Lade Inhalt...

Ist Kiezdeutsch ein typischer Dialekt oder eine deutsche Diagnose?

Hausarbeit 2013 20 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist eigentlich Kiezdeutsch?
2.1. Geschichte, Herkunft und Sprecher von Kiezdeutsch
2.2. Exemplarisches Aufzeigen einiger Unterschiede zum Standarddeutschen

3. Kiezdeutsch - Variante oder Vereinfachung
3.1. Heike Wiese
3.2. Hatice Deniz Canoğlu
3.3. Ist Kiez-Sprache ein deutscher Dialekt? - Kritik an Wiese

4. Die Partikel „so“
4.1. Einleitung und Aufgaben von Partikeln im Deutschen
4.2. Aufgaben der Partikel „so“ im Standarddeutschen
4.3. Gebrauch und Aufgaben von „so“ im Kiezdeutschen
4.4. Schlussfolgerung für die Funktion

5. Gesamtfazit

Zusatz und Eigenständigkeitserklärung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ey, Sonntag. Gehst du Kirche?“ Dieser Satz begegnet mir in einem Chat-Gespräch. Er scheint nicht in kirchliches Umfeld zu passen, steht aber plötzlich schwarz auf icqHintergrund vor mir und mir wird bewusst, dass unsere Jugendlichen nicht nur von Zeit zu Zeit so reden, sondern scheinbar auch so schreiben.

An der Art und Weise wie sich die Jugendlichen unserer Gemeinde1 ausdrücken, erkenne ich, dass mehr dahinter stecken muss. Es ist nicht einfach „die Jugendsprache“, aber scheinbar auch kein türkisch-deutscher Dialekt bzw. eine Sprache, die nur in Kreuzberg oder an Schulen mit sehr hohem Anteil türkischstämmiger Schüler gesprochen wird.

Plötzlich steht der Begriff „Kiezdeutsch“ auf einer Zeitschrift. Ich lese den Artikel2 und stelle fest, dass das in etwa die Sprache ist, die die Jugendlichen mit ihren Freunden sprechen.

Mittlerweile beschäftigen sich einige Sprachwissenschaftler mit diesem Phänomen. Thomas Paulwitz ist Chefredakteur der Zeitschrift „Deutsche Sprache“ und bezeichnet sich selbst als „Sprachpfleger“3. Er vertritt die Meinung, Kiezdeutsch sei kein Dialekt, sondern eine Diagnose4. Während einige, wie Paulwitz Kiezdeutsch als schlechtes Deutsch und die Standardsprache gefährdend einstufen, möchten andere beweisen, dass es ein Dialekt ist, der nicht nur deswegen gebraucht wird, weil die Sprecher kein Standarddeutsch beherrschen oder türkischer Herkunft sind. Die Hauptvertreterin dieser Position ist die Sprachwissenschaftlerin der Universität Potsdam, Heike Wiese.

Mit dieser Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit Kiezdeutsch eine simplifizierende Varietät des Deutschen und „typisch deutsch“5 ist, oder ob es sich hier um unzureichende Deutschkenntnisse gespickt von türkischen Formulierungen handelt. Dazu werde ich zunächst eine Einführung geben und exemplarisch zeigen, wodurch sich Kiezdeutsch vom Standarddeutschen unterscheidet, bevor ich dann verschiedene Positionen inklusive meiner eigenen darstelle und anschließend eine sprachliche Analyse an der Fokuspartikel „so“ durchführe, die in ein Schlussvotum führt. Verständnishalber empfiehlt es sich zunächst den Zusatz auf S. 18 zur Kenntnis zu nehmen.

2. Was ist eigentlich Kiezdeutsch?

2.1 Geschichte, Herkunft und Sprecher von Kiezdeutsch

Zunächst ist die Rede von Kanak Sprak6, Mitte der 1990er Jahre taucht Kiezdeutsch in der Öffentlichkeit auf. Heike Wiese macht in ihren Büchern und Aufsätzen deutlich, dass es sich um eine Sprache handelt, die nicht nur türkischstämmige Deutsche sprechen. Sie sucht einen neutralen, nicht herabsetzenden Begriff und spricht daher von „Kiez-Sprache“7 oder „Kiezdeutsch“8, womit sie zeigt, dass es eine Variante des Deutschen ist. Laut Wiese unterscheidet sich Kiezdeutsch von anderen Jugendsprachen. Die Sprecher lernen Deutsch meist unkontrolliert als Zweitsprache und kennen andere ethnolektale Varietäten. Außerdem fließen grammatische Merkmale der Kontaktsprache der Jugendlichen ein, sodass man hier von einem sich neu bildenden Dialekt sprechen kann9. (Man spricht deshalb von Dialekt, weil Kiezdeutsch sowohl als Regiolekt in bestimmten Gebieten bzw. Wohnvierteln, als auch als Soziolekt von einer bestimmten Gruppe von Menschen (nämlich von Jugendlichen multiethnischer Herkunft oder in entsprechendem Umfeld lebend) gesprochen wird10 ).

