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Die innertrinitarische Relation bei Boethius und Thomas von Aquin

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 12 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Zielsetzung

2.1 Boethius: Wie die Trinität ein Gott und nicht zwei Götter ist
2.2 Grundlegende Aspekte: Mensch, Gott und Relation
2.2.1 Die Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis
2.2.2 Über dasselbe, Verschiedenheit und Zahl
2.2.3 Aussagen über Gott und die Welt
2.2.4 Relation
2.3 Die innertrinitarische Relation bei Boethius

3.1 Thomas von Aquin: Von den göttlichen Beziehungen
3.2 Relation
3.3 Die innertrinitarische Relation bei Thomas von Aquin
3.3.1 Relation in Gott
3.3.2 Arten der Relation

4.1 Gegenüberstellung
4.2 Das Wesen Gottes und die zehn Kategorien des Aristoteles
4.3 Relation
4.4 Die innertrinitarische Relation

5.0 Zusammenfassung und Fazit

6.1 Literaturverzeichnis
6.2 Primärliteratur
6.3 Sekundärliteratur

1.0 Zielsetzung

Das Wort Trinität kommt vom lateinischen Trinitas und bedeutet Dreifaltigkeit. Die Doktrin der heiligen Dreifaltigkeit ist ein essentielles Element der christlichen Theologie (vgl. CRAIG, 1998, S. 457) und besagt, dass der Vater, der Sohn und der heilige Geist Gott

– genauer gesagt: ein und derselbe Gott – dennoch aber voneinander unterschieden sind. Hier scheint ein logisches Problem vorzuliegen, denn eine Person kann nicht gleich` zeitig drei Personen sein und umgekehrt. Wie ist das also möglich?

Mit dieser Frage haben sich in der Vergangenheit viele Philosophen auseinanderge` setzt, darunter auch die beiden Autoren, deren Abhandlungen Gegenstand dieser schriftlichen Ausarbeitung sind: Boethius und Thomas von Aquin. Beiden ist gemein, dass sie versuchen, das oben genannte Problem durch Betrachtungen der innertrinitari` schen Relation zu lösen. In dieser Hausarbeit sollen ihre Abhandlungen erläutert und miteinander verglichen werden. Dabei sei mit Boethius begonnen.

2.1 Boethius: Wie die Trinität ein Gott und nicht drei Götter ist

Anicius Manlius Severinus Boethius lebte in etwa von 480 bis 525 und wuchs als Wai` senkind unter einem christlichen Ziehvater auf. In der ersten Abhandlung seiner opuscu8 la sacra – den Theologischen Traktaten – beschäftigt er sich mit der Frage, wie die Trini8 tät ein Gott und nicht drei Götter ist.

2.2 Grundlegende Aspekte: Mensch, Gott und Relation

2.2.1 Die Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis

Bevor eine Auseinandersetzung mit der Trinität nun aber möglich ist, muss man sich zunächst einmal vor Augen führen, inwieweit der Mensch überhaupt dazu in der Lage ist, das Göttliche zu begreifen. In seinen einleitenden Worten erklärt Boethius:

[Die Untersuchung muss] von uns soweit geführt werden, wie der Blick des menschlichen Verstandes die Höhen der Gottheit zu erklimmen vermag. Denn auch für die übrigen Künste ist dasselbe gleichsam als bestimmte Grenze festgesetzt, bis wohin der Weg des Verstandes führen kann. (BOETHIUS, 1988, S. 5)

Daraus geht unweigerlich hervor, dass der Mensch Gott niemals in seiner Gesamt` heit verstehen kann, da diese weit über die Grenzen des Verstandes hinausreicht. Was hingegen getan werden kann, ist genau in diesem Rahmen zu versuchen, Gott soweit wie möglich zu begreifen. So gibt es für den Menschen verschiedene Möglichkeiten,

Erkenntnisse von Gott und der Welt zu erlangen, die Boethius als drei Teile wissenschaft8 licher Betrachtung zusammenfasst.

Die Naturwissenschaft ist die Erste dieser Möglichkeiten. Da ihr Betrachtungsgegen` stand aber in den konkreten Formen der Körper in Zusammenhang mit Materie in Be` wegung – nämlich in der Welt, wie wir sie erleben – besteht, ist sie zu Aussagen über Gott nicht imstande. Ähnlich steht es um die Mathematik, die sich zwar nicht mit Mate` rie, dafür aber mit den konkreten Formen der Körper beschäftigt. Gott ist einzig und allein mit der Theologie zu erfassen, da sie nur die Form, abstrahiert und losgelöst von Körper, Materie und Bewegung betrachtet.

Damit wurde eine ganz entscheidende Aussage über das Wesen Gottes gemacht: Er ist Form ohne Materie. Was bedeutet das? Zunächst einmal muss man sich vor Augen führen, dass Akzidenzien – also Eigenschaften – Vielheit implizieren, da sie den Substan` zen anhängen und diese somit voneinander unterschiedlich machen. Nach Boethius aber nimmt „sie [die Form] Akzidenzien nicht deshalb auf, weil sie selbst ist, sondern deshalb, weil ihr Materie zugrundegelegt ist.“ (BOETHIUS, 1988, S. 9). Form bedeutet also nur in Zusammenhang mit Materie Vielheit und somit auch Verschiedenheit. Gott aber ist Form allein und somit Einheit. Aber wie kann Gott Einheit sein, wenn er gleichzeitig Vater, Sohn und heiliger Geist ist?

