, sich selbst eine Meinung zu bilden, in einem hohen Maße die Meinung der Journalisten übernehmen. Unter den sogenannten Experten befinden sich auch Menschen, die nicht unbedingt für politische Berichterstattung bekannt sind, wie z.B. eine Redakteurin der Frauenzeitschrift „Brigitte“, die in der Sendung „Sabine Christiansen“ geladen war.

Nicht nur die Analysen der Experten beeinflussen die Wahrnehmung der Zuschauer. In einem noch größeren Maße verändern die Umfragen, für die teilweise schon während der laufenden Sendung Daten erhoben werden und sofort im Anschluss an das Duell ausgestrahlt werden die Eindrücke der Zuschauer (vgl. Dörner, 2005).

Nach Alexis de Tocqueville, einem französischen Soziologen und Politiker des 19. Jhd. herrscht in einer Demokratie eine Tyrannei der Mehrheit bzw. eine Tyrannei der Mehrheitsmeinung. Sie bewegt die Menschen dazu, sich in ihrer Meinung der Mehrheit anzuschließen, da die Demokratie eine Gesellschaft hervorbringt, die den Kollektivismus begünstigt.

„... welches auch immer die politischen Gesetze sein mögen, die die Menschen in demokratischen Jahrhunderten beherrschen, man kann voraussehen, dass der Glaube an die öffentliche Meinung eine Art Religion, deren Prophet aber die Majorität sein wird.“ (Mehr Freiheit, 2005).

Bezogen auf die Umfragen ist hieraus zu schließen, dass empirisch gesehen Menschen dazu neigen die Meinung der Mehrheit unbewusst zu übernehmen. Daher greifen die Blitzumfragen bzw. die Veröffentlichung der Ergebnisse in den Prozess der unabhängigen Meinungsbildung ein. Dörner (2005) empfiehlt aus demokratie-theoretischer Sicht daher, mit der Veröffentlichung der Ergebnisse zu warten. Da die Fernsehsender, die die Umfragen in Auftrag geben, jedoch nicht auf Einschaltquoten verzichten wollen, ist dies in der Praxis nicht durchsetzbar.

Es gab insgesamt vier große Umfragen der verschiedenen Fernsehsender: Infratest dimap im Auftrag der ARD, die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF, Forsa im Auftrag von RTL und STERN sowie Emnid für Sat. 1 und N24. Z.B. wählte Infratest dimap 1.276 wahlberechtigte Zuschauer per Zufall aus. Diese wurden in computer-gestützten Telefoninterviews am Abend des TV-Duells zwischen 22:00 Uhr und 22:20 Uhr nach mehreren Gesichtspunkten befragt (vgl. Infratest dimap, 2005); Emnid ermittelte z. T. schon während der Ausstrahlung. An dieser Stelle wird die Beurteilung der Kandidaten zusammengefasst:

Es wurde die Verteilung der Kompetenz bei den verschiedenen Sachthemen erfasst. Nach Infratest dimap führte Schröder bei den Themen Rente (51 zu 37%), Außenpolitik (71 zu 19%) und Steuern (49 zu 38%). Merkel konnte bei den Themen Familienpolitik (50 zu 40%) und Arbeit (46 zu 35%) punkten (vgl. Die Welt, 2005a).

Im Profilvergleich der soft skills lag Schröder weit vorn. Er wirkte sympathischer (54 zu 33%), glaubwürdiger (45 zu 38%), fairer (34 zu 23%), tatkräftiger (44 zu 43%) und verständlicher (48 zu 28%) als Merkel.

Insgesamt geht Gerhard Schröder nach Meinung der Zuschauer als klarer Sieger aus dem Duell hervor. Je nach Meinungsinstitut kürten ihn zwischen 48 % (Forschungsgruppe Wahlen) und 54% (Forsa) zum Gesamtsieger, Angela Merkel wurde von 28 % (Forschungsgruppe Wahlen) bzw. bis zu 33% (Infratest dimap) als Gewinnerin gesehen. Relativ gesehen konnte die Herausforderin dagegen viele Zuschauer mit ihrem Auftreten überraschen: 54 % waren positiv überrascht, 12% negativ. Den Amtsinhaber fanden nur 18 % besser als erwartet, 19% fanden ihn sogar schlechter (Forschungsgruppe Wahlen) (vgl. Die Welt, 2005a). Die Welt ging sogar so weit zu titeln: „Zwei Sieger, ein Verlierer“ (2005b), was bedeuten soll, dass Schröder zwar objektiv Sieger sei, weil er in allen Umfragen zur Duellperformance durchschnittlich weit besser dasteht. Merkel aber, die das Volk als unbeholfen im Umgang mit Fernsehen und Show kennt, habe sich auf gleicher Augenhöhe bewegt. Sie konnte dem Medienprofi die Stirn bieten. Da die CDU/CSU in den Umfrageergebnissen vor dem Duell deutlich vorne lag und Merkel nun sogar die Erwartungen der meisten Wähler übertroffen hat – so argumentiert Die Welt – habe der Kanzler wohl keine Aussicht mehr auf einen Wahlsieg und sei daher trotzdem der Verlierer des Abends.

Schon im ersten Duell 2002 gelang Stoiber ein ähnlicher relativer Triumph – er präsentierte sich bei weitem nicht so schlecht, wie sein Ruf war. Im zweiten Duell hing damit die Messlatte allerdings höher – und an diesen hohen Erwartungen scheiterten auch seine Bewertungen beim Volk. „Insofern steht Frau Merkel mit der Beschränkung auf ein Duell auf der sicheren Seite“, erklärt Frau Wolf, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen (vgl. Frankfurter Allgemeine, 2005a).

Den Umfrageergebnissen aus der Bevölkerung steht die teilweise kontroverse Einschätzung durch Experten gegenüber. Diese Diskrepanz kommt durch unterschiedliche Bewertungsdimensionen zu Stande, erklärt Richard Hilmer, Chef des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap. Die Zuschauer gewichten die menschlich-persönliche Ebene (also Bereiche in denen Schröders Vorsprung besonders groß ist) stärker. Experten dagegen gewichten eher nach guten Argumenten, Wissen und Fakten (Bereiche, in denen Merkel teilweise genauso gut abschneidet wie Schröder und auf manchen Gebieten sogar besser ist). Experten sehen die Debatte daher eher als unentschieden an (vgl. Die Welt, 2005c), beispielsweise Uwe Kammann, Leiter des Adolf Grimme Institutes: „Wenn man nach Punkten urteilen wollte, denke ich, es war ein Unentschieden.“ (Frankfurter Rundschau, 2005).

Als Gesamteindruck wurde die Debatte in der Presse – v. a. dank der gelockerten Gesprächsregeln – als sehr viel lebendiger, interessanter und interaktiver wahr-genommen als die Duelle 2002. Trotzdem bezeichneten manche Quellen es immer noch als „zivil, fast freundschaftlich und … sogar etwas langweilig“ (Il Messagero in Sueddeutsche, 2005a) und betonten, die Gegner gingen „betont sachlich und pfleglich miteinander um“ (Süddeutsche Zeitung, 2005, S. 1). Das Klima sei konfrontativ, aber fair gewesen (ebd.). Insgesamt habe das Zusammentreffen wenig Überraschendes zum Vorschein gebracht; beide hätten tausendfach bekannte Sätze wiederholt und erst nach über einer Stunde sei es ein wenig spannend geworden, als Schröder Kirchhof als Symbol des Unsozialen angriff und Merkel zu beleidigt gewesen sei um adäquat zu kontern (vgl. Frankfurter Rundschau, 2005).

Die Wirkung von TV-Duellen

In Kapitel 3.1 wurde dargestellt, wie Wähler und Experten das TV-Duell wahrnahmen. Eine Frage, die mindestens ebenso wichtig ist, ist die der Wirkung des Duells auf die Wahlentscheidung. Da für das TV-Duell 2005 diesbezüglich zum Zeitpunkt dieser Diplomarbeit noch keine Studien verfügbar waren, wird im Folgenden die Forschung zum TV-Duell 2002 sowie zu den Presidential Debates miteinbezogen.

Parteien beschäftigen einen Stab an Spin Doktoren, Medien- und Rhetoriktrainern, die Schröder und Merkel intensiv für ihren Auftritt beim Duell trainieren. Lohnt sich die Investition oder haben sich die Wähler ihre Meinung längst gebildet? Ist der Gewinner des Duells auch der Gewinner der Wahl? Hätte der Auftritt das Potential gehabt, das Blatt für die unterlegene SPD zu wenden? Die Fakten sehen so aus: Vor dem Duell unterlag die SPD bei der Sonntagsfrage mit 32% der CDU/CSU mit 43%. Nach dem Duell verringerte sich die Differenz nach Umfragen von Politbarometer, Deutschlandtrend und Forsa von 11 Prozentpunkten auf 7 Prozentpunkte. Die SPD erreichte also 34%; die CDU/CSU 41%. Die kleinen Koalitionspartner FDP und Grüne blieben beide konstant bei 7%. Die Unentschlossenen (13%) sahen ganz klar Schröder als Gewinner des Abends (56% zu 19% für Merkel). Wo es vorher für eine Koalition von CDU/CSU und FDP mit 50% gereicht hätte (parlamentarische Mehrheit liegt bei 48,5%), reichte es nach dem Duell mit 48% knapp nicht mehr. Eine große Koalition wäre und war die logische Konsequenz daraus (vgl. N-TV, 2005; Infratest dimap, 2005). Im Folgenden soll erörtert werden, wie und ob das TV-Duell für diese Verschiebung in der Wählergunst verantwortlich gewesen sein kann.

