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Übergangsrituale in der Postmoderne. Definitionen und Beispiele

von Sina Hofmeister (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 16 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II Arnold van Genneps Definition des Übergangsrituals
II.1 Die Dreiphasenstruktur
II.2 Einordnung verschiedener Übergangsriten
II.3 Die magischen Kreise

III Victor Turners Erweiterung der Dreiphasenstruktur
III.1 Communitas
III.2 Anti-Struktur

IV Äquatortaufe: Damals und heute
IV.1 Die drei Phasen der Äquatortaufe
IV.2 Resümee

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Statuswechsel, Alterswechsel, Namenswechsel, Gruppenwechsel, Ortswechsel, Religionswechsel (o. Aufnahme), Familienwechsel, Partnerwechsel - das ganze Leben eines Menschen ist von einer großen Anzahl verschiedener Übergänge geprägt. Manche nehmen wir Menschen bewusst wahr und feiern sie, manche jedoch nicht. Entweder weil sie für uns nicht relevant erscheinen oder weil sie schon so in unser Alltagsleben integriert sind, dass wir sie nicht mehr als solche bemerken. Die bekanntesten und in der deutschen Kultur wichtigsten Situationen, in denen Übergangsrituale stattfinden sind Geburt und Schwangerschaft, Taufe, Heirat und der Tod mit seinen folgenden Bestattungs- und Trauerritualen. All diese Rituale, die sogenannten Übergangsrituale, sollen ein Individuum oder eine Gruppe von einer definierten Situation in einer andere, genauso definierte Situation überführen[1] und setzen zugleich eine gewisse Bereitschaft zum Glauben oder auch zum Aberglauben voraus. So stellte Goethe bereits 1823 in seinen „Maximen und Reflexionen“ fest:

„ Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens. “ [2]

Und Goethe hat Recht. Das Leben eines sich verändernden Menschen, egal welcher Kultur, mit der ganz eigenen Poesie, dreht sich um die möglichst ungestörte, konfliktfreie Durchführung und Überführung der einzelnen Lebensabschnitte mit ihren eigenen Regeln, Erwartungen und Ritualen. Diese in verschiedenen Situationen auftretenden, aber sich ähnelnden Übergangsrituale können als Ausdruck des Wunsches nach Ordnung, Struktur und Schutz für einen positiven nächsten Lebensabschnitt gesehen werden.

In dieser Modulabschlussarbeit möchte ich im ersten Teil die Ideen und Konzeptionen Arnold van Genneps und Victor Turners aufzeigen, die maßgeblich an der Prägung und Definition des Begriffs „Übergangsritual / Übergangsritus“ beteiligt waren. Anschließend wird im zweiten Teil der Arbeit die Struktur des van Gennepschen Übergangsrituals am Beispiel der historischen und modernen Äquatortaufe näher beleuchtet.

II. Arnold van Genneps Definition des Übergangsrituals

Der französische Ethnologe Arnold van Gennep (*1873-†1957) analysiert und beschreibt in seinem Buch „Les rites de passage“ Übergangsriten in verschiedenen außereuropäischen Kulturen. Zu seiner Zeit wegen seiner untypischen Denkweise nicht von Émile Durkheim und dessen Wissenschaftskollegen in Frankreich anerkannt, gilt Arnold van Genneps Werk heute, Dank der Übersetzung ins Englische in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, als Klassiker der Ethnologie und prägt bis heute die Forschung.[3]

Im Gegensatz zu anderen Ethnologen des 20. Jahrhunderts untersuchte A. van Gennep gleiche Rituale verschiedener Kulturen und verglich diese in Bezug auf ihren kulturellen Kontext und ihre Bedeutung. Somit zeigte er auf, dass Rituale nicht isoliert betrachtet werden dürfen, da so das Verständnis für ihre Funktion, ihre Bedeutung und den Kontext verloren gehe.[4]

Van Gennep zu Folge gibt es in allen Kulturen Übergangsriten, wobei diese allerdings unterschiedlich ausgeprägt sind. Die Übergangsriten finden immer dann Anwendung, wenn ein Bruch im Leben des Menschen stattfindet. Dies kann sich auf ein Individuum oder auf eine Gruppe beziehen. Diese Brüche stellen im Leben des Menschen eine Gefahr da, da sie die Ordnung der fest strukturierten Gesellschaft zu stören drohen. Aus diesem Grund werden Übergangsriten vollzogen, um den Bruch abzuschwächen und den Übergang zum neuen Zustand, zur neuen Position, zur neuen Gruppe oder zum neuen Ort zu kontrollieren. Zudem wird zwischen profanen Reaktionen der säkulären Welt und sakralen Reaktionen der religiösen/heiligen Welt unterschieden, wobei in weniger entwickelten Gesellschaften das Sakrale in den Riten vorherrscht. Dies sei, so van Gennep, typisch für weniger entwickelte Völker, da hier in allen Bereichen das Heilige eine wesentliche größere Priorität habe als in modernen Gesellschaften.[5]

