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Faszination Fußball. Ein Phänomen der Popkultur

Seminararbeit 2013 19 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung / „Anpfiff“

2. Darstellung / „Spielverlauf“
2.1. Fußball und die Wirtschaft
2.2. Fußball und die Massenmedien
2.3. Fußball und die Fans
2.4. Fußball und die Rituale

3. Schlussteil / „Abpfiff“

Literaturverzeichnis

1. Einleitung / „Anpfiff“

Für nicht Wenige überraschend ist der Fußball[1] zu einem viel diskutierten Forschungsgegenstand geworden. Und dabei ist die Spielidee des Fußballs ganz simpel: Zwei Mannschaften treten gegeneinander an, mit dem Ziel, die Kugel im gegnerischen Tor unterzubringen, ohne dabei - der Name deutet darauf hin - den Ball mit den Händen zu spielen. „Fußball selbst ist ja geradezu primitiv: Tore verhüten, Tore schießen, das ist alles“, bringt es der Fußballtrainer Dettmar Cramer auf den Punkt.[2]

Für viele von uns ist der vermeintlich simple Fußballsport aus dem Leben nicht mehr wegzudenken, ja sogar ein verankerter Bestandteil der Gesellschaft. Jedes Wochenende strömen Millionen von Menschen in die Stadien und lassen sich von der Atmosphäre anstecken, die auf den Fußballplätzen herrscht. Von gespannter Erwartung, grenzenloser Enttäuschung, freundlicher Ausgelassenheit - eine enorme Klaviatur an Emotionen wird beim Fußballerlebnis freigesetzt, sei es im Stadion oder zu Hause vor dem Bildschirm.

An den Spieltagen wird in zahllosen Orten weltweit mit großer Begeisterung um das runde Leder gekämpft. Allein in Deutschland existieren rund 170.000 Fußballmannschaften; bei den Jungen ist der Fußball mit über 50% der beliebteste Einstiegssport überhaupt.[3]

Ein so weit verbreitetes Phänomen sucht nach Erklärungen und nach wissenschaftlichen Deutungen. Dass sich Sportwissenschaftler mit diesem Thema befassen, scheint naheliegend; dass der Fußball allerdings mehr und mehr zum Thema der Sozial- und Kulturwissenschaften avanciert, spricht für sich. Die These, Fußball lasse sich als kulturelles Phänomen beschreiben, drängt sich auf. Ist Fußball Teil von Kultur? Ist es angebracht von einem popkulturellen Phänomen zu sprechen? Dieser Frage geht die vorliegende Seminararbeit nach.[4]

Kultur sei die „Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung“, so belehrt uns der Duden.[5] Was auf dem Boden einer Gesellschaft gestalterisch aufwächst, bebaut und gepflegt wird (lateinisch colere[6] ), darf der Kultur zugerechnet werden. Daneben steht die zweite Bedeutung von colere als verehren, huldigen und anbeten. Hier deutet sich allein vom Sprachlichen her ein Zusammenhang von Kultur und Kult an.

Die neuere Kulturwissenschaft[7] widmet sich verstärkt auch den Erscheinungsformen einer Volkskultur oder Massenkultur – kurz: Populärkultur.[8] Hatten noch die aus dem nationalsozialistischen Deutschland emigrierten Horkheimer und Adorno allen Grund vor der oberflächlichen und gleichschaltenden Wirkung einer Massenkultur zu warnen, so nehmen die neueren kulturwissenschaftlichen Studien gerade aus den anglo-amerikanischen Ländern (cultural studies) immer deutlicher die Populärkultur in den Blick. Dabei wird die Vermischung von Populärkultur und Kommerz durchaus kritisch gesehen.

In unseren Breiten wie auch mit einigen Ausnahmen weltweit gilt nun, dass dort, wo das „Populäre der Gesellschaft“[9] in den Blick kommt, der Fußball nicht weit entfernt ist. Fußball ist ganz offensichtlich Teil der populären Kultur - und immer deutlicher auch Teil der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ihr. In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe von Veröffentlichungen erschienen, die sich darin einig sind: Fußball ist ein Kulturphänomen.[10] Vom denkbar einfachen Spiel zu einem Massenerscheinung und Gegenstand der Wissenschaft – eine wirklich steile Karriere!

