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Schreibprozesse: Viele Autoren - ein Text?

Theoriereflexion anhand des Buchprojektes „Keine Zukunft für die Vergangenheit: Ein »user-generated«-Roman“

Projektarbeit 2012 27 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Begriffsklärung „Schreiben“ und „Schrift“

2. Der Prozess des Schreibens
2.1 Aspekte der geistesgeschichtlichen Entwicklung
2.2 Schreibmodelle

3. Gedächtnismodelle

4. Projektvorstellung „Keine Zukunft für die Vergangenheit“

5. Die Theorie in der Praxis: Projektanalyse „Keine Zukunft für die Vergangenheit“

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Begriffsklärung „Schreiben“ und „Schrift“

Die Bezeichnung durch Töne und Striche
ist eine bewundernswerte Abstraktion.
Vier Buchstaben bezeichnen mir Gott;
einige Striche eine Million Dinge.
Wie leicht wird hier die Handhabung
des Universums, wie anschaulich
die Konzentrizität der Geisterwelt!“[1]

Das Zitat aus Novalis Blüthenstaub zeigt, was mit Schrift und Schreiben, in wenigen Strichen, geschaffen werden kann. Schrift ist etwas Wichtiges, etwas Wunderbares und Wertvolles, darüber herrscht vermutlich Einigkeit. Doch das war nicht immer so. Frühere Kulturen standen dem Schreiben skeptisch gegenüber, ein Punkt, der in einem der folgenden Kapitel noch genauer betrachtet werden soll.

In der Forscherwelt finden sich nun eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen über die Begriffe Schrift und Schreiben. Dabei zählen manche Forscher schon „jedes sichtbare oder fühlbare Zeichen, das ein Individuum als Bedeutungsträger wählt“[2] als Schrift. Jeder Kratzer an einer Felswand, jede Kerbe eines Stockes, könnte demnach als Schriftart gesehen werden. Walter Ong sieht darin allerdings ganz richtig die Gefahr, Schrift „mit rein biologischem Verhalten“[3] zu verwechseln. Nach dieser Definition hätten auch Tiere, die Urin und Kot als Kommunikationsmittel nutzen, eine Schrift.[4] So weit soll in der folgenden Arbeit nicht gegangen werden, sondern eine etwas enger gefasste Auslegung zur Anwendung gelangen.

Schreiben ist vom althochdeutschen scriban auf das lateinische Wort scribere zurückzuführen, das „mit dem Griffel eingraben, einzeichnen“ bedeutet und auf die heute längst vergangene Art hindeutet, wie durch Schrift etwas festgehalten werden konnte. Seit mehreren tausend Jahren wird bereits auf unterschiedliche Art und Weise geschrieben.

Walter Ong beschreibt das Schreiben als „die Technologie, welche die intellektuelle Aktivität des modernen Menschen geformt und befördert hat.“[5] Ein Umschreibung, die durchaus zutreffend ist. Das gesamte heutige Leben ist von Schrift auf unterschiedliche Art und Weise durchdrungen, gerade was den Bildungsbereich betrifft. Eine sehr moderne und technische Definition findet sich bei Volker Kinkel: „Schreiben […] bedeutet die materielle Erstellung verbindlicher Zeichen durch physikalische Bewegung.“[6]

Sprache und das Schreiben als Mittel des Menschen sich mitzuteilen sind untrennbar mit Kultur verknüpft, denn es ist „ein Einfluss der Gesellschaft auf die Sprache und ihre Ausdrucksformen anzunehmen.“[7] Wichtig ist die Dauerhaftigkeit des Geschriebenen im Gegensatz zum bloßen Erzählen. Schreiben ist dennoch auch ein individueller Vorgang, der nur dann ausgeführt wird, wenn ein Subjekt gewillt ist diese Tätigkeit auszuführen. Ein Text entsteht im Zusammenspiel von erinnern und entwickeln, dabei stellen „die Kulturelle Prägung und die dabei erlangten persönlichen Erfahrungen [...] die grundlegenden Komponenten einer Niederschrift“[8] dar.

