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Das Passional Christi und Antichristi

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 22 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung

3. Voraussetzungen und Entstehungsgeschichte

4. Aufbau und Inhalt

5. Verbreitung und Rezeptionsgeschichte

6. Merkmale der Satire

7. Beispiele aus dem „Passional Christi und Antichristi
7.1 Das Bildpaar „Fußwaschung“ und „Fußkuss
7.2 Das Bildpaar „Christi Einzug in Jerusalem“ und „Der Einzug des Papstes in die Hölle“
7.3 Das Bildpaar „Himmelfahrt Christi“ und „Höllensturz des Papstes

8. Zusammenfassung

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

1. Einleitung

Nach der durch Martin Luther veranlassten Reformation 1517 entstanden im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und darüber hinaus zahlreiche Propagandawerke, die den konfessionellen Gegner diffamieren sollten. Eine satirische Darstellung bildet dabei das 1521 in Wittenberg erschienene „Passional Christi und Antichristi“.

Das von Lucas Cranach d. Ä. entworfene Werk besteht aus einem Titelblatt sowie dreizehn antithetischen Bildpaaren mit sechsundzwanzig Darstellungen, die das Leben Jesu Christi mit dem des Papstes, der als Antichrist dargestellt ist, vergleichen. Sie sind zudem mit Texten von Martin Luther, Philipp Melanchton und Johann Schwertfeger unterschrieben.

Nach seinem Erscheinen erfuhr das Passional eine große Beliebtheit und eine weite Verbreitung. So entstanden zum Teil veränderte Nachdrucke unter anderem in Erfurt, Torgau, Genf und Straßburg. Zudem waren Ausgaben in Frankreich, Spanien, der Schweiz und England verbreitet.

Aufgrund des beträchtlichen Bekanntheitsgrades, der kurz nach der Reformation erfolgten Veröffentlichung und des daraus resultierenden Einflusses auf die nachfolgende Polemik stellt das „Passional Christi und Antichristi“ einen bedeutendes Zeugnis protestantischer Satire während der konfessionellen Streitigkeiten im 16. Jahrhundert dar.

Im Folgenden werden die Voraussetzungen und die Entstehung, der genaue Aufbau und Inhalt und insbesondere die Aussage des Werkes sowie dessen Einfluss auf die Literatur erläutert. Die Botschaft des Passionals wird für ein besseres Verständnis zudem abschließend an einer Auswahl antithetischer Bildpaare veranschaulicht.

2. Begriffsklärung

Möchte man dieses satirische Werk verstehen, so ist es erforderlich zunächst den Begriff „Passional“ zu definieren. Dies ist notwendig, da diese Titelbezeichnung unterschiedliche Bedeutungen aufweist.

So ist ein „Passional“ zunächst ein mittelalterliches liturgisches Buch mit Heiligengeschichten. Weiterhin wird die größte Legendensammlung des Mittelalters gleichlautend betitelt.

Für das vorliegende Werk sind hingegen folgende Bestimmungen entscheidend:

Der Begriff „Passional“ bezeichnete im 16. Jahrhundert einerseits das gesamte Leben Christi. Andererseits wird zudem die Leidensgeschichte Jesu mit dem Begriff „Passion“ betitelt. Insbesondere die letztere Bedeutung wurde bis in die Gegenwart bewahrt.

Lukas Cranach d. Ä. und Martin Luther nutzen diese Auslegungen des Begriffs, da das Leben und das Leiden Christi die zentralen Bestandteile des christlichen Glaubens ausdrücken. Moderne Kritiker geben aber zu bedenken, dass nur wenige Darstellungen im „Passional Christi und Antichristi“ direkt die Leiden Jesu veranschaulichen, sondern oftmals Auszüge aus dem gesamten Leben Christi abgebildet werden.[1] Obwohl die Diskussion um das korrekte Begriffsverständnis noch nicht abgeschlossen ist, bleibt festzuhalten, dass der entscheidende Faktor für das Verständnis des Werkes der direkte Bezug zu Jesus Christus ist.

