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Evans-Pritchard und sein Modell der politischen Organisation der Nuer

Hausarbeit 2012 14 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Edward E. Evans-Pritchard

3. Die Nuer
3.1. Ethnographische Daten
3.2. Evans-Pritchard bei den Nuer

4. Die sozialpolitische Organisation der Nuer
4.1. Die Sozialstruktur: Verwandtschafts- und Altersgruppen
4.2. Das politische System
4.2.1. Segmentierung, Zerfall und Vereinigung
4.2.2. Das Rechtswesen: Fehden und der Leopardenfellhäuptling
4.2.3. Propheten
4.2.4. Geordnete Anarchie

5. Kommentare und Kritik

6. Schlussbemerkung

7. Literaturangaben

1. Einleitung

Zu den klassischen ethnologischen Theorien des 20. Jahrhunderts gehören zweifelsohne Edward E. Evans-Pritchards Studien über die Nuer und die Zande. Gellner beschreibt Evans-Pritchards Verdienst im Vorwort des Werkes „A History of Anthropological Thought” mit den folgenden Worten (Gellner 1981: xiv): „The problems on which he left a really profound mark are those of the lack of centralized order, among the Nuer, and those of the lack of reason, among the Azande.” In dieser Arbeit werde ich mich mit Evans-Pritchards Modell des azephalen, politischen Systems der Nuer beschäftigen. Ich werde die zentralen Aspekte dieser Theorie herausarbeiten und aufzeigen, warum sie ein wichtiger Beitrag zur Ideengeschichte der Ethnologie ist.

Zunächst möchte ich als Einstieg auf Evans-Pritchards Biographie eingehen und beginne meine Arbeit aus diesem Grund mit einer kurzen Darstellung von Evans-Pritchards Leben und Karriere und der Erwähnung ausgewählter Werke. Anschließend werde ich einige ethnographische Daten über die Nuer präsentieren und die Relation zwischen diesem nilotischen Volk und Evans-Pritchard erläutern. Danach werde ich zur sozialpolitischen Organisation der Nuer, dem Kern meiner Hausarbeit, übergehen und anhand verschiedener wissenschaftlicher Quellen einige zentrale Aspekte dieser gesellschaftlichen Strukturen aufzeigen. Dabei orientiere ich mich vor allem an der Einleitung und dem Kapitel „Das politische System“ aus Evans-Pritchards Ethnographie „The Nuer: A Description of the Modes of Livelihood and Political Institutions of A Nilotic People“. Die Darstellung dieser Forschungsarbeit ergänze ich durch zahlreiche andere wissenschaftliche Arbeiten, um einen umfassenden Überblick über das Thema zu geben. Im Anschluss daran werde ich die Thematik kritisch beleuchten und kommentieren, bevor ich die Arbeit mit einem kurzen Fazit abschließe und zur Schlussbemerkung übergehe.

2. Edward E. Evans-Pritchard

Edward E. Evans-Pritchard wurde am 21. September 1902 in Crowborough in der südenglischen Grafschaft Sussex geboren. Er besuchte von 1916 bis 1921 das Winchester College und anschließend von 1921-1924 das Exeter College der Universität Oxford, wo er ein Bachelorstudium in Neuerer Geschichte absolvierte. Daraufhin studierte er an der London School of Economics und schrieb dort 1927 seine Doktorarbeit unter der Aufsicht von Charles G. Seligman. Evans-Pritchards Doktorvater erweckte sein Interesse für die Anthropologie und den Sudan. 1926 führte Seligman eine ethnographische Feldforschung bei den indigenen Völkern des Sudan durch. Er musste die Studie jedoch aus Krankheitsgründen abbrechen und beauftragte Evans-Pritchard mit der Weiterführung. Nach seiner Promotion lehrte Evans-Pritchard von 1928 bis 1940, zunächst als Dozent für Anthropologie an der London School of Economics, dann als Professor für Soziologie an der Universität Kairo und später als Forschungsdozent für afrikanische Soziologie an der Universität Oxford. Er forschte währenddessen zeitweise bei den Zande (1926-1931) und den Nuer (1930-1936) im Südsudan. Außerdem führte er 1935 eine kurze ethnographische Forschung bei den Anuak in demselben Gebiet durch und forschte 1936 bei den Luo in Kenia. 1940 ging er zum Militär und arbeitete in Äthiopien, im Sudan und in Libyen. Nach dem Militärdienst kehrte Evans-Pritchard nach Europa zurück und lehrte von 1945 bis 1964 als Dozent für Anthropologie an der Universität Cambridge. Anschließend hatte er bis 1970 den Lehrstuhl für Sozialanthropologie der Universität Oxford inne und wurde 1971 in den Ritterstand erhoben. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich während den letzten Jahren vor seiner Pensionierung zunehmend. Er wurde diabetisch und sehkrank. Wegen seiner Sehschwäche fiel ihm das Lesen besonders schwer und er konnte wegen seines schlechten Gesundheitszustandes nicht mehr viel publizieren. Er verbrachte seinen Lebensabend in Oxford und ertrank am 11. September 1973 zu Hause in seiner Badewanne (Beidelman 1974: 554-557, Doss 2000: 157f, Moore 1997: 154).

