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Politischer Widerstand in Form von Jugendsubkultur

Eine Untersuchung zu Organisationsformen von politischem Protest am Beispiel der Ultras Al-Ahlawī und ihrer Rolle im Verlauf der Ägyptischen Revolution

Magisterarbeit 2013 112 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Themenblöcke dieser Arbeit
1.2 Vorgehensweise
1.3 Forschungsstand

2 Die Fankultur der Ultras
2.1 Fußball, Fans und Zuschauer vor der Zeit der Ultras
2.2 Voraussetzung: Die Entwicklung des Fußballs zum Volkssport
2.3 Die Ultra-Bewegung in Europa
2.3.1 Ursprünge der Ultra-Szene
2.3.2 Merkmale der Ultra-Szene - Versuch einer Vereinheitlichung
2.3.3 Funktion von Jugendsubkulturen
2.3.4 Aktuelle Entwicklungen
2.4 Ultras im Nahen Osten
2.4.1 Der ägyptische Profifußball
2.4.2 Fankultur in den arabischen Ländern im Wandel der Zeit
2.4.3 Entstehung der Ultra-Bewegung in Nordafrika
2.4.4 Gedankengut und Werte der arabischen Ultras - „Rūḥ al-Ultrās“
2.4.5 Exkurs: Sprache einer internationalen Subkultur
2.4.6 Zusammensetzung der Gruppen
2.4.7 „A.C.A.B.“ - Konfrontation mit der Polizei

3 Die Ägyptische Revolution
3.1 Voraussetzungen: Entwicklungen in der ägyptischen Gesellschaft
3.1.1 Der autoritäre Polizeistaat: Regierung per Notstandsgesetz
3.1.2 Die Wirtschaft Ägyptens
3.1.3 Das ägyptische Militär - der Staat im Staat
3.2 Ablauf der Revolution
3.3 Nachspiel
3.4 Die Katastrophe von Port Said und ihre Konsequenzen

4 Die Ultras bei der Revolution
4.1 Die Ultras und die Revolution nach Bašīr
4.2 Medienberichte in Ägypten und im arabischsprachigen Raum
4.3 Medienberichte in Europa
4.3.1 Berichterstattung in Deutschlands großen Tageszeitungen
4.3.2 Berichterstattung in den Sportmedien
4.3.3 James Dorseys „The Turbulent World of Middle East Soccer”
4.4 Ergebnisse der Medienanalyse

5 Schlussteil

Literaturverzeichnis

Anhang

A Das Ultra-Manifest

B Leserbrief aus Blickfang Ultrà

C Medienberichte in Ägypten und im arabischsprachigen Raum

D Medienberichte in Europa

Tabellenverzeichnis

Tab. 2.1 Einflüsse auf den Sprachgebrauch arabischer Ultras-Gruppen; erstellt auf Basis von BAŠĪR (2012) und eigenen Recherchen

Tab. C.1 Zeitlicher Überblick: Veröffentlichungen in arabischen Publikationen

Tab. C.2 Zeitlicher Überblick: Veröffentlichungen in deutschen Publikationen

1 Einleitung

Ägypten war in der Entwicklung, die in den deutschen Medien den Namen ‚Arabischer Frühling’ erhalten hat, nach Tunesien das zweite Land, in dem sich die Bevölkerung nach Jahrzehnten der Repression gegen autoritäre Machthaber erhob. Die sogenannte ‚Revolution vom 25. Januar’, in deren Verlauf Machthaber Hosni Mubarak (arab.: Muḥammad Ḥusnī Mubārak) zurücktrat, forderte zahlreiche Todesopfer und hinterließ das Land in einem Zustand der politischen Instabilität. Auf Mubaraks Rücktritt folgte eine Periode weiterer Zusammenstöße und Auseinandersetzungen auf Ägyptens Straßen. Diese konzentrierten sich auf die Hauptstadt Kairo und entsponnen sich hauptsächlich aus dem Streit um die Nachfolge Mubaraks.

In dieser Phase der Instabilität ereignete sich am 01.02.2012 in der ägyptischen Stadt Port Said (arab.: Būr Saʿīd) einer der schlimmsten gewaltsamen Zusammenstöße bei einem Fußballspiel: Nachdem die Begegnung zwischen den ägyptischen Fußball- clubs Al-Masry (arab.: Al-Maṣrī) aus Port Said und Al-Ahly (arab.: Al-Ahlī) aus Kairo abgepfiffen wurde, strömten Anhänger von Al-Masry auf das Spielfeld und griffen die gegnerischen Fans auf der gegenüberliegenden Tribüne an; mindestens 79 Menschen starben bei den Auseinandersetzungen, schätzungsweise über 1000 wurden verletzt.1 Nach dem Vorfall, der weltweit Beachtung fand, wurden Stimmen laut, die eine Ver- schwörung gegen die Anhänger des Kairoer Teams vermuteten, da die Sicherheitskräfte nur unzureichend bzw. gar nicht in das Geschehen im Stadion eingriffen. Die Toten und Verletzten vom 01.02.2012 waren nahezu ausschließlich Mitglieder der zum Kairoer Verein Al-Ahly gehörigen Gruppe Ultras Al-Ahlawy (arab.: Al-Ahlāwī). Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Fußballfans, die sich als Ultras bezeichnen und die im Zentrum der Betrachtungen dieser Arbeit stehen werden. Auch in den deutsch- und eng- lischsprachigen Medien wurde sehr schnell ein Zusammenhang vermutet; vor allem, da die Mitglieder der Ultras Al-Ahlawy die entscheidende Rolle bei den Straßenkämpfen während der Ägyptischen Revolution gespielt hätten.2 Diese These von der Bedeutung der Ultras für die Revolution spielte, so der erste Eindruck, während der gesamten Be- richterstattung über die Ägyptische Revolution jedoch keine Rolle. So stellte sich die Frage, wie, von wem, wann und warum diese Behauptung aufgestellt wurde und ob sie sich überprüfen lässt. Die Untersuchung der Rolle der Ultras bei der Revolution ist somit Ausgangspunkt dieser Arbeit.

1.1 Themenblöcke dieser Arbeit

Die bereits kurz beschriebenen Ereignisse in Port Said, ihre Umstände sowie ihre Re- zeption lassen sich auf verschiedenen Ebenen betrachten und einordnen. So können ins- gesamt drei Themenblöcke identifiziert werden, die die Thematik dieser Arbeit stellen und an dieser Stelle erläutert werden sollen. Ausgangspunkt der Überlegungen sind, wie bereits erwähnt, die Ultras. Die Arbeit wird sich daher aufgliedern in die Themenkom- plexe ‚Zusammenhang zwischen den Ultras und Politik‘, ‚Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und den Ultras‘ und ‚Zusammenhang zwischen den Ultras und der Revolution‘. Bereits diese grobe Gliederung zeigt den Stellenwert, den Fußball in der Gesellschaft einnehmen kann - Hafeneger beschreibt ihn zu Recht als „Teil der nationalen Sozial- und Kulturgeschichte, der innerstaatlichen Identitätssymbo- le“3 und „mehr als organisierte Bewegungskultur und ritualisierte Bewegungspraxis“4. Fußball sei „ein komplexer sozialer und kultureller Phänomenbereich und mit vielen positiven und negativen Mythen, metaphorischen und kulturellen Überhöhungen ver- bunden (…)“.5

So soll dieser komplexe Phänomenbereich erläutert und ein Verständnis dieser Zusammenhänge - vor allem im ägyptischen Kontext - geschaffen werden.

1. Zusammenhang zwischen den Ultras und Politik: Häufig wird bezüglich Sporter- eignissen die Parole „Politik hat mit Sport nichts zu tun“ bemüht. Dies war zum Bei- spiel bei der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine der Fall, in deren Vor- feld die politischen Verhältnisse in der Ukraine in den deutschen Medien stark kritisiert wurden; diese Kritik hatte allerdings keinerlei Konsequenzen für die Ausführung des Wettbewerbs und die Teilnahme von Spielern auf dem Platz und Politikern auf den Rängen bei einzelnen Partien. Auch im Zusammenhang der Olympischen Spiele 2008 in China gab es vorab weitreichende Proteste aufgrund der chinesischen Repressionen gegenüber Tibet, und hier wurde wiederum auf die notwendige Trennung von Sport und Politik verwiesen, um die reibungslose Durchführung des Wettbewerbs gewährleisten zu können. Bereits diese Beispiele zeigen, dass die Trennung von Sport und Politik eine künstliche ist. Sport, Fußball, Politik und in einem weiteren Schritt Konfliktpotential und in welcher Form auch immer ausgetragene Konflikte sind untrennbar miteinander verbunden. Die Erreichbarkeit einer forcierten ‚Reinhaltung’ des Fußballs von Politik und politischem Konflikt soll im Folgenden auf den Prüfstand gestellt werden. Ausge- hend von den Ereignissen in Port Said wird im Untersuchungsrahmen dieser Arbeit an- genommen, dass Konflikte zumeist innerhalb der Reihen der Fans ausgetragen werden; daher beleuchtet diese Arbeit die Ursprünge der Ultra-Bewegung als besondere Art von Fußballfans. Ausgehend von ihrem ‚Mutterland’ Italien vollzog sich die Ausbreitung nach Europa, Osteuropa und schließlich nach Ägypten.6 Zunächst sollen die Grund- ideen, Werte und Regeln der Ultra-Bewegung erläutert werden; dies wird am Beispiel der deutschen Ausprägung der Ultra-Szene geschehen. So lassen sich eventuelle Ge- meinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Gruppen aufzeigen. Entwicklun- gen, Organisations- und Darstellungsformen und auch Positionen im Rahmen des Profi- fußballs werden dargestellt. Mit Hilfe des Grundlagenwissens aus dem europäischen Kontext soll es im weiteren Verlauf der Arbeit gelingen, die gängigen Aussagen „Poli- tik hat mit Fußball nichts zu tun“ auf der einen sowie die oftmals selbst von den Ultras- Gruppen verbreitete Aussage „Ultras wollen nicht politisch sein“ auf der anderen Seite gegenüberzustellen und schließlich auch im für diese Arbeit entscheidenden ägypti- schen Kontext einordnen zu können. Letzten Endes soll es daher nicht um einen konkre- ten und extensiv durchgeführten Ländervergleich gehen, sondern die Darstellung deut- scher Verhältnisse soll einen Teil dazu beitragen, Grundideen der Ultras erst einmal zu verstehen.

