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Krisenexperiment. Ein Weg zur Aufdeckung von sozialen Normen und gesellschaftlichen Konventionen

Essay 2013 5 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Der Begriff Krisenexperiment[1] bezeichnet ein vor allem im symbolischen Interaktionismus und der Ethnomethodologie bekanntes Vorgehen, bei dem implizite soziale Normen sichtbar gemacht werden, indem sie entweder in übertriebener Weise eingehalten oder offensichtlich missachtet werden. Durch die Verletzung von sozialen Konventionen soll schließlich herausgefunden werden, welche Praktiken bei der Konstruktion von sozialer Wirklichkeit eine wichtige Rolle spielen (vgl. Ritzer 2011: 391).

Einer der bedeutendsten Namen, welcher häufig im Zusammenhang mit dem Terminus des Krisenexperiments genannt wird, ist der des US-Soziologen Harold Garfinkel. Garfinkel gilt als Begründer der Ethnomethodologie[2], einer praktischen Forschungsrichtung, welche untersucht, mit welchen alltagspraktischen Handlungen soziale Wirklichkeit hergestellt wird. Garfinkel hat in seiner Arbeit große Teile des methodischen Programms von Alfred Schütz empirisch umgesetzt. Während sich Schütz jedoch mit der Frage beschäftigte, wie sich der Mensch in den sozialen Strukturen des Alltags wechselseitig orientiert und nach dem ihm selbstverständlich erscheinenden Alltagswissen agiert, besteht der Beitrag Garfinkels vor allem darin, vertraut wirkendes Verhalten im Detail untersuchbar gemacht zu haben. Der Soziologe John Heritage, welcher sich über Jahrzehnte mit den Arbeiten Garfinkels auseinandergesetzt hat, ist gar der Ansicht, Garfinkel habe mit der Ethnomethodologie das soziologische Äquivalent zum Mikroskop erfunden (vgl. Heritage 1984: 311).

Als Vertreter einer Soziologie des Alltagslebens betont Garfinkel die Wichtigkeit jedes einzelnen Augenblicks für die Konstitution von Bedeutungen und Interaktionen. Er beschäftigt sich vor allem mit simplen Handlungen aus der alltäglichen Lebenswelt, wie beispielsweise Begrüßungsritualen oder dem Einkauf von Lebensmitteln. Garfinkel bezweifelt, dass sämtliche Mitglieder einer Interaktionsgemeinschaft die Kenntnis von Interaktionsregeln besitzen und diese auch methodisch anwenden können. Aus diesem Grund entwickelte er die Methode der dokumentarischen Interpretation. Bei dieser Methode werden Interaktionssequenzen, wie beispielsweise Wortwechsel, Mimik, Tonfall oder Bewegungsabläufe, dokumentiert und rekonstruktiv interpretiert. Diese Methode soll das Verhalten der untersuchten Personen bewusst nicht werten (vgl. Treibel 2006: 106).

Eine Vielzahl der Ergebnisse seiner dokumentarischen Interpretationen hat Garfinkel anschließend in Form von Krisenexperimenten umgesetzt. Krisenexperimente zeichnen sich dadurch aus, dass Erwartungshaltungen gezielt nicht erfüllt werden. Durch den bewussten Bruch mit dem ‚Normalen‘ soll die soziologisch produktive "Fremdheit einer hartnäckigen vertrauten Welt" (Garfinkel 1973: 280) sichtbar werden. Das Provozieren einer Krise in alltäglichen Interaktionen lässt die Praktiken der Herstellung einer normalen Interaktionsordnung anhand der Reaktionen auf diese Störung beobachtbar werden.

[...]


[1] Garfinkel verwendet im Original den Begriff „breaching experiment“, welcher etymologisch betrachtet sowohl den Bruch mit als auch den Verstoß gegen soziale Konventionen beschreibt.

[2] Die Vorsilbe ethno weist darauf hin, dass es sich, wie bei der Untersuchung von fremden Kulturen in der Ethnologie, um die Untersuchung von etwas Fremdem handelt (vgl. Treibel 2006: 106).

Details

Seiten
5
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656465430
Dateigröße
361 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231023
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
harold garfinkel garfinkel krisenexperiment krisenexperimente breaching experiments soziale normen

Autor

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Titel: Krisenexperiment. Ein Weg zur Aufdeckung von sozialen Normen und gesellschaftlichen Konventionen