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Der Einfluss des britischen Mutterlandes auf die indische Kolonie und der daraus resultierende Rückeffekt am Beispiel Ranjitsinhji

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einführung

II Der indische Cricketstar Ranjitsinhji macht Karriere
1. Ranjitsinhji´s Wertschätzung und Entwicklung
2. Ranjitsinhji im Fokus der Medien
3. Ranjitsinhji durchbricht gesellschaftliche Schranken

III Fazit

IV Quellen- und Literaturverzeichnis

I Einführung

„ Sport is no sanctuary from the real world because sport is part of the real world, and liberation and the oppression are inextricably bound. “ [1]

Cricket ist und war für die meisten Engländer, aber auch Inder, immer schon mehr als nur ein Spiel. Zum einen brachte diese beliebte Mannschaftssportart Völker zusammen, stiftete Frieden, aber förderte auch stets den nationalen Gedanken, formte Einheiten innerhalb des Empires. Beim Duell zwischen dem Werfer und dem Schlagmann, spiegelt sich auch die gesellschaftlichen Strukturen innerhalb des Mutterlandes England und in den Kolonien wider. Es gibt Stimmen, die behaupten, dass sich in unseren heutigen Zeit noch die politischen Beziehungen zwischen Indien und Pakistan auf dem Cricketfeld abzeichnen. Inwiefern dieser Aussage Wahrheit geschenkt werden darf, bleibt fraglich. Unbestritten ist jedoch der britische Einfluss auf die Kolonien. Auf vielen unterschiedlichen Schauplätzen, im Theater, im Bildungswesen, der Kunst oder eben auch im Sport zeigt sich die britische Handschrift. Die „mitgebrachte Kultur“ war nicht staatlich gefördert, sondern sickerte langsam durch die Besatzungsmächte in das fremde Land. Zu viele einheimische Traditionen und die Komplexität der unterschiedlichen Regierungsformen innerhalb der Kolonien hätten das strukturelle Vorgehen scheitern lassen. Die Einflussnahme war jedoch nicht einseitig. Auch im Mutterland haben sich Rückkopplungseffekte in den verschiedenen Bereichen bemerkbar gemacht und das Leben in England bereichert.

In dieser Arbeit möchte ich die wechselseitige Beziehung und vor allem den Rückeffekt zwischen dem englischen Mutterland und der indischen Kolonie im Empire zeigen. Anhand des berühmten indischen Cricketspieler Kumar Shri Ranjitsinhji wird der Einfluss des Empires auf das Mutterland deutlich. Durch seine Erfolge ebnete er den nachfolgenden indischen Generationen die Akzeptanz der britischen Gesellschaft und somit teilweise die Türen nach England. Zunächst wird der Werdegang und die daraus resultierenden Erfolge nachgezeichnet. Es wird herausgearbeitet, dass Ranjitsinhji durch seinen besonderen Cricketstil in England zu einer Berühmtheit heranwuchs. Durch die stark expandierenden Medien stieg auch außerhalb des Mutterlandes im ganzen Empire seine Bekanntheit. Dies stärkte sein Ansehen im Heimatland Indien und bereitete den Boden für seine spätere aristokratische Karriere in seinem Heimatstaat Nawanagar. Durch seine sportlichen Leistungen und dem geheimnisvollen Image als indischer Prinz, leitete er einen Perspektivenwechsel in England ein, durchbrach die gesellschaftlichen Schranken innerhalb des Empires und kann daher als gutes Beispiel für den Einfluss der Kolonie Indien auf das Mutterland herangezogen werden.

Es werden hauptsächlich zeitgenössische Zeitungsartikel von The Times als Quelle verwendet. Unterfüttert werden die Artikel durch Literatur von Majumdar, Stoddart and Sandiford, Bose zu Indischem Cricket sowie Wilde und Haigh zu Ranjitsinhji. Darüber hinaus werden Schriften von MacKenzie zu Metropolitan Cultures und Kaul zu Medien im Empire benutzt. Zur allgemeinen Struktur und Geschichte des Empires wird Porter, Darwin sowie Wilson und zur Globalisierung Osterhammel herangezogen.

