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Intimität, Körper und Geschlecht

Essay 2013 7 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

In den letzten Jahrzehnten konnte in der westlichen Gesellschaft ein deutlicher Strukturwandel des Intimen beobachtet werden. Während sich die Zurückhaltung im öffentlichen Diskurs um den Stellenwert von ‚Liebe’ von der aufklärenden Generation der 1960er Jahre bis in die obere Mittelschicht der 80er Jahre verfolgen lässt, scheint es in den 90er Jahren zu einem abrupten Ende dieser Entwicklung gekommen zu sein. ‚Liebe’ besitzt inzwischen wieder einen hohen Stellenwert im sozialen Leben, während gleichzeitig eine neue Offenbarungskultur für ehemals Intimes zu verzeichnen ist (vgl. Hahn 2000: 249). Beobachtbar wird dieser Umstand vor allem im medialen Kontext, welcher von TV-Formaten wie „Herzblatt“, „Der Bachelor“, „Bauer sucht Frau“ oder der nach jahrelanger Pause neu produzierten „Traumhochzeit“ durchtränkt ist. Die größtenteils abgeschafften Erotik-Magazine wie „Peep!“, „Wa(h)re Liebe“ oder „Liebe Sünde“ trugen ebenfalls über etliche Jahre maßgeblich zu einer medial inszenierten Offenheit von Liebe und Intimität bei.

Es stellt sich nun die Frage, was sich unter dem Begriff ‚Intimität[1] ’ genau verstehen lässt. Zunächst einmal basiert Intimität auf einem grundlegenden, von allen Zeitgeisterscheinungen unabhängigen Interaktions-Spiel sozialer Öffnungs- und Schließungsprozesse. Des Weiteren lässt sich konstatieren, dass jede Kultur eine sozialstrukturelle Ordnung von Öffentlichkeit und Privatheit entwickelt. Charakteristisch für Partnerschaften ist beispielsweise, dass ihre Entstehung mehr oder weniger vor den Augen Dritter verborgen bleibt. Ihre Veröffentlichung findet schließlich durch die Symbolisierung der subjektiven Interpretation einer intimen Zweierbeziehung statt (vgl. Hahn 2000: 252). Es kann jedoch auch vorkommen, dass eine Beziehung bewusst nicht öffentlich gemacht wird. Gerade diese Heimlichkeit kann die Essenz einer Partnerschaft ausmachen, was unter Umständen dazu führt, dass die Wahrung des Geheimnisses um die Beziehung für die Akteure wichtiger wird als die Beziehung an sich (vgl. Collins/Gregor 1995: 76). Im Gegenzug kann jedoch auch Öffentlichkeit eine Liebesbeziehung insofern stützen, als zwei Personen erst durch die Interaktion mit Dritten normativ als Liebespaar erfasst werden. Besagte Öffentlichkeit gefährdet jedoch dann die Liebe, wenn ihre Rahmung durch die Gesellschaft zu stark ausgeprägt ist[2].

Mit dem Akt der Eheschließung ändern sich schließlich die Formen von Intimität: Während der formal-rechtliche Teil einer Heirat im Laufe der Jahre immer öffentlicher geworden ist, wurde gleichzeitig der Wunsch nach mehr Intimität durch die Intensität des Erlebens deutlich größer. Diese paradox wirkende Doppelkonstruktion wird durch die besondere Eigenart, die sich aus der Abstrahierung von Öffentlichkeit ergibt, erst möglich (vgl. Hahn 2000: 253). Gerade im Rahmen von Eheschließungen bezieht sich die besagte Öffentlichkeit häufig jedoch nur noch auf den Staat, welcher durch die Unterschriften des Brautpaares lediglich als formeller Repräsentant der ehebezeugenden Gesellschaft fungiert[3].

Eines der wichtigsten Merkmale von Intimität ist das Vorhandensein einer Begrenzung durch Dritte. Prinzipiell gilt: „Lovers must protect their world and separate it from the surrounding society“ (Collins/Gregor 1995: 72). Die dyadische Beziehung kann also nur dann existieren, wenn es eine Begrenzung durch die Umwelt gibt. Einerseits ist die explizite Exklusion von Dritten somit eine ständige Anforderung an den Interaktionstyp ‚romantische Liebesbeziehung’, andererseits ist der Ausschluss Dritter nicht nur notwendig, sondern elementar für die bloße Existenz einer romantischen Liebesbeziehung zweier Menschen. Die finale Begrenzung von Intimität besteht schließlich im Grad der gegenseitigen Öffnung der sich liebenden Interaktionspartner untereinander. Es geht demnach auch in der Binnenperspektive stets darum, Nähe und Distanz sowie Intimität und Öffentlichkeit unter der Berücksichtigung der vorherrschenden sozialen Normen auszuhandeln (vgl. Hahn 2000: 254).