Des Weiteren wird sich das Augenmerk dieser Arbeit auf die Medien in ihrer tra- genden gesellschaftlichen, da meinungsbildenden, Funktion konzentrieren und sich ent- sprechend mit deren Rezeption der Ereignisse in Port Said und deren Darstellung der Ultras allgemein auseinandersetzen. Auch hierbei ist es sinnvoll, den ‚europäischen Blick‘ mit einzubeziehen, denn es stellt sich die Frage, ob der Blick der europäischen Medien auf die Bewegung der Ultras in Kairo geprägt ist durch die Berichterstattung über die heimischen Ultras-Gruppierungen oder ob die Gruppen länderspezifisch als differente Phänomene betrachtet werden. Dies soll in Kapitel 4 überprüft werden. Inte- ressant ist dabei auch die Frage, wie die arabischen Medien das Thema angehen bzw. darstellen. Findet sich die in der deutschen Presse gemachte Behauptung, die Ahlawy seien eine treibende Kraft der Revolution gewesen, ebenfalls in den arabischsprachigen Medien? Wichtig dabei ist, ob diese Annahme bereits vor den Ereignissen in Port Said geäußert wurde oder als retrospektive Sinnstiftung zu sehen ist.

2. Der Themenkomplex Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Entwicklun- gen und den Ultras greift sehr eng in den erstgenannten Themenkomplex, lenkt aber den Betrachtungswinkel weg von den Ultras und hin zur ägyptischen Umgebungsgesell- schaft: Was ist in dieser geschehen, dass eine neue Fankultur wie diejenige der Ultras entstehen konnte? Es sollen in diesem Zusammenhang auch gesellschaftliche Tenden- zen und Trends dargestellt werden, die sich in der Begründung einer Bewegung wie der der Ultras ausdrücken.7 Ein weiterer wichtiger Aspekt, auf den eingegangen werden soll, ist die Frage danach, welche bereits vorhandenen Organisationsformen in der Ge- sellschaft die Entstehung eines solchen Netzwerks begünstigen. Entstehen durch die Ultras ebenfalls neue Organisationsformen und Netzwerke? Und wenn ja, welche?

3. Zusammenhang zwischen den Ultras und der Revolution: In erster Linie ist hier interessant, ob die These von den Ultras Al-Ahlawy als ‚Bollwerk der Revolution’ so bestätigt werden kann. Um diese Frage beantworten zu können, beschäftigen sich be- reits die Anfangskapitel dieser Arbeit mit der Bewegung der Ultras generell. So ist bei der Betrachtung des Zusammenhangs zwischen den Ultras und den Geschehnissen der Revolution eine dichte Verwebung mit dem Themenkomplex ‚ Ultras und Politik ‘ fest- zustellen. In einer Kombination aus den ersten beiden Themenkomplexen lassen sich so einerseits politische Positionen der Ultras Al-Ahlawy in Opposition zur Mubarak- Regierung nachzeichnen sowie andererseits Organisationsformen von Oppositionellen während der stark repressiven Regierungszeit Mubaraks sowie während der Revolution. Der Terminus ‚Organisationsformen‘ ist in diesem Zusammenhang sowohl im physi- schen Sinne zu verstehen als auch im sozialen Sinne der ‚Rekrutierung’ von Anhängern und Sympathisanten.

Die Darstellung dieser Themengebiete gewährt einen ersten Überblick; das genaue Vorgehen der Arbeit schildert das folgende Kapitel.

1.2 Vorgehensweise

Die These von der Hauptrolle der Ahlawy während der Revolution ist zentraler Aus- gangspunkt für die Entstehung dieser Arbeit. Die populäre Sportart Fußball nimmt in vielen Gesellschaften eine tragende Rolle ein. Im Falle der Ereignisse von Port Said und der ägyptischen Revolution wird - auf welcher Basis, zeigt sich im Laufe der Arbeit - den Ultras eine entscheidende Rolle an der Schnittstelle von Sport und einer gesell- schaftlichen Massen-Protestbewegung zugeschrieben. Die im folgenden Kapitel als Gruppe und gesellschaftliches Phänomen beschriebenen Ultras haben einen ganz eige- nen Zugang zum Fußball sowie zum ‚Zuschauerdasein’ und setzen sich mit diesem Sport auch anders auseinander als andere Fußballfans. Die speziellen Merkmale der Bewegung der Ultras, die sich bei anderen Fangruppen nicht finden lassen, können in Bezug auf die Geschehnisse von Port Said erklärend hinzugezogen werden. So können sie beispielsweise eine Antwort auf die Frage geben, warum im Stadion von Port Said überwiegend Ultras zu Tode kamen und weniger andere Zuschauer, die sich selbst we- der als Ultras bezeichnen würden noch sich der Bewegung zugehörig fühlen. Daher soll einführend am Beispiel der deutschen Ultra-Szene beschrieben werden, woher die Be- wegung allgemein kommt, wie sie entstanden ist, was sie momentan auszeichnet und in welche Richtung sie sich künftig entwickeln könnte. Dazu wird ein Überblick zum der- zeitigen Stand der Forschung zu diesem Thema gegeben; auch bezüglich der Forschung zu Fußball und Fankultur im Nahen Osten. Die ausgearbeiteten Punkte die Ultras betref- fend sollen in der Folge auf den arabischen Raum und vor allem Ägypten übertragen werden. Da davon ausgegangen wird, dass die meisten europäischen Länder die Ultra- Bewegung aus Italien übernahmen, soll in dem entsprechenden Teil der Arbeit ein Au- genmerk darauf gelegt werden, wie sich in Ägypten die ersten Ultras zusammengefun- den haben. Diese Untersuchung speist sich in erster Linie aus arabischen Quellen.

Nach der Auseinandersetzung mit europäischen und ägyptischen Ultras soll dann in einem weiteren Schritt die Ägyptische Revolution dokumentiert und analysiert werden. Dieser Teil der Arbeit gliedert sich in einen Blick auf die ägyptische Gesellschaft, wie sie in den vergangenen dreißig Jahren von Mubarak regiert und gegängelt wurde, eine Dokumentation der Prozesse im Vorfeld der Revolution sowie einen Abriss über die bisherigen Konsequenzen der Geschehnisse der Revolution bis zur Stadionkatastrophe von Port Said und deren direkten Konsequenzen.

Abschließend dokumentiert und analysiert die Arbeit die Darstellung der Geschehnisse in Port Said in den deutsch- sowie arabischsprachigen Medien um festzustellen, wie und wann Ultras und die Tragweite ihrer Beteiligung an der Revolution erstmals erwähnt wurden. Letztendlich ist also zu prüfen, ob und inwieweit die in nahezu allen europäischen Presseerzeugnissen vertretene Meinung bestätigt werden kann, es habe sich um eine ‚Revolution der Ultras’ gehandelt.

Die für die Erstellung dieser Arbeit nötigen Übersetzungen wurden mit Hilfe des Wörterbuchs von Hans Wehr erstellt. Arabische Begriffe, Namen und Orte werden ent- sprechend der Umschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) tran- skribiert; dabei verbleiben ‚eingedeutschte‘ Worte zur besseren Leserlichkeit in der gängigen Schreibweise, nachdem ihre arabische Schreibweise einmalig verzeichnet wurde.