II Der indische Cricketstar Ranjitsinhji macht Karriere

1. Ranjitsinhji´s Wertschätzung und Entwicklung

„ The service which Prince Ranjitsinhji has performed for India is not that he has proved one of his race to be capable of the highest achievement in our national sport, but that the has made the fact known to the whole British people. The few admit that the Rajputs are brave and athletic ( … ). But to the masses of our countrymen who pay gate-money, Prince Ranjitsinhji ´ s performances amount to a new discovery of India. It brings home to them the fact that among our fellow-subjects in Asia, millions turn them into numeral abstractions, there are men who can take the lead in the national sport which all Englishmen love and more or less understand. Prince Ranjitsinhji ´ s victory has enabled the average Englishman to realize India, and has made him respect Indians to a degree that no other triumph could have secured. “ [2]

Dieser Auszug aus The Times vom 5. Oktober 1896 zeigt deutlich wie hoch die Wertschätzung von Kumar Shri Ranjitsinhji, dem berühmtesten indischen Cricketspieler und Prinz, in der britischen Öffentlichkeit war. Wie schon im vorhergegangen Kapitel erwähnt, liegt die Geburtsstunde des Crickets in England. Der Anspruch die besten Spieler und Mannschaften in dieser Sportart herauszubringen, besteht natürlich ebenfalls im Mutterland des Empires. Daher erscheint es umso erstaunlicher, dass ein indisch abstammender Sportler in England für seine herausragende Leistungen nicht nur anerkannt, sondern regelrecht gefeiert und vor allem gefördert wird. Der sportinteressierte Teil der britischen Gesellschaft war so begeistert von der außergewöhnlichen Spielweise, dass sie Ranji, wie er in den britischen Medien genannt wurde, als Ihresgleichen akzeptierten. Bestes Beispiel dafür war das Debüt in der englischen Cricket-Nationalmannschaft beim Ländervergleich gegen das Auswahlteam von Australien auf heimischem Boden im ehrwürdigen Old Trafford Stadion in Manchester einige Monate vor der Veröffentlichung des zitierten Artikels am 16. Juli. Bis dato war der beste englische Cricketspieler unangefochten William Gilbert Grace, der vor allem durch seine Battingtechnik den Cricketsport maßgeblich beeinflusste. Er war der erste Spieler, welcher 1891 mehre Male 100 „Runs“ schaffte. Seit Cricket erfunden wurde bis 1895 hatte ihm das kein Spieler nachmachen können. Insgesamt konnte er im Jahre 1871 2739 „Runs“ verbuchen. Ranji dagegen machte im Jahr seines Nationalmannschaftsdebüt 1896 unterm Strich 2780 „Runs“ und war somit an der Weltspitze angekommen. Cricket begeisterte Menschen strömten regelrecht zu seinen Spielen. Teilweise stiegen die Zuschauerzahlen auf über 20.000. [3] Ranji wird, im zu Beginn des Kapitels zitierten Times-Artikels, nicht nur als britischer Cricket-Nationalspieler des Jahres tituliert, sondern auch als Indikator für einen Perspektivenwechsel in der britischen Gesellschaft. Es wird anerkannt, dass die Inder die englische Kolonialmacht nicht nur imitieren, sondern sie sogar teilweise durch eigene Kraft und Talent übertreffen. Beim Cricketspiel von Ranji, dessen Fähigkeiten in der indischen Kolonie ausgebildet wurden, zeigt sich dies sehr offensichtlich.

„ The recent successes of Prince Ranjitsinhji ( … ) give emphasis in England to a change which has for some time been well understood in India - a change from the old pursuits of the high castes and from their old standards of excellence to the new pursuits and the new standards which Englishmen carry with them to whatever country they go. At first it seemed that the change was a mere matter of imitation. But the change has long advanced beyond the imitative stage. Prince Ranjitsinhji ´ s playing is distinguished above all things by its originality, verve, and personal resource. “ [4]

Weiter gesponnen zeigt dies auch deutlich, dass sich innerhalb des Kolonialreich eine neue Ordnung formte. Die Machtverhältnisse zwischen dem Mutterland und der indischen Kolonie verschoben sich zu Gunsten Indiens. England verlor im Laufe der Zeit an Einfluss und Durchsetzungskraft. Am Ende des Times-Artikels vom 5. Oktober 1896 ist dies auch deutlich sichtbar.