Evans-Pritchards gilt auch heute noch als einer der wichtigsten Vertreter der britischen Sozialanthropologie. Seine bekanntesten Schüler waren Mary Douglas, Colin Turnbull, Godfrey Lienhardt und Max Gluckman. Er selbst studierte unter anderem bei Charles G. Seligman und Bronislaw Malinowski (Haller 2005: 51).

Evans-Pritchard war ein erfolgreicher und produktiver Schriftsteller. Er publizierte von 1927 bis 1931 zahlreiche Artikel, Buchbeiträge und Monographien. Er forschte über eine große Anzahl verschiedener Themen, wie beispielsweise Religion, Verwandtschaft, Politik und Wirtschaft, und leistete in allen Themenbereichen einen zentralen Beitrag zur modernen, sozialanthropologischen Forschung. Seine wichtigsten und bekanntesten Werke sind „Witchcraft, Oracles and Magic among the Azande“, eine 1937 erschienene Monographie über die Zande, und der 1940 erschienene erste Teil seiner Trilogie über seine Forschung bei den Nuer, „The Nuer“. Weitere zentrale Beiträge zur anthropologischen Ideengeschichte sind der zweite und dritte Teil der Nuer-Trilogie, „Kinship and Marriage Among the Nuer“ (1951) und „Nuer Religion“ (1956), sowie „Social Antropology“ (1951) und das 1965 publizierte Werk „Theories of Primitive Religion“ (Doss 2000: 157f, Stagl 2005: 113).

3. Die Nuer

3.1. Ethnographische Daten

Die Nuer, deren Eigenbezeichnung Nath lautet, sind ein nilotisches Volk, das in den 1930er Jahren aus ungefähr 200.000 Menschen bestand und heute etwa 1 Million Personen umfasst. Diese Untergruppe der Nuer-Dinka-Gruppe lebt in der Savannenlandschaft und den Sumpfgebieten, die den Nil im westlichen Äthiopien und im Südsudan umgeben (Evans-Pritchard 1940: 3, Zitelmann 2005: 273). Die klimatischen und geographischen Lebensumstände führen dazu, dass die Nuer eine transhumante Wirtschaftsform praktizieren (Amaury Talbot 1942: 41, Hendra 2008: 197). In der Regenzeit wohnen sie als pastorale Hirsebauern in kleinen Dörfern und in der Trockenzeit leben sie in großen Lagern in der Nähe der Wasserquellen und betreiben traditionelle Viehzucht (Evans-Pritchard 2004: 64f).

3.2. Evans-Pritchard bei den Nuer

Evans-Pritchard erforschte die Nuer im Auftrag der britischen Kolonialverwaltung. Er lebte zwischen 1930 und 1936 insgesamt ungefähr 10 ½ Monate bei verschiedenen Nuer-Gemeinschaften. Seine vier Aufenthalte fanden stets während der Trockenzeit statt und dauerten in der Regel nur ein paar Wochen und nie länger als drei Monate (Burton 1992: 44).