1.3 Forschungsstand

Die Wissenschaft hat sich bisher relativ wenig mit der Ultra-Bewegung auseinandergesetzt. Diese Problematik beruht auf folgendem, von Markovits und Rensmann identifiziertem, übergeordnetem Phänomen:

„Trotz ihrer fraglosen soziokulturellen und politischen Bedeutung in modernen Ge- sellschaften sind Massensport und Leistungssport und die Sportkulturen, in die sie eingebettet sind, nach wie vor Stiefkinder soziologischer und politischer Wissen- schaft. Dies entspricht einem lange vorherrschenden - in Europa und in den USA unterschiedlich ausgeprägten - intellektuellen Blick ‚hinunter‘ auf team sports als ‚proletarisches‘ Massenphänomen der low culture oder als marginales Freizeitver- gnügen.“8

Es ist aber festzustellen, dass das Interesse von wissenschaftlicher Seite, also von Seiten der Soziologie, Kriminologie, Politik- und Sportwissenschaft, wächst. Der Ansatz dieser Arbeit speist sich auf verschiedenen Themengebieten, die teilweise schon mehr oder weniger ausgiebig bearbeitet wurden; in exakt der Kombination, wie sie im Falle der Ultras Al-Ahlawy zusammentreffen (Sport - Gesellschaft - Politik), ist eine wissen- schaftliche Auseinandersetzung mit den Ultras bisher nicht bekannt. Die Publikation Globalization & Football von Giulianotti und Robertson kommt dieser Themenstellung sehr nahe und greift diverse für diese Arbeit relevante Aspekte auf, beschäftigt sich aber nur am Rande mit Fan-Identitäten, sondern vielmehr mit der Ausgestaltung und Institutionalisierung des Profisports.

Insgesamt ließ sich bei der Recherche feststellen, dass der Großteil der Werke, die anfangs geeignete Informationen für diese Arbeit zu liefern schienen, eine andere Per- spektive verfolgte als diese Arbeit. Der Stellenwert des Fußballs und sein Einfluss auf die Gesellschaft werden in den meisten für diese Arbeit ausgewerteten Publikationen herausgestellt; die Herangehensweise vieler Publikationen erfolgt aber auf der Makro- ebene und beschäftigt sich mit Fußball als ökonomischem Gebilde, mit sich darin mani- festierenden Ideologien und Identitäten und dem politischen Stellenwert des Fußballs bzw. der Relation von Fußball und (Staats-)Politik. Die vorliegende Arbeit hat ihren Ausgang vielmehr auf der Mikroebene und legt die Annahme zugrunde, dass jedwede soziokulturelle Bedeutsamkeit einer populären Sportart ihren Anfang dort nimmt, wo sie einen Berührungspunkt mit Zuschauern, Fans und ganz allgemein mit den Liebha- bern eben jener Sportart hat. Gesellschaftliche Konsequenzen und Einflüsse, so der Ausgangspunkt dieser Arbeit, entstehen aus der Zusammensetzung, den Aktionen und Reaktionen derjenigen, für die die Populärsportart einen wichtigen Teil des Alltags dar- stellt und es erschien bei der Erstellung dieser Arbeit schwierig, das gesellschaftliche Phänomen Fußball unter Vernachlässigung dieser Mikroebene zu betrachten.

Wissenschaftliche Beachtung findet auf der Mikroebene größtenteils das Themengebiet ‚Gewalt im Sport‘, zu dem unzählige Publikationen existieren, wozu auch das Thema ‚Hooligans im Fußball‘ zählt. Im englischsprachigen Raum bieten dabei die meisten soziologischen Publikationen einen Überblick über Motivationen von Fußballfans. Diese erstrecken sich von dem grundlegenden Interesse für Sport über die Beweggründe dafür, Fußballspiele im Stadion zu sehen bis hin zu den ausschlaggebenden Faktoren, sich dort gewalttätig mit anderen Fans auseinanderzusetzen. Dort werden Hooligans und in jüngster Vergangenheit Ultras vielmehr anhand der Instinkttheorie9 analysiert, als sie als eine Jugendsubkultur anzusehen.

Auch wenn zumindest Pilz sich auf europäischer Ebene mit einer internationalen Form der Ultra-Bewegung befasst, hat sich im deutschsprachigen Raum noch kein Wis- senschaftler mit den ägyptischen Ultras oder mit Ultras in der arabischen Welt ausei- nandergesetzt. Auch bezüglich des engeren Themengebiets Fußball im Nahen Osten bzw. in Ägypten existieren keine deutsch- oder englischsprachigen Monographien. Es existieren einige Publikationen, die sich im weitesten Sinne mit Fußball auf dem afrika- nischen Kontinent befassen; dies aber in erster Linie vor dem Hintergrund der Welt- meisterschaft in Südafrika 2010. Auch hier scheint das wissenschaftliche Interesse an- zusteigen; die Monographie „Soccer in the Middle East (Sport in the Global Society A)“10 war zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Arbeit noch nicht erschienen. In Kairo ist 2011 erstmals das „Kitāb al-Ultrās. ʿAndamā tatʿadā al-ǧamāhīr aṭ-ṭabīʿa“11 des ägyptischen Bloggers Muḥammad Ǧamāl Bašīr erschienen, das sich mit Ultras-Gruppen in der arabischen Welt beschäftigt und zur Erstellung der folgenden Kapitel sehr hilf- reich war; auch und vor allem, weil Bašīr selbst tiefgreifende Verbindungen zu den ägyptischen Ultras hat und auf diese Weise einen Einblick in deren Lebens- und Gedan- kenwelt bietet. Kritisch zu sehen ist dabei seine durchweg positive Wahrnehmung (und somit auch Selbstdarstellung) der Bewegung. Die Recherche zu diesem Thema be- schränkt sich ansonsten vielmehr auf (Online-)Zeitungsberichte, die sich in deskriptive Wiedergabe von Fakten und in Kommentare aufteilen lassen. Auffällig ist dabei der bereits zitierte Blog des amerikanischen, in Singapur lehrenden Wissenschaftlers James M. Dorsey, „The Turbulent World of Middle East Soccer“.12 Dieser ist allerdings aus wissenschaftlicher Sicht mit Vorsicht zu genießen: Aus diesem Blog können nur Tatsachenberichte, die sich auch anhand anderer Publikationen belegen lassen, verwendet werden; außerdem Zitate aus Interviews, die mit einigen Ultras geführt wurden und Zitate, die aus Blogs, Foren und Facebook-Auftritten von Ultras-Gruppen stammen. Zu einer detaillierteren Auseinandersetzung soll es in Kapitel 4 kommen.

Aufgrund der geringen Anzahl wissenschaftlicher Publikationen, die sich mit Ult- ras in Ägypten befassen, ist der Rückgriff auf nichtwissenschaftliche Publikationen wie Online-Zeitungen und -Magazine oder Blogs nicht zu vermeiden gewesen, um diese Arbeit zu erstellen. Diese Quellen wurden vor allem zur Dokumentation von Fakten wie beispielsweise von Ereignissen während der Ägyptischen Revolution herangezogen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das in dieser Arbeit behandelte Thema in der Wissenschaft bisher kaum Beachtung gefunden hat, obwohl es vor allem aus sozialwis- senschaftlicher Perspektive ein breites Forschungsfeld bietet. Dementsprechend schwierig gestaltete sich die Recherche. Welcher Faktor hierbei Konsequenz und welcher Ursache ist, lässt sich nur schwierig herausfinden.

2 Die Fankultur der Ultras

Ungefähr seit Mitte der 90er Jahre sind Fangruppen, die sich als Ultras o.Ä. bezeichnen und sich in ihrem Selbstverständnis sowie ihren Ansichten dieser Bewegung zugehörig fühlen, bei immer mehr deutschen Fußballvereinen der Bundesliga (und überwiegend auch der zweiten und dritten Liga) zu finden. Es handelt sich hierbei also um ein recht neues Phänomen. Die Ultras des italienischen Fußballs, die als Vorbilder fungierten, existierten bereits weitaus früher, wie im folgenden Kapitel ausführlich dargestellt wird. Ultras-Gruppen in Ägypten haben sich hingegen erst später gebildet. Die in dieser Ar- beit im Fokus stehenden Ahlawy wurden beispielsweise im Jahre 2007 gegründet. Der Fanforscher Gunter Pilz definiert Ultras als „besonders leidenschaftliche, emotionale, engagierte und vor allem sehr aktive Fans“, die „von einer südländischen Kultur des Anfeuerns fasziniert sind, und es sich zur Aufgabe gemacht haben, in den Fußballstadi- en organisiert für eine bessere, traditionellere Stimmung zu sorgen, um ‚ihre’ Mann- schaft dabei bestmöglich und kreativ unterstützen zu können“.13