Adolf Muschg sieht in diesem Sinne seine Veröffentlichungen als „zweite Existenz, als Richtigstellung oder Wiedergutmachung der Ersten,“[9] Hugo Loetscher und Friedrich Dürrenmatt das Schreiben als Form, die „Welt erlebend zu bestehen“[10] oder als „Bewältigung von Welt.“[11] Schreiben als Mittel der Verarbeitung „erlaubt, was das Leben nie gestatten würde,“[12] der Übergang von rein erinnernder Erfahrungsbeschreibung zu entwickelnder Darstellung ist fließend.[13]

Die Funktionen des Schreibens sind vielfältig. So kann durch Schrift Wissen erworben und weitergegeben, aber auch reflektiert werden. Verknüpfungen und Ideen werden generiert und erforscht. Zusätzlich zu den genannten Möglichkeiten bietet das Schreiben auch die Gelegenheit sich selbst zu erfahren und wahrzunehmen, ja, schreiben kann sogar therapeutische Funktionen haben. „Schreiben ist also ein spannender hochkomplexer und vielschichtiger Vorgang, über den es sich lohnt, mehr zu wissen.“[14]

2. Der Prozess des Schreibens

2.1 Aspekte der geistesgeschichtlichen Entwicklung

Das Schreiben kann in der Geschichte des Menschen als sehr späte Entwicklung gesehen werden, denn während es den homo sapiens seit ca. 50000 Jahren gibt, lässt sich das erste zurückverfolgbare Auftauchen einer Schrift erst auf ca. 3500 v. Chr. bei den Sumerern in Mesopotamien datieren.[15] Vor diesen rund 5000 Jahren, also einen Großteil seiner Geschichte, kam der Mensch ohne Schrift aus. Heute ist eine Welt ohne Schrift nicht mehr vorstellbar.[16]

Auch Gesellschaften, die noch nicht schreiben konnten, hatten ihre Möglichkeiten, um sich etwas zu merken oder etwas mitzuteilen. Es wurden z.B. Bilder gemalt oder es gab Stöcke und andere Gegenstände, die mit Einkerbungen versehen waren. Auch Arten von Kalendern wurden bereits vor der Schrift genutzt.[17] Mit beginnender Schriftlichkeit ist zu bemerken, dass sich die Art der Wiedergabe von Zeichen über die Jahrhunderte immer mehr in die Richtung einer festgelegten Deutlichkeit entwickelt hat. Zunächst gab es Symbole, die viele unterschiedliche Bedeutungen haben konnten und die verschieden auslegbar waren. Heute ist dies durch die Unterscheidung in Phoneme meist eindeutig festgelegt,[18] wobei es natürlich in jeder Sprache immer noch Wörter gibt, die unterschiedliche Bedeutungen haben, obwohl man sie gleich schreibt.

Von Anfang entwickelte sich nicht nur eine Schrift auf der Welt, sondern es entstand eine Vielzahl an Schriften wie z.B. die mesopotamische Keilschrift, die ins Jahr 3500 v. Chr. zurückreicht oder die ägyptischen Hieroglyphen rund 500 Jahre später. Auch die Mayas hatten im Jahr 50 eine eigene Schrift, um nur einige Beispiele zu nennen.[19] Die meisten Schriften haben jedoch eine Sache gemein: Sie lassen sich auf eine Bilderschrift zurückführen.[20]

Geschrieben wurde seit Beginn der Schriftlichkeit auf vielen Unterlagen, so z.B. Ton, Tierhäute, Baumrinde, Papyrus oder Wachs. Man schrieb mit Bleistiften, Federn oder Pinsel.[21] In Europa entwickelte sich das Papier erst im zwölften Jahrhundert, während es in China bereits rund 1000 Jahre zuvor erhältlich war.[22]

Wichtig ist auch, dass Schriftstücken weniger Glaubwürdigkeit nachgesagt wurde, als einem Zeugen,[23] eine Tatsache, die in der heutigen Welt völlig gegenteilig ist. In Platons Phaidro, das im Folgenden in der Übersetzung von Schleiermacher hinterlegt ist, wird einmal mehr gezeigt, wie skeptisch vergangene Kulturen mit dem Thema der Schrift umgegangen sind.[24] In diesem Schriftstück erhält der ägyptische König Thamos vom Gott Theut einige Geschenke überreicht. Darunter befindet sich auch die Schreibkunst. Dieses Geschenk wird von Thamos jedoch abgelehnt,

