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Aristoteles und die Frage der Gerechtigkeit. Darstellung und Interpretation

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die philosophische Methode des Aristoteles

2. Die Gerechtigkeit als Charakterdisposition (Tugend)

3. Die zwei Formen der Gerechtigkeit
3.1. Die Gerechtigkeit im allgemeinen Sinn
3.2. Die Gerechtigkeit im speziellen Sinn

4. Die Gerechtigkeit im Verteilen

5. Die Gerechtigkeit im Austausch und Handel

6. Zusammenfassung und Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Aristoteles konstatiert in der Nikomachischen Ethik, dass das höchste vom Menschen erstrebte Gut die Eudaimonia (Glück bzw. das gute Leben) ist. Er klärt darüber auf, wie der Mensch dieses durch jede bewusste Handlung indirekt erstrebte Gut durch tugendhaftes Verhalten erreichen kann. Eine Schlüsselstellung bei der Erlangung der Eudaimonia für den Einzelnen, die niemals ohne das Gelingen der Gemeinschaft (Polis) zu denken ist, nimmt dabei die Gerechtigkeit ein.

Bereits Platon, der Lehrer des Aristoteles, widmet der Gerechtigkeit und der gerechten Gesellschaftsordnung große Teile seines Hauptwerkes „Der Staat“. Aristoteles wird um der Wahrheit willen mit einigen Ideen in Platons Denken brechen und andere weiterentwickeln.

Die Gerechtigkeit hat in Aristoteles Nikomachischer Ethik (EN) eine besondere Stellung unter den Tugenden. Ein erster Hinweis auf die Bedeutung und die besondere Stellung der Gerechtigkeit ist, dass Aristoteles dieser ein eigenes Kapitel (Buch Nr.5) in der EN widmet.

Die komplexe Struktur der Gerechtigkeit als Tugend zu untersuchen und deren besondere Stellung unter den Tugenden herauszuarbeiten, soll das Ziel dieser Hausarbeit sein. Aufgrund der enormen Komplexität des Themas wird diese Hausarbeit den Schwerpunkt der Betrachtungen auf die Gerechtigkeit als Tugend legen und die Gerechtigkeit in den Institutionen und der Politik nur am Rande berühren.

Ausgegangen wird von folgenden Vorüberlegungen: Die Gerechtigkeit als die Gesamtheit aller Tugenden ist ein übergeordnetes und harmonisierendes Prinzip. Ihr ordnendes und Stabilität stiftendes Wesen ist Grundbedingung für das gute Leben des Menschen als soziales bzw. politisches Lebewesen (Zoon Politicon).

Der Gegenbegriff zur Gerechtigkeit ist die Ungerechtigkeit und es wird sich zeigen, dass die Ungerechtigkeit die positiven Wirkungen der Gerechtigkeit auf den einzelnen Charakter und auf die Gemeinschaft negiert.

In welche Klarheit oder tiefe Nachdenklichkeit uns die Betrachtung der Gerechtigkeit führen wird, davon mag uns dieses Zitat des Aristoteles eine erste Ahnung vermitteln:

Denn vielleicht ist es nicht dasselbe,
ein guter Mensch zu sein und ein guter Bürger
in irgendeinem Staat.“ (EN S.166)

1. Die philosophische Methode des Aristoteles

Aristoteles beschreibt sein Vorgehen so: „Wir müssen nun die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit untersuchen und fragen, mit welchen Handlungen sie zu tun haben, was für eine mittlere Disposition (Haltung) die Gerechtigkeit ist und zwischen welchen Extremen das Gerechte die Mitte ist. Unser Verhalten wird dasselbe sein wie bei den vorausgehenden Untersuchungen.“ (EN S.159)

Die Methode zur Bestimmung der Gerechtigkeit ist also die Suche nach der Gerechtigkeit als einer Mitte, dies entspricht dem allgemeinen Vorgehen des Aristoteles bei der Bestimmung der Tugenden. Es wird sich jedoch zeigen, dass die Gerechtigkeit nicht so ohne weiteres als eine Mitte aufzufassen ist, wie es bei den anderen Charaktertugenden der Fall war.