Das wissenschaftliche Interesse an diesem Phänomen hielt sich bisher in Grenzen14 ; durch die zunehmende Problematisierung des Phänomens in den Medien und den immer größer werdenden Zulauf bei diversen Ultras-Gruppen nimmt aber auch die wissen- schaftliche Auseinandersetzung damit zu. Diese gipfelte bisher in der Gründung des ‚Instituts für Fankultur‘ im Januar 2012. Als Experten gelten auf diesem Gebiet in Deutschland der Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz und der Politikwissenschaftler Jonas Gabler. Während der 1944 geborene Pilz, der wohl auch wegen seines Alters von den Ultras selbst zumeist als „ahnungslos“15 eingestuft wird, als Gutachter für das Bun- desinnenministerium fungiert16, scheint der wesentlich jüngere Jonas Gabler einen weit- aus besseren Zugang zu der Jugendsubkultur zu haben, mit der er sich wissenschaftlich auseinandersetzt, weil er beispielsweise lange Zeit in Italien lebte und dort ein Prakti- kum beim Fanprojekt „Progetto Ultra“ ableistete.17 Seine Vorträge werden bundesweit von Ultras besucht, von Fanprojekten und teilweise sogar von Ultras-Gruppen selbst organisiert.18 Die Soziologie kategorisiert Ultras allgemein als Jugendsubkultur. Was diese Einordnung beinhaltet, soll im Folgenden ebenso erklärt werden wie ein grundle- gendes Verständnis der Ultra-Kultur geschaffen werden soll, um nachfolgend die Ab- handlung über Ultras in Ägypten besser verstehen zu können. Dieses Vorgehen ergibt sich aus der Tatsache, dass die Fußballfanszenen sich international seit langer Zeit be- einflussen, wie an der Verbreitung der Ultra-Bewegung noch zu sehen sein wird, und der Sport Fußball an sich (beispielsweise durch Dachinstitutionen wie den Weltfußball- verband FIFA19 ) einer Vereinheitlichung entgegengeht. So bietet sich ein Vergleich zwischen den Fanszenen an, selbst wenn diese stark unterschiedlich strukturierten Ge- sellschaften entstammen. Die Funktion des Profisports Fußball und sein Stellenwert sind trotzdem vergleichbar, denn:

„Sie [Populärsportarten, Anm. d. Verf.) bedienen kollektive Identifikationen und Imaginationen, stehen für Egalitarismus und Leistungsbezogenheit, ventilieren kol- lektivierte Emotionen, operieren in bestimmten universalisierten und zugleich hochdifferenzierten Sprachen, nach intelligiblen Regeln, Gesetzen und Normen.“20

Dieser Ansatz von Markovits/Rensmann soll in dieser Arbeit dazu dienen, die gemein- same Grundlage der Ultras in unterschiedlichen Gesellschaften zu verdeutlichen. Er schreibt jeder hegemonialen Sportkultur - und diese zentriert sich sowohl in Europa als auch in Afrika um den Fußball - eine Anzahl von Attributen zu, deren Existenz und Wirkungskraft sich gleichwohl in Deutschland wie in Ägypten empirisch nachweisen lassen.

Bei der Betrachtung des Forschungsgegenstands kann hilfreich sein, sich eine gewisse ‚europäische Prägung’ des Forscherblicks immer wieder bewusst zu machen: Es besteht die Gefahr, die Attribute des europäischen Fußballs als gegebene Normalität wahrzunehmen und die Situation in Ägypten als abweichend zu betrachten, statt zwei Realitäten in Relation zu setzen.

2.1 Fußball, Fans und Zuschauer vor der Zeit der Ultras

Die Heterogenität der Fanszene wird an der ‚Klassifizierung’ deutlich, die sie von ver- schiedenen Instanzen erfahren hat. Eine strenge Abgrenzung zwischen verschiedenen Gruppierungen von Fans ist jedoch im Allgemeinen nicht möglich, es existieren diverse Mischformen der starren Kategorien. Ende der 1990er Jahre, bevor sich Ultras in deut- schen Stadien etablierten, wurde die Fanszene unterteilt in einfache Zuschauer, soge- nannte ‚Kutten’, alkoholisierte ‚Kutten’ (mit Gewaltpotential) und Hooligans.21 Die Be- zeichnung ‚Kutte’ stammt von den gerne getragenen, mit zahllosen Vereinsemblemen und -aufnähern verzierten Jeanswesten dieser Zuschauer. Ein generelles Merkmal der ‚Kuttenfans’, die eine hohe emotionale Bindung an den Verein aufweisen, ist also die Ausstaffierung mit möglichst vielen Fanartikeln des Vereins. Hooligans wiederum, de- nen in der Sozialwissenschaft großes Interesse entgegengebracht wird, trugen und tra- gen ihre Vereinszugehörigkeit nicht auf diese Weise zur Schau. Für sie eignet(e) sich ein Fußballspiel zumeist als Gelegenheit, auf andere Hooligans zu treffen, sich mit die- sen in der sogenannten ‚Dritten Halbzeit’ vor oder nach dem Fußballspiel gewalttätig auseinanderzusetzen und neben der Faszination für Fußball vor allem die Faszination für Gewalt auszuleben. Durch eine Vielzahl von Restriktionen wurden die Hooligans aus den Stadien der meisten Länder Europas verbannt - die Szene besteht aber, fernab von den Kameras der Sportsender und von medialem Interesse, weiterhin.22 Problema- tisch ist die weit verbreitete Ansicht, ‚Hooligan’ und ‚Ultra’ seien Synonyme. Wie er- wähnt lassen sich keine starren Trennlinien ziehen, doch eine Reduktion der Ultras auf gewalttätige Auseinandersetzungen verkennt, wie im Laufe der Arbeit deutlich werden wird, unter anderem das kreative und schöpferische Potential dieser Subkultur und ver- sperrt einen aufschlussreichen Weg, gesellschaftliche Wandlungsprozesse zu verstehen. Schwierig ist in dieser Hinsicht zum Beispiel die Verwendung und Rezeption des engli- schen Begriffes „hooliganism“, der als „Rowdytum“ ins Deutsche zu übersetzen ist und somit nicht zwangsläufig etwas mit Hooligans zu tun haben muss (im Kontext dieses Kapitels könnte das Verhalten alkoholisierter ‚Kuttenfans’ durchaus ebenfalls als „hooliganism“ bezeichnet werden). Die Gleichsetzung von Ultras mit Hooligans scheint jedoch zu einem großen Teil über diese begriffliche Verwirrung hinauszugehen:

„Forms of soccer hooliganism, however, are also generated through the way in which soccer is embedded in wider social contexts. One of the consequences which follow from this is that more or less organized groups of fans - ‚firms’, ‚crews’, ‚ultras’, torcidas - sometimes attend matches with the intention of fighting other fans and perhaps also the police. Such people can be called ‚core’ soccer hooli- gans.“23

Innerhalb der Fanszene werden hier - anders als in oben zitiertem Werk von Dunning - aber deutliche Unterschiede gemacht, wie die nachfolgenden Kapitel über die deutsche und ägyptische Szene jeweils belegen werden. In den deutschen Medien wurde zudem, um die fließenden Übergänge zwischen Ultras und Hooligans zu kennzeichnen, der Be- griff „Hooltra“ eingeführt.24 Eine deutliche Abgrenzung zweier nicht zu verwechselnder Szenen erscheint umso wichtiger, als sich bei der Recherche für diese Arbeit immer wieder herausstellte, dass sowohl Medien als auch wissenschaftliche Publikationen größtenteils keine solche Abgrenzung vornehmen. Im Alltag der Tagespresse, die in dieser Arbeit noch untersucht wird, ist dies bedauerlich, aber aufgrund der stark einge- schränkten Hintergrundrecherche der meisten Publikationen teilweise nachvollziehbar. Was die Wissenschaft betrifft, allen voran die Soziologie, erscheint eine solch ungenaue Vermengung zweier doch sehr unterschiedlichen Fangruppierungen unverständlich. So berichten Markovits und Rensmann in einer ansonsten gelungenen Publikation in dem Kapitel „Globalisierung, Hooliganism und rechtsextreme Gewaltkultur: Fußball als Fo- rum politisierten Identitätenkults im europäischen Vergleich“:

„Und er [der Sport] ist gleichzeitig die Fläche und das Forum politisch-kultureller Reaktionsbildungen gegen eine modernisierte und globalisierte Welt. Dieser Kon- flikt spiegelt sich, was im Folgenden zu zeigen ist, in besonderer Weise im neuen Hooliganism der ‚Ultras‘ und der Renaissance rechtsextremer Gewaltkulturen in und außerhalb von Europas Fußballstadien. (…) Hierbei werden gegnerische Fans und Spieler mit brutaler Gewalt angegriffen - die anderer Klubs, in besonderem politisch ‚progressiverer‘ sowie ausländischer Vereine, nicht zuletzt auch Natio- nalmannschaften -, rechtsextreme Ideologien ventiliert, schwarze Spieler rassis- tisch verhöhnt oder ganze Vereine als ‚Judenklubs‘ antisemitisch attackiert.“25

In besagtem Kapitel wird nicht erläutert, was der „neue Hooliganism“ der Ultras genau ist und ob hier eine Unterscheidung eröffnet werden soll zwischen „neuem“ und „altem“

Hooliganism. Im Anschluss an zitierte, unklar bleibende Aussage stellen die Autoren dann eine Definition des Begriffs auf:

„Hooliganism definiert sich durch eine kampfbereite, militante Fangruppenkultur, die sich in erster Linie gegen Fangruppen anderer Vereine richtet und ihnen gegen- über Stärke und Macht zu behaupten sucht. Hooliganism ist geprägt durch willkür- liche Gewaltexzesse und hat vielfach Berührungspunkte mit rechtsextremen, rassis- tischen Ideologien, Gruppen und Organisationen, ist aber nicht per se rechtsextrem. Auch sind nicht alle berüchtigten ‚Ultra‘-Gruppen der Clubs rechtsextrem, rassis- tisch und/oder gewalttätig.“26

Diese Beschreibung der Autoren ist grundsätzlich richtig und lässt darauf schließen, dass einige der in den Stadien existierenden Problemfelder Gewaltbereitschaft und auch -verherrlichung sowie Rechtsextremismus sind; zu bemängeln sind aber erneut die fehlerhafte Zuordnung bzw. die synonyme Verwendung der Begriffe Ultra und Hooligan sowie die viel zu kurze, nicht ausreichende und in dieser Form schwer verständliche Abhandlung eines umfassenden Problembereichs. Wie gezeigt werden wird, lassen sich die oben zitierten Beschreibungen weder im deutschen noch im europäischen Kontext derart verallgemeinern. Auf die Frage, warum die Wissenschaft bezüglich dieser Thematik leicht zugängliche Quellen nicht nutzt und stattdessen zweifelhafte und teilweise falsche Aussagen reproduziert, soll nach der Sichtung und Vorstellung allen Quellenmaterials in dieser Arbeit noch einmal eingegangen werden.