Wiese betont darüber hinaus, dass Kiezdeutschsprecher meist auch in der Lage sind korrektes Deutsch zu sprechen. Kiezdeutsch entwickelte sich in urbanen Wohnvierteln mit hohem Migrantenanteil, wird jedoch mittlerweile in verschiedenen, immer noch meist urbanen, multiethnischen Vierteln von Jugendlichen unterschiedlichster Herkunft bzw. deutschen Jugendlichen gesprochen11. Daher spricht man auch von einem „Multiethnolekt“.

Weiterhin ist nicht nur in Deutschland diese Sprachentwicklung zu beobachten. In verschiedenen europäischen Ländern gibt es Jugendsprachen, die eine Mischung sind aus der jeweiligen Landessprache und verschiedenen Sprachen, die in den multikulturellen Vierteln gesprochen werden. (Beispiele dafür: Straattal in den Niederlanden, Rinkeby-Svenska in Schweden und Københavnsk multietnolekt in Dänemark12.)

2.2 Exemplarisches Aufzeigen einiger Unterschiede zum Standarddeutschen

An dieser Stelle möchte ich kurz einen Überblick über die verschiedenen Phänomene des Kiezdeutschen geben und ganz praktisch am Beispiel eines Dialogs deutlich machen, welche sprachlichen Abweichungen man feststellen kann, wenn man sich mit Kiezdeutsch befasst.

Arin: Lassma treffen.

Ben: Abu, kein Zeit heute.

Arin: Du nie Zeit. Machstu immer Schule. Hastu kein Spaß.

Ben: Abu, will isch Abschluss, mach isch Schule. Heute, isch kein Zeit, so geh Kino. Mit Elif. Du kennst.

Ben: Abu, Elif. Geil, Alter. Gehstu Cubix?

Arin: Isch kein Plan, ey. Weistu geile Film?

Ben: Ischwör. Guckstu so nich Film so, guckstu Elif. Arin: Weiß, Alter.

Auf den ersten Blick wirkt diese fiktive Unterhaltung falsch. Es handelt sich um einfaches, bruchstückhaftes Deutsch mit unbekannten oder unanständigen Formulierungen, Verkürzungen und fremdartigen Einflüssen. Die Sprecher scheinen sich zwar zu verstehen, die Unterhaltung bleibt aber auf einem oberflächlichen Niveau. Würde diese Unterhaltung in ähnlicher Weise zwischen einem Schüler und seinem Lehrer stattfinden, würde man es als respektlos empfinden.

In diesen kurzen Dialog habe ich verschiedene Elemente eingearbeitet, die typisch für das Kiezdeutsche sind und die ich im Folgenden näher erkläre.

1) Lassma, weistu, hastu, guckstu: Dies sind Verkürzungen, die zum Beispiel aus Aufforderungen wie: „lass uns einmal“ entstanden sind. Im Kiezdeutschen findet man solche sogenannten Klitisierungen häufig am Anfang von Sätzen.

2) Abu, Alter, ischwör: Während abu einen arabischen Ursprung hat13, kennt man „Alter“ auch aus der deutschen Jugendsprache. Zustimmungen oder Ausrufe wie „ey“, „wirklich“ oder „echt jetzt“ können im Kiezdeutschen durch ischwör (was wieder eine Verkürzung ist), abu oder walla ausgedrückt werden. Lan entspricht in etwa dem jugendsprachlichen „Alter“ oder „Typ“.

3) Kein Plan, geile Film, kein Zeit: Niemand würde den gesprochenen Satz: „Ich hab ein Hund14 “ als schlechtes Deutsch empfinden. Verbendungen werden häufig verschluckt (ich geh, ich mach, ich lieg) und auch „ich hab kein gesehen“ oder „ich hab ein Hund“ sind nicht untypisch. Hier wird immer das „e“ verschluckt und man hat das Gefühl zweimal „n“ zu hören. Kiezdeutsch weitet diese Ausdrucksweise auf Adjektive und Pronomen aus. 4) Isch: Diesen Ausdruck als Abwandlung von „ich“ findet man häufig in Kiezdeutschen Äußerungen. Mir ist nicht ganz klar, woher es kommen könnte, bisher habe ich die Verwendung von „sch“ statt „ch“ auch bei meinen französischen Austauschschülern beobachten können. Da beruhte es aber wahrscheinlich darauf, dass sie „ch“ nicht gut aussprechen konnten, was ich Kiezdeutschsprechern nicht unterstelle.

5) Du nie Zeit. Du kennst: Hier fällt das Verb bzw. das Personalpronomen weg. Vergleichbar ist Letzteres mit der Aussage: „Elif, das ist das Mädchen mit der roten Jacke.“ „Kenn ich.“ Hier ist klar, dass sich die Aussage auf Elif bezieht. Im Beispieldialog am Anfang ist auch deutlich, dass Elif gemeint ist. Elif. Du kennst.

