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„Wie ticken Jugendliche?“

Eine kritische Analyse zu den Befunden der Sinus-Studie 2012 als aktuelle Zeitsignatur

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 22 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Design und Methodik der Studie

3. Das Lebenswelten-Modell

4. Die zentralen Befunde der Studie in der Diskussion
4.1 Pluralisierung der Lebensformen
4.2 Jugendliche und Internationalisierung der Lebensverhältnisse

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Seminar befasste sich mit aktuellen Zeitsignaturen, also langfristig erkennbaren gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen, besonders in Bezug auf die Pluralisierung von Lebensformen und die Internationalisierung der Lebensverhältnisse. In diesem Zusammenhang möchte ich mit der vorliegenden Hausarbeit eine weitere aktuelle Zeitsignatur, die Sinus-Studie 2012, analysieren. Die Studie befasst sich mit der Darstellung der Lebenswelten von 14 – 17-jährigen in Deutschland lebenden Jugendlichen. Ziel dieser Arbeit ist es einerseits die Befunde und das diesen zugrundeliegende Lebenswelten-Modell der Sinus-Studie 2012 vorzustellen und andererseits durch eigene kritische Anmerkungen zu einem weiteren Dialog anzuregen.

Ausschlaggebend für die Beschäftigung mit den Befunden der Sinus-Studie waren zwei Zeitungsartikel. Die Berliner Morgenpost berichtete jüngst über die Veröffentlichung der Sinus-Ergebnisse 2012 und titelte:

„Jugendliche wollen hart arbeiten und hart feiern: 14 – 17-Jährige haben kein Interesse an Rebellion. Sie sehnen sich nach Sicherheit und reagieren pragmatisch auf Leistungsdruck“ (Berliner Morgenpost, 28.03.12: http://www.morgenpost.de/politik/article106130652/Jugendliche-wollen-hart-arbeiten-und-hart-feiern.html, Zugriff am: 02.08.2012).

Der Artikel gab Aufschluss über die zentralen Befunde und animierte mich zur eingehenden Beschäftigung mit der Studie. Des Weiteren entdeckte ich in der Ausgabe 02/2012 des Focus Schule den Artikel „Therapiewahn: Was ist noch normal?“

(http://www.focus.de/schule/gesundheit/medizin/tid-26041/therapiewahn-was-ist-noch-normal_aid_725869.html, Zugriff am: 02.08.2012). Plakatiert wird hier, dass sich jedes zweite Kind in Deutschland in Therapie befände. Es gibt auf der einen Seite mehr Verhaltensauffälligkeiten als früher, andererseits künstlich hochstilisierte Probleme, aufgrund des von allen Seiten geschärften Bewusstseins, und der dadurch gewachsenen Verantwortung der Eltern für die „richtige“ Erziehung ihrer Kinder. Auch das Wissen über bestimmte Verhaltensstörungen ist gestiegen und wird populärwissenschaftlich ausgeschlachtet, sodass die Diagnosehäufigkeit, z. B. von ADHS im Jahr 1991 von 1500 Fällen auf eine Rate von aktuell 700.000 Fällen(!) (vgl. ebd.) angestiegen ist, was einem Zuwachs von ca. 467% entspricht. Vielfach werden Kinder falsch diagnostiziert und vermeintliche Symptome überbewertet, nicht zuletzt auch aufgrund eines gewachsenen medialen Interesses (Supernanny, Die strengsten Eltern der Welt, Erziehungs-Coachs, Elternführerschein, Erziehungsratgeber etc.) an der „richtigen“ Erziehung und Entwicklung von Kindern. Die große mediale Aufmerksamkeit bedeutet zugleich ein stetig wachsendes öffentliches Interesse bis hin zum „Schein-Expertentum“.

Dass das eigene Kind therapeutischer Behandlung bedarf, gilt in weiten Kreisen der Bevölkerung mittlerweile sogar als schick. Ein Trend, der aus den USA nach 20 Jahren nun auch bei uns angekommen zu sein scheint. Dort ist es schon selbstverständlich einen eigenen Therapeuten zu haben, der einen durchs Leben führt. Die Kompetenz selbstständig sein Leben zu planen und für sich zu entscheiden, was richtig und falsch, gut und schlecht ist, tritt zunehmend in den Hintergrund. Therapeutische Hilfe scheint immer häufiger mit dem Ausdruck für etwas, das unter den Begriff „Individualität“ subsumiert wird zu korrespondieren. Gleichzeitig lässt sich hier der innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte in Deutschland besonders boomende Leistungsgedanke ablesen.