Nach der vermeintlichen Verbannung der Hooligans aus den deutschen Stadien wird heute die Fanszene üblicherweise in ‚Normalo’-Zuschauer, ‚Kutten’ und ‚Ultras’ aufgeteilt. Dabei gelten als ‚Normalos’ unter anderem Familien, die gemeinsam ins Sta- dion gehen und Eventtouristen, die meistens eine geringere Bindung an den Verein ha- ben und sich teilweise Fußballspiele wegen ihrer Brisanz oder ihres Unterhaltungsfak- tors ansehen und nicht, weil sie einen bestimmten Verein anfeuern wollen. Das Verhält- nis zwischen ‚Kutten’ und Ultras ist im Allgemeinen nicht unproblematisch. Die Ge- sänge und das Auftreten der jungen Ultras wurden und werden von den alteingesesse- nen ‚Kutten’ kritisch beäugt; in diesem Konflikt, der auch ein Generationenkonflikt ist, vertreten viele die Meinung, der Besuch im Stadion sei ohne die Ultras angenehmer gewesen. Andererseits wird der Begriff ‚Kutte’ im Sprachgebrauch der Ultras abwer- tend benutzt. ‚Kuttenfans’ identifizieren sich zwar stark mit dem Verein, engagieren sich aber - aus Sicht der Ultras - nicht genug für diesen. Außerdem werden sie von Ult- ras als wenig reflektiert angesehen, weil sie beispielsweise keine kritische Position ge- genüber den Entwicklungen im modernen Fußball einnehmen. Als moderner Fußball lässt sich zusammenfassend die gegenwärtige Ausgestaltung des Profisports bezeich- nen, wobei professionelle Spieler aus aller Welt unter höchstem Leistungsdruck sowie höchstem medialen Interesse stehen und in hochtechnisierten, riesige Zuschauermengen fassenden Arenen auflaufen; die Ticketpreise, um ein Spiel in diesen Arenen zu sehen, in denen es nun überwiegend Sitz- und nur in den Kurven noch Stehplätze gibt, steigen jährlich.27 Mit dieser Gesamtsituation setzen sich die meisten Ultras sehr kritisch ausei- nander und beanstanden am Verhalten der ‚Kutten’, diese sähen das Fußballspiel viel- mehr als Konsumgut an und finanzierten dessen konsumorientierte Entwicklung laufend mit, statt sie ebenfalls kritisch zu hinterfragen.

Aus dieser Haltung der Ultras heraus entstand in vielen Ländern eine Atmosphäre in den Stadien, die die Entstehung neuer Fanbewegungen begünstigte und die im Folgenden erläutert werden soll.

2.2 Voraussetzung: Die Entwicklung des Fußballs zum Volkssport

Fußball wurde bereits Ende des 19., zu Beginn des 20. Jahrhunderts gespielt, vor allem in England.28 Bis Anfang des 20. Jahrhunderts handelte es sich dabei um eine Woche- nend- und Freizeitbeschäftigung sowohl für Spieler als auch für Zuschauer: Es gab kei- ne Profifußballer; der Sport wurde weitestgehend nicht bezahlt29, sondern in der Freizeit ausgeübt. Die Möglichkeit, in der Freizeit überhaupt etwas zu unternehmen, war noch relativ neu: Der Achtstundentag wurde 1889 in Großbritannien und 1918 in Deutsch- land für Arbeitnehmer eingeführt.30

Ein wichtiger Aspekt an dieser Stelle ist die Entstehung der Fankultur, die parallel zu der stetig voranschreitenden Professionalisierung des Sports verlief und dadurch maßgeblich beeinflusst wurde. Die Kommerzialisierung und Eventisierung31, die den Fußball des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts prägen, nahmen ihren Anfang in unzähligen Einzelentwicklungen. Dazu gehören die steigende Bezahlung von Fußballspielern, die immer weniger auf einen Nebenverdienst angewiesen waren und zu Profisportlern wurden, sowie die Gründung professioneller Fußballligen, Verbänden wie der FIFA und des europäischen Fußballverbandes UEFA.32 Auch die Ausrichtung großer Turniere wie Weltmeisterschaften veränderte den Sport nachhaltig33 - nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Anfang des 21. Jahrhunderts verdichtete sich diese Entwicklung noch einmal: Nachdem die Vereine nach den Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte immer größere Einnahmen erwirtschafteten, besaßen sie immer mehr Möglichkeiten, Spieler zu verpflichten, Stadien auszubauen und auch in den eige- nen Nachwuchs zu investieren. Dadurch verselbstständigte sich die Popularität des Fuß- balls: Noch mehr Menschen kamen in die Stadien, um die Spiele zu sehen, sodass das mediale Interesse weiter wuchs - und die Vereine beispielsweise durch Werbeeinnah- men noch höhere Gewinne erzielen konnten.34

Die Nachteile, die diese Entwicklung mit sich brachte35, waren einer der Gründe dafür, dass sich eine neue Fanszene etablierte. Diese setzt sich mit der voranschreiten- den Professionalisierung kritisch auseinander. So wird die Initialzündung der deutschen Ultrabewegung auf den Wunsch zurückgeführt, die Atmosphäre in den deutschen Stadi- en zu verbessern.36 Die Gesänge der Fans und die akustische Unterstützung der Mann- schaft auf dem Rasen wurden als viel zu leise, farblos und langweilig wahrgenommen, was vielen Ultras ein Dorn im Auge war (und vielerorts immer noch ist). Diese Proble- matik wiederum lässt sich zurückführen auf die Verringerung der Stehplatzkapazität in den Stadien, die starke Erhöhung der Ticketpreise und ein lautstarkes Werbeprogramm vor und nach dem Spiel sowie in der Halbzeitpause.37 All diese Faktoren sind letztlich wiederum zurückzuführen auf das Phänomen des modernen Fußballs, der ebenso das Bestreben einer Vielzahl von Akteuren aus dem Umfeld eines Profisports widerspiegelt, in einer globalisierten Welt wettbewerbsfähig zu bleiben. In seiner jetzigen Erscheinungsform hat er somit auch die Ultra-Szene hervorgebracht, die sich so vehement gegen den ‚modernen Fußball‘ zu wehren versucht.

2.3 Die Ultra-Bewegung in Europa

2.3.1 Ursprünge der Ultra-Szene

Die Ultra-Szene entstand in Italien mit der Gründung der „Fossa dei Leoni“ des AC Milan im Jahre 1968.38 Die Vorbildrolle der italienischen Fußballfans ist unter ande- rem an der Übernahme zahlreicher italienischer Bezeichnungen durch andere europäi- sche Ultras erkenntlich, wie zum Beispiel ‚capo‘39 oder auch des Begriffs ‚ultrà‘40 selbst. Inspiriert wurde die Bewegung in ihrer Anfangszeit durch „studentische Proteste und die Arbeiterbewegung“, aus der sich „eine linksgerichtete Protestbewegung formierte“.41 Der Protest gegen die sich immer weiter verstärkende soziale Ungleichheit in Italien wurde zu dieser Zeit vor allem im Fußballstadion geäußert42 - auf Transparenten und Doppelhaltern43, die bis heute weder aus der italienischen noch der weiteren europäi- schen Ultra-Szene wegzudenken sind. Der Fanforscher Jonas Gabler schreibt über die Situation des italienischen Fußballs:

„Zweifelsohne ist die Präsenz von Politik im Stadion ein besonderes Charakte- ristikum der italienischen Fankultur. Weder in Deutschland noch in England oder Spanien spielte die Politik bei der Entstehung der Fankultur eine so wichtige Rolle. (…) so sind politische Symbole und politisierte Fans seit jeher fester Bestandteil der italienischen Ultra-Kultur. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Die Verquickung von ‚Ultra’ und Politik wird in Italien als selbstverständlich angenommen und als schwer änderbare Realität anerkannt.“44