6) So nich Film so.: So wird in vielen Sätzen gebraucht. Auch im Standarddeutschen. Die Partikel taucht bei Vergleichen (so groß wie), bei Verstärkungen (es war so kalt) oder als Abschwächung auf (das hat sie nur so gesagt). Im Kiezdeutschen wird so vor allem zur Markierung wichtiger Satzelemente gebraucht. Darauf werde ich im Laufe der Arbeit ausführlich eingehen.

3. Kiezdeutsch - Variante oder Vereinfachung?

In diesem Kapitel frage ich, ob Kiezdeutsch als Deutscher Dialekt bezeichnet werden kann oder ob es sich nicht eher um fehlerhaftes und bruchstückhaftes Deutsch handelt, dem von Vertretern wie Wiese zu Unrecht ein derart hoher Stellenwert zukommt. Dazu werde ich zunächst zwei Positionen darstellen, die sich dafür aussprechen, dass Kiezdeutsch ein eigenständiger Dialekt ist und anschließend diese Positionen kritisch hinterfragen.

3.1 Heike Wiese

„Kiezdeutsch ist kein gebrochenes Deutsch - und Schwäbisch ist nicht der gescheiterte Versuch, Hochdeutsch zu sprechen15 “, so die Überschrift des sechsten Kapitels der Ausführungen Wieses, dass mit Kiezdeutsch ein neuer Dialekt entstehe16. Die Autorin beschreibt, dass Kiezdeutsch häufig abgewertet und als schlechtes oder türkisches Deutsch empfunden wird. Dabei finden sich hier unterschiedliche Einflüsse aus mehreren Sprachen und viele grammatische, typisch Deutsche Phänomene wieder. Wiese erklärt, dass vieles, was wir im Kiezdeutsch als falsch oder anstößig empfinden im Grunde nur eine Verschärfung und Erweiterung der Umgangssprache ist, die die meisten Deutschen selbstverständlich sprechen und als richtig empfinden. Wiese begründet ihre Position, dass Kiezdeutsch ein Dialekt ist, damit, dass es „keine reduzierte Form des Deutschen ist, sondern im Bereich von Aussprache, Wortschatz und Grammatik systematische Neuerungen entwickelt hat, wie sie für Dialekte charakteristisch sind.17 “ Wiese plädiert dafür, die subjektive Wahrnehmung eines Dialekts (auf Grund der Schicht in dem er gesprochen wird und der Personen, die man automatisch damit verbindet) und die grammatische Wertigkeit zu trennen, da grammatisch gesehen Dialekte meist nicht weniger komplex oder systematisch sind als das Standarddeutsche18.

3.2 Hatice Deniz Canoğlu

Auch Canoğlu geht davon aus, dass die Abweichungen oder Reduktionen im Kiezdeutschen auf sprachliche Strukturen zurückgehen. Sie stellt im Vergleich zu Wiese etwas ausführlicher dar, welche herkunftssprachlichen Strukturen in diesem neuen Dialekt zu finden sind.

In ihrer ethnolinguistischen Untersuchung sagt Canoğlu zunächst, dass die „Etablierung herkunftssprachlicher Strukturen in der Kiez-Sprache […] von Jugendlichen als stilistische und kreative Verstärkungsmittel in die Gespräche integriert werden, um ihren Äußerungen[…] besondere Effizienz zu verleihen19 “.

[...]


1 Viele stammen aus sozial schwachen Elternhäusern, es sind Haupt- und Gesamtschüler, die im Alter von 16 Jahren meist eine Ausbildung beginnen, aber durchweg keinen Migrationshintergrund aufweisen.

2 Meise, Was geht, Alda?.

3 Abrufdatum 21. März 2013: http://www.thomas-paulwitz.de.

4 Abrufdatum 21. März 2013: https://www.youtube.com/watch?v=Dei9zJThb50, 1:08-1:13.

5 Vgl. Wiese, Kiezdeutsch, 48.

6 Zaimoglu, Kanak Sprak.

7 Vgl. Wiese, Messer, 246.

8 Vgl. Wiese Kiezdeutsch, 12.

9 Vgl. Wiese, Messer, 246.

10 Vgl. Wiese, Kiezdeutsch, 129.

11 Vgl. Wiese, Kiezdeutsch, 14.

12 Vgl. Abrufdatum 19. März 2013: http://www.kiezdeutsch.de/wersprichtkiezdeutsch.html.

13 Wiese, Kiezdeutsch, 118.

14 Hier auf die Frage: „Wie viele Hunde hast du?“ Ansonsten würde wahrscheinlich „Ich habn Hund“ gesagt.

15 Wiese, Kiezdeutsch 142.

16 Vgl. Wiese, Kiezdeutsch, Titel.

17 Wiese, Kiezdeutsch, 130.

18 Vgl. Wise, Kiezdeutsch, 137 f.

19 Vgl. Canoğlu, Sprachverfall, 100f.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656460459
ISBN (Buch)
9783656460695
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230487
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Schlagworte
kiezdeutsch kiez-sprache dialekt diagnose

Teilen

Zurück

Titel: Ist Kiezdeutsch ein typischer Dialekt oder eine deutsche Diagnose?