In den Köpfen der Wähler scheint das Duell subjektiv durchaus Macht zu besitzen, so geben bei einer Umfrage von polis/USUMA für das Magazins Focus im August 25% der 1008 repräsentativ Befragten an, das TV-Duell werde ihre Wahl entscheidend beeinflussen und 56% gaben an, es würde ihre Entscheidung gering beeinflussen (vgl. Maerkische Allgemeine, 2005). Der Infratest dimap Blitzumfrage zufolge nach der Sendung gaben 21% an, das Duell helfe ihnen bei der Entscheidung (62% verneinten).

Donsbach vermutet, dass die tatsächlichen Auswirkungen jedoch weit geringer sind:

„Das TV ist nicht die Realität. Es ist wie im Kino. Beim Rausgehen steht man auf Kosten von Wirklichkeitsverlusten noch ganz unter dem Eindruck des schönen Happyends. Spätestens am nächsten Morgen ist alles verflogen. Die Zahl der Wähler, die von den schönen Bildern bis in die Wahlkabine verfolgt werden, wird sich in Grenzen halten.“ (Donsbach, 2002).

Eine eindeutige Forschungslage besteht bei den Auswirkungen auf das Wissen der Zuschauer, welches in einer Demokratie immer Grundlage für eine wohl überlegte Entscheidung sein soll (vgl. Brettschneider, 2005): TV Debatten erhöhen den Wissenstand der Rezipienten. Die Kenntnis der Standpunkte der Parteien und eine Ausdifferenzierung dieser Standpunkte machen eine sinnvolle Entscheidung erst möglich. So erwarten auch 75% der Zuschauer, mehr über die politischen Positionen der Kandidaten zu erfahren (vgl. Infratest dimap, 2005).

Dabei ist der Wissenszuwachs am größten für die politisch wenig Interessierten. Oft ist für sie die Fernsehdebatte die erste Gelegenheit, sich mit der herannahenden Wahl zu beschäftigen. Meist haben die wenig Interessierten noch keine feste Entscheidung getroffen (vgl. Brettschneider, 2005). 2005 waren 13% der Zuschauer vor dem Duell noch unentschieden, 8% noch nach dem Duell. Betrachtet man nur die bis zum Duell in ihrer Meinung Unentschiedenen, geben 46% an, das Duell sei hilfreich für ihre Wahlentscheidung gewesen (52% verneinen) (vgl. Infratest dimap, 2005).

Maurer & Reinemann (2003) differenzieren diesen Wissenszuwachs in Lern- und Wissenseffekte. Lerneffekt bezeichnet, was sich der Zuschauer von den politischen Zielen, der Personalplanung, der Lage des Landes, die die Politiker nennen, etc. merken können und zwar unabhängig davon, ob diese Aussagen der Politiker den Tatsachen entsprechen. Dieser Effekt ist besonders bei den vorher wenig Informierten beträchtlich. Das Format des TV-Duells ist somit prinzipiell dazu geeignet, wahlrelevante Informationen zu verbreiten.

Der Wissenseffekt bezeichnet den Zuwachs an korrektem Faktenwissen, politischen Zusammenhängen, Details und Umständen. Da Politiker in ihrem eigenen Interesse meist nur Ausschnitte von Statistiken und Fakten präsentieren und interpretieren ist der objektiv gemessene Wissenszuwachs deutlich geringer. Im Fall des zweiten Duells 2002 nahm das Wissen sogar ab, d.h. die Zuschauer konnten vor dem Duell Fakten besser darstellen und einordnen als nachdem sie diese selektiert und von den Politikern umgedeutet gehört hatten. Die in den USA verbreiteten „Fact-Checks“ könnten zumindest einen Teil der Fehlinformationen richtig stellen. Dabei werden von Journalisten Fehler, die sich objektiv nachprüfen lassen im Nachhinein richtig gestellt z.B. wenn die Aussagen in der Debatte dem Parteiprogramm widersprechen oder wenn Daten und Fakten falsch dargestellt wurden (vgl. Facktcheck.org, 2006).

Abgesehen von der Interpretation der Fakten obliegt es auch den Politikern, gewisse (für sie günstige) Themen häufig und ausführlich darzustellen und damit im Sinne des agenda-settings die öffentliche Meinung hinsichtlich der wichtigsten Wahlkampfthemen zu beeinflussen (vgl. Brettschneider, 2005). So versuchte Herr Schröder beispielsweise mehrere Male, das Thema Irakkrieg aus der vorletzten Legislaturperiode für seine Zwecke in die Erinnerung der Wähler zu bringen, obwohl diese Frage für die kommende Legislaturperiode nicht aktuell war.

Eine weitere Wirkung von Fernsehdebatten ist gesichert: Fernsehdebatten haben zumindest einen kurzfristigen Einfluss auf die Sympathiewerte der Kandidaten. Bei parteigebundenen Wählern wird von einer ausgeprägten selektiven Aufmerksamkeit ausgegangen: Beim „eigenen“ Kandidaten stechen hauptsächlich die positiven (bzw. die für positiv befundenen) Verhaltensweisen heraus, beim Gegner hauptsächlich die negativen. Obwohl sich also die Sympathie in ihrer Richtung kaum verändert, kann die Einstellung zum „eigenen“ Kandidaten dennoch gestärkt werden, was wiederum Auswirkungen haben kann. Diese beziehen sich hauptsächlich auf die Mobilisierung von Sympathisanten, zur Wahl zu gehen oder auf Mobilisierung der Parteianhänger, Mundpropaganda zu betreiben und neue Wähler zu gewinnen.

Parteipolitisch Ungebundene haben zwar auch gewisse Voreinstellungen, sind aber dennoch weniger voreingenommen. Sie ändern ihre Meinung über die Politiker daher leichter (= Konversionseffekt) (vgl. Brettschneider, 2005). Diese Gruppe der Wählerschaft gewinnt immer mehr an Bedeutung, da immer weniger Menschen langfristig an eine Partei gebunden sind. Nach Kepplinger (2005) sind dies heutzutage nur noch 42% der Wähler. Insgesamt änderten in der Studie von Maurer & Reinemann (2003) 7% der Wähler ihre Meinung durch das zweite Duell 2002. Von ihnen korrigierten die politisch Interessierten ihre Meinungsänderung großteils innerhalb der nächsten 5 Tage wieder zurück in den Ursprungszustand, wohingegen die politisch wenig Interessierten bei ihrer neuen Meinung blieben. Dies entspricht den US-amerikanischen Studien, denen zufolge in der oben zitierten Kennedy – Nixon Debatte 1960 nur 6% ihre Entscheidung allein aufgrund der Debatten zu Gunsten Kennedys verändert hatten – und das, obwohl hier die Unterschiede in der Performance besonders deutlich waren (vgl. The Museum of Broadcast Communication, 2005).

Die Schlussfolgerung liegt also nahe, dass das Duell in Bezug auf die Wahlentscheidung nur die wenig interessierten Wähler erreicht, da diese sich erst in den letzten Tagen vor der Wahl entscheiden (vgl. Bajor, 2003). Besonders in einem sehr engen Wahlkampf wie 2005 können schon wenige Prozent an Stimmen eine große Wirkung haben. – Und zwischen einer schwarz-gelben oder einer großen Koalition entscheiden.

Maier & Faas (2004) führten Experimente zu den TV-Duellen mit Real-Time-Response und Paneldaten durch. Sie fanden Belege dafür, dass der Spielraum für Debatteneffekte (Veränderung in der Einstellung des Probanden aufgrund der Debatte) zumindest 2002 deutlich größer war, als gemeinhin in US-amerikanischen Studien angenommen wird. Es wurde also ein deutlicher Einfluss durch das Duell auf die Bewertung der Kandidaten gemessen. Dieser Einfluss ist unabhängig von der politischen Überzeugung der Probanden. Sie stellten vor und nach jedem Duell die Frage nach der Gesamtbewertung: „Was halten Sie – ganz allgemein – von Gerhard Schröder bzw. Edmund Stoiber?“ Die Einstellungen wurden auf einer 11-Punkte-Skala gemessen. Dabei verbesserten beide Kandidaten im ersten Duell ihren Gesamteindruck. Schröder um insgesamt 0,5 Punkte (von 0,8 auf 1,3) und Stoiber um 0,8 Punkte (von 0,2 auf 0,8). Beim zweiten Duell änderte sich nichts am Gesamteindruck Schröders (1,4 Punkte) wohingegen Stoiber 0,4 Punkte verlor (von 1,1 auf 0,7). Maier & Faas folgern daraus, dass Wähler nicht gleichmäßig gut oder schlecht beurteilen. Auch die Real-Time-Response Daten zeigen eine hohe Differenziertheit. Interessant hierbei ist, dass die Fernsehauftritte stärker die Meinung über den politischen „Gegner“ verändern können. Die Meinung über den favorisierten Kandidaten ändert sich kaum. Die selektive Aufmerksamkeit scheint sich eher auf den eigenen Kandidaten zu konzentrieren.