Gablers Beschreibung vermittelt den Eindruck, die eingangs erwähnte Annahme der klaren Trennung von Politik und Fußball sei nicht zu halten. Wenn im Mutterland der Ultras politische Gründe - in Form von Sozialprotesten - zur Herausbildung einer neu- en Fankultur geführt haben und nun in Ägypten Ultras an einer Revolution beteiligt sind, liegt es dann nicht nahe, in einer politischen Ausrichtung beider eine Gemeinsam- keit zu sehen? Die Zusammenführung beider Phänomene ist nicht ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick wirken mag. Die Ultra-Szene in Italien driftete mit einem kräfti- gen Rechtsruck der italienischen Gesellschaft45 im Laufe der 70er Jahre ebenfalls in den Faschismus ab und hatte dann in den 80er Jahren so großen Zulauf, dass sich innerhalb der Gruppen noch eine weitere Entwicklung vollzog, die Sommerey folgendermaßen beschreibt: „Der einst linksorientierte (Protest-)Ultra war nun mehr an Schlägereien, Hedonismus und Exhibitionismus als am sozialen und politischen Engagement interes- siert“.46 Die hier angedeutete Entwicklung weg von politischen Interessen zeigte sich in Italien auch dadurch, dass die Ultras in den darauffolgenden Jahren nicht nur durch starke Präsenz und Unterstützung ihrer Mannschaften im Stadion auffielen, sondern vor allem auch durch zahlreiche gewaltsame Auseinandersetzungen. Diese eskalierten so- weit, dass einige Todesfälle zu beklagen waren, weil Waffen wie zum Beispiel Messer eingesetzt wurden.47

Bis heute wird in Italien versucht, das Problem durch verstärkte Sicherheitsvorkeh- rungen wie hohe Polizeipräsenz, Meldeauflagen für bestimmte Fans und nummerierte, mit Namen versehene Eintrittskarten in den Griff zu bekommen - mit mäßigem Erfolg, was die gewalttätigen Ausschreitungen vor und nach den Spielen angeht und auf Kosten der jahrelang als vorbildlich geltenden Stimmung in den italienischen Stadien.48 Des Weiteren sinken die Zuschauerzahlen in Italien seit Jahren signifikant und beständig.

Doch wie gelangte die Ultra-Bewegung von Italien nach Europa und letztendlich fast in die ganze Welt? Nach Pilz verbreitete sich die Ultra-Kultur zumindest in Europa „[j]edes Mal, durch ein großes Fußball-Turnier wie z.B. die WM 1982 in Spanien, die EURO 1984 in Frankreich, die WM 1990 in Italien oder 1998 in Frankreich“, wenn „die Kultur der Ultras u.a. medial über die Ländergrenzen hinaus transportiert und dort ent- bzw. weiterentwickelt“49 wurde. So gründete sich 1986, 18 Jahre später als in Italien, mit den „Fortuna Eagles“ (zu Fortuna Köln gehörig) die erste deutsche Ultras-Gruppe.50 Es fand so eine Jugendsubkultur Anhänger, durch die die kreativen Ausdrucksweisen der italienischen Ultras Einzug in viele europäische Stadien hielten: Fahnen, Transpa- rente, Doppelhalter, Trommeln, Megaphone und Pyrotechnik. Mittlerweile hat sich die Motivation der Ultra-Szene abgesehen von der Schaffung einer einzigartigen Stimmung in den Stadien soweit verändert und diversifiziert, dass Pilz von einer sehr heterogenen Ultra-Szene in Deutschland und Europa spricht, die nur einige wenige Eckpunkte an Gemeinsamkeiten habe.51

2.3.2 Merkmale der Ultra-Szene - Versuch einer Vereinheitlichung

Aufgrund dieser Heterogenität ist es schwierig, zusammenfassend einige wichtige ein- heitliche Merkmale der Ultra-Szene zu nennen. Die Ultras-Gruppen leben das, was sie als „ultra“ bezeichnen, jeweils unterschiedlich aus - und die Gruppenmitglieder haben wiederum eine individuelle Definition, was es bedeutet, Ultra zu sein. Im Folgenden soll versucht werden, Gemeinsamkeiten herauszustellen, die große Teile der Ultra- Szene verbinden, wenngleich nicht jedes einzelne Mitglied jede dieser Gemeinsamkei- ten teilt. Dabei werden einfache strukturelle, organisatorische Merkmale eingangs und differenzierte, komplexere Aspekte wie der Gruppenzusammenhalt am Ende des Kapi- tels erläutert werden.

Erstens ist die Altersstruktur der Mitglieder der Gruppen europaweit größtenteils ein- heitlich und liegt im Schnitt meist bei 16 bis 25 Jahren.52 Zweitens scheint die Sozial- struktur der einzelnen Gruppen zumindest ähnlich zu sein; es handelt sich vorwiegend um junge Männer, die eine höhere Schulbildung aufweisen oder studieren.53 Diese Er- kenntnis steht in direktem Gegensatz zu der These der ‚sozialen Verrohung‘ des Proleta- riats, die in der Wissenschaft in der Vergangenheit oftmals herangezogen wurde, wenn gewalttätige Auseinandersetzungen im Rahmen von Fußballspielen erklärt werden soll- ten.54 Der Zugang zu den Gruppen ist nahezu überall für Migranten und vor allem für Frauen sehr schwierig.55

Die Organisation von Ultras-Gruppen lässt sich aufgrund starker Unterschiede in den Strukturen nur schwer verallgemeinern. Bei manchen Gruppen gibt es für jeden Bereich einen Verantwortlichen, der sich aufgrund seiner langjährigen Erfahrung und Zugehörigkeit zur Gruppe für eine solche Position qualifiziert hat. In anderen Gruppen werden Verantwortliche demokratisch gewählt; in wieder anderen Gruppen existiert eine Mischung aus beiden Ansätzen. Man findet Gruppen mit flachen und mit steilen Hierarchien und Gruppen, in denen das Miteinander vieler mehr im Vordergrund steht als das Zahlen eines Mitgliedsbeitrages - und umgekehrt Gruppen, die einen großen Kreis finanzieller Unterstützer haben, in denen sich aber nur ein kleiner Teil der Mit- glieder aktiv und regelmäßig trifft. Diese Struktur ist auch immer abhängig von der Größe der Ultras-Gruppe.56

Die enge Verbindung der Gruppenmitglieder untereinander sowie die generelle Zugehörigkeit zu einer Ultras-Gruppe werden meistens durch einen einheitlichen Klei- dungsstil repräsentiert. Dabei kann es sich, je nach Gruppe, um einheitlich dunkle oder einheitlich bunte Kleidung und bestimmte Markenkleidung handeln (vor allem Marken- Kapuzenpullover und Turnschuhe) sowie Fanartikel, die nicht vom Verein, sondern von der Gruppe selbst produziert werden, wie beispielsweise Seidenschals oder T-Shirts.57 Gemeinsame Aktivitäten der Gruppenmitglieder beschränken sich nicht nur auf die gut sicht- und hörbare Unterstützung der eigenen Mannschaft während des Spiels in der Kurve. Im Laufe der Woche werden vor dem Spiel gemeinsam Fahnen und Transparen- te erstellt und gemalt; aufwändige Choreographien werden meist Wochen im Voraus zusammen geplant und umgesetzt.58 Der Freundeskreis vieler Gruppenmitglieder besteht mit der Zeit zumeist nur noch aus anderen Mitgliedern der Gruppe, weil die gemeinsa- men Freizeitaktivitäten so zeitintensiv sind, dass übrige Freundschaften vernachlässigt werden:

„Ich bin Fan des 1. FC Nürnberg. Die Gruppe ist dafür geschaffen worden, um den 1. FCN zu unterstützen. Und deshalb sind für mich die Ultras Nürnberg im Leben das Wichtigste. Das bedeutet, dass im Alltag die Prioritäten klar verteilt sind, und bei meiner Funktion bleibt da fast keine Zeit mehr für Aktivitäten außerhalb der Gruppe. Dadurch sind natürlich alle Kontakte zu Menschen, die nicht zum Fußball fahren komplett abgebrochen. Meine gesamten Freunde sind bei den Ultras Nürn- berg. Ich lebe ultra, den ganzen Tag denke ich nur an die Ultras, an den FCN, an die Kurve.“59

Der Hauptaspekt, der tatsächlich einer jeden Ultras-Gruppe innewohnt und mittlerweile den höchsten Stellenwert einnimmt, ist nicht an äußerlichen Merkmalen festzumachen. Es geht um ein Gruppen- und vor allem ein Zugehörigkeitsgefühl: Die Mitglieder einer Ultras-Gruppe verbringen ihre gesamte Freizeit miteinander; bereiten die Aktionen für den jeweiligen Bundesliga-Spieltag vor, unterstützen sich gegenseitig im Alltag, fahren gemeinsam zu Auswärtsspielen und machen erste (negative) Erfahrungen mit der Staatsmacht. In Anbetracht des Alters und der prägenden Lebensphase, in der sich die meisten Ultras befinden, finden ihre Sozialisation und ihr Erwachsenwerden durch die und in der Ultras-Gruppe statt.

