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Von kräftigen Pinselstrichen und starken Kontrasten. Eine Analyse der Bilder „Das Nachtcafé“ und „Caféterrasse am Abend“ von Vincent Van Gogh

Hausarbeit 2013 27 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Eine kurze Biografie von Vincent Van Gogh

Analyse „Nachtcafé an der Place Lamartine in Arles“
Analyse
Interpretation

Analyse von „Caféterasse am Abend“
Analyse
Interpretation

Vincent Van Goghs Malstil

Vincent Van Goghs Einfluss auf die Kunst der Moderne

Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren? (Vincent Van Gogh)

Einführung

Fernand Cormon war berühmt für seine Nachbildungen prähistorischer Szenen. In Frankreich hatte er mit seinem realistischen Malstil einen bedeutenden Ruf. Zu seinen Schülern zählten unter anderen die berühmten Maler Henri de Toulouse-Lautrec, Louis Anquetin und John Russell. Einer seiner Schüler war auch der dreiunddreißigjährige Vincent Van Gogh.[1]

Pierre Cabanne erzählt in seinem Werk „Van Gogh“ folgende Anekdote über den Maler: In einer seiner Lehrstunden stellt sich der Meister neben Vincent und schaut verblüfft auf seinen Schüler herab. Dieser malt sein Bild mit schnellen Pinselstrichen und dickem Farbauftrag und scheint dabei alles vergessen zu haben, was sein Lehrer ihm beigebracht hat. Mit kräftigen Strichen zerfurcht er sein Werk und scheint vor angemessener Farbgebung und Komposition jeglichen Respekt verloren zu haben. Die anderen Schüler grinsen. Viele lachen. Im lauten Gemurmel hört Vincent das Wort „Irrsinniger“. Vincent greift dieses Wort auf: „Ein Irrsinniger! Das ist ein Irrsinniger!“ Cormon findet diese Person höchst seltsam. Er verschwendet bei Vincent keine weitere Zeit, zuckt mit seinen Schultern und wendet sich ab.[2]

Nicht nur in seinen Lehrstunden wurde Van Gogh als „merkwürdig“ bezeichnet. Als er im französischen Arles lebte, nannte man den Mann mit seinen ungewöhnlichen Manieren und seiner seltsamen Art oft „Den Irrsinnigen“. Häufig wirkte er verwirrt. Die Bürger in Arles konnten ihn nicht ausstehen. Ein Mann, der sich nachts eine Kerze auf den Hut stellte und dabei mit Farbe und Pinsel draußen herumlungerte, konnte nicht normal sein. Viele nannten ihn auch „den rothaarigen Verrückten“. Ein beruflicher Erfolg mit seinen Bildern blieb aus.[3]

Es ist kein Geheimnis, dass sich Van Gogh mit seinem kuriosen Malstil deutlich von anderen berühmten Malern seiner Zeit abgrenzte[4]: Die Farben wirken übertrieben kräftig aufgetragen, die nicht selten in starken Kontrasten nebeneinander stehen. Konturen nehmen häufig eine ungewöhnliche Dicke ein und die Perspektive wirkt oftmals sonderbar verzerrt. Dennoch macht gerade diese ungewöhnliche Malweise es reizvoll, eine Auswahl seiner Werke genauer in Betracht zu nehmen und die Frage zu stellen, durch welche Merkmale sich Van Goghs Stil auszeichnet.

Die folgende Arbeit widmet sich zweier seiner berühmtesten Bilder aus seiner Zeit in Arles. Analysiert werden das „Das Nachtcafé an der Place Lamartine in Arles“ und die „Terrasse des Cafés an der Place du Forum in Arles am Abend“. Anschließend werden die Gemeinsamkeiten der Malweisen beider Werke herausgearbeitet, um der Frage nachzugehen, was das besondere an Van Goghs Stil war. Zusätzlich wird geklärt, inwiefern er die Moderne Malerei beeinflusst hat. Zuerst jedoch werden wichtige Stationen aus Van Goghs Leben in einer kurzen Biografie aufgeführt.