Auch Dörner (2005) stellt fest, dass ein TV-Duell „Impact“ haben kann. Vor dem Duell 2005 habe in Deutschland politische Wechselstimmung geherrscht, die dann u. a. durch das Duell kippte. Der Wahlforscher Jürgen Falter sah 2005 durch das Duell allerdings keine Trendumkehr eingeleitet, höchstens „leichten Rückenwind für die SPD“ (vgl. Frankfurter Allgemeine, 2005a): Die SPD habe ein kleines Potential an Sympathisanten dazu mobilisieren können, zur Wahl zu gehen.

Theorien der Emotionspsychologie

Bevor auf die Befunde zur Bedeutung von Emotionen im Wahlkampf eingegangen wird, ist es zunächst erforderlich, Emotion zu definieren und sich einen Überblick über verschiedene Denkmodelle und Forschungsbereiche der Emotionspsychologie zu verschaffen.

Emotionen sind wichtige Bestandteile des alltäglichen Lebens. Die Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt ist zu großen Teilen von Emotionen bestimmt. Und obwohl jeder Emotionen aus eigener Erfahrung kennt, ist es schwer, den Begriff wissenschaftlich zu fassen.

„Emotion ist ein seltsames Wort. Fast jeder denkt, er versteht, was es bedeutet, bis er versucht, es zu definieren. Dann behauptet praktisch niemand mehr, es zu verstehen.“ (Wenger, Jones & Jones 1962 in Schmidt-Atzert, 1996, S. 18).

Daher geben viele Autoren eine Arbeitsdefinition an, die die Aspekte ihres Forschungsvorhabens einschließt. Kleinginna & Kleinginna haben 1981 den Versuch unternommen, alle verfügbaren Definitionen, insgesamt 92, auf ihre Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen, die sie in folgender Definition zusammenfassen:

„Emotion ist ein komplexes Interaktionsgefüge subjektiver und objektiver Faktoren, das von neuronal/humoralen Systemen vermittelt wird, die

a) affektive Erfahrungen wie Gefühle der Erregung oder Lust/Unlust, bewirken können;
b) kognitive Prozesse wie emotional relevante Wahrnehmungseffekte, Bewertungen, Klassifikationsprozesse hervorrufen können;
c) ausgedehnte physiologische Anpassungen an die erregungsauslösenden Bedingungen in Gang setzen können;
d) zu Verhalten führen können, welches oft expressiv, zielgerichtet und adaptiv ist.“

(Kleinginna & Kleinginna, 1981 in Merten, 2003, S. 13).

Vier Begriffe sind von der Emotion abzugrenzen: Der „Affekt“ hat die Konnotation des Heftigen und Unkontrollierbaren (im Sinne einer „Affekthandlung“). Das „Gefühl“ beschreibt einen Unteraspekt der Emotion, nämlich das Empfinden einer Emotion, das die physiologischen Vorgänge, den Ausdruck und die Handlungstendenzen nicht berücksichtigt. „Stimmung“ ist ein länger andauernder Zustand, der nicht aufgrund eines unmittelbaren, spezifischen Reizes ausgelöst wird. Stimmung kann ein Resultat wiederkehrender emotionsgeladener Situationen sein. „Empathie“ meint die soziale Komponente der Emotion, das Mitfühlen bzw. die Einordnung von Gefühlen in einen situativen Kontext (vgl. Merten, 2003).

Ähnlich wie es viele verschiedene Definitionen für das Konstrukt Emotion gibt, gibt es auch viele voneinander teils stark abweichende Theorien und Modelle, mit denen das Wesen und das Entstehen der Emotionen begründet wird. Aufgrund der Masse erscheint eine Gruppierung zur besseren Übersicht wünschenswert. Ulich (1995) teilt die Emotionstheorien im Hinblick auf ihre Begründung von Emotionen und ihre zugrunde liegenden Kategorien in drei große Strömungen: Die biologisch-physiologisch begründeten Denkmodelle, die kognitiv-handlungstheoretisch begründeten Denkmodelle und die entwicklungsorientierten Denkmodelle.

Biologisch-physiologische Denkmodelle gehen davon aus, dass Emotionen genetisch festgelegt und gesteuert werden in Form von Reaktionsmustern, die dem Überleben dienen (z.B. Darwin, Plutchik). Emotionen repräsentieren körperliche Veränderungsvorgänge (z.B. James/Lange) bzw. treten nur als unspezifische Erregung auf, die kognitiv interpretiert wird (z.B. Schachter/Singer).

Kognitiv-handlungstheoretische Denkmodelle betrachten Emotionen als Wertungen und Beurteilungen von Zuständen, die aus kognitiven Überlegungen resultieren (z.B. Lazarus). Emotionen ermöglichen eine Anpassung an neue Situationen, indem sie Störungen melden (z.B. Rykowski, Scherer, Weinrich).

Entwicklungsorientierte Denkmodelle fassen Emotionen als zustandsbezogene Erlebnisse auf, die immer in vergangenen Erfahrungen bzw. Erwartungen begründet sind, z.B. in der Erziehung oder Gesellschaft (z.B. Freud) und zu gelernter Motivation und Handlungsbereitschaft führen (z.B. Behaviorismus, Izard).

Welche Fragen stellt sich die Emotionspsychologie nun im Hinblick auf die Rezeption von Emotionen? Welche Aspekte werden beforscht? Und wie ist die vorliegende Arbeit in diese Forschung eingebettet?

Der Großteil der emotionspsychologischen Forschung beschäftigt sich mit einem der folgenden fünf Themenbereiche (vgl. Ulich, 1995):

a) Fragen nach dem Wesen von Emotionen
b) Die Frage nach den Beziehungen zwischen Emotionen und anderen psychischen Erscheinungen (z.B. Wahrnehmung, Denken, Motivation, Verhalten)
c) Die Frage nach der regulativen Funktion von Emotionen im Erleben und Handeln und die Frage nach der Kontrolle der Emotionen
d) Die Frage nach der Entwicklung von Emotionen (in Phylogenese, Ontogenese und Aktualgenese)
e) Die Frage nach emotionaler Belastung

In dieser Diplomarbeit wird die Aktualgenese, also die Auslösung von Emotionen in einer bestimmten Situation, nämlich beim Sehen des Kanzlerduells untersucht: Wie sind emotionale Stellen zu charakterisieren? Wie sind diese Szenen ausgestaltet?

Dabei schwingen implizit Fragen nach der Beziehung zwischen Emotionen und Wahrnehmung, Motivation und Verhalten mit, sowie – damit einhergehend – Fragen nach der regulativen Funktion von Emotionen im Erleben und Handeln: Welche Wirkung haben die Emotionen auf die Motivation der Wähler, ihre Meinung zu behalten, zu ändern oder überhaupt zur Wahl zu gehen? Wird die Einstellung verändert? Schlägt sich dies auch im tatsächlichen Verhalten in der Wahlkabine nieder? Diese Fragen können in der vorliegenden Arbeit nicht beantwortet werden. Sie wären jedoch eine logische und mögliche Fortsetzung, weshalb noch kurz auf die Wirkung von Emotionen auf die Motivation eingegangen wird.

Emotionen können sich auf unterschiedliche Weise auf die Motivation auswirken. Dadurch wird auch die Initiierung, Intensität und Dauer von Verhalten, auch von komplexem Verhalten wie einer Wahlentscheidung, beeinflusst. Emotionen werden dabei meist aus einer funktionalistischen Perspektive gesehen. Schon Darwin erwähnte die adaptive Funktion des emotionalen Ausdrucks; McDougall schreibt den Emotionen eine vermittelnde Funktion zwischen Wahrnehmung und Verhalten zu und Tomkins postuliert eine verhaltensorganisierende Funktion. Izard geht sogar davon aus, dass Emotionen das primäre Motivationssystem des Menschen sind. Es gibt evolutionäre Erklärungen, nach denen Emotionen ein sehr früh entwickeltes Motivationssystem darstellen, das ermöglicht, besonders schnell ohne komplexe Reflexionsprozesse zu reagieren.

Plutchiks populäres psychoevolutionäres Emotionsmodell sieht acht Grundemotionen (Furcht, Ärger, Freude, Trauer, Anerkennung, Ekel, Antizipation und Überraschung) vor, die zu bestimmten zielgerichteten Handlungen motivieren sollen, d.h. sie führen zu einer Handlungstendenz, der allerdings nicht immer nachgegeben wird (z.B. weil es widerstrebende Motive gibt) (vgl. Abele-Brehm & Gendolla, 2000). Ulich (1995) übt Kritik an dieser funktionalistischen Sicht: Die Frage nach dem „Wozu“ von Emotionen beschneide weitergehende Forschung nach dem „Warum“, weil es Emotionen in bestimmte Zweck-Mittel-Zusammenhänge stellt.

