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Der Strukturwandel der Öffentlichkeit durch die Selbstinszenierungslogik des Fernsehens

Eine Analyse der Politik-Sendung „Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Absolute Mehrheit“ - Ein kurzer Überblick

3. Ein modernes Politik-Talk-Konzept

4. Die Rolle des Moderators

5. Von Gewinnern und Verlierern – Die Diskutanten

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis und Verzeichnis der Fernsehsendungen

1. Einleitung

Ulrich Oevermann zeichnet den Strukturwandel der Öffentlichkeit an den Selbstinszenierungslogiken und der Pseudo-Autonomie bzw. -Authentizität des Fernsehens nach und bezieht sich in seinen Analysen auf inhaltsanalytische, abgreifbare Sendeinhalte.[1] Siebzehn Jahre nach Veröffentlichung seines Textes sind seine Erkenntnisse aktueller als je zuvor. Dennoch hat der Strukturwandel der Öffentlichkeit weitere Schritte nach vorne getan, wobei die Selbstinszenierungslogiken des Fernsehens neue Formen angenommen haben. Kaum ein anderes modernes TV-Format reizt diese Selbstinszenierungsstrategien des Fernsehens zurzeit mehr aus, als der neue Polit-Talk „Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“, welcher konkret den Anspruch äußert, „die einzig relevante Talkshow im Privatfernsehen“[2] zu sein. Eine Analyse des Pilots der Sendung wird im Folgenden als Untersuchungsgegenstand für die Fragestellung genutzt, mit welchen Selbstinszenierungslogiken das Fernsehen und seine Akteure heutzutage arbeiten, wie öffentliche Diskussionsplattformen im Jahre 2012 genutzt werden und welche Folgen dies rückwirkend für die politische Diskussion der Sendung haben kann. Dabei wird sich die Arbeit auf drei Bereiche der Sendung konzentrieren:

Zunächst wird das neue Format auf seine neuen Konzeptideen hin untersucht: Welche Wirkung haben die einzelnen Format-Ideen auf die Diskussion selbst? Wie wirkt sich das Polit-Talk-Schema auf die Dynamik des Diskurses aus?

Zudem wird die Rolle des Moderators im modernen TV-Talk untersucht: Welchen Teil trägt er zur Selbst-Inszenierungslogik der Sendung bei? Welche Funktionen übernimmt er? Wie unterscheidet er sich vom Moderator einer klassischen Diskussion?

Zuletzt wird das Augenmerk auf die Gäste der Sendung gelegt: Wie wird deutsche Elite in Raabs Talk-Show präsentiert? Welche Rollen nehmen die Gäste in der Sendung ein? Wie gehen diese auf die Selbst-Inszenierungslogik der Sendung ein?

Zunächst jedoch wird in einer kurzen Beschreibung ein Überblick über die Sendung gegeben.

2. „Absolute Mehrheit“ – Ein kurzer Überblick

„Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“ (in der folgenden Arbeit als „Absolute Mehrheit“ bezeichnet) ist eine von Stefan Raab erfundene Polit-Talk-Sendung auf ProSieben, die erstmals am 11.11.2012 ausgestrahlt wurde. Moderiert wird die knapp 70-minütige Sendung von Raab selbst. Sat1 Nachrichtenchef Peter Limbourg fungiert als Co-Moderator der Sendung. Nach der Erstausstrahlung sind weitere Folgen geplant, die im jeweiligen Abstand von einem Monat gesendet werden sollen. In der Sendung diskutieren fünf Gäste aus der Politik über drei unterschiedliche Themen mit dem Ziel, die Absolute Mehrheit der Zuschauer für sich zu gewinnen. Diese wird durch ein Zuschauervoting gemessen, welches nach jeder Runde anhand eines Balkendiagramms gelüftet wird. Auch zur jeweiligen Halbzeit der Gespräche wird der aktuelle Redner unterbrochen und das aktuelle Votingergebnis von Co-Moderator Limbourg präsentiert, wobei die genauen Bezeichnungen bzw. Zugehörigkeiten der Balken verdeckt bleiben. Der Zuschauer hat dabei die Möglichkeit durch eine Telefongebühr von 50 Cent pro Anruf an der Abstimmung teilzunehmen. Der Talkgast mit den jeweils geringsten Prozentpunkten nach einer Runde fliegt aus dem „Wettkampf“ heraus, darf aber trotzdem noch an den folgenden Diskussionen teilnehmen. In der letzten Runde befinden sich noch drei Talkgäste, wobei derjenige die „Absolute Mehrheit“ und damit 100.000 Euro gewinnt, der zum Schluss mindestens 50 Prozent der Zuschauerstimmen erreicht. Erreicht keiner der „Kandidaten“ 50 Prozent der Zuschauerstimmen, wandern die 100.000 Euro in den Jackpot für die nächste Sendung. Mit 1,79 Millionen Zuschauer und einer Sehbeteiligung von 11,6 Prozent bei den Gesamtzuschauern kam die erste Sendung über den Sendedurchschnitt und kann von ProSieben als „Erfolg“ bewertet werden[3].