Es muss jedoch bemerkt werden, dass schon im 16. Jahrhundert der Titel „Passional“ kritisch beurteilt wurde, da nicht die Leidensgeschichte an sich, sondern der Vergleich Christus – Papst den zentralen Inhalt des Werkes ausmacht. Daher wurden schon die nahezu zeitgleich erschienene lateinische Ausgabe mit „Antithesis figurata vitae Christi et Antichristi“ und deutschsprachige Nachdrucke unter anderem mit „Parallele Christi und Antichristi“ betitelt, da diese Begriffe den Gehalt des Werkes genauer akzentuieren.

Der bereits im Titel verwendete Begriff „Antichrist“ bezeichnet eine Gestalt aus der Apokalypse, der nicht nur Christi Weisungen missachtet, sondern ihnen ganz bewusst entgegen handelt, sich zugleich aber göttliche Verehrung anmaßt oder gottgleich zu sein beansprucht.

Obwohl das „Passional Christi und Antichristi“ von Martin Luther, Johann Schwertfeger und Philipp Melanchton erarbeitet und die Bilder von Lucas Cranach dem Älteren entworfen wurde, also eine Gemeinschaftsproduktion vorliegt, werden im Folgenden wiederholt Begriffe wie „Luthers Werk“ oder „Cranachs Arbeit“ verwendet. Dies dient lediglich der Vereinfachung und soll keineswegs eine Bewertung zu Ungunsten Melanchtons oder Schwertfegers ausdrücken.

3. Vorraussetzungen und Entstehungsgeschichte

Schon früh in der Geschichte des Christentums wurden einzelne Personen und Gruppen mit dem Antichristen in Verbindung gebracht. So warnen bereits die Briefe des Johannes die Urchristen vor dieser Gefahr (Joh 2, 18-26). Später wurden auch Päpste mit diesem Begriff betitelt, allerdings lediglich als Einzelperson.

Die erste Gegenüberstellung Christi mit dem als Antichrist dargestellten Papst ist in dem 1384 erschienenen Traktat „De christo et suo adversario Antichristo“ des Engländers Johann Wycliff zu finden. Bedeutsamkeit erlangt die Tatsache, dass hiermit erstmals der Papst nicht als Einzelperson, sondern als Symbol der katholischen Kirche und damit die gesamte Institution angegriffen wurde. Diese Abhandlung enthält noch keine Bilder, behandelt aber zum Teil ähnliche Themen wie später das Werk Luthers.

Über die Hussiten gelangte das Traktat nach Böhmen, das sich im 15. Jahrhundert zu einem Zentrum der antipäpstlichen Polemik entwickelte. Allerdings blieb die Beachtung dieser und nachfolgender Schriften lokal beschränkt, sodass bezweifelt wird, ob Wycliffs Werk tatsächlich Einfluss auf Luthers Arbeit besaß.[2] Dennoch stellt es die wichtigste Vorraussetzung für das „Passional Christi und Antichristi“ dar.

Schon bevor Luther an diesem arbeitete, griff er den Vergleich Christus und dem als Antichristen dargestellten Papst auf. So wird diese Thematik bereits in seinen Schriften „An den christlichen Adel“, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ und „Wider die Bulle des Endchrists“ aus dem Jahre 1520 behandelt.

Darauf aufbauend entwickelte Martin Luther gemeinsam mit dem Humanisten Philipp Melanchton und dem aus Erfurt stammenden Philosophen Johann Schwertfeger die Texte für das Passional. Aufbauend darauf entwarf der Künstler Lucas Cranach der Ältere dem Inhalt der Schriften entsprechende Holzschnitte, welche die Thematik verbildlichen sollten.

