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Eine Reise durch den Horrorfilm. Teil 1: Von Dr. Caligari (1920) bis Alien (1979)

2013 74 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Eine Reise durch den Horrorfilm: Erster Teil

Vorwort

1 Stumm in Deutschland
Düstere Zukunft
Der Urheberrechtsvampir

2 Universal, Hammer und die Bedrohung von oben
Blutdürstiger Verführer
Es lebt
Monströse Ausschlachtung
Das war der Hammer
Alles Schlechte kommt von oben
Horror meets Thriller
Alien-Trash

3 Spukhäuser und Psychopathen
Die Gotik kehrt zurück
Zart und hart
Psychos im Dreierpack

4 Okkultismus und Zombies
Der reale Horror
Das Böse im Unschuldigen
Zurück von den Toten
Unter der Lupe: George A. Romeros „… of the Dead“
Vorbemerkungen
Die Nacht der lebenden Toten
Zombie – Dawn of the Dead
Zombie 2 – Das letzte Kapitel
Land of the Dead
Diary of the Dead
Survival of the Dead

5 Horror wird Terror
Gelb – Farbe des Todes
Nerven-Sägen
“The Night He Came Home”
Afro des Grauens
Comeback und Durchbruch
Glossar der (Horror-)Filmbegriffe

Vorwort

Kino existiert, weil die Realität allein zu beschränkt und langweilig ist –obwohl ich sie nicht missen möchte. Kino ist nicht „unrealistisch“; Kino muss Emotionen und Träume anregen, die ein grundlegender Teil von uns sind. Kino muss Grenzen durchbrechen. Kino muss Realität verarbeiten – egal wie abstrakt – und Botschaften vermitteln.

Und welche Emotion ist schon packender als Angst? Welche Träume sind intensiver als Albträume? Welcher Grenzübertritt ist spannender als jener der psychischen und physischen Gewalt? Und wie vermittelt sich eine Botschaft wirksamer als auf dem expliziten, radikalen Weg der Furcht?

Reale Gewalt ist böse, gut gemachte künstliche Gewalt ist ein spannendes Ausdrucksmittel. Deshalb schauen wir Horrorfilme. Wir wollen erfahren, was möglich ist. Wir brauchen zwar Sicherheit, aber auch Nervenkitzel. Also wollen wir den Kick, den uns das wahre Leben – in diesem Fall aus gutem Grund – versagt. Dieser Kick ist etwas, das man kontrollieren kann, das in einem begrenzten Raum stattfindet. Daher setzen wir uns beim Horrorfilm mutwillig Gefühlsregungen aus, die äußerst negativ sind. Wir Horrorfans sind nicht krank – wir sind abenteuerlustig. Und dabei auch noch sehr vernünftig, denn im Kino- oder Wohnzimmersessel kann uns eigentlich nichts passieren.

Dieses Buch arbeitet sich in zwei Bänden chronologisch durch die Geschichte des Horrorfilms, von den stummen Ursprüngen der 20er bis zu den überirdischen Auswüchsen der späten 70er sowie von den schrillen 80ern bis hin zu ganz aktuellen Trends. Dabei beleuchtet es die Entwicklungen, die die Filme – und parallel dazu ihr Publikum – vollzogen haben. Es soll einen Überblick verschaffen, erinnern, unterhalten und die Faszination für das Genre näherbringen – egal, ob man schon ganz in seinem Bann ist oder gerade erst versuchen will, die Lust am filmischen Schrecken zu verstehen.

Das Beste daran: Es ist alles nahezu frei von Spoilern! Alle in diesem Buch erwähnten Filme, die man noch nicht kennt, kann man sich später ansehen, ohne dass hier schon die Überraschungen im Detail vorweggenommen wurden. Schließlich sind plötzliche Spoiler immer eine der größten Gefahren beim Lesen von Filmsachbüchern. Hier nicht! Geringfügige Ausnahmen sind verständlicherweise Inhaltsangaben zu Fortsetzungen, die die Kenntnis des Vorgängers voraussetzen.