Bei ihren Überlegungen zum Fußball streifen auch die Kulturwissenschaftler die Bereiche, die jedem auffallen, der die „Szene“ heute verfolgt: (1.) Fußball hat in immer höherem Maße mit Wirtschaft und Kommerz zu tun; (2.) Fußball ist längst zu einem Topereignis der Massenmedien geworden; (3.) Fußball lebt von seinen Fans und hat für sie geradezu eine identitätsstiftende Bedeutung, sei es für den Einzelnen, die Fangruppen oder gar für ganze Nationen; und schließlich: (4.) Fußball kann geradezu rituellen Charakter annehmen.

Diesen vier Aspekten wende ich mich im Folgenden etwas ausführlicher zu. Dabei wird mancher Angriff im Mittelfeld stecken bleiben, da das Spielfeld fast unübersehbar groß ist. Dennoch hoffe ich, dass das ein oder andere Tor gelingen wird.

2. Hauptteil / „Spielverlauf“

2.1. Fußball und die Wirtschaft

Vor etwas mehr als zehn Jahren wurde der Bundesligist Borussia Dortmund belächelt, als er den Gang an die Börse wagte und mit Aktien umzugehen begann. Inzwischen ist ein Fußballverein vom Schlage des BVB ein hochdotiertes Wirtschaftsunternehmen. Das gilt noch mehr für den Ligaprimus FC Bayern München. Vor wenigen Wochen hat die Geschäftsleitung des FC Bayern bekanntgegeben, dass der Wert des Clubs die Milliardengrenze geknackt habe. Aufsehen erregt hat jüngst der spektakulärste Transfer der Bundesligageschichte: Mario Götze wechselt von einem Krösus der Liga für gigantische 37 Millionen zum anderen. Unübersehbar sind europäische Spitzenclubs zu Wirtschaftsriesen mutiert. Mit einem Jahresumsatz von 332 Mio. € in 2012[11] weist ein Verein wie der FC Bayern doppelten Umsatz wie die renommierte Wochenzeitschrift „Die Zeit“ auf.[12]

Auch weltweit ist die Entwicklung ähnlich. Auf der Homepage des Fußballweltverbandes FIFA wird festgestellt: „Mit einem aktuellen Umsatz von zwei Milliarden Schweizer Franken (CHF) in einem Vierjahreszeitraum besitzt die FIFA einen finanziellen Status, von dem ihre Gründer kaum zu träumen gewagt hätten.“[13]

Die Branche Fußball ist zu einer Wirtschaftsmacht geworden. Dass dies nicht von Anfang an so war, zeigt ein kurzer historischer Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung des modernen Fußballs. Der deutsche Fußball blieb im Gegensatz zu anderen Ländern trotz des wachsenden Interesses der Öffentlichkeit lange Zeit ein Amateursport. In England beispielsweise gab es seit 1885 den offiziell akzeptierten Berufsfußballer, wohingegen in Deutschland erst zu Beginn der Bundesliga 1963 die Kategorie des „Lizenzspielers“ eingeführt wurde.[14] Die Gründe für die relativ späte Professionalisierung und damit einhergehende Kommerzialisierung waren vielfältig. So lehnte etwa die sozialistische Arbeiterbewegung den Berufssport ab, da er ihres Erachtens nach eine Manifestation kapitalistischen Gewinnstrebens darstellte. „Vor allem aber, so Nils Havemann in seiner Geschichte über den DFB […], fürchtete der Fußball-Bund den Verlust seiner Steuerfreiheit, denn den vor dem zweiten Weltkrieg geltenden Gesetzen zufolge waren DFB-Veranstaltungen von der Vergnügungssteuer befreit, wenn die zum Einsatz kommenden Spieler nicht berufs- oder gewerbsmäßig aufliefen.“[15] Mit der Einführung der Bundesliga etablierte sich der Profifußball in Deutschland, wenngleich anfangs noch zögerlich. Im Zuge der Professionalisierung dieses Sports begannen sich immer mehr Menschen dafür zu interessieren und ihn zu verfolgen. Die wachsende Popularität lässt sich schon früh an den steigenden Zuschauerzahlen ablesen: Während vor 1920 zwischen 1000 und 10000 Zuschauer Endspiele um die deutsche Meisterschaft verfolgten, besuchten ab 1920 nie weniger als 22000 das Finale.[16] Mittlerweile besuchen im Schnitt 43000 Menschen jedes Spiel der Bundesliga.[17]