Das Verständnis und die Bedeutung des Gerechtigkeitsbegriffes werden nun in verschiedenen Etappen entwickelt, wobei zunächst das allgemeine Verständnis verhandelt wird und im weiteren Verlauf der Begriff immer weiter ausdifferenziert wird. Aristotles beginnt in der Regel damit, die etablierten Meinungen der Menschen zu dem jeweiligen Thema zu nennen und von diesem Allgemeinverständnis aus eine immer genauer werdende begriffliche Analyse des zu klärenden Sachverhaltes zu betreiben.

2. Die Gerechtigkeit als Charakterdisposition (Tugend)

Eine vorläufige und allgemeine Bestimmung der Gerechtigkeit, bzw. der Ungerechtigkeit als der ihr entgegengesetzte Begriff, zeigt nach Aristoteles an, dass die Gerechtigkeit etwas ist, dass die Menschen dazu bringt das Gerechte zu wünschen und dieses auch zu tun. Für die Ungerechtigkeit gilt der umgekehrte Fall, hier wird das Ungerechte gewünscht und entsprechend gehandelt. (Vgl. EN S.159) Bei der Gerechtigkeit und der Ungerechtigkeit handelt es sich um ein Gegensatzpaar dessen Pole sich gegenseitig ausschließen, das entspricht einer ersten begrifflich-formalen Annäherung. Nun wird hier bereits deutlich, dass die gerechte Handlung wohl kaum auf die Mitte zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit abzielen kann, wie das bei den anderen Tugenden stets der Fall war, sondern dass sie sich allein auf den positiven Pol des Gegensatzpaares bezieht, nämlich den der Gerechtigkeit. Eine erste wichtige Besonderheit der Tugend der Gerechtigkeit, in Abgrenzung zu klassischen „Tugenden der Mitte“ wie beispielsweise dem Mut als der Mitte zwischen Ängstlichkeit und Tollkühnheit, ist damit bestimmt. Gerechtigkeit ist aber dennoch eine Mitte, von welcher besonderen Art diese ist, das wird sich im weiteren Verlauf der Rekonstruktion zeigen.

3. Die zwei Formen der Gerechtigkeit

Aristoteles klärt im weiteren Verlauf seiner Ausführungen zum Gerechtigkeitsbegriff darüber auf, dass es mehrere Bedeutungen der Begriffe Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit gibt. Es wird gezeigt, dass ein Verhalten auf zumindest zwei verschiedene Weisen gerecht genannt werden kann. Zum einen dadurch, dass sich eine Person an die Gesetze hält und zum anderen dadurch, dass sie eine positive innere Einstellung der Gleichheit gegenüber hat. Aristoteles äußert sich dazu folgendermaßen: „Das Gerechte ist also das Gesetzliche und das Gleiche, das Ungerechte das Gesetzwidrige und Ungleiche.“ (EN S.161) Diese Mehrdeutigkeit des Gerechtigkeitsbegriffes und der damit einhergehende doppelte Bezug (auf das Gesetz und auf die Gleichheit) ist ein weiterer Unterschied zu den klassischen Tugenden der Mesotes-Lehre.

Der ungerechte Mensch befindet sich überwiegend im Handlungsmodus des Mehrhabenwollens (pleonexia), also der Habgier. Er strebt nach der Ungleichheit in zwei Weisen: Zum einen will er mehr Güter, die sich auf ein äußeres Glück (eutychia) beziehen, als ihm zustehen (mitunter auch mehr als ihm gut tun) und zum anderen will er weniger von solchen Dingen die allgemein Übel sind, die zu vermeiden ihm folglich als ein Gutes erscheint. Er strebt also in beiden Fällen, und das ist die ausschlaggebende Gemeinsamkeit beider Weisen des ungerechten Strebens, eine Ungleichheit zu seinem Vorteil an. (Vgl. EN S.161) Diese Verquickung der Gerechtigkeit als das, was sich zum einen als das an Gesetzen orientierte Handeln zeigt und zum anderen einer speziellen Charakterdisposition entspricht, gilt es im Folgenden weiter zu untersuchen.

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Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656477525
ISBN (Buch)
9783656478911
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231275
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Antike Gerechtigkeit Tugend Recht Philosophie Nikomachische Ethik Ethik Tugendlehre

Autor

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Titel: Aristoteles und die Frage der Gerechtigkeit. Darstellung und Interpretation