Die allgemeine, nicht auf bestimmte Emotionen reduzierte Motivationsfunktion wird im „Hedonistischen Prinzip“ beschrieben (z.B. Psychoanalyse, Lerntheorien). Danach erzeugen positive Emotionen den Wunsch, den Zustand beizubehalten, wiederzuerlangen oder zu erzeugen, bzw. negative Emotionen führen zu Vermeidung bzw. Veränderung des Zustands. Zudem können Emotionen eine Informationsfunktion erfüllen, indem sie dem Menschen die eigene Befindlichkeit rückmelden, was eine rechtzeitige und effektive Steuerung des Verhaltens ermöglicht. Emotionen werden also auch als ein Handlungskontrollsystem gesehen (vgl. Abele-Brehm & Gendolla, 2000).

Zum Einfluss von Emotionen auf das Entscheidungsverhalten haben Isen et al. (vgl. Schmidt-Atzert, 1996) einige Experimente durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass die Auswirkungen von Emotionen stark und komplex sind. Schon relativ schwache Emotionen haben einen Effekt auf das Entscheidungsverhalten, das jedoch durch unterschiedliche Rahmenbedingungen schnell kippen und sich ins Gegenteil kehren kann (Bumerang-Effekt).

Emotionen im TV-Duell

Über die Wirkung des TV-Duells war in Kapitel 3.2 zu lesen. Wovon hängt diese Wirkung ab? Wodurch kann ein Kandidat die Bürger überzeugen, seine Partei zu wählen? Sind es eher die Demonstration von Kompetenz, die guten Argumente und die Sachkenntnis? Oder lassen sich die Zuschauer leichter durch emotionale Aussagen sowie Mimik und Gestik beeindrucken?

In der Mainzer Wahlstudie (vgl. Kepplinger, 2005) werden drei Wirkursachen unterschieden, die einen Einfluss auf die Wahlentscheidung haben: Erstens, die Berichterstattung über externe Faktoren, wie die nationale und internationale politische und wirtschaftliche Lage, die Situation der Sozialsysteme und der Parteien; zweitens, interne Faktoren die im Individuum begründet sind, z.B. politische Grundhaltung, Wahltradition und die eigene Vorstellung von der Persönlichkeit und der Fachkompetenz der Politiker. Diese sind die Basis für die Kandidatenpräferenzen und Wahlabsichten. Dazu kommen, drittens, intervenierende Faktoren. Das sind einmal die Massenmedien und wie darin über die aktuellen politischen Geschehnisse berichtet wird und zum anderen die Gespräche mit Bezugspersonen der Wähler.

Diese Diplomarbeit beschäftigt sich also mit dem TV-Duell als wichtiges Medienereignis und damit als intervenierenden Faktor. Schon die Einordnung zeigt, dass dies eine Komponente von vielen ist und deren kausaler Einfluss immer im Verhältnis zu den anderen Faktoren gesehen werden muss.

Fest steht, dass der emotionalen Seite des TV-Duells in den Medien sehr große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. In vielen Artikeln stand das Auftreten der Politiker im Mittelpunkt und Argumente wurden nur am Rande behandelt (vgl. Frankfurter Allgemeine, 2005b). Schröder sei erst hölzern, dann charmant gewesen und hätte seine Liebeserklärung taktisch eingesetzt (vgl. Die Welt, 2005b); Merkel habe bleich, nervös und manchmal eingeschüchtert gewirkt (vgl. Sueddeutsche, 2005a). Bernd Oswald schreibt dazu in der Süddeutschen online:

„Das TV-Duell hat eigentlich nur einen Nutzen: Es ist eine Art Experimentallabor, in dem die Zuschauer die beiden Probanden unter gleichen Voraussetzungen unterschiedlich reagieren sehen: den Ton, in dem sie antworten, den Respekt, den sie ihrem Kontrahenten entgegenbringen, welche Pointen sie versuchen, mit welcher Mimik und Gestik sie arbeiten. Es ergibt sich im Endeffekt vor allem ein Persönlichkeitsprofil.“ (Sueddeutsche, 2005b).

Die Art der Berichterstattung kann jedoch nur als Indikator für öffentliches Interesse – nicht als Beweis einer Wirkung – gesehen werden.

1987 stellte Schenk zum Thema Persuasionskraft der Massenmedien fest, dass Studien, die die Effekte „rationaler“ und „emotionaler“ Appelle verglichen, keine Schlussfolgerung darüber zulassen, welcher der beiden Appelle wirksamer ist. Studien von Hartmann zeigten eine stärkere Überzeugungskraft emotionaler Appelle, wohingegen Experimente von Carmichael, Bowers und Weiss eine größere Wirkung rationaler Appelle nahe legten (vgl. Schenk, 1987). Widersprüchliche Forschungsbefunde werden durch eine mangelnde Abgrenzung von rationalen und emotionalen Appellen begünstigt. In der Praxis vermischen sich gewöhnlich emotionale und rationale Aspekte in einer Aussage, was natürliches Stimulusmaterial begrenzt.

Auch die neuere Forschung führt zu teilweise unterschiedlichen Ergebnissen. Nach Brettschneider (2005) sind Äußerlichkeiten wie Frau Merkels Frisur und Schröders Siegerposen für den Wahlausgang unerheblich. Das unpolitische Merkmal Sympathie spielt möglicherweise eine Rolle für die Entscheidung, wer das Duell gewinnt – für die Wahlentscheidung sei Sympathie allerdings nachrangig. Am wichtigsten sei dem Wähler die wahrgenommene Problemlösungskompetenz, Leadership-Qualitäten wie Führungsstärke, Entscheidungsfreude und Tatkraft sowie Authentizität. Besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wird auf Themenkompetenz und Ernsthaftigkeit wert gelegt.

Demgegenüber stehen Meinungen z.B. von Dörner (2005), der Bundeskanzler habe die zentralen Faktoren der Sympathie und der emotionalen Wärme (z.B. beim Liebesgeständnis an seine Frau) für seine Zwecke eingesetzt. Damit habe er Sympathie als Vehikel genutzt, um glaubwürdig zu wirken – und Glaubwürdigkeit ist die Voraussetzung, damit auch andere Argumente akzeptiert werden. Die Wähler lassen sich von solchen Eindrücken leiten und glauben am Ende, sie hätten eine rationale Entscheidung getroffen, obwohl sie sich von der Sympathie für eine Person haben leiten lassen.

Die Mainzer Wahlstudie (vgl. Kepplinger, 2005) untersucht ebenfalls die Frage nach subjektiver und objektiver Relevanz, d.h. welche Eigenschaften des Politikers Wähler als Entscheidungsgrundlage ihrer Meinung nach heranziehen, sowie welche Eigenschaften des Politikers die Wähler tatsächlich in ihrer Entscheidung beeinflussen.

Die Wähler waren überzeugt, dass sie sich ihre Meinung primär anhand der Sachkompetenzen der Politiker bilden. Als zweitwichtigstes Merkmal nannten sie die Persönlichkeitseigenschaften, v. a. Vertrauenswürdigkeit. Sympathie für einen Kandidaten hielten sie für wenig ausschlaggebend. Als objektiv relevante Kriterien zeigte sich in der Studie jedoch eine umgekehrte Hierarchie der Beweggründe: Sympathie zum Politiker gab den größten Ausschlag, gefolgt von Persönlichkeitseigenschaften. Sachkompetenzen spielen tatsächlich in der Meinungsbildung nur eine untergeordnete Rolle. Es zeigt sich also ein geringer Grad der Übereinstimmung zwischen subjektiver und objektiver Relevanz. Die Sympathie wird in ihrer Wirkung von den Wählern stark unterschätzt, die Sachkompetenz weit überschätzt, d.h. sie halten sich selbst für rationale Wähler, obwohl sie hochgradig von Emotionen beeinflusst sind. Dieses Phänomen nennt Kepplinger (2005) essentialistischen Trugschluss, weil Zuschauer ihren Eindruck nur scheinbar aufgrund von Erfahrung bilden. In Wirklichkeit beziehen sie Information über Politiker über Medien, was immer stark selektiv ist.

Dadurch, dass sich die Wähler ihres Trugschlusses nicht bewusst sind, können sie ihn nicht korrigieren. In einer Demokratie, die auf die Urteilsbildung der breiten Masse angewiesen ist, ist dieses Ergebnis von Brisanz.

Allerdings gibt es auch interindividuelle Unterschiede. Noelle-Neumann (2002) vom Allensbach-Institut weist auf die Wirkung hin, dass hauptsächlich die Menschen, die sich wenig für Politik interessieren, sich spät für eine Partei entscheiden, d.h. diese Gruppe ist für eine Beeinflussung durch das Duell am ehesten empfänglich. Die wenig Interessierten sind es auch, die ihre Entscheidung eher nach dem Gefühl treffen, wodurch die Bedeutung der emotionalen Komponente gegen Ende des Wahlkampfs immer wichtiger wird.