Stichprobenartig und subjektiv gehe ich auf zahlreiche bedeutende oder berüchtigte Genrebeiträge und Modeerscheinungen näher ein. Weniger als Historiker, Ethiker oder Feuilletonist, dafür als junger aber erfahrener, leidenschaftlicher Filmliebhaber, und hoffentlich nicht so trocken wie in einer wissenschaftlichen Arbeit. Für einen besseren Lesefluss werden Filme grundsätzlich mit ihrem deutschen Titel aufgeführt (abweichende Originaltitel bei Erstnennung in Klammern). Sollte ich dann und wann einen unbekannten Begriff verwenden, so wird er mit großer Wahrscheinlichkeit im Anhang im Glossar der Horrorfilmbegriffe erklärt.

Dies ist die erste Etappe meiner Reise durch den Horrorfilm – Lesen auf eigene Gefahr.

Philipp Stroh

1 Stumm in Deutschland

Düstere Zukunft

Die Filmgeschichte reicht bis kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. 1895 stellten die französischen Brüder Auguste und Louis Lumière mit ihrem „Cinématographe“ den Vorläufer der heutigen Filmkamera vor. Ihre ersten filmischen Werke dokumentierten lediglich kurze Szenen aus dem Alltag in einer statischen Einstellung. Einer dieser Kurzfilme, Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat (L'Arrivée d'un train en gare de La Ciotat ), zeigt, nun ja, wie besagter Zug in besagten Bahnhof einfährt und Fahrgäste aussteigen.

Weil die Perspektive so gewählt worden war, dass der Zug nah an der Kamera vorbeifuhr, soll das Publikum bei der Erstvorführung der Erzählung nach fluchtartig den Saal verlassen haben, aus Angst, gleich überfahren zu werden. Schließlich hatten diese Leute niemals zuvor solche bewegten Bilder in Lebensgröße gesehen. Das war dann wohl sozusagen die allererste bekannte Horrorerfahrung im Kino.

Die eigentliche Geschichte des Horrorfilms beginnt jedoch in Deutschland. Denn dort erschien 1920 Das Cabinet des Dr. Caligari von Robert Wiene – einer der vielen Künstler, die das neue Medium für sich entdeckt hatten und nach diversen Experimenten bei abendfüllenden Spielfilmen angekommen waren. Es handelt sich hierbei wohlgemerkt immer noch um Stummfilme. Eine albtraumhafte Atmosphäre, kombiniert mit einer düsteren Geschichte, ließ erahnen, wozu Filme einmal fähig sein würden: Das Cabinet des Dr. Caligari übte immensen Einfluss auf andere Filmmacher aus.

Der unheimliche Dr. Caligari kommt in die Stadt, um auf der Kirmes seine Attraktion vorzustellen: einen hochgewachsenen ‚Schlafwandler‘, der Menschen ihre Zukunft voraussagen kann. Mit Caligaris Erscheinen beginnt eine rätselhafte Mordserie. Kirmesgast Francis spürt die Gefahr und versucht, das Geheimnis zu lüften.

Das Cabinet des Dr. Caligari ist ein Wegweiser in mehrfacher Hinsicht. Er ist ein Musterbeispiel für den expressionistischen Film, der in den 20er Jahren in Deutschland seine Blütezeit erlebte. Allerdings weniger durch den übertriebenen Gestus der Darsteller, sondern vielmehr durch die im wahrsten Sinne des Wortes schrägen Kulissen – eine spannende Mischung aus Bauwerken und Gemälden, die in Zusammenhang mit der kontrastreichen Bildgestaltung eine surreale, rätselhafte Atmosphäre versprühen.

Darsteller Werner Krauß (auch Nathan in Nathan der Weise , 1922) brilliert als Dr. Caligari mit starker Präsenz. Des Weiteren zeugen Szenen wie die mit dem ersten Erwachen des Schlafwandlers – ein mindestens genauso starker Moment wie das Erwachen des künstlichen Menschen in Metropolis – von der intensiven Bildsprache der Inszenierung. Allerdings sind es nicht schauspielerische, sondern formale und inhaltliche Kniffe, die Das Cabinet des Dr. Caligari seinen Pionierstatus einbringen.