„ The successes, like that of Prince Ranjitsinhji, mean that in India the old orders is giving place to the new, and that Indians seem likely to win high places for themselves in the new world of practical achievement, as their fathers held a high place, from Alexander the Great onwards, in the old world of abstract thought. “ [5]

Doch um die Entwicklung des jungen Prinzen nachvollziehen zu können, springen wir an den Anfang der Geschichte. Ranjitsinhji Vibhaji, der fernöstliche Magie auf die englischen, amerikanische und australischen Cricketfelder gezaubert hat, wie sein Biograph Alan Ross behauptete, war einer der wenigen Spieler, die den Sport tatsächlich in seiner Entwicklung vorangebracht haben. Ranji stammt aus einer Zeit, als der indische Cricket noch in der Kinderschuhen steckte. Es war noch an keine nationalen Ligen und Ländervergleiche mit indischen Auswahlteams zu denken. England war bis dato das Nonplusultra der Cricketwelt. Um professionell Cricket zu spielen, war es daher unabdingbar in das Mutterland des Empires zu pilgern.[6] Ranji selbst stammte nicht von der Herrscherfamilie in seinem Heimatsaat Nawanagar ab, sondern war nur weitläufig mit diesen verwandt. Sein Großvater war ein Beamter im selbigen Staat und hatte sich durch den Einsatz bei Verteidigungskämpfen verdient gemacht. Durch für ihn glückliche Umstände wurde Ranji schließlich vom Herrscher seines Staates adoptiert und gefördert.[7] Nach seiner Ausbildung an einem indischen College of prince, welches nach englischem Vorbild aufgebaut war, wurden ihm die Türen ins Mutterland des Cricket eröffnet.

An der Cambridge University fasste er Fuß und fand die richtige Bühne für seine sportlichen Fähigkeiten. 1890 bezeichnete er im Nachgang selbst als sein „first year of cricket“[8] Nachdem er am 8. Mai 1893 sein first-class Debüt für die Cambridge Blue absolviert hatte, ging es mit seiner Karriere steil bergauf.[9] Bis zu diesem Zeitpunkt wäre niemand davon ausgegangen, dass ein Inder sich im College-Cricketsport so extrem durchsetzten kann.[10] Durch seine Popularität wurde er zur Vereinfachung nur noch „Ranji“ genannt. Denn die Aussprache seines Namens sorgte wohl für Knoten in den englischen Zungen.[11] Auch sein royaler Hintergrund wurde immer stärker thematisiert und erhöhte das Interesse an seiner Person, das er durch Eigenwerbung noch stärker befeuerte.

Für ihn war Cricket nicht nur ein Sport, den es aus Leidenschaft zu betreiben galt, sondern auch ein Instrument zur Beförderung seiner persönlichen Bekanntheit in England, aber auch in seinem Heimatland Indien. Im Prinzip hat Ranji, der in einem fremden Land Berühmtheit, Ruhm und Geld suchte, eine moderne Einwanderungsgeschichte geschrieben. Als er nach England zog, hatte er genaugenommen noch keinen offiziellen Status in seiner Heimat.

[...]


1C.L.R. James, Beyond A Boundary, Durham 1993.

2The Times, Indian Affairs. Prince Ranjitsinhji and Mr. Chatterji, in: The Times, Ausgabe 35013 (05.10.1896), London 1896, S. 8.

3Majumdar, Indian Cricket through the ages, Oxford 2005. S. 425.

4The Times, Indian Affairs. Prince Ranjitsinhji and Mr. Chatterji, in: The Times, Ausgabe 35013 (05.10.1896), London 1896, S. 8.

5Ebd.

6Mihir Bose, The Magic of Indian Cricket. Cricket and Society in India, Abingdon 2006, S. 159.

7Simon Wilde, Ranji. The Strange Genius of Ranjitsinhji, London 2005, S. 15.

8Wilde, Ranji, London 2005, S. 27.

9Ebd., S. 42.

10Ebd., S. 27.

11Majumdar, Indian Cricket through the ages, Oxford 2005. S. 419.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656473282
ISBN (Buch)
9783656473343
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230886
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Historisches Institut
Note
Schlagworte
Geschichte Neueste Geschichte Empire Britanien Kolonie Indien Ranjitsinhji Mutterland England Globalisierung

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Titel: Der Einfluss des britischen Mutterlandes auf die indische Kolonie und der daraus resultierende Rückeffekt am Beispiel Ranjitsinhji