Eine kurze Biografie von Vincent Van Gogh

Vincent Van Gogh wurde 1853 als Sohn eines Pfarrers im niederländischen Groot-Zundert geboren und war später der älteste Sohn von insgesamt fünf Geschwistern. Schon als Kind hatte er eine besondere Beziehung zur Natur, zu der er sich immer stark hingezogen fühlte.[5]

Nach seiner Schulausbildung in einem Internat in Zevenbergen trat er in das Kunsthandelgeschäft eines Onkels ein, aus welchem er aber später entlassen wurde, da er den Erwartungen seinen Onkels nicht nachkommen konnte[6]. Später arbeitete er als Hilfslehrer und Hilfsprediger. Ein Theologiestudium brach er wegen Angst vor Misserfolgen und Lernschwierigkeiten ab.[7] Er entscheidet sich für den Evangelistenberuf, dessen Missionsauftrag ihm aber wenig später aufgrund zu hoher Selbstaufopferung entzogen wurde.[8]

Im Alter von 27 Jahren entschied er sich Maler zu werden. Er bildete sich überwiegend autodidaktisch fort und kopierte zuerst eine Reihe von sozial-romantischen Werken. Unter dem Einfluss der sozialkritischen Romane Flauberts beschloss Vincent, ein Maler der „einfachen Leute“ zu werden,[9] was er unter anderem in seinem berühmten Werk „Die Kartoffelesser“ bewies.

Sein Liebesleben zeichnete sich durch immer wiederkehrendes Scheitern aus. Ein Besuch in seinem Elternhaus endete mit der unglücklichen Liebe zu einer Cousine.[10] Er hatte zahlreiche Affären mit unterschiedlichen Frauen , die aber immer in Trennungen endeten. Später lebte er zusammen mit einer Dirne, was in seinem gesellschaftlichen Umfeld Empörung hervorrief. Van Gogh wurde mehr und mehr gesellschaftlich ausgegrenzt.[11]

Zu seinem Bruder Theo hatte Vincent die engste Bindung. Dieser bestritt oftmals für ihn seinen Lebensunterhalt. Während Geschäftsreisen nach London oder Paris blieb er immer wieder mit ihm in Briefkontakt. Theo war als einer von wenigen davon überzeugt, dass Vincent ein begabter Maler war und zu denen Menschen gehöre, die den Mut dazu hatten, sich über jegliche Norm und Regel zu stellen. Weiterhin hatte Vincent einen sporadischen Briefwechsel mit seiner Schwester Wilhelmine, mit welcher er besonders in seiner Zeit in Arles im regen Kontakt geblieben war.[12]

1888 zog Van Gogh in die französische Kleinstadt Arles . Dort lebte und arbeitete er zusammen mit dem Maler Gaugin[13]. Nach einem heftigen Streit mit ihm trennten sich beide, worauf Van Gogh mehrere Nervenzusammenbrüche erlitt und sich im Dezember 1988 im Alkoholrausch ein Ohr abschnitt[14].

Im Mai des darauffolgenden Jahres ließ er sich freiwillig in eine Nervenanstalt einweisen. Heftige Phasen mit Depressionen wechselten sich dort mit intensiven Schaffensperioden ab, in welchen er weitere 150 Gemälde fertigte[15]. Durch eine Pistole fügte sich Van Gogh später selbst eine Verletzung zu, durch welche er im Juli 1890 in den Armen seines Bruders Theo starb.[16]

Seine größte Schaffensperiode hatte Van Gogh unumstritten in seiner Zeit in Arles, wo er über 200 Gemälde fertigt. Seine Bilder zeigten meist Blumen, Stillleben oder auch Landschaften von und in Arles. Jedes Motiv war gut überlegt. Oftmals durchquerte er wochenlang die Region, um die für ihn passende Szene zu finden und so wurde er einst in einem kleinen Café in Arles fündig.