Nicht nur, dass der Film die damals noch sehr, sehr junge Erfindung der Flashback-Erzählung verwendet, er beinhaltet vor allem einen der ersten echten Plottwists der Filmgeschichte. Und diese Wendung gegen Ende ist nicht nur um der Wendung willen interessant, denn selbst aus heutiger Sicht entsteht dabei ein wirklich raffinierter Überraschungseffekt. Angesichts der Tatsache, wie viele Kinofilme sich immer noch dieser Technik bedienen, war dieses Debütwerk der Autoren Hans Janowitz und Carl Mayer sowie des Regisseurs Robert Wiene seiner Zeit weit voraus.

Ob man die polit- und gesellschaftskritischen Ansätze in der stark symbolhaften Inszenierung wahrnimmt oder nicht, ist nicht so wichtig, denn die Atmosphäre macht den Faszinationseffekt dieses Films aus. Seinen Low-Budget-Charakter kann er zuweilen aber nicht verhehlen und auch die Spannung ist nicht immer präsent. Trotzdem ist Das Cabinet des Dr. Caligari raffinierter, sanfter Grusel mit eigenem Look und dezent rätselhafter Stimmung. Stark gespielt ist der Film eines der ersten Beispiele für Suspense und ein geeigneter Anfangspunkt, wenn man sich mit den wichtigsten Stationen des deutschen Films beschäftigen will.

Übrigens: Die amerikanische Version des Films gilt als gemeinfrei und ist damit legal als kostenloser Stream im Internet zu sehen.

Der Urheberrechtsvampir

1922 erschien, ebenfalls als deutsche Produktion, der Film Nosferatu, eine Symphonie des Grauens von Friedrich Wilhelm Murnau. Es geht darin um Hutter, den jungen Mitarbeiter eines Maklers. Hutter lässt seine besorge Frau Ellen in der Hafenstadt Wisborg zurück und reist im Zuge eines Auftrags zu dem in den Kaparten lebenden Graf Orlok, um eine Immobilie in Wisborg vorzustellen. Bei einem Zwischenstopp in einem Gasthaus wird der junge Mann vor dem unheimlichen Grafen gewarnt, setzt seine Reise jedoch fort.

In Form dieser nicht autorisierten, sehr freien Verfilmung von Bram Stokers 1897 erschienenen Roman Dracula begründete F. W. Murnau seinen Ruf als einer der wichtigsten deutschen Regisseure.

Nosferatu, eine Symphonie des Grauens lässt sich als erster vollständig erhaltener Vampirfilm, wenn nicht sogar als erster Horrorfilm überhaupt bezeichnen. So immens wie sein Einfluss auf unzählige spätere Werke und das Genre allgemein auch war – es handelt sich um ein Low-Budget-Projekt, das per Gerichtsbeschluss fast unwiederbringlich vernichtet worden wäre, da sich die Witwe Stokers gar nicht erfreut über die unbefugte Adaption zeigte.

Auch Nosferatu ist dem Expressionismus zuzuordnen; allerdings arbeitet der Film nicht mit verzerrten, surrealen Kulissen wie das berühmteste Gegenbeispiel Das Cabinet des Dr. Caligari , sondern lediglich mit überzogenen schauspielerischen Gesten und Symbolen aus der Natur. Murnau verlegt die Romanhandlung weitgehend an Originalschauplätze in Deutschland und reduziert die Zahl der handelnden Personen auf ein Minimum. Dafür gibt er sich ausführlich seinem Hang zur Romantik hin, stark inspiriert von der Malerei. So zelebriert er das Motiv der Sehnsucht, gerade bei der einsam zurückgelassenen Ellen, und setzt den düsteren Grafen durch zahlreiche stimmig eingeschobene Landschaftsaufnahmen immer wieder in den Kontext der Natur.