Obwohl Martin Luther nachweislich am Passional mitgewirkt hat und die Urheberschaft des Werkes in der Literaturgeschichte stets dem berühmten Reformator zuerkannt wird, bleibt in der Forschung umstritten, wie bedeutend der Anteil Luthers an der Herstellung der Texte tatsächlich war[3]. Als bestätigt gilt jedoch, dass der Reformator die Themen der einzelnen Schriften mit Schwertfeger und Melanchton zumindest abgesprochen hat. Letztgenannte führten die Arbeit am Werk fort und vollendeten sie, Luther begutachtete und befürwortete daraufhin das fertiggestellte Passional. Daher kann bei dem „Passional Christi und Antichristi“ zumindest von einem „geistigen Werk Luthers“[4] ausgegangen werden.

Im Jahre 1521 wurde das vollendete Werk schließlich in Wittenberg veröffentlicht, nahezu zeitgleich mit dem Reichstag zu Worms.

4. Aufbau und Inhalt

Das „Passional Christi und Antichristi“ besteht aus einem Titelblatt und dreizehn antithetischen Bildpaaren, insgesamt also aus 27 Holzschnitten. Letztere stellen jeweils Christus und den als Antichristen dargestellten Papst gegenüber. Jedes Bild ist zudem mit einem erläuternden Text unterschrieben. Die Botschaft der Darstellungen ist meist ohne die dazugehörigen Unterschriften evident, allerdings erläutern diese die Bilder genauer. So war die Satire für Analphabeten sowie Lesekundige gleichermaßen interessant und verständlich.

Bei genauer Betrachtung der Holzschnitte sind einige charakteristische Merkmale in der Darstellung zu erkennen, welche die Botschaft von Luthers Werk verdeutlichen. So ist der Papst meist in repräsentativen Räumen abgebildet, Christus im Gegensatz dazu in der Natur. Ein weiteres Kennzeichen entsteht dadurch, dass der Papst oft zentral und erhöht, Christus dagegen demütig und eher am Rand des Bildes dargestellt ist. Schon durch diese künstlerischen Charakteristika wird die Botschaft des Reformators angedeutet.

Wie bereits in Kapitel zwei erwähnt, stellt ein Passional das Leben Jesu Christi dar. Im vorliegenden Werk wurde dieses allerdings nicht chronologisch dargestellt, vielmehr sind zwölf Bildpaare in folgende vier Themenbereiche geordnet:

1. Auseinandersetzung zwischen Papst und weltlicher Obrigkeit
„Christus lehnt weltliche Herrschaft ab“
„Der Papst verweigert dem Kaiser den Zutritt“
„Dornenkrönung Christi“
„Papstkrönung“
„Fußwaschung“
„Fußkuss“
„Steuerabgabe“
„Der Papst bannt den Kaiser“
2. Verhältnis von Papst und Christus zu ihren Gemeinden
„Christus bei den Kranken“
„Der Papst beim Turnier“
„Christus weidet seine Schafe“
„Völlerei des Papstes“
3. Kritik am weltlichen Leben des Papstes
„Sturz Christi unter dem Kreuz“
„Der Papst in der Sänfte“
„Geburt Christi“
„Der Papst als Kriegsherr“
„Christi Einzug in Jerusalem“
„Der Einzug des Papstes in die Hölle“
„Christus lehnt weltliche Güter ab“
„Bischofseinsetzung“
4. Das gotteslästerliche Leben des Papstes
„Christus disputiert mit den Pharisäern“
„Anbetung des Papstes“
„Vertreibung der Wechsler“
„Ablassverkauf in der Kirche“

Hinzu kommt als Abschluss die finale Antithese „Himmelfahrt Christi“ und „Höllensturz des Papstes“, sowie ein Kommentar des Passionals. Dieser ist weniger eine Zusammenfassung des Werkes, sondern vielmehr eine rechtliche Absicherung der Autoren, um einem möglichem Verbot entgegenzutreten. Zudem wird die Hoffnung ausgesprochen, dass sich die kritisierten Zustände der katholischen Kirche bessern werden.

Mit jedem der aufgezählten antithetischen Bildpaare werden päpstliche Eigenschaften und Verhaltensweisen kritisiert und das vorbildliche Leben Christi dem gegenübergestellt, sodass sich daraus die Botschaft des Werkes ergibt:

Der Papst als Person und als Symbol für die gesamte Institution der katholischen Kirche ist mit dem Antichristen identisch, er stellt das Böse in der Welt dar.