Die Zuschauer unterliegen noch einem weiteren Trugschluss, der Illusion der autonomen Urteilsbildung (vgl. Kepplinger, 2005): Die Informationen, über die die Bürger als Entscheidungsgrundlage verfügen, ist unausgewogen. Der Großteil der politischen Informationen stammt aus dem Fernsehen (50% gegenüber anderen Medien und Gesprächen mit Freunden. Inwieweit die Selbstauskunft der Befragten den Tatsachen entspricht, kann diskutiert werden. Nichtsdestoweniger vermittelt das Fernsehen einen sehr großen Anteil an politischen Informationen). Zudem findet im Fernsehen eine Selektion statt bezüglich dessen, was in den Medien gut zu verkaufen ist, z.B. Tendenz zu aussagekräftigen Bildern, Spitzenkandidaten, persönlichen Geschichten (vgl. Bußkamp, 2002). Beim Zuschauer entsteht der Eindruck, dass dies der Realität entspricht, obwohl diese Realität nur medial konstruiert ist. Davon wiederum bleiben nur Themen in Erinnerung, die subjektiv als besonders interessant wahrgenommen werden. Dennoch glauben die Zuschauer, ein eigenständiges Urteil gefällt zu haben (vgl. Kepplinger, 2005).

Um die Wirkung der Emotionen im Wahlkampf einzuordnen muss man außerdem den Einflussspielraum kennen, den ein Kandidat kraft seiner Sympathie haben kann. Dazu wurde im Wahlkampf 2002 gefunden, dass insgesamt 14 % der Wähler ihre Entscheidung nur aufgrund der Kandidaten getroffen haben. Sie haben also die Partei gewählt, von dessen Spitzenkandidaten sie überzeugt waren, obwohl sie eigentlich einer anderen Partei näher standen. Dabei konnte Schröder im Verhältnis 2% mehr Stimmen ziehen als Stoiber (ebd.).

Weitere differenzierte Ergebnisse zur Wirkung von Emotionen im TV-Duell 2002 finden sich bei Maurer & Reinemann (2003). 19 Schlüsselstellen wurden mittels Real-Time-Response Messung von den Zuschauern als besonders positiv oder negativ beurteilt. Auf einer Skala von 1-7 lagen diese Schlüsselstellen durchschnittlich mindestens einen Skalenwert über oder unter dem neutralen Skalenwert von 4. Ein bemerkenswertes Ergebnis war, dass konsequent die Stellen als besonders positiv beurteilt wurden, in denen Schröder und Stoiber die Emotionen der Zuschauer ansprachen. Entsprechend wenig Zustimmung fanden sie, wenn sie rational argumentierten und Fakten und Zahlen nannten. Auch Schweiger & Schrattenecker (2001) stellen fest, dass emotionale Aktivierung den gesamten Verarbeitungsprozess positiv beeinflussen kann. Woran liegt das? Einmal an der allgemeinen Verständlichkeit: Fakten sind abstrakter und schwerer verständlich als die emotionalen Appelle, die dem Zuhörer die Bedeutung der Argumente für ihr Leben verdeutlichen. Auch das spezielle Format der TV Debatte ist für diesen gravierenden Unterschied verantwortlich: Die rationalen Argumente, die genannt werden, sind großteils schon bekannt. Man weiß aber aus der Persuasionsforschung (z.B. Morley & Walker, 1987), dass die Neuheit der Argumente Voraussetzung dafür ist, dass diese Argumente beeindrucken. Die übertriebene Verwendung von Statistiken und Beweisen (egal wie relevant sie sein mögen) schadet dem Kandidaten mehr als es nützt, weil die Wähler in ihm eher einen Paragraphenreiter als einen visionären Führer sehen (vgl. Maurer & Reinemann, 2003).

Nicht nur die Fakten sind den meisten Zuschauern bekannt, die Mehrheit der Wähler hat sich überdies schon vor dem Duell eine Meinung über die Kandidaten gebildet, so dass durch rationale Argumente nur diejenigen angesprochen werden, die schon überzeugt sind; Gegner reagieren mit noch stärkerer Ablehnung. Emotionale Argumente indessen überzeugen häufiger auch die Anhänger des Kontrahenten, besonders wenn es sich um emotional verpackte Gemeinplätze handelt. In allen 19 Schlüsselstellen traten solche Gemeinplätze auf. Z.B. wurde dafür plädiert, dass sich Deutschland aus dem Irakkrieg heraushält, dass auch Kinder aus sozial schwächer gestellten Familien Abitur machen dürfen und dass Frauen in den Feldern Politik und Wirtschaft gefördert werden sollen. All dies sind Meinungen, die in Deutschland die breite Masse im Grunde für selbstverständlich erachtet. Die Taktik des Politikers, möglichst viele Gemeinplätze zu nennen, die beim Publikum Zustimmung finden, ist also weit erfolgreicher, als zu versuchen, das Publikum von seinem eigenen Standpunkt zu überzeugen. Die Social Judgement Theorie kann dies erklären: Jeder Mensch hat einen Akzeptanzbereich von Meinungen, d.h. alle schwammigen, von den Politikern geäußerten Meinungen, die in diesen Bereich fallen werden akzeptiert und sogar als der eigenen Meinung ähnlicher empfunden als sie tatsächlich sind. Umgekehrt verhält es sich mit dem Ablehnungsbereich. Meinungen, die nicht mehr akzeptiert werden, werden stärker kontrastiert wahrgenommen, als sie in Wirklichkeit sind. So liegt die Kunst darin, Aussagen möglichst allgemeingültig zu fassen um die Meinung der Mehrheit zu treffen, ohne es zu offensichtlich wirken zu lassen (ebd.).

Fragestellung der Untersuchung und methodisches Vorgehen

Fragestellung: Emotionalisierung im TV-Duell

Forschungsfrage 1

Welche emotionalen Argumente werden von den Duellanten Schröder und Merkel im TV-Duell 2005 verwendet und wie werden diese Argumente konkret ausgestaltet?

Es werden drei Theorien mit insgesamt sechs Arten von Argumenten vorgestellt, die in der Literatur als Kennzeichen emotionalisierender Argumentationsweise genannt werden: Argumentum Ad Populum, Argumentum Ad Misericordiam, Argumentum Ad Baculum, Argumentum Ad Hominem (vgl. Walton, 1992), Emotionsbenennung (vgl. Fiehler, 1990) und Argument mit positiver Valenz (vgl. Johnson et al., 2004).

Diese Theorien eignen sich um emotionale Stellen in einer Fernsehdebatte zu identifizieren und deskriptiv zu analysieren. Sie werden auf den Kontext der politischen Debatte bezogen.

Exemplarisch werden in Kapitel 5 anhand der sechs oben genannten Argumentationsweisen Textstellen aus dem Duell 2005 ausgewählt und anhand der Theorien untersucht. Pro Kanzlerkandidaten und pro theoretischen Ansatz wird jeweils eine Textstelle bestimmt (insgesamt also zwölf).

Forschungsfrage 2

Welche selbstdarstellerischen und nonverbalen Mittel treten bei der Ausgestaltung der zwölf emotionshaltigen Szenen auf?

Die Kategorien der Selbstdarstellung (vgl. Laux & Schütz, 1996) werden vorgestellt (Kap. 6.1) und in Bezug auf das TV-Duell erörtert. Dabei werden Sinneinheiten der emotionshaltigen Szenen in 30 Kategorien eingeteilt, die beschreiben, in welcher Form der bzw. die Politikerin versucht, sich selbst positiv darzustellen.

In einem nächsten Schritt (Kap. 6.2) wird ein Kategoriensystem zur Erfassung mimischen Verhaltens (vgl. Ekman, 2004) vorgestellt und für die Zwecke dieser Arbeit angepasst. Exemplarisch wird ein Standbild pro ausgewählter Szene anhand dieses Systems analysiert.

Der Gesichtsausdruck wird beschrieben und interpretiert und auf die sechs Formen emotionaler Argumente, die Kategorien der Selbstdarstellung und die Funktion im Kontext bezogen.

Methodisches Vorgehen

Am Anfang der methodischen Überlegungen müssen grundsätzliche Überlegungen über den geeigneten Zugang zur Erforschung von Emotionen stehen.

Die Psychologie konstituiert mit ihren Begrifflichkeiten die Gegenstände, die sie untersucht, in gewisser Weise mit. Zwar haben Menschen auch schon vor der psychologischen Begriffsdefinition emotional gefühlt und gehandelt, aber die Psychologie lenkt durch ihre Begrifflichkeiten und Definitionen den Forscherblick in eine bestimmte Richtung, so dass gewisse Aspekte hervorgehoben und andere vernachlässigt werden. Daraus könnte man schließen, dass nur die erlebende Person zu ihren Gefühlen einen unmittelbaren und unverfälschten Zugang hat und folglich als Zeuge seines Verhaltens Auskunft darüber geben soll – doch das Alltagsverständnis von den eigenen Emotionen ist immer auch von Fehlern und Irrtümern behaftet. Deshalb sollte das Subjekt nicht das einzige Wahrheitskriterium sein, da sonst Verzerrungen vorprogrammiert sind. Zusammengefasst kann man feststellen, dass Emotionen nicht voraussetzungslos und theorielos beschrieben werden können, sondern es werden Annahmen entwickelt, wie in der Gesellschaft Gemeinsamkeiten von Erfahrungen, Bedürfnissen und Interessen zustande kommen. Es wird davon ausgegangen, dass die Erlebnisweisen ähnlich sind, weil (bzw. wenn) sich die Menschen in Lebensweise und Lernerfahrung ähneln (vgl. Ulich, 1995).