Mit seinem animalischen Aussehen und seinen natürlichen Trieben wird Orlok als Teil vom ewigen Lauf des Lebens und der tierischen Nahrungskette dargestellt. Gleichzeitig zeichnet sich der Vampir aber auch durch unwirkliche Bewegungen und übernatürliche Eigenschaften aus. So entzieht er sich dem Greifbaren, lässt sich keiner bestimmten Lebensform zuordnen und wird zum Objekt der Angst. Der Vampir steht als Sinnbild für die kollektiven Ängste einer vom Ersten Weltkrieg erschütterten Nation. Da gibt es keinen zur Rettung eilenden Van Helsing wie in Stokers Dracula-Roman – das Verderben überrollt die fassungslosen Menschen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Graf Orlok alias Nosferatu (Max Schreck) schreckt von seinem Opfer hoch. © Transit Film

Murnaus Inszenierungsstil ist hervorragend. Jede Einstellung sitzt, der Schnitt ist für damalige Verhältnisse flott und elegant, in jeder Szene äußert sich ein hohes Maß an Kreativität. Selbst die Erzählweise durch die Zwischentitel ist gewitzt: Berichtet wird aus Sicht eines anonymen Chronisten, der niederschrieb, was er zuvor gehört hatte. Neben den Dialogen wird die Erzählung durch vielerlei andere Mittel getragen, so z. B. durch einen Zeitungsausschnitt, ein Tagebuch, Romanauszüge oder durch Briefe.

Nur die Spezialeffekte sind von schwankender Qualität. Eine Doppelbelichtung für eine geisterhafte Erscheinung hier und ein Zeitraffer da erzielen die gewünschte Wirkung, aber ein Negativbild für einen „weißen Wald“ und diverse Stopptricks zur Darstellung sich von selbst bewegender Gegenstände sind selbst für damalige Verhältnisse wenig authentisch und überflüssige Spielereien. Auch geht der filmische Bann ein Stück weit verloren, wenn Graf Orlock mit Sarg unterm Arm völlig offensichtlich über die Schatten der Mittagssonne stiefelt, obwohl die blaue Tonung frech suggeriert, es sei eine Nachtszene. Dass Nosferatu eine kleine, schnelle Produktion war, lässt sich eben nie ganz verleugnen.

Kleine Lücken und Ungereimtheiten in der Handlung werden meist akzeptabel durch die „Traumlogik“ der Handlung entschuldigt; das unerreicht schaurige Antlitz des damals noch unbekannten Hauptdarstellers Max Schreck und sein faszinierendes, erhabenes Spiel lassen kleine inszenatorische Schnitzer weitgehend verzeihen. Gerne vergessen wird die Figur des Häusermaklers Knock, der mit Orlok in Verbindung steht, ebenfalls recht eindringlich und unheimlich gespielt von Alexander Granach.

Bei all der Symbolik verliert Murnau jedoch fast die Konzentration auf die Handlung. Werner Herzog gelang es in seiner Neuverfilmung rund 55 Jahre später, die Tragik der titelgebenden Figur einfühlsamer und zugänglicher herauszuarbeiten – allerdings mithilfe des gesprochenen Wortes. Nosferatu, eine Symphonie des Grauens bebildert auf bemerkenswerte Weise eine herannahende Bedrohung und erzeugt so beim Betrachter eine wachsende Panik, die durch mysteriöse geistige Verbindungen zwischen den Figuren geschürt wird und so eine recht einzigartig beklemmende Wirkung erzielt.

Wirklich furchteinflößend ist das heute nur noch sehr bedingt. Die sorgfältige Originalmusik von Hans Erdmann kümmert sich auch lieber um anspruchsvolle Leitmotive als um schauriges Dröhnen. Doch hat man die in ihrer vordergründigen Schlichtheit zunächst schräge und somit teils anstrengende Schauermär erst einmal ein bisschen entwirrt und entschlüsselt, lässt sie sich gut verarbeiten und schätzen.

Die obige Rezension bezieht sich auf die DVD-Version von Transit Film, mit der 2005/2006 restaurierten Fassung, die dem einstigen Original wohl am nächsten kommt.