Ein Aspekt, der sicherlich allen Ultras-Gruppen gemeinsam ist, sind die Feindbil- der, gegenüber denen sie sich abgrenzen: Gegnerische Fans, nationale und internationa- le Fußballverbände, die Medien und allen voran die Polizei.60 Eine große Rolle spielen dabei auch die in jeder Ultras-Gruppe gepflegten und hochgehaltenen ‚Männlichkeits- ideale‘. So wird beispielsweise das Konkurrenzverhalten gegenüber gegnerischen Fans stark betont; der Raub von Utensilien der gegnerischen Ultras-Gruppe dient dabei der Demütigung der anderen und beweist die eigene Stärke und Männlichkeit.61 Der Interes- senkonflikt zwischen Ultras auf der einen Seite und der Wirtschaft/Verbänden62, Medien und Polizei als von den Ultras so verstandener Inbegriff der verstärkten Kommerziali- sierung des Fußballs auf der anderen Seite habe Einfluss auf die Zahl im Rahmen eines Fußballspiels begangener Straftaten gehabt, glaubt Vieregge.63 Er verweist damit auf die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Ultras. Die Polizei entspricht dem Feind- bild der Ultras, weil sie in deren Augen genau das verkörpert, was ihre Lebenswelt ge- rade nicht ausmachen soll: Das Befolgen von Regeln einer Autorität, die Abgabe der eigenen Entscheidungsmacht und -befugnis. Zudem beklagen viele Ultras, das Handeln der Polizei sei oftmals arrogant und willkürlich; es komme im Umgang mit Fußballfans zu Schikanen, die oft bereits auf dem Weg zum Stadion begännen.64

Als positive Aspekte der Jugendsubkultur der Ultras sind die gemeinsam ausgeleb- te Kreativität herauszuheben, die Unterstützung der eigenen Mannschaft aus der Kurve heraus, die heute aus den meisten Stadien nicht mehr wegzudenken ist, die Solidarität in der Gruppe, die im nächsten Kapitel noch weiter beleuchtet wird sowie die kritische Haltung und permanente Hinterfragung der meisten Entwicklungen im Profifußball und im weiteren Sinne von Autoritäten und der Gesellschaft. Damit verbunden sind oft die ersten Erfahrungen mit demokratischen Abstimmungen innerhalb der eigenen Gruppe sowie auch in der Auseinandersetzung mit Institutionen wie Vereinen, dem DFB und der Politik.

Demgegenüber stehen auf der anderen Seite negative Aspekte wie das überhöhte Männlichkeitsideal, das in den Gruppen vorherrscht und zu einem latenten Sexismus und vielerorts auch zu Homophobie führt65, die Propagierung oder zumindest unkriti- sche Hinnahme rechter und rechtsextremer Gesinnungen66 in einigen Ultras-Gruppen, die sich durchaus ebenfalls im Rahmen der Dichotomie ‚starker Mann - schwacher Mann‘ ansiedeln lassen sowie die unkritische Haltung gegenüber Gewalt. Diese Aspek- te erschweren es teilweise, bei einzelnen Personen, Gruppen und in den einzelnen Län- derkontexten eine klare Abgrenzung zwischen Hooligans und Ultras vorzunehmen.

Die Betrachtung der sozialen Welt der Ultras nicht nur in Deutschland lässt sich also in zwei voneinander abhängige Schritte aufteilen: Einerseits spielt der bereits erwähnte Faktor, dass es sich hierbei um eine Jugendsubkultur handelt, eine ganz entscheidende Rolle. Andererseits ist der Rahmen gesellschaftlicher Veränderung, in der diese Jugend- subkultur existiert und fortbesteht, ein wichtiger Einflussfaktor. Beide Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden zu sehen, um die Ultras im richtigen Kontext zu ver- orten.

2.3.3 Funktion von Jugendsubkulturen

Ein Gros der Wissenschaftler, die sich67 mit der Thematik befassen, kommt zu dem Schluss, dass die gesellschaftlichen Veränderungen des vergangenen Jahrhunderts in Europa zu starken Problemen mit der Identitätsfindung geführt haben. Ulrich Beck be- zeichnete diese Entwicklung schon in den 80er Jahren als Entstehung einer „Risikoge- sellschaft“.68

Einer der Hauptaspekte des Theorems der Risikogesellschaft nach Beck ist die starke Individualisierung, die zur Herauslösung aus traditionellen sozialen Bindungen führt und zu einem Übergang von Normal- zu Wahlbiografien, womit ein Verlust von Sicherheit einhergeht.69 Diese Ablösung von traditionellen Bindungen lässt sich mit den gesellschaftlichen Umbrüchen vergleichen, die sich in Europa durch die Aufklärung vollzogen. Besonders stark betroffen sind Jugendliche. An Stelle der traditionellen Familie ist heute die „jugendkulturelle Szene (…) das wichtigste Feld für die Entwicklung der psychosozialen Identität“.70

[...]


1 U.a.: Putz, U.: Tödliche Hatz im Fu ß ballstadion, online verfügbar unter http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/gewaltausbruch-in-port-said-toedliche-hatz-im- fussballstadion-a-812827.html, zuletzt geprüft am 04.01.2013.

2 U.a.: Ehrmann, J.: Ultras haben nach Einsch ä tzung von Experte Mubarak gest ü rzt, online verfügbar unter http://mideastsoccer.blogspot.de/2012/02/ultras-haben-nach-einschatzung-von.html, zuletzt geprüft am 04.01.2013.

3 HAFENEGER, 2006: 12.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 BAŠIR, 2012: 32ff.

7 In Kapitel 2.2 wird beschrieben, wann sich die ersten Ultragruppierungen in Europa gebildet haben und aus welchen gesellschaftlichen Veränderungen sie entstanden sind. Ob sich diese Entstehungs- geschichte vergleichen lässt, soll im Laufe dieser Arbeit geklärt werden.

8 MARKOVITS/RENSMANN, 2007: 9.

9 Die Instinkttheorie wurde bspw. von Hobbes vertreten. Laut dieser Theorie befindet sich jeder Mensch in einem „natürlichen Zustand der Gewalttätigkeit“, der aber bei jedem Individuum unter- schiedlich stark ausgeprägt ist. Siehe vertiefend Young, K. (2012): Sport, violence and society, Lon- don: Routledge.

10 Khalidi, I. u.a.: Soccer in the Middle East (Sport in the Global Society A), Routledge Chapman & Hall, erscheint voraussichtlich 2014.

11 Bašir, M.G. (2012): Kit a b al-Ultr a s. ? Andama tat ? ad a al- g am a h i r a ? - ? ab i ? a, al-Qahira: Dar Dawwin li-n-našr wa-t-tawzi?.

12 Online verfügbar unter http://mideastsoccer.blogspot.de/.

13 PILZ, 2009: 4.

14 SOMMEREY, 2012a: 1.

15 Siehe u.a. http://www.ultras.ws/ultra-ultrafans-und-ultras-themen-allgemein-f2/gunter-pilz-vader- abraham-der-fanszene-t7012.html, zuletzt geprüft am 10.01.2013.

16 Für weitere Informationen siehe http://www.sportwiss.uni-hannover.de/gunter_a_pilz_kofas.html, zuletzt geprüft am 04.01.2013.

17 Blickfang Ultrà, Ausgabe 20, S. 97. Im Folgenden werden Texte aus Blickfang Ultr à wie folgt be- handelt: Bei einzelnen oder mehreren namentlich genannten Verfassern werden diese zitiert und fin- den sich auch im Literaturverzeichnis; bei Texten, die von ganzen Gruppen verfasst wurden, werden jeweils nur Ausgabe und Seite genannt.

18 Siehe http://www.coloniacs.com/?p=1212, zuletzt geprüft am 04.01.2013.

19 Abkürzung für franz.: Fédération Internationale de Football Association; Internationale Föderation des Verbandsfußballs.

20 MARKOVITS/RENSMANN, 2007: 36f. Die Autoren hatten diese Attribute ursprünglich zu dem Zweck aufgeführt, um ihre Theorie von der Vergleichbarkeit der hegemonialen Sportkultur mit der politischen Kultur zu untermauern; ihre Ausführungen lassen sich aber, wie hier gezeigt, weiterge- hend anwenden.

21 CHRIST, 2001: 19f. Daran, dass die Autorin 1995 mit ihrer Forschung begann und diese Arbeit 2001 abschloss, lässt sich erkennen, wie jung die Kultur der Ultras in Deutschland noch ist - sie wird in dieser Arbeit gar nicht registriert.

22 DUNNING, 1999: 132.

23 DUNNING, 1999: 156.

24 Siehe z.B. http://www.spiegel.de/sport/fussball/stadionverbote-beguenstigen-schlaegereien- zwischen-fussball-fans-a-850546.html, zuletzt geprüft am 04.01.2013.

25 MARKOVITS/RENSMANN, 2007: 149f.

26 MARKOVITS/RENSMANN, 2007: 152.

27 So berichtete die Rheinische Post im Jahre 2009 beispielsweise von den günstigsten Ticketpreisen für die 1. Bundesliga, die der 1. FC Nürnberg mit einer Preisspanne von zwischen 9 und 47 Euro bot. Siehe http://www.rp-online.de/sport/fussball/bundesliga/die-ticketpreise-der-bundesligisten-09- 10-1.570255, zuletzt geprüft am 04.01.2013.

28 DUNNING ET AL., 1988: ix.

29 Die ersten Berufsfußballer gab es erst ab Juli 1962. Von da an durfte ein Fußballer in der Bundesliga 1200 DM verdienen. Diese Gehaltsobergrenze wurde 1974 abgeschafft. Siehe Brändle, F. (2002): Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fu ß balls, Zürich: Orell Füssli Verlag.