Nur derjenige, der vollkommene Fitness vorweisen kann, erfährt gesellschaftliche Anerkennung und Partizipation. Der Drang nach Perfektionismus und Macht, die Suche nach Sicherheit, die Angst vorm Scheitern und dem Verlust des erreichten sozialen Status, markieren tiefgreifende gesamtgesellschaftliche Veränderungen, die sich von der Elterngeneration sowohl erzieherisch, als auch soziokulturell auf die Kinder und Jugendlichen übertragen. Die Auswirkungen dieser veränderten Kindheit lassen sich an den Befunden der Sinus-Studie 2012 ablesen. Die eindrückliche Dokumentation der Lebenswelten der Jugend von heute ist deshalb eine treffende aktuelle Zeitsignatur.

2. Design und Methodik der Studie

Die Sinus-Studie versteht sich als Grundlagenstudie, erscheint nach 2007 nun zum zweiten Mal und weist ein qualitatives Erhebungsdesign auf. Dieses ist besonders treffend gewählt, weil dadurch die Jugendlichen mit ihren subjektiven Aussagen, aus ihren individuellen Lebenswelten heraus, in den Mittelpunkt rücken. Es soll herausgefunden werden, „welche jugendlichen Lebenswelten es in Deutschland gibt und wie Jugendliche in diesen verschiedenen Welten ihren Alltag (er)leben“ (Calmbach et al. 2011: 13). Dabei geht es besonders um die Suche nach Wertorientierungen (Vorbilder, Sinnsuche, Normen, Identität, Sehnsüchte, Hoffnungen, Sorgen, Alltagsbewältigung etc.).

Um ein möglichst breites Bild zu erhalten, wurden für die Untersuchung die folgenden zehn Kategorien exploriert: Freizeit, Familie, Schule, Freundeskreise, Medien, Berufsorientierung, Gesellschaft, Politik, Engagement und Religion, Glaube, Kirche.

Der gewählte lebensweltorientierte Zugang ermöglicht den Forschern eine ganzheitliche Betrachtung nicht nur harter demografischer Merkmale, sondern auch weicher Daten bzw. impliziten Wissens, so z. B. die Erkundung der Werthaltungen oder besonderer ästhetischer Vorlieben über die sich die Jugendlichen definieren.

Es wurden drei Erhebungsmethoden verwendet: non-direktive, narrative Interviews mit Jugendlichen; schriftliche „Hausarbeitshefte“, die die Jugendlichen bis zum Interviewtermin ausgefüllt haben; fotografische Dokumentation der Zimmer der befragten Jugendlichen (vgl. ebd.: 24f.).

Insgesamt wurden für die Sinus-Studie 72 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren in ca. zweistündigen Einzelinterviews befragt. Durch den ethnomethodologischen Ansatz des narrativen Interviews wird auf eine Vorstrukturierung des Interviews zugunsten eines größtmöglichen Rede- und Gedankenfreiraums der Befragten verzichtet. Die Interviews werden zunächst als lockere Unterhaltung geführt. Zusätzlich wird ein Interview-Leitfaden verwendet, um alle für die Beantwortung der Forschungsfragen relevanten Aspekte abzudecken.

Die Jugendlichen aus der Stichprobe kommen zu gleichen Teilen aus der Hauptschule, Regelschule und dem Gymnasium. Rund 47% der Befragten haben einen Migrationshintergrund. Es wurde auf eine jeweils gleichmäßige Verteilung nach Geschlecht, Wohnort (Stadt/Land), Besuch Ganztags-/Halbtagsschule geachtet (vgl. ebd.: 25). Die Einzelinterviews wurden von Juni – August 2011 home-based von speziell ausgebildeten Interviewern in der gesamten Bundesrepublik an 15 Befragungsorten erhoben. Trotz der relativ kleinen Stichprobe können die Ergebnisse der Studie als „psychologisch repräsentativ“ (ebd.: 26) und valide angesehen werden.