2 Universal, Hammer und die Bedrohung von oben

Blutdürstiger Verführer

Hollywood hatte früh begonnen, talentierte Filmkünstler aus Deutschland abzuwerben und sich während der 1920er Jahre zur weltweit führenden Filmindustrie gemausert. Die Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 löste schließlich eine Abwanderungswelle deutscher Filmmacher aus und das hohe internationale Ansehen, das deutsche Produktionen vormals genossen, war endgültig dahin.

In den USA hatte ein gewisser Carl Laemmle – man glaubt es kaum: schon wieder ein Deutscher, allerdings bereits 1884 im Alter von 17 Jahren emigriert – die Universal Studios gegründet. Ende der 20er Jahre, als Filme schließlich sprechen lernten, übertrug er die Führung seinem Sohn, Carl Laemmle Jr.

Mit dem Vorhaben, höhere Qualität und frische Konzepte zu liefern, leitete der Junior in den 30er Jahren eine Serie von Monsterfilmen ein. Diese ließ die Universal Studios zu einer der wichtigsten Filmfabriken der Welt aufsteigen und löste den ersten Horror-Boom Hollywoods aus. Den Anfang markierte 1931 Dracula , in diesem Fall mit ordnungsgemäß erworbenen Rechten an der Romanvorlage.

Darin reist der englische Makler Renfield nach Transsilvanien und besucht – entgegen aller Warnungen – das Schloss des Grafen Dracula, um mit diesem ein Immobiliengeschäft abzuschließen. Dracula entpuppt sich als Vampir und macht Renfield zu seinem Sklaven. Daraufhin begibt sich der Graf selbst nach London und sucht nach weiblichen Opfern. Nur der weise Wissenschaftler Abraham Van Helsing ahnt, was sich hinter der Fassade des eleganten Adligen verbirgt.

Es sollte ein pompöser Auftakt für die kommende Horrorfilmreihe werden, doch leider machte die Weltwirtschaftskrise Laemmle einen Strich durch die Rechnung. Deshalb orientiert sich Dracula weniger an Bram Stokers komplexem Roman, sondern mehr an dem schlichteren Bühnenstück von Hamilton Deane, das auf dem Roman basiert. Dafür punktet die kleine Produktion, bewusst im Theaterstil gefilmt, mit großen Schauspielleistungen.

Hauptdarsteller Bela Lugosi hat weder ein besonders markantes Gesicht noch eine spektakuläre Statur, aber sein ungarischer Akzent, seine erhabenen Bewegungen, seine manierierte Sprache, sein hintersinniges Grinsen und seine eindringlichen Blicke verschaffen ihm eine sagenhafte Präsenz, mit der er den Grafen Dracula nicht nur als Vampir, sondern auch als männlichen Vamp etabliert. Im Gegensatz zur ersten bekannten Filmadaption des Stoffs durch Nosferatu, eine Symphonie des Grauens wird hier aus dem Vollstrecker ein Verführer. Lugosi, der die Rolle bereits in der Theaterfassung gespielt hatte, definiert hier das weltweite Dracula-Bild mit dem Vampir als erotisches Verhängnis. Der charmante Graf, dessen Image sich schließlich über die Jahre durchgesetzt hat, funktioniert auf seine Weise ebenso gut wie der abscheuliche.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dracula (Bela Lugosi) verführt, bis sich die Frauen seinem Blutdurst hingeben. | Quelle: DVD & Blu-ray "Universal Monsters Collection" (© 2012 Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.)

Doch eben nicht nur Lugosi, auch seine Leinwandpartner sind ein Genuss. Insbesondere natürlich Dwight Frye als Renfield, der mit faszinierender Hingabe vom Gentleman zum Wahnsinnigen mutiert; ebenso Edward Van Sloan als Professor Van Helsing mit seinem grenzenlos kultivierten Auftreten (wirkt nur im Originalton!).

Das erstklassige Ensemble tröstet über die arg brave und insgesamt etwas fad geratene Inszenierung hinweg. Die Fassung ist jedoch immer noch besser als die spanische Version, die mangels Synchronisationstechnik im gleichen Zeitraum an den gleichen Sets mit anderer Besetzung entstand. Diese gilt als technisch etwas ausgereifter und ist eine Spur freizügiger, zieht sich in den einzelnen Szenen aber massiv in die Länge, sodass sie glatt eine unnötige halbe Stunde länger läuft.

