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Interessenkonflikte in der Selbsthilfe durch Pharma-Sponsoring

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 18 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Definitionen: Selbsthilfe, Selbsthilfegruppe, Selbsthilfeorganisation
2.2 Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen als Teil des Dritten Sektors
2.3 Definition: Sponsoring
2.4 Definition: Interessenkonflikt
2.5 Beeinflussung aus psychologischer Sicht – Die Reziprozitätsregel

3. Interessenkonflikte durch Pharma-Sponsoring
3.1 Anteil des Sponsorings an den Finanzierungsquellen von Selbsthilfeorganisationen und
Selbsthilfegruppen
3.2 Ziele und Vorteile des Sponsorings für Selbsthilfegruppen und –organisationen und
pharmazeutische Unternehmen
3.2.1 Ziele und Vorteile der Selbsthilfegruppen und –organisationen
3.2.2 Ziele und Vorteile der Pharma-Unternehmen
3.3 Probleme und Gefahren des Sponsorings durch Pharma-Unternehmen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gesundheitsselbsthilfe ist heute eine wichtige Stütze des Gesundheitswesens in Deutschland. Millionen von Menschen sind Mitglied in einer Selbsthilfegruppe, um von dem dort konzentrierten Erfahrungswissen zu profitieren. In beratender Tätigkeit im Gemeinsamen Bundesausschuss haben Selbsthilfegruppen und -organisationen über Patientenorganisationen auch politischen Einfluss.[1] Die Aufgaben der Selbsthilfeorganisationen sind vielfältig, die Erwartungen der Patienten anspruchsvoll[2]. Zugleich haben Selbsthilfegruppen und organisationen häufig nur wenig Geld und sind stets auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten ihrer Arbeit[3]. Eine mögliche Finanzierungsquelle ist das Sponsoring durch ein pharmazeutisches Unternehmen. Eine solche Zusammenarbeit kann für beide Seiten vorteilhaft sein, birgt jedoch auch das Risiko von Interessenkonflikten. In Deutschland steht die Forschung zu Interessenkonflikten in Beziehungen zwischen Selbsthilfe und Pharma-Industrie bzw. zu Interessenkonflikten in der Medizin im Allgemeinen noch am Anfang[4]. Dies zeigt sich auch daran, dass erst 2011 das erste deutschsprachige Buch zum Thema Interessenkonflikte in der Medizin erschien[5]. Aus diesem Grund sollen in dieser Arbeit die Fragstellung bearbeitet werden: Kommt es zu Interessenkonflikten bzw. Einflussnahme in der Selbsthilfe durch Pharma-Sponsoring? Es wird untersucht ob, und wenn ja in welcher Form, Selbsthilfegruppen und –organisationen von Pharmakonzernen beeinflusst werden bzw. inwiefern Interessenkonflikte entstehen können.

Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut. Im ersten Teil werden theoretische Grundlagen geklärt. Dazu werden zunächst die Begriffe Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen definiert und die Selbsthilfe in aller Kürze im Dritten Sektor verortet. Anschließend werden die Begriffe Sponsoring und Interessenkonflikt definiert. Zuletzt wird kurz dargelegt wie Beeinflussung (psychologisch) funktioniert. Im zweiten Teil wird zuerst kurz auf den Anteil des Sponsorings an den Finanzierungsquellen der Selbsthilfegruppen und –organisationen eingegangen. Anschließend werden die Ziele betrachtet, die Pharmaunternehmen und Selbsthilfegruppen bzw. –organisationen mit einem Sponsoring verbinden und welche möglichen Vorteile beide Seiten daraus ziehen können. Danach wird auf die problematischen Aspekte des Sponsorings, also mögliche Einflussnahme der Unternehmen und Interessenkonflikte bei Selbsthilfegruppen und Selbsthilfe-organisationen eingegangen. Im abschließenden Teil wird ein Fazit gezogen und die Forschungsfrage beantwortet.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Definitionen: Selbsthilfe, Selbsthilfegruppe, Selbsthilfeorganisation

In der Arbeit wird für den Begriff Selbsthilfe folgende Definition von Borgetto zugrunde gelegt: „Selbsthilfe umfasst alle individuellen und gemeinschaftlichen Handlungsformen, die sich auf die Bewältigung eines gesundheitlichen oder sozialen Problems (Coping) durch die jeweils Betroffenen beziehen“[6].