3. Ein modernes Politik-Talk-Konzept

Um die Aufmerksamkeit der jungen Zuschauergeneration zu gewinnen, überarbeitet Raab das ursprüngliche Konzept einer Polit-Talk Sendung und presst dieses in eine klassische Gameshow-Dramaturgie. Obwohl laut Raab nach wie vor der Anspruch auf eine ernstzunehmende Politik-Sendung besteht, tritt indirekt der Unterhaltungscharakter weit vor das Ziel einer lösungsorientierten Diskussion politischer Eliten. Dabei treibt Raab das ohnehin stark an Unterhaltung orientierte Genre des TV-Polit-Talks auf ein neues Level. Das einfache Konzept der Talk-Show wird ausgeweitet und mit Elementen besetzt, die Rückwirkungen auf die Diskussion selbst zur Folge haben. Das folgende Kapitel untersucht das moderne Politik-Format und prüft, welche Folgen eine derartige Talk-Show-Dramaturgie auf eine Diskussion haben kann.

Das größte Novum im Vergleich zu klassischen Polit-Talks ist die Chance der Talkgäste, ein Preisgeld von mindestens 100.000 Euro zu gewinnen. Damit bricht Raab erstmals das Tabu, einen seriösen Polit-Talk mit einer trivialen Gameshow zu verknüpfen. Die Einführung dieses Gewinns, so wenig dieser in Raabs Augen die Auseinandersetzung der Talkgäste beeinflussen mag, kann jedoch starke Rückwirkungen auf den Diskurs selbst und damit seiner Ergebnisse haben. Die politischen Gäste laufen noch mehr als in klassischen Talk-Shows der Gefahr, einer Mehrheitsmeinung hinterherzurennen. Hartnäckig wird um eine „Absolute Mehrheit“ gekämpft, anstatt konstruktiv eine gemeinsame Lösung von politischen Problemen zu finden. Kritische Haltungen gegenüber von populären Publikumsmeinungen werden seltener. Vereinfachte Populärmeinungen treten an die Stelle von komplexen und durchdachten Argumenten. Mit der hohen Gewinnsumme hebelt Raab den ursprünglichen Sinn einer Diskussion fast völlig aus. Ein positiver Effekt durch das neue Konzept kann das Wecken politischen Interesses junger politikferner Zuschauer sein, auch wenn die politische Welt bei „Absolute Mehrheit“ vorwiegend durch den Wettkampf einzelner Akteure repräsentiert wird.

Abseits der hohen Gewinnsumme präsentiert Raab mit seinem Polit-Talk ein festgeschnürtes Paket neuer Formatideen und einer Dramaturgie, die den Unterhaltungscharakter noch mehr aus der politischen Diskussion herauskitzeln soll. Diese Dramaturgie bildet in der Sendung ein Raster mit zeitlich genau festgelegten Programmpunkten, an welchen sich Raab während der Sendung strikt entlanghangelt. Die Sendung besteht aus Diskussionen um genau drei festgelegte Themenbereiche, für die jeweils ein Zeitfenster von etwa 20 Minuten vorgesehen ist. Jeweils nach der Hälfte der Zeit unterbricht Raab den aktuellen Redner und stellt mit seinem Co-Moderator die Abstimmungsergebnisse vor, ohne die genauen Namen der Abstimmungsbalken auf der Grafik zu zeigen, um die Spannung der Sendung auf einem hohen Niveau zu halten. Ist die Zeit für ein Thema abgelaufen, wird der Einführungsfilm für das nächste Thema eingespielt. So sehr dieses Schema der Sendung Struktur und Abwechslung geben mag und den Spannungsmoment konstant auf einem hohen Level hält, so sehr nimmt dieses festgelegte Raster der Diskussion jede Flexibilität und Tiefe. Dabei wird den Diskussionsteilnehmern die Chance geraubt, während einer Auseinandersetzung auf andere Themenbereiche auszuschweifen und sich bei seinen Argumenten auf andere Problemstellungen zu stützen. Die gezielt gesetzten engen Zeitfenster führen dazu, dass die Gäste bei ihren Argumentation nicht ins Detail gehen können und nur an der Oberfläche der behandelten Themen kratzen. Das starre Konzept, so sehr es Abwechslung und Spannung begünstigt, raubt der Sendung jede Freiheit, die grundlegend für eine sinnvolle und kreative Diskussion ist.

[...]


[1] Vgl. Oevermann: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit durch die Selbstinszenierungslogik des Fernsehens. In: Claudia Honegger u.a. (Hrsg.): Gesellschaften im Umbau: Identitäten, Konflikte, Differenzen. Hauptreferate des Kongresses der Schweizerischen Sozialwissenschaften. Bern 1995, Zürich 1996.

[2] N.a.: Stefan Raab plant politische Talkshow. In: sueddeutsche.de, 09.09.2012, URL:

http://www.sueddeutsche.de/ medien/neues-format-am-sonnatgabend-raab-plant-politische-talkshow-1.1462712 (01.12.2012).

[3] Vgl. Schering, Sidney: „Absolute Mehrheit“ hält Quotendruck stand. In: Quotenmeter.de, 12.11.2012, URL: http://www.quotenmeter.de/cms/?p1=n&p2=60303&p3 (01.12.2012).

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656470212
ISBN (Buch)
9783656470427
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230692
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Medienkultur und Theater
Note
1,3
Schlagworte
strukturwandel öffentlichkeit selbstinszenierungslogik fernsehens eine analyse politik-sendung absolute mehrheit meinung

Autor

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