In den 20er-Jahren begann der Fußball erste Anzeichen der Kommerzialisierung aufzuzeigen. Die Bevölkerung verlangte nach Sammelartikeln, Sportzeitungen wie der Kicker wurden auf den Markt gebracht. Dieser erschien ab 1920 und hat sich als ein renommiertes Fußballfachblatt etabliert. Nach Einführung der Bundesliga entfiel eine Begrenzung der Spielergehälter. Ein erstes bedeutendes Feld der Vermarktung war die Trikotwerbung ab 1973, als Eintracht Braunschweig, diesjähriger Bundesliga-Aufsteiger, den Spirituosenhersteller Jägermeister engagierte. Das DFB-Reglement verbot dies jedoch, weshalb Braunschweig das Firmenlogo Jägermeisters als Vereinswappen übernahm, und so legal werben konnte.[18]

Die Trikotwerbung[19] ist nur eine von vielen Einnahmequellen der Fußballindustrie. Weiter zu nennen ist das große Feld des Merchandisings, der Vertrieb von Fanartikeln wie Schals, Mützen, Bettwäsche, Handtücher und Allerlei mehr. Der Erlös von Eintrittskarten, Sponsoring, Werbeverträgen und der Verkauf von Fernsehrechten runden das Bild ab. Die deutsche Fußballliga gibt in ihrem Report des Jahres 2013 bekannt: „Erstmals machten die 18 Clubs der Bundesliga einen Gesamtumsatz von mehr als 2 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahr wurden rund 140 Millionen Euro mehr eingenommen, was einer Umsatzsteigerung von 7,2 Prozent entspricht. In der Saison 2001/02 hatte die Bundesliga zum ersten Mal die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro erreicht. Damit haben die Clubs ihre Gesamteinkünfte innerhalb von nur zehn Jahren praktisch verdoppelt.“[20]

Diese enormen Einnahmen im europäischen Elitefußball führen natürlich auch zu horrenden Ablösesummen auf dem Transfermarkt und steigenden Spielergehältern. Der Ausnahmekönner vom FC Barcelona Lionel Messi kann ein jährliches Gehalt in Höhe von 10,5 Mio. Euro und Werbeerträge in Höhe von 21 Mio. Euro vorweisen.[21] Ob sein geniales Fußballspiel solch Geldsummen rechtfertigt, ist eine andere Frage.

Das Geschehen rund um den Fußball spielt sich längst nicht mehr (nur) auf dem Platz ab. Der Fußball ist zu einer Ware geworden; Geschäfte und Deals im Hintergrund bestimmen über den Erfolg eines Vereins, der sich folglich nur bei wirtschaftlicher Potenz einstellt. Der Spitzenfußball bewegt sich zusehends weg vom Spielfeld. Er existiert mittlerweile nicht nur des Sports wegen, sondern vor allem um möglichst viel Kapital daraus zu schlagen. Bei alledem würde es dem modernen Fußball guttun, sich zurückzubesinnen auf seinen ursprünglichen Charakter als Spiel um der Spielfreude willen.

Eine wirtschaftlich so potente Branche wie der Profifußball ist auf das engste verknüpft mit den modernen Massenmedien - dazu mehr im folgenden Abschnitt.

[...]


[1] Ich beziehe mich in der Arbeit durchweg auf den Männerfußball.

[2] Bausenwein, Christoph: Geheimnis Fußball: Auf den Spuren eines Phänomens. Göttingen 1995. S. 26.

[3] Deutscher Fußball-Bund: Fußball ist Zukunft. Konzeption des DFB-Fußballentwicklungsplans (Oktober 2007). URL: http://www.dfb.de/uploads/media/DFB-Fussballentwicklungsplan.pdf (Stand: 31.5.13).

[4] Die folgenden Überlegungen verfasse ich durchaus in persönlicher Verbundenheit mit dem Fußballsport, dem ich von Kindesbeinen an treu bin, mittlerweile als Schiedsrichter.

[5] Dudenredaktion (Hrsg.): Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 6. Auflage. Mannheim; Leipzig; Wien u.a. 2006. S. 1028.