Einen kleinen Abbruch tut der Spannung auch die fehlende Filmmusikspur, die bei frühen Tonfilmen noch nicht üblich war. Lediglich der Vorspann ist von einem Stück aus „Schwanensee“ begleitet. Doch die vorherrschende Stille passt irgendwie zu den langsamen, geheimnisvollen Bewegungen Draculas und seiner Ausstrahlung, sodass man die Musik weniger vermisst als etwa im Universal-Nachfolger Frankenstein .

Oft wird weggeschwenkt und ausgeblendet, und zwar immer dann, wenn es um die entscheidenden Akte geht – nicht einmal spitze Zähne gibt es zu sehen. Das macht es dem Film leicht, sich nach dem strengen Hollywood-Kodex hinsichtlich Sex und Gewalt zu richten, es wird damit aber auch das Mysteriöse und Unnahbare an der Geschichte geschürt. Schließlich ist es oft sinnvoll, wenn man gewisse Szenen selbst zu Ende denken muss. Keine Entschuldigung gibt es jedoch für das sehr lasche Finale und den allgemein schwerfälligen Spannungsbogen. So bleibt Universals Dracula die wohl prägendste und vielleicht auch die am schönsten gespielte Version der Geschichte um den weltberühmten Blutsauger, nicht aber die aufregendste.

Es lebt

Wie eben schon angerissen, folgte noch im gleichen Jahr James Whales Frankenstein . Darin geht es um den jungen Dr. Henry Frankenstein. Der Wissenschaftler wendet sich von der Universität ab und geht im Alleingang seinen eigenartigen Experimenten nach, denen nur sein Gehilfe Fritz beiwohnen darf: Aus ausgegrabenen Leichenteilen setzt er einen menschlichen Körper zusammen. Das letzte Teil ist ein Gehirn, das Fritz aus der Präparatensammlung von Dr. Frankensteins ehemaligem Professor entwendet. Bei einem Gewitter wird der tote Körper mithilfe eines Blitzes zum Leben erweckt. Der begeisterte Doktor schafft jedoch ein Monster, das sich anders verhält als geplant.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dr. Frankensteins Kreatur (Boris Karloff) sorgt unfreiwillig für Entsetzen. | Quelle: DVD & Blu-ray "Universal Monsters Collection" (© 2012 Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.)

Ein absoluter Klassiker, aber nicht immun gegen eine kritische Betrachtung: In diesem schnell durchgeguckten Schinken stolpern die Figuren durch Studiokulissen, die nur zu gut als solche zu identifizieren sind – auch, weil die Tonbearbeitung damals noch in den Kinderschuhen steckte. Die komplett fehlende Musik – abgesehen von Vor- und Abspann – verpasst es nicht nur, derartige Macken zu kaschieren, sondern hinterlässt auch weitgehend Leere, wo Atmosphäre sein sollte. In Wahrheit handelt es sich bei James Whales Frankenstein um kaum mehr als ein kleines Experiment in Zeiten des Umbruchs, das nun mal hohe Wellen schlug.

Frei nach dem berühmten Roman von Mary Shelley und stärker orientiert an dem späteren Theaterstück von Peggy Webling inszeniert Whale eine glattgebügelte und gleichzeitig aufgeblasene Variante der Originalgeschichte, ohne dafür wirklich angemessene Mittel zu haben.

Die Identitätskrise der künstlichen Kreatur kristallisiert sich nur in vagen Andeutungen heraus, während dem Schöpfer eine steinerne Festung als Arbeitsraum angedichtet wird. Universal setzt bei der Produktion auf Pomp, wobei die zur Verfügung stehenden Schauplätze bald ausgereizt sind und die Botschaft, der Mensch habe nicht Gott zu spielen, zum müden Beiwerk verkommt.