Selbsthilfegruppen sind laut der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG): „freiwillige, meist lose Zusammenschlüsse von Menschen, deren Aktivitäten sich auf die gemeinsame Bewältigung von Krankheiten, psychischen oder sozialen Problemen richten, von denen sie - entweder selber oder als Angehörige - betroffen sind“. Zentrale Merkmale sind außerdem, dass nicht auf Gewinnerwirtschaftung sondern „eine Veränderung ihrer persönlichen Lebensumstände und häufig auch ein Hineinwirken in ihr soziales und politisches Umfeld“ abgezielt wird. Des Weiteren sind Selbsthilfegruppen in der Regel u.a. durch die Betonung gegenseitiger Hilfe, ihrer Innenorientierung und einer nicht professionellen Leitung gekennzeichnet.[7]

Selbsthilfeorganisationen sind nach Borgetto „Organisationen mit überregionaler Interessenvertretung, meist größeren Mitgliederzahlen, formalisierten Arbeits- und Verwaltungsabläufen, bestimmten Rechtsformen und meist ausgeprägten Kontakten zu professionellen Systemen“. Sie „können als Zusammenschluss von Selbsthilfegruppen entstehen bzw. deren Gründung anregen und Selbsthilfegruppen unterstützen“, vertreten die Interessen von Selbsthilfegruppen und „erbringen weit über den eigenen Mitgliederbestand hinaus Beratungs- und Informationsleistungen“.[8]

2.2 Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen als Teil des Dritten Sektors

Folgt man Schulz-Nieswandts Vier-Sektoren-Modell der Wohlfahrtsproduktion[9], so kann der Dritte Sektor als intermediär zwischen den interdependenten Sektoren Staat, Markt und Familie/Verwandtschaft verortet werden[10]. Der Sektor des Staats ist durch das Prinzip der herrschaftlichen Reziprozität gekennzeichnet. Der Staat ist dabei umverteilend und regulierend tätig, indem er Zwangsbeiträge verausgabt und die Rahmenbedingungen für das Handeln der gesellschaftlichen Akteure setzt.[11] Das staatliche Handeln ist gemeinwirtschaftlich orientiert.[12] Der Marktsektor ist durch eine ausbalancierte Reziprozität, die Marktlogik des Tauschs gekennzeichnet. Über wirtschaftliche Transaktionen wird bestenfalls ein Wohlfahrtsgewinn für alle Beteiligten geschaffen.[13] Es besteht eine erwerbswirtschaftliche Handlungsorientierung[14]. Im Sektor der Familie bzw. Verwandtschaft gilt gerade nicht die Marktlogik sondern eine generalisierte Reziprozität. Von einer Gegenleistung wird nicht zwangsläufig ausgegangen. Sie kann auch deutlich zeitversetzt und anderer Art sein als die ursprüngliche Gabe.[15] Auch hier gilt eine gemeinwirtschaftliche Handlungsorientierung[16].

Der intermediäre Dritte Sektor umfasst nun eine ganze Reihe von Gebilden, die jeweils einem der vorgenannten Sektoren (Staat, Markt, Familie) nahe sind. Die dem Familiensektor nahen Gebilde sind eben durch generalisierte Reziprozität und gegenseitige Hilfe gekennzeichnet. Hier lassen sich die Selbsthilfegruppen verorten.[17] Die Selbsthilfeorganisationen lassen sich den eher staatsnahen Gebilden des Dritten Sektors zuordnen[18].

2.3 Definition: Sponsoring

Beim Sponsoring von Selbsthilfegruppen oder –organisationen handelt es sich nach Bruhn um sogenanntes Soziosponsoring. Es wird folgende Definition zugrunde gelegt: „Sozio- und Umweltsponsoring bedeutet die Verbesserung der Aufgabenerfüllung im sozialen bzw. ökologischen Bereich durch die Bereitstellung von Finanz-/Sachmitteln oder Dienstleistungen durch Unternehmen, die damit auch (direkt oder indirekt) Wirkungen für ihre Unternehmenskultur und Marketing- sowie Unternehmenskommunikation anstreben“[19]. Ein wichtiger Unterschied zum klassischen Sponsoring ist zum einen, dass durch Soziosponsoring nur nichtkommerzielle Gruppen und Organisationen gesponsert werden[20]. Zum anderen steht beim Soziosponsoring in der Regel der Fördergedanke im Vordergrund[21]. Dies muss jedoch nicht immer der Fall sein und hängt von der Art des Sponsors ab. Es gibt zwar Sponsoren die keine konkrete Gegenleistung erwarten (altruistische Mäzene) oder für die zumindest „ihre Nennung im Rahmen des Sponsorships nicht zwingend ist“, die aber meist „kommunikativ verwertbare Gegenleistungen“ vom Gesponserten gewährt bekommen (mäzenatische Sponsoren). Es gibt aber auch beim Soziosponsoring klassische Sponsoren, die konkrete Gegenleistungen erwarten, die sie für ihre Unternehmenskommunikation verwerten können. Bei diesen steht dann das Aushandeln von Leistungen und Gegenleistungen im Vordergrund und nicht mehr der Fördergedanke.[22] Es wird sich im Verlauf der Arbeit jedoch zeigen, dass es unabhängig davon, ob eine Gegenleistung vertraglich festgelegt wurde, Beeinflussung möglich ist. Darauf wird im Abschnitt zur Funktionieren von Beeinflussung näher eingegangen.