Analyse „Nachtcafé an der Place Lamartine in Arles“

Analyse

Das Bild „Das Nachtcafé“[17] zeigt den Innenraum des Café de la Gare am Place Lamartine in Arles und wurde im September 1888 von Van Gogh mit Öl gemalt. Es ist 72 Zentimeter hoch und 92 Zentimeter breit. Derzeit wird es in der „Yale University Art Gallery“ ausgestellt.[18]

Die folgende Analyse beginnt mit einer Bestandsaufnahme der Szene, auf welche anschließend intensivere Beschreibungen der Farbgebung, Kontraste, Perspektive bzw. Verzerrungen folgen werden, auf welche sich später in Kapitel 5 noch einmal bezogen wird.

Die Szene wird aus einer Ecke im Innenraum des Cafés betrachtet. Die untere Hälfte des Bildes dominiert ein gelber Holzfußboden. Im Zentrum des Bildes steht ein hölzerner Billardtisch, auf dessen grüner Spielfläche ein Queue, zwei weiße und eine rote Kugeln liegen. Dicht an den Wänden des Raumes stehen Tische mit hellen grünen Oberflächen. Auf den meisten Tischen stehen teils leere und teils wenig befüllte Flaschen und Gläser. Um die Tische herum sind hölzerne Stühle verteilt, die teilweise ungeordnet in den Raum hineinragen. An der Decke hängen vier Lampen. Um sie herum sind kreisrunde Schimmer zu erkennen. Auf der linken Bildhälfte öffnet ein Vorhang einen Durchgang, der den Blick auf ein Nebenzimmer freigibt.

Die Gaststube ist mit sechs Personen nur wenig besucht. Einige von ihnen werden erst beim vollständigen Erfassen des Raumes sichtbar. Auf der linken Seite sitzt eine Person an der Wand, die sich mit ihrem Oberkörper auf dem Tisch stützt. Am Nachbartisch zur rechten Seite vom Betrachter aus gesehen sitzen eine Frau und ein Mann dicht beieinander. Auf der anderen Seite des Raumes sitzen zwei Personen zusammen, die sich, ähnlich wie die Person links, dicht auf der Tischplatte abstützen. Der linke von beiden stützt sich mit seinem rechten Ellenbogen auf der Tischplatte ab. Seine Hand liegt auf seinem Gesicht. Sowohl der linke, als auch die beiden rechten Männer wirken armselig und traurig. Hinter dem Billardtisch befindet sich ein Mann, der sich in seinem hellen weißen Anzug von den anderen Personen hervorhebt. Als einzige stehende Person schaut er dabei in die Richtung des Beobachters der Szene.

Zum weiteren Interieur des Raumes gehört eine Theke, die zentral auf dem Bild, direkt neben dem Durchgang zu sehen ist. Auf ihm steht eine größere Menge dunkler Flaschen, die sich hinter einem Blumenstrauß dicht aneinanderdrängen. Über dem Schrank zeigt eine Wanduhr an, dass es kurz nach zwölf Uhr ist.

An der rechten Wand hängt ein hoher länglicher Spiegel mit gelbem Rahmen.

An der linken gegenüberliegenden Wand ist der Holrahmen eines angeschnittenen Bildes noch zu erkennen.

Weiterhin fällt ein angeschnittener Stuhl im vorderen Teil des Bildes in das Blickfeld des Betrachters. Auf der linken Seite befindet sich zwischen den Stuhlreihen ein hoher grüner zylindrischer Körper. Dabei könnte es sich um einen Stehtisch oder auch um einen Abfallbehälter handeln.

Die Farben des Bildes scheinen pastos und nur wenig verdünnt aufgetragen worden zu sein. Dazu wirken manche Gegenstände im Bild gröber aufgetragen als andere: Im Vergleich zu den grob gezeichneten Gästen sind die Details des Wirtes, wie sein Gesicht, deutlich zu erkennen. Auch die Konturen des Billardtisches, die sehr dick gezeichnet wurden, unterscheiden sich deutlich von den feinen Konturen anderer Möbelstücke, wie beispielsweise denen der Stühle. Dazu wirken die Farben unsauber: Sie wurden nicht gleichmäßig aufgetragen und haben oft wie die rote Wand weiße Unreinheiten.