Getragen wird dieses Kuriositätenkabinett – nach einem nicht allzu nennenswerten Kurzfilm von 1910 übrigens die zweite Verfilmung des Stoffs – glücklicherweise von gelungenem Schauspiel. Der viel zu früh verstorbene Colin Clive scheint in der passionierten Darbietung des Dr. Frankenstein auf angenehme Weise die Überreste des expressionistischen Stummfilms zu transportieren, welcher im Film allgemein häufig zitiert wird, und Boris Karloff haucht, unter dickem Make-up versteckt, seiner Figur auf interessant-eigenwillige Weise zweifelhaftes Leben ein. Eine sympathische Nebenrolle spielt unter anderen Edward Van Sloan (Van Helsing in Dracula ), der bereits im Prolog eine charmante Eröffnungsrede hält.

Ein gutes Gespür für Kameraeinstellungen und Lichtsetzung sowie ein solides Ensemble sind Frankenstein nicht abzusprechen. Eine herausragende Idee ist die Szene, in der das Monster auf ein unbedarftes kleines Mädchen trifft. Dennoch wirkt der Film an allen Ecken und Enden hölzern. Und gerade als das dramatische Finale sich anschickt, wirklich unter die Haut zu gehen, versaut ein quietschfideler Epilog alles – nachträglich eingefügt, erweist er sich als Riesenfehler.

Frankenstein hat den Archetyp des verrückten Wissenschaftlers für das Kino maßgeblich geprägt und ging wohl vor allem deshalb als vielleicht meistzitierter Horrorfilm in die Geschichte ein. Auch die Ambivalenz des Monsters galt als Novum. Da Status jedoch nicht gleich Qualität ist, muss man dem Produkt als solches keine Größe unterstellen, die es nicht besitzt. Das hat auch wenig damit zu tun, alte Filme nicht für das schätzen zu können, was sie sind, denn die in derselben Dekadenhälfte erschienene Fortsetzung Frankensteins Braut (Bride of Frankenstein ) hat gezeigt, wie man es besser macht.

Harte Worte für einen Klassiker, doch widmen wir uns zur Versöhnung der ungleich gelungeneren Fortsetzung von 1935.

Hier wird der von Dr. Frankenstein geschaffene Mensch gefangen genommen, kann sich jedoch befreien und flüchtet in die Wälder. Dort findet er einen Freund und lernt das Sprechen. Jäger zwingen das verzweifelte Monster bald jedoch erneut zur Flucht. Schließlich trifft es den wahnsinnig gewordenen Dr. Pretorius, einen ehemaligen Lehrer Frankensteins. Dieser hat es sich fest in den Kopf gesetzt, dem Monster eine Braut zu erschaffen, benötigt dafür aber Frankensteins Hilfe.

Eigentlich wollte Regisseur James Whale die Fortsetzung seines Monster-Hits Frankenstein gar nicht drehen, weil die Geschichte für ihn zu Ende erzählt war – allein diese noble Sichtweise verdient schon Applaus. Nachdem Whale schließlich unter dem Vorsatz einwilligte, sich mit allen Mitteln selbst zu übertreffen und dies dann auch noch tatsächlich schaffte, verdient er umso mehr Respekt. Frankensteins Braut ist im Verhältnis zum wegweisenden, aber arg holprigen Original eine der besten Fortsetzungen der Filmgeschichte.

Die Erfahrungen jener drei Jahre, die seit dem ersten Teil vergangen waren, waren für Whale dabei Gold wert, denn seine Mittel und Technik konnten währenddessen erheblich reifen. Frankensteins Braut punktet mit hohem Tempo, Parallelhandlungen, schönen Sets sowie einer Vorliebe für erhabene Kamerafahrten. Und: Musik! Endlich Musik, ohne die Teil 1, abgesehen von Vor- und Abspann, sehr leer wirkte. Sogar fröhliche Töne webt Komponist Bernhard Kaun in die eigentlich gruselige Szenerie ein und bleibt dabei stimmig. Eine charmante und bemerkenswerte Art, Stimmung zu erzeugen.

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Details

Seiten
74
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656463412
ISBN (Buch)
9783656463429
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231154
Schlagworte
eine reise horrorfilm teil caligari alien

Autor

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Titel: Eine Reise durch den Horrorfilm. Teil 1: Von Dr. Caligari (1920) bis Alien (1979)