„denn diese Erfindung wird den Seelen der Lernenden vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung der Erinnerung, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für die Erinnerung, sondern nur für das Erinnern hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst.“[25]

Schriftlichkeit breitete sich im Zusammenhang mit der Skepsis nur langsam über die Welt aus und ist auch heute nicht in jedem Land eine Selbstverständlichkeit. Im Mittelalter war sie bestimmten Teilen der Bevölkerung, z.B. dem Klerus, vorbehalten. Die Geistlichen fungierten als weise Vermittler zwischen Leser und Text, da die allgemeine Ansicht besagte, dass nur diese die wahre Bedeutung des Gottesworts erfassen konnten.[26] Vor allem religiöse Geschichten fanden deswegen den Weg auf das Papier bzw. vor dem 12. Jahrhundert auf andere Unterlagen. Mit der weiter verbreiteten Literalisierung der Welt wurde aus dem Schreiben ein handwerklicher Beruf wie der eines Schmieds oder Baumeisters. Die Schreiber wurden dafür bezahlt Briefe oder andere Dokumente zu verfassen.[27] Dies führte dazu, dass zunächst keine Dringlichkeit darin gesehen wurde, die Bevölkerung zu alphabetisieren.[28]

2.2 Schreibmodelle

Ein wichtige Grundvoraussetzung für den Autor beim Schreiben ist die Einsicht, dass sich die Person des Lesers von ihm unterscheidet.[29] Da das Ausmaß des Unterschiedes aber nicht bekannt ist und auch schlecht nachgeprüft werden kann, sind für den Autor sozial-kognitive Eigenschaften enorm wichtig.[30] Verschiedene andere Faktoren müssen beim Schreiben beachtet werden, die dieses beeinflussen: Die kulturelle Tradition, die Subjektivität des Schreibens, die beeinflussende Umgebung, aber auch die Bedingung der Produktionsmittel und die konkrete Handlung.[31] Die Texte, die beim Schreibprozess entstehen sind sehr unterschiedlich und können grob in die zwei Bereiche „explizit pragmatisch“[32] und „fiktional“[33] unterteilt werden. Bei dem Einen steht die Information im Mittelpunkt, bei dem Anderen die Sprache selbst.[34]

Der Schweizer Entwicklungspsychologe und Epistemologe Jean Piaget entdeckte durch die Untersuchung von Selbstgesprächen bei Kindern, die „innere Sprache.“[35] Diese ist, anders als die Alltagssprache, die zum Kommunizieren mit anderen Personen dient, eben nicht dazu da sich mitzuteilen, sondern „eine Sprache für den Sprechenden selbst.“[36] Sie „funktioniert eher als Teil einer privaten Bilderschrift und entspringt dem halbbewussten Bewusstseinsstrom.“[37] Die „innere Sprache“ nach außen zu projizieren und für andere verständlich zu machen, macht einen großen Teil des Schreibprozesses aus. Durch den enormen Unterschied zwischen „innerer“ und „äußerer“ Sprache ist der Schritt der Übersetzung individuell verschieden und schwierig.[38]

Seit den Schreibmodellen von Hayes und Flower, auf die im Folgenden noch näher eingegangen wird, wird das Schreiben eines Textes in der Forschung allgemein als Art einer Problemlösung gesehen. Diese Sichtweise ist zusätzlich historisch begründet, da eine Schreibkrise in den 1960iger Jahren in den USA eine „schnelle Entfaltung der Schreiforschung“[39] erforderte. Es gibt beim Schreiben also einen unerwünschten Ausgangspunkt, dessen Endpunkt über verschiedene Barrieren hin erreicht werden soll. Der Ausgangspunkt ist einerseits von externen Gegebenheiten, wie z.B. dem Grund des Schreibens definiert, andererseits spielen auch interne Anteile eine Rolle, wie das Wissen des Autors und seine Art des Schreibens. Die Barrieren sollen durch verschiedene Stufen der Transformation überwunden werden. Mögliche Barrieren sind sprachlicher oder inhaltlicher Natur, beginnend bei der Verständlichkeit eines Textes, der Grammatik und Rechtschreibung bis hin zum Sammeln und Bereitstellen von Informationen. Die Barrieren können vom Autor überwunden werden, wenn er sich z.B. eine gewisse Routine aneignet und nach einem Plan vorgeht.[40] Die Problemlösungssichtweise gerät aber an ihre Grenzen, betrachtet man Textgattungen wie z.B. Liebesbriefe, die eben nicht mit Problemlösungsstrategien erörtert werden können. Daher „ergibt sich klar, daß neue Methoden zu erarbeiten sind.“[41]

[...]