2.2.2 Über dasselbe, Verschiedenheit und Zahl

Um das zu zeigen, setzt sich Boethius zunächst einmal allgemein mit den Begriffen dasselbe, Verschiedenheit und Zahl auseinander. So ist es wichtig zu beachten, dass dasN selbe hinsichtlich drei verschiedenen Gründen ausgesagt wird: erstens aufgrund der Gattung, wie wenn man sagt, dass der Mensch dasselbe ist wie die Katze – nämlich ein Lebewesen, zweitens aufgrund der Art, wie wenn man sagt, dass Boethius dasselbe ist wie Thomas – nämlich ein Mensch und drittens aufgrund der Zahl, wie wenn man sagt, dass Anicius dasselbe ist wie Manlius – nämlich Anicius Manlius Severinus Boethius.

Umgekehrt ist es nur logisch, dass Verschiedenheit ebenfalls aufgrund von Gattung, Art und Zahl ausgesagt wird. Und da sich etwas nicht von sich selbst unterscheiden kann, führt Verschiedenheit notwendigerweise zu Zahl. Nun schreibt BOETHIUS (1988, S.

5) aber: „Die Art dessen [der Trinität] ist Ununterschiedenheit.“ So muss es sich bei Va` ter, Sohn und hl. Geist also um dasselbe handeln.

Um aufzuzeigen, wie das möglich ist, differenziert Boethius zwischen zwei Arten der Zahl. Denn hier gibt es einerseits die Zahl, mit der wir verschiedene Einzeldinge zählen, die demnach Vielheit bewirkt. Andererseits gibt es aber auch die Zahl der Sachverhalte, bei der ein und derselbe Sachverhalt mehrfach ausgedrückt wird. So bezeichnen zum Beispiel die beiden Wörter Gitarre und umgangssprachlich die Klampfe dasselbe Objekt, bzw. denselben Sachverhalt. Im Sinne der Trinität bedeutet das also, dass Vater, Sohn und heiliger Geist denselben Sachverhalt bezeichnen – nämlich Gott. Doch eine endgül` tige Lösung des Problems ist damit noch nicht gefunden: Denn zwar sind sie dasselbe, nicht aber ein Selbst (vgl. BOETHIUS, 1988, S. 13). Es wurde bisher lediglich gezeigt, dass sowohl Vater und Sohn, als auch der hl. Geist Gott sind. Aber der Vater ist genauso we` nig der Sohn, wie er der hl. Geist ist. Wie können sie also gleichzeitig voneinander unter` schieden sein?

2.2.3 Aussagen über Gott und die Welt

Um das zu erklären, muss etwas weiter ausgeholt werden. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass Aussagen über Gott immer das Wesen als Ganzes bezeichnen. So bezieht sich Boethius auf die zehn Kategorien des Aristoteles, die man über jeden Sachverhalt aussagen kann: Substanz, Qualität, Quantität, Zu`etwas`hin, Wo, Wann, Haben, Gele` gen`Sein, Tun und Leiden. Der Sonderstatus der Relation sei vorerst außen vor gelassen.

All diese Kategorien außer der Substanz sind akzidentieller Natur: Sie fügen dem Sachverhalt etwas hinzu. Unter Punkt 2.1.1 wurde aber gezeigt, dass es in Gott keinerlei Akzidenzien gibt, da sie Vielheit bedeuten, Gott aber Einheit ist. Und so können die Ka` tegorien zwei bis zehn nicht auf dieselbe Weise über Gott ausgesagt werden, wie über den Menschen. Denn der Mensch ist weise, Gott aber ist die Weisheit. Sobald eine Ei` genschaft auf Gott übertragen wird, bezeichnet sie automatisch das gesamte Wesen, denn alle Eigenschaften kommen von Gott und gehen in ihn über. Und auch die Sub` stanz Gottes ist nicht mit der Substanz der empirischen Dinge gleichzusetzen, wie schon weiter oben angedeutet wurde: Der Mensch zum Beispiel ist die Summe seiner Bestand` teile (Materie und Form!) – Gott hingegen ist Form allein und nach Boethius somit die Substanz jenseits von Substanz.

Möchte man also etwas über Gott und die Welt aussagen, gilt es zu unterscheiden zwischen Aussagen gemäß dem Sachverhalt, die sich auf empirische Substanzen bezie` hen, Akzidenzien gemäß dem Sachverhalt, welche die Eigenschaften eines zugrundelie` genden (ebenfalls empirischen) Sachverhalts beschreiben und Aussagen gemäß der Substanz des Sachverhalts, die einzig und allein über Gott selbst – über die Substanz jenseits von Substanz – gemacht werden. Letztere bezeichnen aufgrund der Tatsache, dass es in Gott nur Einheit gibt, immer das Wesen als Ganzes.