Im Zusammenhang mit Intimität erfährt auch Geschlecht eine hohe Bedeutung. Rüdiger Lautmann hält fest, dass die „Geschlechterdifferenzierung im Handlungsbereich der Intimität längst nicht so tot ist, wie man heute anzunehmen scheint“ (Lautmann 1998: 58). Im Gegenteil, die ‚Veröffentlichung des Privaten’ zur Aufdeckung der sozialen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern gilt im feministischen Diskurs heutzutage geradezu als Forschungsprinzip. Während männliche Autoren die romantische Liebe zumindest in ihrem Modell unter Betonung der Gleichheit von Partnern beschreiben, thematisieren weibliche Autorinnen die Asymmetrie von Liebesbeziehungen (vgl. Hahn 2000: 256). Als Beispiel sei hier auf die Schriftstellerin Ricarda Huch verwiesen, welche die romantische Liebe als ein zufälliges (Neben-)Produkt der gesellschaftlichen Konstruktion des Verhältnisses von Intimitäts- und Öffentlichkeitssphäre und des Geschlechterverhältnisses darstellt. Sie ist der Ansicht, dass die Überschätzung der Liebe, die uns in Literatur und Leben entgegentritt, mit dem Gang der Geschichte zusammenhängt. Durch eine große wirtschaftliche Umwälzung seien Frauen ihrer beruflichen Tätigkeit im Haus entzogen worden, was schließlich zum Bild der ‚unbeschäftigten Dame’ führte, welche fast schon darauf angewiesen ist, ihre freie Zeit mit Liebesintrigen zu füllen (vgl. Huch 1925: 163f).

Es lassen sich nun diverse Analysepositionen der geschlechtstypischen Verteilung von Privatsphäre und Öffentlichkeitssphäre unterscheiden. Bei aller Verschiedenheit dieser Positionen hinsichtlich ihrer Einschätzung der sozialen Lage von Männern und Frauen wird deutlich, dass die geschlechtstypische Vorstellung einer Intimitäts- und Öffentlichkeitssphäre die Konzepte leitet. Die klassische Perspektive, welche unter anderem von Alice Schwarzer (1987) vertreten wird, beschreibt eine Ausbeutung der Arbeitskraft sowie die rechtliche Unterdrückung der sozialen Klasse der Frauen durch die soziale Klasse der Männer. Demnach gelingt es Männern, die auf sie bezogenen Affektionen der Frauen für ihre Interessen zu instrumentalisieren. Diese Liebesbeziehungen sind durch ein Machtungleichgewicht zwischen den Partnern geprägt, was zur Folge hat, dass Frauen von der Öffentlichkeitssphäre ausgeschlossen und auf den Privatbereich reduziert werden. Autorinnen wie beispielweise Catherine MacKinnon (1989) radikalisieren diese Ansicht, indem die Behauptung aufgestellt wird, dass jede Interaktion mit Männern per se als Unterdrückung erlebt wird. Laut MacKinnon gibt es prinzipiell keine Privatsphäre für Frauen, da alle Handlungssphären von Männern dominiert werden und ausschließlich Männern zugänglich sind. Weniger radikal problematisiert Judith Butler (1990) mit ihrer Idee des Dekonstruktivismus die soziale Zuschreibung von Geschlechtsrollen, da durch die Differenzierung von sex und gender nicht die Polarität zwischen zwei Geschlechtern im gesellschaftlichen Diskurs und der gesellschaftlichen Praxis aufgehoben wird. Geschlechtstypische Zuordnungen werden nur insoweit akzeptiert, als sie auf einem subjektiven Selbstbild basieren. Demnach sind ‚Männlichkeit’ und ‚Weiblichkeit’ auch Bezeichnungen von Verhaltensstilen, welche weder mit dem biologischen Geschlecht noch mit sozialen Zuschreibungen assoziiert sind. René Denfeld (1996) sieht wiederrum bestimmte Positionen des gegenwärtigen Feminismus sehr kritisch. Laut ihr werden Männer und Frauen unter gesellschaftlichen Individualisierungstendenzen weniger als Klassen, sondern nur noch in ihrer sexuellen Performanz unterschieden. Dies bedeutet, dass die Geschlechter in ihrer sozialen Stellung im öffentlichen Leben als eher gleich wahrgenommen werden, während sie in ihren intimen Verhaltensmustern als eher ungleich wahrgenommen werden.

[...]


[1] lat. intimus = „dem Rand am fernsten“ oder„am weitesten innen“.

[2] Als Beispiel sei hier auf die sog. Mesalliance (frz. Missheirat) verwiesen. Mit diesem Begriff bezeichnete man in derStändegesellschafteineEhezwischen Partnern, die verschiedenen Gesellschaftsschichten angehörten. Die Folgen konnten weitreichend sein und bis zum Verlust des Standes führen.

[3] Inzwischen ist es in Deutschland gesetzlich nicht mehr von Nöten, Trauzeugen für eine standesamtliche Hochzeit zu bestimmen.

Details

Seiten
7
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656469506
ISBN (Buch)
9783656469742
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231024
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
geschlecht körper intimität privatssphäre privatheit sex gender

Autor

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Titel: Intimität, Körper und Geschlecht