2.4 Definition: Interessenkonflikt

Thompsons Definition[23] ist weitverbreitet und dient vielen Autoren als Orientierung.[24] In dieser Arbeit wird die Definition der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zugrunde gelegt, die sich an Thompson orientiert: „Interessenkonflikte sind definiert als Gegebenheiten, die ein Risiko dafür schaffen, dass professionelles Urteilsvermögen oder Handeln, welches sich auf ein primäres Interesse bezieht, durch ein sekundäres Interesse unangemessen beeinflusst wird“[25]. Mit primärem Interesse ist das eigentliche Anliegen der Berufsausübung gemeint, beispielsweise für einen Arzt die Gesundheit des Patienten bzw. dessen Behandlung in bestmöglicher Weise[26]. Für Selbsthilfegruppen und –organisationen bzw. deren Vertreter dürfte das Wohl bzw. die angemessene Pflege der Mitglieder das primäre Interesse sein. Sekundäre Interessen sind Zustände, die die primären Interessen unangemessen beeinflussen können, aber nicht müssen[27]. Es gibt materielle und nicht-materielle sekundäre Interessen. Materielle sekundäre Interessen können z.B. finanzielle Verbindungen zu Pharma-Unternehmen sein, die sich in Form von Sponsoring, Vortrags- oder Beratungshonoraren, bezahlter Gutachtertätigkeit aber auch in jeglicher Art von Geschenken darstellen können.[28] Nicht-materielle sekundäre Interessen sind z.B. Ehrgeiz, Konkurrenz zu anderen, Anerkennungsstreben. Dabei müssen sich sekundäre Interessen keineswegs immer negativ auswirken. Sie sind sogar teils unabdingbar für die Erreichung des primären Interesses (z.B. Ehrgeiz).[29] Unangemessen ist der Einfluss der sekundären Interessen erst dann, wenn diese wichtiger werden als die primären Interessen[30] – im Kontext dieser Arbeit: wenn also z.B. die angemessene Pflege der Selbsthilfegruppenmitglieder (angesichts finanzieller Vorteile) in den Hintergrund tritt.

Festzuhalten ist noch, dass ein Interessenkonflikt ein Zustand ist. Er ergibt sich nicht erst über Ergebnisse des Handelns einer Person. Ob ein Interessenkonflikt vorliegt, ist von der betroffenen Person nicht beurteilbar. Man kann ihn auch haben, wenn man der Meinung ist, es wäre nicht so.[31] Darüber hinaus hat es nichts Unehrenhaftes, sich in einem Interessenkonflikt zu befinden[32]. Interessenkonflikte sind alltäglich und unvermeidbar[33]. Problematisch ist es aber dann, wenn eine Person erkennt, dass sie sich in einem Interessenkonflikt befindet, dies aber nicht mitteilt oder gar bestreitet, oder wenn sie es nicht erkennt und zugleich aber anderen nicht die Möglichkeit gibt, den Interessenkonflikt zu erkennen[34].

[...]


[1] Vgl. Helms (2008), S. 167.

[2] Vgl. Feyerabend /Görlitzer (2008), S. 2.

[3] Vgl. Merten/Rabbata (2007), S. 3158.

[4] Vgl. Klemperer (2008), S. 156.

[5] Lieb u.a. (2011).

[6] Borgetto (2007), S. 10.

[7] Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG) e.V. (1987), S. 5.

[8] Borgetto (2007), S. 12.

[9] Für eine ausführlichere Darlegung des Modells siehe z.B. Schulz-Nieswandt (2008).

[10] Vgl Schulz-Nieswandt (2008), S.323.

[11] Vgl. ebd., S. 326.

[12] Vgl. ebd., S. 331.

[13] Vgl. ebd., S. 327.

[14] Vgl. ebd., S. 331.

[15] Vgl. ebd., S. 327.

[16] Vgl. ebd., S. 331.

[17] Vgl. ebd., S. 328 f.

[18] Vgl. ebd., S. 329.

[19] Bruhn (2010), S. 277.

[20] Vgl. ebd., S. 278.

[21] Vgl. ebd., S. 277 f.

[22] Ebd., S. 279.

[23] Siehe Thompson (1993), S. 573.

[24] Siehe z.B. Klemperer (2008), S. 156; Klemperer (2011), S. 14; Emanuel/Thompson (2008), S. 760; Lo/Field (2009), S. 6; Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e.V. (2010), S. 1.

[25] Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e.V. (2010), S. 1.

[26] Vgl. Klemperer (2011), S. 15.

[27] Vgl. Klemperer (2008), S. 157.

[28] Vgl. Klemperer (2011), S. 16.

[29] Vgl. ebd., S. 17.

[30] Vgl. ebd., S. 18.

[31] Vgl. Klemperer (2008), S. 157.

[32] Vgl. ebd., S. 158.

[33] Vgl. Klemperer (2011), S. 16.

[34] Vgl. Klemperer (2008), S. 158.

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656473244
ISBN (Buch)
9783656473381
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230885
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Soziologie und Sozialpsychologie
Note
1,0
Schlagworte
Selbsthilfe Interessenkonflikt Pharma-Sponsoring

Autor

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