2.2.4 Relation

Bereits in der Einleitung wurde angedeutet, dass der Relation sowohl bei Boethius als auch bei Thomas von Aquin eine zentrale Rolle in ihrer Auseinandersetzung mit der Trinität zukommt. Aus diesem Grund muss man sich also die Frage stellen: Was versteht Boethius unter Relation ?

So erklärt er, dass Relation nicht im Sein, sondern im Vergleich besteht. Folglich fügt eine relative Aussage dem Sachverhalt, über den sie ausgesagt wird, nichts hinzu. Zur Veranschaulichung: Denkt zum Beispiel Person X an Person Y, so stellt er eine Relation her. Dies verändert aber in keiner Weise den Seinsgehalt von X (oder von Y).

Ein solcher Vergleich kann entweder in Beziehung zu etwas anderem oder zu dem Sachverhalt selbst bestehen. Macht man eine vergleichende Aussage zu einem Anderen, so ist natürlich Vielheit impliziert, nicht aber, weil die Relation sie hinzufügen würde, sondern weil sie von vorneherein besteht. Befindet sich eine Relation aber in einem Sachverhalt, so bleibt Einheit, da dem Seinsgehalt ja nichts hinzugefügt wird.

Somit ist nun alles gesagt, was es braucht, um Boethius Gedanken über die inner` trinitarische Relation zu verstehen. Die wichtigen Aspekte sollen im Folgenden nochmals zusammenfassend wiederholt und anschließen in das Gesamtbild integriert werden.

2.2 Die innertrinitarische Relation bei Boethius

Gott ist Form allein und somit Einheit, da die Form nur in Zusammenhang mit Mate` rie Vielheit erzeugt. Wenn man demnach den Vater, den Sohn und den heiligen Geist aufzählt, so nennt man damit drei Mal denselben Sachverhalt. Da Akzidenzien Vielheit mit sich bringen, sind sie in Gott folglich nicht zu finden. Sagt man also eine für den Menschen akzidentielle Eigenschaft über Gott aus, bezeichnet sie automatisch das ge` samte Wesen. So auch die Relation. Sie ist Gott und impliziert insofern Vielheit, als dass sie auf etwas Entgegengesetztes hin Ausgesagt wird.

Deshalb sind Vater, Sohn und heiliger Geist unterschieden, während sie in Gott gleich sind, da ihre Relation zueinander der Substanz innewohnt und keinen Einfluss auf die Beschaffenheit dieser hat. Boethius fasst es mit den folgenden Worten zusammen:

So also enthält Substanz Einheit, Relation vervielfältigt Trinität; und daher werden die Ein` zelnen, die zur Relation gehören, einzeln und abgesondert hervorgebracht. Denn der Vater ist nicht dasselbe wie der Sohn, und beide sind nicht dasselbe wie der Heilige Geist. Dassel` be ist dennoch Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist [...] (BOETHIUS, 1988, S. 25)

3.1 Thomas von Aquin: Von den göttlichen Beziehungen

Thomas von Aquin lebte zwischen ca. 1225 und 1274, somit also gut 700 Jahre nach Boethius. Er war vertraut mit dessen Abhandlung der innertrinitarischen Relation und liefert in der 28. Frage „Von den göttlichen Beziehungen“ seines wohl bedeutendsten Werkes, der summa theologica (zu Deutsch: Summe der Theologie), seinen eigenen Bei` trag zu dieser Thematik.

3.2 Relation

Thomas von Aquin unterscheidet zwischen naturwirklichen und gedanklichen RelaN tionen. Auch er beruft sich dabei auf die Kategorien des Aristoteles, anhand derer sich die zwei Arten der Relation sehr gut illustrieren lassen.

Unter Punkt 2.1.3 wurde bereits gezeigt, dass die zehn Kategorien in eine Substanti` elle und neun Akzidentielle unterteilt sind. Von besonderem Interesse sind nun die neun Gattungen von Eigenschaften. Denn all diese Gattungen außer der Relation (oder: dem Zu8etwas8hin) beschreiben Eigenschaften, die dem Träger innewohnen. Es besteht also eine Beziehung der Art Gattung`Träger (z.B. Größe und Größe von X) und diese ist nach Thomas von Aquin naturwirklich, oder inne 8 seiend, da sie in dem Träger auf den Träger verweist. Stellt man nun aber eine Beziehung zwischen zwei eigentümlichen inhärenten Eigenschaften her – vergleicht man beispielsweise die Größe von X mit der Größe von Y so ist die Relation nur nebenstehend, da wir sie lediglich gedanklich hinzufügen. Sie weist auf ein Entgegengesetztes.

[...]

Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656461425
ISBN (Buch)
9783656461678
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230373
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Schlagworte
Philosophie Thomas von Aquin Boethius Relation Trinität Gott Mittelalter Philosophie des Mittelalters Hausarbeit Hauptseminar Bachelor Dreifaltigkeit heilig

Autor

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