Die erste Rahmenfrage zur Auswahl der emotionalisierenden Textstellen soll also theoriegeleitet mit Hilfe von drei Ansätzen gelöst werden, die insgesamt sechs emotionalisierende Argumentationsstrategien behandeln (vgl. Kap. 5).

Die Datenmenge bei qualitativen Inhaltsanalysen, wie hier beim TV-Duell, ist meist so groß, dass eine Totalanalyse weder zeitlich, technisch, noch finanziell möglich ist. Gängigerweise wird daher eine Auswahl des zu analysierenden Materials vorgenommen. Dabei werden drei Typen von Einheiten unterschieden: Die erste ist die Auswahleinheit, d.h. eine rein formal (physikalisch) definierte Einheit, z.B. eine Magazinausgabe oder eine ganze Rede. Hier ist das TV-Duell die Auswahleinheit. Diese enthält die sog. Analyseeinheit. Die Analyseeinheit ist inhaltlich zu definieren und zu untersuchen, sie kann z.B. aus einem Wort, einem Satz oder einem Sinnzusammenhang bestehen. Hier sind die Analyseeinheiten die zwölf ausgewählten Szenen. Da die zwölf Szenen jeweils aus mehreren Sätzen bestehen, muss keine Kontexteinheit mehr bestimmt werden. Eine solche ist nur notwendig, wenn die Analyseeinheit nicht ohne Bezug auf den weiteren Kontext auf die Analyseziele hin untersucht werden kann (vgl. Merten, 1995).

Zur Auswahl der Analyseeinheiten stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Das sind die willkürliche Auswahl, die bewusste Auswahl (z.B. Auswahl typischer Fälle oder Quotenauswahl) oder die Wahrscheinlichkeitsauswahl (z.B. Zufallsauswahl oder Klumpenauswahl). In der Inhaltsanalyse ist die bewusste Auswahl das Verfahren, welches am häufigsten verwendet wird, da keine Statistik und vorhergehende Codierung wie bei der Zufallsauswahl erforderlich ist und sie daher mit weniger Aufwand verbunden ist. Für die Zwecke dieser Diplomarbeit bietet sich die theoriegeleitete Auswahl typischer Fälle an. Es werden bei diesem Verfahren typische Fälle ausgewählt, die als besonders charakteristisch für die Fragestellung gelten. Eine Szene soll dann als typisch gelten, wenn sie die Merkmale, die in der Literatur für die jeweilige emotionalisierende Argumentationsstrategie genannt werden, enthält (ebd.).

In einem zweiten Analyseschritt (Kap. 6) wird das ausgewählte Material mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse anhand von zwei Kategoriensystemen genauer beschrieben und charakterisiert. Daher soll auf diese Methode kurz eingegangen werden:

„Unter qualitativer Sozialforschung verstehen die Sozialwissenschaften eine sinnverstehende, interpretative wissenschaftliche Verfahrungsweise bei der Erhebung und Aufbereitung (Datenanalyse) sozial relevanter Daten.“ (Qualitative Sozialforschung, 2006).

Aus mehreren Gründen wurde für diese Diplomarbeit eine qualitative Vorgehensweise gewählt: Qualitative Sozialforschung geht offen an ein Thema heran; es werden im vornherein keine Hypothesen gebildet, sondern, wie oben, Forschungsfragen formuliert.

Es gibt bisher nur wenige Studien zum Thema Emotionalisierung in TV Debatten und daher noch kaum gesicherte Ergebnisse als Ausgangspunkt für die dargelegte Fragestellung, auf die sich die Untersuchung stützen könnte. Es fehlt schon an grundlegender Forschung darüber, welche Strategien Politiker überhaupt nutzen, um die politischen Inhalte, die sie vertreten, überzeugend und wirkungsvoll zu formulieren:

„We know very little about the rhetorical content of campaigns, which is, however, their principal feature“ (Riker, 1996 in Jerit, 2004, S. 563). „Given the rich tradition of studying campaign effects, this is a curious void.“ (Jerit, 2004. S. 563).

Über spezielle Strategien der Politiker, wie etwa gezielten Emotionalisierungs-versuchen wird noch weniger systematisch geforscht, so dass kaum Theorien vorliegen, die den Einsatz von emotionalisierenden Argumenten beschreiben, erklären oder interpretieren:

„Die Wirkung von emotionalen Appellen ist dagegen seltener untersucht worden. Dies liegt vermutlich daran, dass es sich hierbei nicht – wie bei der Verwendung von Evidenzen – um reines Textmaterial handelt.“ (Maurer & Reinemann, 2003, S. 125).

Dazu kommt, dass sich die angewendeten Emotionalisierungsstrategien individuell von Politiker/in zu Politiker/in stark unterscheiden und es sich stets um Einzelfälle handelt. Es werden also ideographische Aussagen getroffen. – Obwohl es theoretisch denkbar wäre, auch im Rahmen von Einzelfallanalysen zu verallgemeinerbaren Aussagen zu gelangen (vgl. Bortz & Döring, 2002). Für eine qualitative Herangehensweise spricht außerdem die Einzigartigkeit der Situation, die so nicht wiederholbar ist (Feldstudie).

In dieser Diplomarbeit ist das zu untersuchende Datenmaterial – das TV-Duell – schon vorhanden und die darauf anzuwendenden Theorien sind schon entwickelt. Obwohl die Anwendung von vorhandenen Kategorien auf das Material als deduktives Vorgehen gilt, wurden die einzelnen Faktoren der Kategoriensysteme ursprünglich induktiv herausgefiltert, sie sind also keineswegs frei von logischen Fehlschlüssen und müssen dementsprechend kritisch behandelt werden (ebd.).

Durch qualitative Methoden kann die innere argumentative Struktur von Phänomenen und Sichtweisen dargestellt werden. Damit einher geht häufig der Vorwurf der Subjektivität bei der Datenerhebung und Interpretation. Unter den zahlreichen Sub-Paradigmen der qualitativen Forschung gibt es allerdings Methoden, die stark interpretieren und schwerer nachvollziehbar sind, wie z.B. die Hermeneutik und es gibt Methoden, die besser zu dokumentieren und nachvollziehbar sind, wie z.B. die Grounded Theory oder die qualitative Inhaltsanalyse (vgl. Wikipedia, 2006a).

Die Inhaltsanalyse eignet sich, um Rückschlüsse von sprachlichem Material auf nicht-sprachliche Phänomene zu ziehen; aber auch andere Repräsentationsformen, die auf irgendeine Weise soziales Handeln fixieren, können inhaltsanalytisch gedeutet werden, z.B. Bilder, Gestik, Mimik und filmisches Material (vgl. Mayring, 2003).

Emotionen werden zumindest teilweise auf nicht-verbale Weise ausgedrückt und obwohl es nicht um die Emotionen geht, die Frau Merkel und Herr Schröder selbst empfinden, sondern um das, was bei den Rezipienten als Emotion kommuniziert wird, bietet es sich an, das nonverbale Ausdrucksverhalten der Politiker mit zu untersuchen, weil authentisch wirkendes expressives Verhalten Emotionen beim Betrachter auslöst (vgl. Kap. 5.3 und 6.2.1).

Bisher steht die Erforschung der Emotionen also noch am Anfang, d.h. qualitative Forschung kann ein geeigneter Weg sein, um Hypothesen zu generieren, wo ausgereifte Modelle noch fehlen (vgl. Ulich, 1995).

Absichten und Einstellungen des Kommunikators, also des Kanzlerkandidaten, können dabei nicht nur in Hinblick auf dessen Persönlichkeitsmerkmale interpretiert werden, sondern auch auf die gesellschaftliche Situation, Werte und Normen bezogen werden. Im alltäglichen Sprachverstehen wird immer von der Inhaltsebene der Sprache auch auf das geschlossen, was implizit mitkommuniziert wird. Menschen nehmen ihre Umwelt nicht objektiv und nur konstatierend wahr, sondern immer in Bezug auf verinnerlichte feste Schemata, die erklären, wie die Welt funktioniert. Die Inhaltsanalyse systematisiert und objektiviert diesen intuitiven Vorgang, so dass er wissenschaftlich nachvollziehbar wird (vgl. Lamnek, 2005).

Es kann vom Inhalt nicht nur auf den Kommunikator, sondern auch auf den Rezipienten und auf die Situation geschlossen werden. Der kommunikative Inhalt, so wird unterstellt, ist bei Politikern niemals absichtslos. Er soll eine Wirkung auf den Rezipienten ausüben, und alle möglichen intendierten Wirkungen (sympathisch, kompetent, glaubwürdig, etc.) dienen im TV-Duell dem übergeordneten Ziel, der eigenen Partei zu Wählerstimmen zu verhelfen (vgl. Schütz, 1992).