[6] Langenscheidt-Redaktion: Großes Schulwörterbuch Lateinisch-Deutsch. Berlin; München 2001. S. 230.

[7] Vgl. Nünning, Ansgar; Nünning, Vera (Hrsg.): Einführung in die Kulturwissenschaften. Stuttgart; Weimar 2008. S. XIV; XV (Einführung durch die Herausgeber). Im selben Band spricht Ort, Claus-Michael über „Kulturbegriffe und Kulturtheorien“. S. 27.

[8] Vgl. zu diesem Begriff und zum Folgenden: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon. Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze, Personen, Grundbegriffe. 4. Auflage. Stuttgart; Weimar 2008. S. 581f.

[9] So der Buchtitel des kulturwissenschaftlichen Sammelbandes von Christian Huck und Carsten Zorn. Wiesbaden 2007.

[10] Stellvertretend nenne ich an dieser Stelle den von Markwart Herzog herausgegebenen Sammelband: Fußball als Kulturphänomen. Kunst, Kult, Kommerz. Stuttgart 2002.

[11] FC Bayern München AG: Jahresabschluss (2011/12). URL: http://www.fcbayern.telekom.de/media/native/pressemitteilungen/jahresabschluss_ag_11_12.pdf (Stand: 22.5.13).

[12] News aktuell Presseportal: ZEIT Verlagsgruppe erreicht 2012 Rekordumsatz (1.2.13). URL: http://www.presseportal.de/pm/9377/2408333/zeit-verlagsgruppe-erreicht-2012-rekordumsatz (Stand: 4.6.13).

[13] FIFA: Was macht die FIFA mit ihrem Geld (22.5.2002). URL:

http://de.fifa.com/aboutfifa/footballdevelopment/projects/goalprogramme/news/newsid=91800/ (Stand: 27.5.13).

[14] Mozetic, Gerald; Löffler, Gerhard: Kein Spiel nur über 90 Minuten: Über Fußballmärkte in Zeiten der Globalisierung. In: Neuhold, David; Neuhold, Leopold (Hrsg.): Fußball und mehr... Ethische Aspekte eines Massenphänomens. Innsbruck; Wien 2003. S. 43.

[15] Bleeker-Dohmen, Roelf; Weber, Götz; Stammen, Karl-Heinz: Fußball als Wirtschaftsfaktor? Sind wir so unwichtig? Fußball zwischen Tradition und Kommerz. In: Mittag, Jürgen; Nieland, Jörg-Uwe (Hrsg.): Das Spiel mit dem Fußball. Essen 2007. S. 501f.

[16] Ebd. S. 501.

[17] Deutscher Fußball-Bund: Zuschauerzahlen. URL: http://www.dfb.de/?id=82912 (Stand: 27.5.13).

[18] Bleeker-Dohmen, Roelf; Weber, Götz; Stammen, Karl-Heinz: Fußball als Wirtschaftsfaktor? S. 502.

[19] Das neue Trikot vom FC Bayern München mit dem Logo der Telekom kostet 79, 95 Euro. Der Hauptsponsor steht dem FC Bayern künftig mit 30 Mio. Euro im Jahr zur Seite und ziert mit seinem Logo unter anderem die Brust von Profis und Fans des Rekordmeisters. Siehe dazu: Handelsblatt: FCB verlängert Sponsorenvertrag mit Telekom (22.8.2012). URL: http://www.handelsblatt.com/bis-2017-fcb-verlaengert-sponsorenvertrag-mit-telekom/7040078.html (Stand: 28.5.13).

[20] Bundesliga: Report 2013. Die wirtschaftliche Situation im Lizenzfußball. URL: http://www.bundesliga.de/media/native/autosync/report_2013_dt_72dpi.pdf (Stand: 28.5.13).

[21] Handelsblatt: Seid umschlungen, Millionengehälter (21.3.12). URL: http://www.handelsblatt.com/sport/fussball/nachrichten/top-verdiener-des-fussballs-seid-umschlungen-millionengehaelter/6353724.html#image (Stand: 28.5.13).

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656473916
ISBN (Buch)
9783656473954
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231229
Note
1,3
Schlagworte
Fußball Popkultur Fankultur Kultur Ritual Massenmedien Medien Telefußball Fan Popstar Spitzenfußball Ersatzreligion Fangesang Kult

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