30 SOMMEREY, 2012a: 33f. Demnach entwickelte sich auch eine Fanidentität erstmals in Großbritan- nien aufgrund der o.g. Voraussetzungen.

31 Mit Eventisierung ist gemeint, dass Freizeitbeschäftigungen marketingtechnisch durchgeplant wer- den, um einen möglichst hohen Gewinn mit bestimmten Veranstaltungen zu erzielen, beispielsweise indem ein aufwändiges Rahmenprogramm inszeniert, im Vorfeld viel Werbung geschaltet und der Verkauf von Souvenirs auf die Spitze getrieben wird.

32 Abkürzung für franz.: Union des Associations Européennes de Football; Vereinigung Europäischer Fußballverbände.

33 HAFENEGER, 2006: 14.

34 VIEREGGE, 2012: 11. Dabei geht es nicht nur um bspw. TV-Werbung, sondern auch die Namens- rechte nahezu aller Bundesliga-Stadien wurden an große Unternehmen verkauft. Derzeit gibt es mit dem „Weser-Stadion“ in Bremen lediglich ein einziges Stadion der 1. Bundesliga, das keinen Spon- sorennamen trägt - eine Tatsache, die die Kommerzialisierung des deutschen Fußballs widerspie- gelt.

35 Als positive Aspekte nennt VIEREGGE, S. 24 „[d]ie flächendeckende Erneuerung der Stadionland- schaft, die Steigerung des Zuschauerkomforts, die Verbreiterung des Informationsangebots und die Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit“.

36 SOMMEREY, 2012a: 62.

37 Diese Entwicklung sorgt dafür, dass vermehrt finanzstärkeres und somit auch älteres Publikum in die Stadien kommt. Im aktuellen Diskurs bezüglich der Ticketpreise und Abschaffung bzw. Erhal- tung von Stehplätzen wird diese Klientel meist als „Opernpublikum“ bezeichnet. Siehe http://www.welt.de/sport/fussball/article112099607/Blatter-will-Bier-und-Zigarettenverbot-im-
Stadion.html, zuletzt geprüft am 04.01.2013.

38 SOMMEREY, 2012a: 54.

39 Italienisch für „Kopf“; bezeichnet dementsprechend Personen, die eine führende Rolle in der Grup- pe einnehmen.

40 Diese Schreibweise findet sich auch in der europäischen Szene sehr oft, wurde aber beispielsweise in den Medien durch das einfache „Ultra“ abgelöst. Nach Gunter Pilz lässt die Eigenbezeichnung ei- ner Gruppe durch entweder „ultrà“ oder „Ultra“ bereits Rückschlüsse auf deren Selbstverständnis zu. Da es sich dabei aber größtenteils um Spekulation handelt und der Einfachheit halber wird in dieser Arbeit die Schreibweise „Ultra“ einheitlich verwendet. Siehe dazu PILZ, 2009: 4.

41 SOMMEREY, 2012a: 53.

42 Ebd.

43 Bei einem sogenannten Doppelhalter handelt es sich um eine Fahne, die nicht nur an einem, sondern an beiden Enden mit einer Stange befestigt und somit entweder mit beiden Händen oder von zwei Personen gehalten wird.

44 GABLER, 2010: 34.

45 SOMMEREY, 2012a: 55.

46 Ebd.

47 Ebd., S. 56ff.

48 SOMMEREY, 2012a: 57f.

49 PILZ, 2009: 9. Diese Verbreitung wäre heute, 20 Jahre später, wohl kaum mehr möglich. Während der Entstehung dieser Arbeit läuft die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, bei der be- stimmte Fernsehbilder - beispielsweise das Abbrennen von Pyrotechnik oder auch sogenannte ‚Flit- zer’ auf dem Spielfeld - dem deutschen Zuschauer gezielt vorenthalten werden. Dabei handelt es sich nicht um ein rein diese EM betreffendes Phänomen, sondern vielmehr um einen Ausdruck der Vermarktung des Produktes Fußball als hauptsächlich familienfreundliche Veranstaltung. Siehe da- zu http://www.welt.de/sport/fussball/em-2012/article106604495/Die-Fussball-EM-im-Ruch-der- Uefa-Zensur.html, zuletzt geprüft am 04.01.2013.

50 SOMMEREY, 2012a: 61f.

51 PILZ, 2009: 4.

52 PILZ, 2009: 6.

53 SOMMEREY, 2012a: 79.

54 Siehe dazu u.a. MARKOVITS/RENSMANN, 2007: 151 und DUNNING ET AL., 1988: 184, 213.

55 PILZ, 2009: 6.

56 SOMMEREY, 2012a: 79f.

57 PILZ, 2009: 6.

58 Einen Einblick in den Planungs- und finanziellen Aufwand einer solchen Choreographie gibt die online zugängliche Finanzaufstellung der Dortmunder Ultragruppe „The Unity“, die zum DFB- Pokalfinale im Mai 2012 eine Choreographie auf die Beine stellten, die insgesamt ca. 20.000 Euro kostete. Von diesen spendeten weitere Fans, die nicht der Gruppe angehörten, ca. 17.000 Euro. Sie- he http://the-unity.de/?p=905#more-905, zuletzt geprüft am 04.01.2013.

59 Pilz, G.: Ultras und Supporter, online verfügbar unter http://www.bpb.de/gesellschaft/sport/fussball- wm-2006/73626/ultras-und-supporter?p=all, zuletzt geprüft am 13.01.2013.

60 SOMMEREY, 2012b: 33.

61 PILZ, 2009: 8.

62 Aus rein wirtschaftlicher Sicht ist das Fußballspiel lukrativer, wenn es wie erwähnt stärker zum Event wird: Gelegenheitsbesucher und Familien geben weitaus mehr Geld im Stadion aus, um sich mit Mahlzeiten, Getränken und vereinsproduzierten Fanartikeln einzudecken. Der Stadionbesucher, der bei jedem Heimspiel seinen Stehplatz in der Kurve einnimmt, wird im Vergleich viel weniger oder gar kein Geld im Stadion lassen; sein Besuch lohnt sich damit aus wirtschaftlicher Sicht viel weniger.

63 VIEREGGE, 2012: 25.

64 Ein Vorfall aus der Bundesligasaison 2011/12 untermauert diese Sichtweise beispielhaft: Bei der Begegnung zwischen Hannover 96 und dem 1. FC Bayern München startete die Polizei einen Ein- satz in der Kurve der Ultras von Hannover 96. Die Einsatzkräfte vermuteten, in der Kurve Pyrotech- nik zu finden. Als sie auf Gegenwehr durch die Ultras stieß, setzte sie in einem engen Block mit stark eingeschränkten Fluchtmöglichkeiten Schlagstöcke und Pfefferspray ein64 - wobei es sich um eine Distanzwaffe handelt, da der versprühte Reizstoff schmerzhaft auf Augen, Atemwege und die Haut wirkt und diese Auswirkungen bei hoher Dosierung sehr gefährlich sein können. Beide Seiten weisen dem jeweils anderen die Schuld für diesen Konflikt zu. Videomaterial zu diesem Fall ist ver- fügbar unter http://www.youtube.com/watch?v=DOtCZTcJJ30, zuletzt geprüft am 04.01.2013.

65 Homophobie und Sexismus können innerhalb der Gruppen gelebt werden, indem all diejenigen, die nicht dem Männlichkeitsideal der Gruppenmitglieder entsprechen, diskriminiert werden. Diese Dis- kriminierungen lassen sich selten belegen, da sie vor allem in persönlichen Gesprächen geäußert werden. Einige Ultras-Gruppen stellen diese Einstellung aber auch offen nach außen zur Schau, sie- he dazu unter anderem http://fussballfansgegenhomophobie.blogsport.de/2012/03/20/homophobe- banner-von-dortmunder-ultras-duerfen-nicht-toleriert-werden/ oder http://trier.blogsport.eu/files/2011/10/bild-1.jpg, beide zuletzt geprüft am 04.01.2013.

66 Die Bundeszentrale für politische Bildung räumt dem Thema „Fußball und Rassismus“ sehr viel
Platz ein und informiert auf ihrer Internetseite ausführlich. Siehe
http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/41777/fussball-und-rassismus, zuletzt geprüft am 04.01.2013.

67 Der Begriff „Jugendliche Subkultur“ bzw. „youth culture“ wurde in den 1920er bis 1940er Jahren in der US-amerikanischen Forschung geprägt und bezeichnete „Wertvorstellungen und Organisations- formen, die sich gegen die Erwachsenenwelt und ihren Sozialisationseinfluss richten“. Siehe dazu ausführlich PFAFF, 2006: 45ff.

68 TREIBEL, 2006: 252.

69 TREIBEL, 2006: 253.

70 HAHN, 1988: 15.

Details

Seiten
112
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656464303
ISBN (Buch)
9783656467199
Dateigröße
1023 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230359
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Asien-Afrika-Institut
Note
1,3
Schlagworte
Fußball Ägypten Ägyptische Revolution Arabischer Frühling Revolution Ultras Fankultur Jugendkultur Jugendsubkultur Presse Medien Port Said Stadionkatastrophe Mubarak Protest

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Titel: Politischer Widerstand in Form von Jugendsubkultur