In dieser Studie interessiert die Wirkung auf den Rezipienten. Der Schluss vom Kommunikator auf den Rezipienten ist allerdings nicht voraussetzungslos. Während der Inhalt immer in einer direkten Beziehung zum Kommunikator steht, weil dieser ihn gedacht und formuliert hat, kann beim Zuschauer nicht davon ausgegangen werden, dass jener den Inhalt auch aufgenommen hat (vgl. Merten, 1995).

Merten (1995) systematisiert die Analyse von Intention des Kommunikators und Wirkung beim Rezipienten (vgl. Tab. 1): Damit beim Rezipienten eine Wirkung eintritt, muss der Inhalt zunächst physikalisch den Rezipienten erreichen. Dies wird für die Inhaltsanalyse vorausgesetzt. Des Weiteren muss der Inhalt syntaktisch verständlich sein, d.h. der Kommunikator muss die Inhalte so verständlich formulieren, dass sie zumindest formal beim Rezipienten ankommen, also rezeptabel sind. Auf der semantischen Ebene wird vorausgesetzt, dass die Bedeutung der verwendeten Formulierungen bei Kommunikator und Rezipient übereinstimmen. Da die Wähler aus dem gleichen Kulturraum wie die Kanzlerkandidaten stammen, kann dies angenommen werden.

Diese Diplomarbeit setzt mit der Untersuchung auf der nächst höheren Stufe, der pragmatischen Ebene, ein. Bei der Wirkungsanalyse geht es um die inhaltliche Beeinflussung des Rezipienten, die nur erreicht werden kann, wenn die Inhalte nicht nur irgendwie verstehbar, sondern für die bezweckte Wirkung geeignet vorgetragen werden. Nicht nur die Denotation sondern auch die Konnotation, also die subjektiven Assoziationen zu Formulierungen oder Argumenten sollten zwischen Kommunikator und Rezipient übereinstimmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Analogie der Analyse von Intention des Kommunikators und Wirkung beim Rezipienten (exemplarisch) (vgl. Merten, 1995, S. 32).

Theorien zur Auswahl des Materials

Politische Argumentation im Wandel der Zeit

Die Politik ist das klassische Gebiet der Rhetorik und Argumentation und lässt sich in Europa bis in die Antike zurückverfolgen. Platon, Aristoteles u. a. antike Philosophen prägten die „Kunst der Gesprächsführung“ und die Regeln der Logik (vgl. Wikipedia, 2006b).

Als Argument bezeichnete man eine Aussage, die die Funktion hat, eine aufgestellte Behauptung so zu begründen, dass diese vom Zuhörer akzeptiert wird. Vollständige Argumente bestanden aus einer umstrittenen Äußerung, die bewiesen werden sollte und aus einem grundlegenden Prinzip oder einer Regel, die den Geltungsanspruch begründete. Wenn der Zuhörer jedem einzelnen Argumentationsschritt zustimmte, musste logischerweise auch die Schlussfolgerung daraus gelten (vgl. Metzler Lexikon Sprache, 2006).

In der Antike wurde der Verstoß gegen die Regeln der Dialektik mit Ausschluss von der Diskussion bestraft. – Diese Regeln gelten heute in der Politik nicht mehr und als Argumente gelten auch unlogische und unvollständige Aussagen, die nicht auf ihre Logik hin überprüft werden. In der natürlichen Sprache sind elliptische Argumente, bei denen Prämissen oder Schlussfolgerungen nicht explizit genannt werden, die Regel, da der Zuhörer, wenn er über das Kontextwissen verfügt, den Sinn erschließen kann. Die Wirkung kann durch solch redundantes Vorgehen sogar erhöht werden, weil es einen natürlichen und lebendigen Eindruck vermittelt.

Traditionell wurden in der Philosophie alle emotionalen Argumente als logische Fehlschlüsse behandelt, da sie den Zuhörer dazu verleiten, unüberlegt Ideen zu akzeptieren, die in einer theatralischen, beeindruckenden Weise vorgebracht werden. Emotionale Argumente galten als Trugschluss, weil sie an die niederen Instinkte des Menschen appellieren und ihn aus Leidenschaft anstatt aus der Vernunft heraus lenken.

Emotionale Appelle können auch dazu dienen, logisch schwache Argumente stärker scheinen zu lassen oder die mangelnde Relevanz eines Arguments zu verbergen. Sie stützen sich nur auf Annahmen, können aber letztlich nicht bewiesen werden. Die Vorurteile der Zuhörer werden durch die Emotionen geweckt und zu Gunsten des Sprechers nutzbar gemacht. Während bei Aristoteles das Konzept des Trugschlusses eine absichtliche Täuschung des Zuhörers voraussetzte (welche nie letztlich be- oder widerlegt werden kann), wird dieser Unterschied in neueren Konzepten nicht mehr gemacht. Das relevante Kriterium liegt also nicht länger im Sprecher selbst, sondern im Gesprochenen (vgl. Walton, 1992).

Keineswegs aber waren in der Antike Emotionen in der Rhetorik verpönt. Eine gelungene Rhetorik bestand aus der Einheit von Ethos, Pathos und Logos, womit gemeint war, dass der Politiker vernünftige, rationale Argumente gebrauchen solle, die auf die grundlegenden Werte der Gesellschaft bezogen werden um den Zuhörern die Bedeutung der Redeinhalte für ihr eigenes Leben zu verdeutlichen (vgl. Rupps, 2006).

Die Vertreter der „Neuen Rhetorik“ der 50er Jahre (z.B. Perelman, Toulmin) interessierten sich nicht mehr für die Figurenlehre und Stilistik der antiken Rhetorik, sondern stellten den Nützlichkeitsaspekt einer überzeugenden Argumentations-theorie in den Vordergrund. Argumentation wird weniger formal und daher alltagsnäher als eine Bearbeitung von mangelnder Übereinstimmung gesehen (vgl. Jahnel, 2000).

In diesem Sinne wird in der Diplomarbeit auch nicht die Ästhetik, Kunstfertigkeit, Logik und Eleganz der Argumente untersucht, sondern ihre emotionale Ausgestaltung.

In einer TV Debatte werden Argumente auf eine spezielle Weise vorgebracht, die nur partiell mit unserer alltäglichen Argumentationsweise zu vergleichen ist.

Oft wird eine Debatte mit einem Überzeugungsdialog oder mit einem Streit verwechselt. Bei einem Überzeugungsdialog wird allerdings die Bereitschaft der Diskutanten vorausgesetzt, sich von den Argumenten des Kontrahenten überzeugen zu lassen, wenn seine Argumente die besseren sind. – Unvorstellbar in einer TV Debatte, in der die Rollen klar verteilt sind und es auch bleiben.

Bei einem Streit handelt es sich um einen sachlichen und emotionalen Austausch von Argumenten zwischen zwei Personen oder Parteien. Eine Debatte dagegen ist ein Schlagabtausch zwischen zwei Personen, allerdings mit dem Ziel, eine dritte Partei, nämlich die Zuschauer, zu überzeugen (triadische Kommunikation). Die Debatte hat damit eristischen Charakter, d.h. die Entscheidung, wessen Argumente überzeugen, wird nicht mehr nach logischen Gesichtspunkten getroffen, sondern beide konkurrierende Parteien bringen ihre schlagkräftigsten Argumente auf den Tisch und lassen das Publikum über den Sieg des besseren Diskutanten entscheiden. Eine andere Charakteristik der TV Debatte ist die Beschränkung der Rede durch vorher festgelegte Regeln, über die sich alle Teilnehmer einig sein müssen. Wie sehr eine Debatte sich dem Streit nähert und wie rational bzw. emotional sie geführt wird, hängt davon ab, wie streng die Regeln (auch logischer Natur) sind und wie streng auf ihre Einhaltung gepocht wird. Manchmal werden durch Regeln Zeitvorgaben festgelegt oder bestimmte Arten von Attacken ausgeschlossen. In britischen Parlamentsdebatten darf der Kontrahent z.B. nicht beleidigt werden (indem er z.B. ein Lügner genannt wird). Wenn die Argumente nur schlecht, aber nicht verboten sind, obliegt es dem Kontrahenten diese aufzudecken und zu thematisieren (vgl. Walton, 1992).

Beim TV-Duell war die Interaktion primär auf ein Wechselspiel zwischen Kanzlerkandidat/in und Moderator/in ausgelegt, also formal wie in einem Interview. Bei den Interaktionen zwischen den Kanzlerkandidaten kann man formal von einer Diskussion sprechen. Fließende Übergänge zwischen Diskussion und Interview sind im Fernsehen üblich. Auch das Interviewformat ist ausschließlich auf die imaginäre Masse hin ausgelegt, wobei meistens der Kontrahent oder der Moderator von den Politikern angesprochen und selten auf das Publikum Bezug genommen wird (vgl. Jahnel, 2000) – eine Ausnahme ist Merkels Ausspruch „Jetzt muss ich noch ein Wort für die Zuschauerinnen und Zuschauer sagen.“ (TV-Duell, 2005, S. 14) und die Schlussstatements, die die Zuschauer persönlich ansprechen. Es herrscht also eine Diskrepanz zwischen dem Gesprächsverhalten, welches sich auf die Anwesenden beschränkt (Binnenkommunikation) und dem eigentlichen Handlungsziel, nämlich der Überzeugung der Zuschauer (Außenkommunikation).