Ergänzt wurden die Interviews durch das o.g. „Hausarbeitsheft“, welches die Funktion einer Vorbefragung erfüllte. Unter dem Titel „So bin ich, das mag ich“ sollten die Teilnehmer hier leichte Fragen zum persönlichen Geschmack und den Interessen beantworten. Abschließend sollten sie etwas Künstlerisches zum Thema „Das gibt meinem Leben Sinn“ gestalten.

Das umfangreiche Datenmaterial wurde nun noch vervollkommnet durch Fotografien der Jugendzimmer. Sie gewähren einen weiteren Einblick in die Alltagsästhetik und zeigen für die Lebenswelt typische Motive (vgl. ebd.: 27).

3. Das Lebenswelten-Modell

„Die zeitdiagnostischen Schlüsselbegriffe zur Beschreibung dieser [der gesellschaftlichen, Anm. J.I.] Rahmenbedingungen lauten: Wohlstandspolarisierung, Leistungs- und Bildungsdruck, Prekarisierung des Arbeitsmarktes, Eigenverantwortung, Entstandardisierung von Lebensläufen, Sozialisation in Eigenregie, Digitalisierung, Entgrenzung von Jugend, multikulturelle Vielfalt“ (ebd.: 14f.).

Innerhalb dieses gesellschaftlichen Rahmens wachsen Jugendliche in Deutschland aktuell auf. Die Vielfalt jugendlicher Lebenswelten wird von den Autoren der Studie in einem Modell verdichtet. Hier lässt sich die für Deutschland typische große vertikale Mobilität der Schichten, genauso wie die massiven sozialen Ungleichheiten ablesen, die auch schon andere Studien, namhaft PISA und die Shell-Jugendstudie, zeigen konnten. Jugend verläuft heute höchst unterschiedlich und wird maßgeblich vom politischen, finanziellen und Bildungshorizont der Eltern beeinflusst.

Doch bevor ich mich detaillierter mit dem Lebenswelten-Modell auseinandersetze, möchte ich erklären, was die Autoren der Studie unter dem Begriff „Lebenswelt“ verstehen, nämlich: „[…] real existierende Gruppierungen mit gemeinsamen Sinn- und Kommunikationszusammenhängen in ihrer Alltagswelt, mit vergleichbaren handlungsleitenden Konzepten des im Leben Wertvollen und Wichtigen sowie ähnlichen Vorstellungen von Lebensqualität“ (ebd.: 29).

Die Erstellung des Lebenswelten-Modells erfolgte dann auf der Grundlage der Interviews. Diese wurden durch eine hermeneutische Textinterpretation inhaltsanalytisch ausgewertet, wobei breite Bereiche, die den Alltag der Jugendlichen konstituieren, fokussiert wurden (vgl. ebd.: 28). Eine Lebenswelt im Sinus-Modell zeichnet sich demnach durch die Berücksichtigung des Lebensstils, der Werte und der sozialen Lage des Jugendlichen aus. Diese drei Kriterien sind miteinander verbunden und beeinflussen sich wechselseitig, wie Abb. 1 verdeutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Grundpfeiler für das Lebenswelten-Modell (Calmbach et al. 2011: 28).

Der renommierte Sozialisationsforscher Klaus Hurrelmann nimmt im Vorwort der Studie Stellung zur veränderten Lebensphase Jugend. Diese habe sich im letzten Jahrhundert immer mehr ausgedehnt. Wesentliche Gründe waren die Entwicklungen am Arbeitsmarkt und die damit zusammenhängenden Veränderungen im Bildungssystem. Durch die steigenden Qualifikationsanforderungen an junge Menschen, verlängert sich die in Schulen und Hochschulen verbrachte Lebenszeit stetig und desto mehr entgrenzt die Jugend als Lebensphase (ebd.: 7). Aktuell geht man von einer durchschnittlich 15 Jahre dauernden Jugendphase aus. Das heißt, sie beginnt mit dem Einsetzen der Pubertät im Alter von 10 – 12 Jahren und endet erst zwischen 25 – 27 Jahren, wenn viele der im Leben zentralen Übergangsstadien wie Berufswahl und –einstieg, feste Partnerschaften, eigenverantwortliches Wohnen etc. in aller Regel absolviert sind (vgl. ebd.).

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Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656465058
ISBN (Buch)
9783656469179
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231253
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – FB Sonder- und Sozialpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
SINUS 2012 Sinus-Studie Jugendliche Selbstkonzept Zeitsignatur Postmoderne Werte Wertepluralismus

Autor

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