Die in den Holzschnitten abgebildeten Schilderungen entsprachen in der damaligen Gegenwart durchaus auch der Realität, sodass die Kritik am Papsttum umso intensiver und nachhaltiger wirkte. Zudem stehen die Darstellungen Christi meist in einem konkreten Bezug zur Bibel, sodass die Aussagen einerseits legitimiert sind, andererseits auch die Anschuldigungen gegen den Papst umso schwerer wiegen.

Auch die Bildunterschriften tragen zu dieser Aussage bei. Während für die Christus-Bilder vorwiegend Zitate aus den Evangelien verwendet wurden, wird mit dem Text unter den dazugehörigen Papstdarstellungen das Verhalten des Pontifex stets scharf angegriffen, meist werden dafür Passagen aus dem Kirchenrecht verwendet, zum Teil auch aus der Apokalypse.

Wie erwähnt wird die Aussage des Bildes durch die Subscriptio verdeutlicht und nochmals verstärkt. Luther betonte, dass aus seiner Sicht das geschriebene Wort als primär und die bildliche Darstellung als sekundär für die Verständlichkeit des Passionals sei.[5] Dennoch bleibt die Botschaft des Werkes auch ohne Textverständnis unmissverständlich. Dies belegen auch die Beispiele, die in Kapitel sieben vorgestellt werden.

Das Werk Luthers zeigt aber nicht nur die Verwerflichkeit katholischer Dogmen, sondern bietet dem Gläubigen zugleich einen Ausweg. Die Christen werden sinnbildlich dazu angeregt, zwischen zwei Wegen zu entscheiden:

Sie können dem sündigen Papst bis in die Hölle folgen, oder aber mit Jesus Christus den heilsbringenden Pfad bis zur Seligkeit gehen.

Selbstverständlich wird der Betrachter des Passionals dazu angeregt, den Weg Christi zu wählen. Dieser Pfad kann allerdings aus protestantischer Sicht nur mit Hilfe der Reformation und ihrer Lehren beschritten werden. Somit ist das in den Holzschnitten abgebildete, vorbildliche Leben Christi gleichzeitig Symbol und Programm der protestantischen Bewegung und für den Gläubigen die einzige Möglichkeit, sein Seelenheil zu erlangen.

Somit ist das „Passional Christi und Antichristi“ eine Aggression gegen das Papsttum und die katholische Kirche und ein Aufruf zur Hinwendung zur Reformation. Obwohl letzteres nicht explizit formuliert ist, wird dies dem neutralen Betrachter nur allzu deutlich.

5. Verbreitung und Rezeptionsgeschichte

Nachdem das „Passional Christi und Antichristi“ erstmals 1521 in Wittenberg erscheint, erfreute es sich schnell einer großen Beliebtheit. Die Nachfrage nach dieser Satire war so enorm, dass bald darauf zahlreiche Nachdrucke erschienen. So wurden unter anderem in Erfurt, Torgau, Genf und Straßburg neue Auflagen produziert. Diese wurden in Aufbau, Bildgestaltung oder auch Themenwahl meist leicht verändert, das Grundmotiv und die Botschaft blieben aber stets erhalten.

Eine Besonderheit ist zudem die Tatsache, dass Ausgaben des „Passional Christi und Antichristi“ auch in Frankreich, Spanien und England aufgefunden wurden. Dies stellt für das sechzehnte Jahrhundert eine beachtliche geografische Verbreitung dar. Da das Werk für Analphabeten sowie Lesekundige gleichermaßen interessant war, lässt sich daraus auf einen hohen Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung schließen.

[...]


[1] Vgl. Groll (1990), 41

[2] Vgl. Groll (1990), 22

[3] Vgl. ebd., 14

[4] Luther (1966), 690

[5] Vgl. Groll (1990), 14

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656471998
ISBN (Buch)
9783656472056
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230999
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Germanistik
Note
2,3
Schlagworte
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