[1] Novalis: Blüthenstaub [mit vier Fragmenten von Friedrich Schlegel], E-Book-Sammlung Zeno.org 2010. [2]

[2] Ong, Walter J.: Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes, Opladen 1987, S. 86.

[3] Ebd. S. 87.

[4] vgl. Ebd.

[5] Ebd. S. 86.

[6] Kinkel, Volker: Schreiben als Prozess: von der Idee bis zum fertigen Text, Hamburg 2010, S. 3.

[7] Ebd. S. 8.

[8] Ebd. S. 30.

[9] Muschg, Adolf: Literatur als Therapie? Ein Exkurs über die Heilsame und das Unheilbare, 71993, S. 103.

[10] Loetscher, Hugo: Vom Erzählen erzählen. Poetikvorlesungen, Zürich 1999, S. 61.

[11] Bienek, Horst: Werkstattgespräche mit Schriftstellern, München 1962, S. 103.

[12] Burger, Hermann: Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben, Frankfurt am Main 1986, S. 76.

[13] vgl. Kinkel: Schreiben als Prozess, S. 33.

[14] Pyerin, Brigitte: Kreatives wissenschaftliches Schreiben. Tipps und Tricks gegen Schreibblockaden, Weinheim/München ³2001, S. 13.

[15] vgl. Ong: Oralität und Literalität, S. 86.

[16] vgl. Kuckenburg, Martin: Wer sprach das erste Wort? Die Entstehung von Sprache und Schrift, Stuttgart ²2004, S. 98.

[17] vgl. Ong: Oralität und Literalität, S. 86.

[18] vgl. Kinkel: Schreiben als Prozess, S. 15.

[19] vgl. Ong: Oralität und Literalität, S. 88.

[20] vgl. Ebd.

[21] vgl. Ebd. S. 96.

[22] vgl. Ebd.

[23] vgl. Ebd. S. 98.

[24] vgl. Glück, Helmut: Schrift und Schriftlichkeit. Eine sprach-und kulturwissenschaftliche Studie, Stuttgart 1987, S. 2.

[25] Platon, Schleiermacher, Friedrich: Sämtliche Werke (Band 4), Hamburg 1986, S. 55 [275a].

[26] vgl. Ong: Oralität und Literalität, S. 95.

[27] vgl. Ebd.

[28] vgl. Ebd. S. 96.

[29] vgl. Jechle, Thomas: Kommunikatives Schreiben. Prozeß und Entwicklung aus der Sicht kognitiver Schreibforschung, Tübingen 1992, S. 85.

[30] vgl. Ebd.

[31] vgl. Kinkel: Schreiben als Prozess, S. 53.

[32] Ebd.

[33] Ebd.

[34] vgl. Ebd.

[35] Pyerin: Kreatives wissenschaftliches Schreiben, S. 15.

[36] Ebd. S. 16.

[37] Werder, Lutz von: Lehrbuch des wissenschaftlichen Schreibens, Berlin 1992, S. 19.

[38] vgl. Pyerin: Kreatives wissenschaftliches Schreiben, S. 16.

[39] vgl. Grésillon, Almuth: Über die allmähliche Verfertigung von Texten beim Schreiben, In: Raible, Wolfgang (Hrsg.): Kulturelle Perspektiven auf Schrift und Schreibprozesse, Tübingen 1995, S. 1 - 36, S. 5.

[40] vgl. Jechle: Kommunikatives Schreiben, S. 9f.

[41] Grésillon: Über die allmähliche Verfertigung, S. 5.

Details

Seiten
27
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656477433
ISBN (Buch)
9783656479246
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231187
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Schlagworte
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Autor

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Titel: Schreibprozesse: Viele Autoren - ein Text?