Bei der Farbwahl schien Van Gogh sich überwiegend für sehr kräftige und schillernde Töne entschieden zu haben. Dabei herrscht ein stumpfer gelber Farbton vor allen anderen Tönen. Auch alle anderen verwendeten Farben scheinen durch Hinzumischen dieser gelben Farbe getrübt worden zu sein. Vor allem wurde die gelbe Farbe beim Fußboden verwendet, die sich in der hölzernen Wandverkleidung fortsetzt. Beide zusammen nehmen fast die unteren zwei Drittel des Bildes ein. Auch das Nebenzimmer besticht durch einen gelben Ton, welcher im Vergleich zum vorderen Raum noch greller gewählt wurde. Das „Gelb“ der Wandverkleidung wird schnell von einer blutroten Tapete abgelöst. Die Decke des Raumes wurde in einem kräftigen grünen Ton gemalt. Die Lampen an der Decke tragen einen ähnlichen Farbton wie der gelbe Fußboden. Häufig zu finden ist auch ein helles „Grün“, welches nicht nur auf den meisten Tischoberflächen benutzt wurde. Auch die Frisur des Mannes im Zentrum des Bildes, das Ziffernblatt der Wanduhr oder auch der kreisrunde gelbe Schimmer um die Deckenlampen tragen grüne Akzente.

Besonders ist auch die Farbgestaltung der Gäste des Cafés, deren Farben sich an denen ihrer Umgebung annähern zu scheinen. Damit fallen diese Personen erst auf dem zweiten Blick ins Augenmerk. In ihren Farbtönen verschmelzen sie mit ihrer Umgebung und scheinen fast zum Inventar des Raumes zu gehören.

[...]


[1] Vgl. Cabanne (1961), S. 99.

[2] Vgl. Cabanne (1961), S. 99.

[3] Vgl. Online: http://www.geo.de/GEOlino/kreativ/1102.html, S. 1 (Aufgerufen am 20.02.2011).

[4] Dies wird u.a. bei den Bildern „Die Ernte“ von Anton Mauve bzw. „Die Kartoffelernte“ von

Jules Brenton im Vergleich zu den Werken „Die Ernte in der Provence“ oder auch „Der

Sämann“ von Vincent Van Gogh deutlich, wobei letztere vor allem in ihren ungewöhnlichen

Farbgebungen, Kontrastsetzungen und Pinselführungen hervorstechen.

[5] Vgl. Nagera (1973), S. 10–15.

[6] Vgl. Wetzel (1985), S. 10-13.

[7] Vgl. Krauße (2005), S. 78.

[8] Vgl. Wetzel (1985), S. 13-14.

[9] Vgl. Krauße (2005), S. 78.

[10] Vgl. Krauße (2005), S. 78.

[11] Vgl. Nagera (1985).

[12] Vgl. Nagera (1973), S. 14.

[13] Vgl. Nagera (1973), 99-101.

[14] Vgl. Wetzel (1985), S. 69-72.

[15] Vgl. Krauße (2005), S 79.

[16] Vgl. Krauße (2005), S. 79.

[17] Siehe Abb. 1 im Anhang.

[18] Vgl. Online: http://www.meisterwerke-online.de/gemaelde/vincent-willem-van-gogh/5583/das-nachtCafé.html (Aufgerufen am 27.03.2011).

Details

Seiten
27
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656460596
ISBN (Buch)
9783656460732
Dateigröße
7.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230691
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Medienkultur und Theater
Note
1,3
Schlagworte
pinselstrichen kontrasten eine analyse bilder nachtcafé caféterrasse abend vincent gogh

Autor

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