II.1 Die Dreiphasenstruktur

Abbildung 1: Die Dreiphasenstruktur (eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Van Gennep teilt den Übergangsritus ganz allgemein in drei Phasen auf. Diese Struktur (siehe selbst erstellte Abbildung 1 unten) gilt für jeden Übergangsritus in jedem erdenklichen kulturellen Kontext mit jeweiliger Bedeutung. Die drei Phasen sind die Trennungsphase, die Übergangs-, oder Schwellenphase und die Angliederungsphase. Die Bezeichnung Übergangsphase wird bei einem Statuswechsel benutzt, die Bezeichnung als Schwellenphase bei Ortswechseln. Die erste Phase zeichnet sich durch die Trennung vom früheren Zustand aus, die oft von Reaktionen wie dem Kleidungswechsel oder auch der Mutilation von Körperteilen begleitet wird. Die zweite Phase kennzeichnet das Zwischendasein. In ihr befindet sich der Mensch nicht mehr in seinem früheren Status oder Umfeld, ist allerdings auch noch nicht in die neue Situation eingeführt worden. Diese Phase wird oft als gefährlich und instabil eingestuft, da der Mensch im sogenannten Zwischendasein von den alten und neuen gesellschaftlichen Strukturen, Ordnungen, Werten und Normen losgelöst und so dessen Zustand undefinierbar ist. In vielen Kulturen wird das Individuum dieser Phase als rituell tot betrachtet, bis es wieder in der dritten Phase in den neuen Zustand angegliedert wird. Während dieses rituellen Todes lebt die betroffene Person oft isoliert und abseits der früheren Gesellschaft. Entweder um in den Regeln und Geheimnissen der neuen Gesellschaft unterrichtet zu werden (speziell bei Initiationsriten) oder um den alten Status ganz zu vergessen und sich komplett losgelöst für den neuen Zustand neu formen lassen zu können. Bei räumlichen Übergängen wird die Schwellenphase durch Markierungen wie Steine oder Torbögen gekennzeichnet. Die dritte und letzte Phase ist die bereits angesprochene Angliederungsphase. Hier findet die Aufnahme des Individuums in den neuen, stabilen und definierbaren Zustand, die neue Position, die neue Gruppe oder den neuen Ort statt. Am verbreitetsten ist das gemeinsame Mahl als Zeichen der Angliederung. Je nach kulturellem Kontext können die einzelnen Phasen eines Übergangsritus unterschiedlich lang sein und unterschiedliche Priorität besitzen. Bei Bestattungsritualen beispielsweise ist die Trennungsphase oft sehr ausgeprägt, während bei Verlobungs- und Hochzeitsritualen die Angliederungsriten meist die wichtigste Rolle einnehmen.[6]

II.2 Einordnung verschiedener Übergangsriten

Wie bereits angedeutet, untersuchte Arnold van Gennep nicht nur die Übergangsriten im Vergleich, sondern ging auch deren jeweiliger Bedeutung nach. Arnold van Gennep klassifiziert Übergangsriten in acht verschiedene Kategorien, wobei ein Ritus gleichzeitig in vier Kategorien eingeordnet werden kann. Daraus folgend ergeben sich 16 Kombinationsmöglichkeiten. Die verschiedenen Kategorien eines Ritus sind nach van Gennep folgende:[7] Anmistische Riten und Dynamistische Riten sowie Sympathetische Riten, Kontagiöse Riten, Positive Riten, Negative Riten, Direkte Riten und Indirekte Riten.

Sowohl der Animismus, als auch der Dynamismus können als theoretische, religiöse Hauptkategorie bezeichnet werden. Die restlichen sechs qualifizierten Riten stellen die daraus hervorgehenden Handlungen dar. „Unter Dynanismus versteht man die Theorie, die von einer unpersönlichen Kraft wie mana ausgeht; unter Animismus die Theorie, die auf der Annahme einer personifizierten Macht basiert, sei diese ein Einzelwesen oder ein Kollektiv, ein Tier oder eine Pflanze (Totem) anthropomorph oder amorph (Gott). Diese Theorien machen die Religion aus, deren Techniken (Zeremonien, Riten, Kulte) ich Magie nenne.“[8] Unter sympathetischen Riten werden Riten verstanden, die auf dem Glauben an die „Wirkung des Gleichen auf das Gleiche oder auf die Wirkung des Gegensatzes auf den Gegensatz“9 basieren. Bei der Ausführung der kontagiösen Riten hofft man, dass sowohl natürlich gegebene als auch erworbene stoffliche Qualitäten durch engen Kontakt oder auch über große Distanz von einem Individuum auf ein anderes Individuum übertragen werden. Direkte Riten sind magische Reaktionen wie Flüche oder Zauber und besitzen „unmittelbare Wirkkraft“[9]. Indirekte Riten hingegen sind Gottesanrufungen (Gelübde, Gebete o.ä.), die eine oder mehrere autonome Gottheiten/Mächte herbeirufen, die den Ritus ausführen. Unter den positiven Riten versteht Arnold van Gennep solche Willensäußerungen, die nicht in Worten sondern in symbolischen Handlungen umgesetzt werden. Als Beispiel wird die Grundsteinlegung bei Baubeginn eines Hauses genannt.

[...]


[1] Gennep 1981: 15f.

[2] Goethe 1823: 170.

[3] Gennep 1981: 237f.

[4] Gennep 1981: 240f.

[5] Gennep 1981: 13f.

[6] Gennep 1981: 21f.

[7] Gennep 1981: 19.

[8] Gennep 1981: 23.

[9] Gennep 1981: 18.

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656471868
ISBN (Buch)
9783656472032
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230951
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
Ritual Übergangsritual Arnold van Gennep Gennep Victor Turner Anthropologie Ethnologie Soziologie Äquatortaufe Ritus Riten Übergangsritus Initiation Initiationsritus Dreiphasenstruktur Äquator Taufe

Autor

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