An diese im Fernsehen häufig vorkommende Doppelbödigkeit sind Fernseh-zuschauer allerdings gewöhnt. Die eigene Realität der Fernsehdiskussion wird vom Publikum großteils durchschaut. Sie wissen, dass die Kanzlerkandidaten zu dem Zweck miteinander diskutieren um das Publikum zu beeindrucken und rechnen daher auch mit selbstdarstellerischer Argumentation und Image fördernden Verhaltens-weisen (vgl. Jahnel, 2000).

Argumentum Ad

Im Folgenden werden die vier emotionalen Argumente Argumentum Ad Populum, Argumentum Ad Misericordiam, Argumentum Ad Baculum und Argumentum Ad Hominem vorgestellt (vgl. Walton, 1992). Es gibt eine ganze Reihe von weiteren Argumentum Ad Typen, z.B. Argumentum Ad Ignorantium (etwas ist wahr, weil das Gegenteil nicht bewiesen ist), Argumentum Ad Verecundiam (etwas ist wahr, weil ein Experte es gesagt hat) oder Argumentum Ad Antiquitatem (etwas ist wahr, weil es schon immer so gewesen ist) (vgl. Lowder, 1997). Whatley (1936, zitiert in Walton, 1992) gruppierte die vier Argumente Ad, auf die sich hier beschränkt werden soll, weil ihnen gemeinsam ist, dass sie besonders stark an Emotionen appellieren, häufig in Diskussionen vorkommen und zu den typischen logischen Fehlschlüssen gehören.

Die den vier Argumenten Ad zu Grunde liegenden Überlegungen gehen bis auf Aristoteles zurück. Locke gab ihnen 1690 die heute gebräuchlichen Namen. Den emotionalen Argumenten steht das Argumentum Ad Rem (lat. Res = Sache), auch genannt Argumentum Ad Judicium (lat. Judicium = Urteil) gegenüber, welches streng den Regeln der Logik folgt, z.B. Argument, ggf. mit Beispielen – Prämisse – Konklusion. Nach Whatley ist das Argumentum Ad Rem den emotionalen Argumenten überlegen, weil es sich ausschließlich auf den objektiven Sachverhalt, der mit der Vernunft nachzuvollziehen ist, beschränkt Walton (1992) dagegen erörtert Situationen, in denen emotionale Argumente den rationalen überlegen sind, ohne dass es sich dabei um einen Trugschluss handelt. Er weist auf die jeweiligen Umstände hin, unter denen emotionale Argumente wünschenswert und sinnvoll sind.

Argumentum Ad Populum

Das Argumentum Ad Populum (lat. Populus = Volk) ist ein Argument, das durch die Betonung von allgemein gültigen Werten, Einstellungen und Empfindungen die Gefühle anrührt. Eine Annahme wird als wahr akzeptiert, weil viele oder alle daran glauben oder eine Annahme wird verworfen, weil die Mehrheit anderer Meinung ist.

Es spricht die Empfänglichkeit und Sehnsucht des Zuhörers an, sich als Teil einer Gruppe zu fühlen. Der Zuhörer wird verführt, die von einer attraktiven Gruppe vermeintlich akzeptierte Meinung zu übernehmen. Umgekehrt kann der Sprecher auch versuchen, sich als Teil der Gruppe darzustellen, die er zu beeindrucken wünscht, damit diese ihn als einen von ihnen akzeptiert. Auch im Marketing wird häufig betont, wie populär und verbreitet ein Produkt ist (vgl. Walton, 1992).

In der Logik wird das Argumentum Ad Populum als trugschlüssig bezeichnet, weil die alleinige Tatsache, dass etwas von vielen Menschen geglaubt und unterstützt wird, noch kein Beweis dafür ist, dass dieser Glaube korrekt ist. Wenn der Glaube von einem Individuum falsch sein kann, kann auch der Glaube von vielen falsch sein. Beispielsweise ist die Tatsache, dass Milliarden Menschen auf der Welt an Gott glauben, kein Beweis seiner Existenz; und Sklavenhaltung war früher moralisch allgemein akzeptiert, obwohl es in der heutigen Zeit als unmoralisch gilt. Allein dass viele Menschen etwas gut heißen, beweist also streng genommen gar nichts. Es gibt aber auch Ausnahmen, in denen es klug ist, mit der Meinung der Masse zu argumentieren. Das demokratische System gründet sich darauf, dass dem Willen der Mehrheit genüge getan wird, weil das Gesetz nicht objektiv zu definieren ist. Das Argument, dass die Mehrheit der Menschen einer Steuerreform zustimmt, ist daher ein hinreichender Grund, die Reform zu verwirklichen. Auch in Ermangelung besseren Wissens kann es klug sein, sich der Meinung anderer anzuschließen, z.B. als Fremder in einem Land den Sitten der Einheimischen zu folgen (vgl. Wikipedia, 2006c). Obwohl in dieser Diplomarbeit das interessierende Kriterium die emotionale Ausgestaltung eines Argumentes und nicht seine Logik ist, erscheint es angebracht, die Trugschlussproblematik zu erwähnen. Wenn der Trugschluss nämlich zu offensichtlich ist und vom Zuhörer durchschaut wird, kann sich dies auf die Wirkung des Argumentes und die Glaubwürdigkeit und Beliebtheit des Politikers niederschlagen.

Kienpointer (2002) beschäftigt sich mit der populistischen Topik des rechten österreichischen Politikers Jörg Haider. Dieser war bis 2005 Vorsitzender der FPÖ, deren relativ großer Erfolg untrennbar mit dem Zugpferd Haider und seiner extrem populistischen Rede verbunden war.

Ein Beispiel zur Variation „Etwas ist wahr, weil alle es glauben“:

„NEWS: Gibt es, im Nachhinein gesehen Dinge, die Sie bereuen?

HAIDER: Nur das Gesamtergebnis ist zu beurteilen.[2] Die FPÖ ist heute die erfolgreichste Partei in Europa, die nicht der Linken angehört. Also kann ich so viel nicht falsch gemacht haben.“ (Kienpointer, 2002, S. 133).

Ein Beispiel zu Variation „Sich als Teil einer Gruppe darstellen“:

„HAIDER: Da gibt´s viele berechtigte Anliegen, die man + nicht + einfach + sozusagen ignorieren darf.[3] Was kann ein Bauarbeiter dafür, der also a Leben lang fleißig goaweitet hat und/und/und in der Kälte und in der Nässe gstanden is und dann ä/Ischias hat oder/oder ein Bandscheibenleiden hat und dann in die FRÜHpension gehen muss? Was kann der dafür, dass der Staat schlecht gewirtschaftet hat?“ (Kienpointer, 2002, S. 130).

Die Zugehörigkeit zur Gruppe wird in diesem Beispiel durch die dialektgefärbte und umgangssprachliche Form verwirklicht um in der Redeweise Bürgernähe zu demonstrieren und sich auch den einfachen Menschen verbunden zu zeigen. Rein inhaltlich besitzt das Argument neben Anteilen des Argumentum Ad Populum (Konsens in der Gesellschaft, dass der fleißige Arbeiter ordentlich entlohnt werden muss) auch Anteile des Argumentum Ad Misericordiam (Mitleid erzeugen, vgl. auch Kap. 5.2.2). Eine Mischung dieser beiden Argumente ist häufig zu finden und wird von Walton (1992) als Miserpop-Argument bezeichnet.

Aber auch respektable Politiker anderer Parteien z.B. Tony Blair oder Bill Clinton argumentieren häufig populistisch, allerdings weit weniger aggressiv und skrupellos als Haider (vgl. Kienpointer, 2002).

Manche Appelle sind Gemeinplätze, die von allen geteilt werden, aber nichts zur Meinungsbildung beitragen. Sie erfüllen dennoch den Zweck, gemeinsame Gefühle und eventuell sogar Massenenthusiasmus zu wecken, die dem Sprecher zu Gute kommen. (Vgl. dazu die Ausführungen zur positiven Rezeption emotionaler Gemeinplätze in Kap. 3.4).

[...]


[1] Zu Gunsten der besseren Lesbarkeit wird auf die Schreibweise der/die Politiker/in verzichtet. Im Folgenden ist mit der Bezeichnung Politiker ebenfalls die Politikerin gemeint.

[2] Die kursiven Hervorhebungen der emotionalen Stellen erfolgten in allen Beispielen mit Jörg Haider durch Kienpointer, (2002).

[3] In diesem Zitat erfolgten die paralinguistischen Kennzeichnungen durch Kienpointer (2002).

Details

Seiten
272
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656464990
ISBN (Buch)
9783956870446
Dateigröße
3.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231344
Note
Schlagworte
Angela Merkel Kanzlerin Politik Deutschland CDU

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Titel: Angela Merkel. Mensch und Politikerin