Die Feldforschung war mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Kurz vor Evans-Pritchards Ankunft fanden blutige Auseinandersetzungen zwischen den Nuer und den Regierungstruppen statt, die mit der Besiegung der Nuer und ihrer endgültigen Unterwerfung endeten (Burton 1992: 44, Evans-Pritchard 1940: 11). Demzufolge hatte Evans-Pritchard bei seiner Ankunft mit Feindseligkeit und „passiver Resistenz“ zu kämpfen (Amaury Talbot 1942: 40). Außerdem hatte er große Probleme beim Erlernen der Lokalsprache, da es an Lektüre über Grammatik und Wörterbüchern über die Sprache der Nuer mangelte. Aus diesem Grund konnte er sich kaum verständigen und nur unzulängliche Informationen sammeln, was er selbst als Hauptschwierigkeit empfand (Evans-Pritchard 1940: 12). Hinzu kamen die harten Bedingungen, wie beispielsweise die Knappheit der Wasserressourcen und die Rinderpest, die ihm vor allem bei seinem zweiten Aufenthalt Schwierigkeiten bereiteten. Das Überleben wurde für die Nuer unter diesen Umständen problematisch und Evans-Pritchard war scheinbar ein lästiger und ungebetener Gast, dessen Fragen sie nicht beantworten wollten. Obwohl die Nuer bei seinen späteren Aufenthalten mit der Zeit wesentlich freundlicher und offener wurden und Evans-Pritchard durch die Kommunikation mit ihnen seine Sprachkenntnisse erheblich verbessern konnte, wurden die Nuer für ihn nie zu guten Informanten. Sie waren eher an lockeren Gesprächen und Besuchen als an der Preisgabe von Informationen, die für Evans-Pritchards Forschung relevant gewesen wären, interessiert. Aus diesem Grund musste er auf die Methoden der direkten Beobachtung und Teilnahme zurückgreifen, um an Informationen zu gelangen. Des Weiteren machten ihm seine körperlichen Beschwerden oftmals zu schaffen (Evans-Pritchard 1940: 11-14). In der Einleitung seines Werkes „The Nuer“ äußert Evans-Pritchard sich folgendermaßen zu den Mühseligkeiten (Evans-Pritchard 1940: 9): „A man must judge his labours by the obstacles he has overcome and the hardships he has endured, and by these standards I am not ashamed of the results.”

Die Umstände seiner Feldforschung erschwerten demnach das Sammeln von Informationen erheblich. Nichtsdestotrotz hat er im Laufe seiner Aufenthalte eine Fülle von ethnographischen Informationen gesammelt und basierend auf diesen Erkenntnissen zahlreiche wissenschaftliche Schriften verfasst. Die populärste und bekannteste dieser Publikationen ist das Buch mit dem Titel „The Nuer“ auf das ich nun im Hauptteil meiner Arbeit eingehen werde.

4. Die sozialpolitische Organisation der Nuer

Das Werk „The Nuer“ besteht grob gesehen aus drei Teilen. Zunächst geht Evans-Pritchard das ökonomische System der Nuer ein, geht dann zur indigenen Wahrnehmung von Zeit und Raum über und schließt mit der Beschreibung und Analyse der soziopolitischen Organisation der Nuer, dem Kern seiner Arbeit, ab (Forde 1941: 372f).

Obwohl die politischen Aspekte im Fokus meiner Arbeit stehen, möchte ich zunächst kurz auf die Sozialstruktur eingehen, da die beiden Bereiche eng miteinander verknüpft sind und laut Evans-Pritchard die Untersuchung der Verwandtschaftsmechanismen für das Verständnis der politischen Ordnung der Nuer notwendig ist (Seligman 1941: 91).

4.1. Die Sozialstruktur: Verwandtschafts- und Altersgruppen

Die Verwandtschaftsstruktur der Nuer basiert auf einem genealogischen Abstammungssystem. Sie ist von affinalen und kognatischen Beziehungen und agnatischen, genealogisch verwandten Lineages geprägt. Die Clans bilden ein exogames Lineagesystem. Sie sind in mehrere Verwandtschaftsgruppen, die sich auf einen gemeinsamen Vorfahren berufen, unterteilt. Die größten Lineages sind die „maximal lineages“, die wiederum in „major lineages“ segmentiert sind. Die Letztgenannten sind ihrerseits in „minor lineages“ gegliedert, welche in „minimal lineages“ unterteilt sind (Evans-Pritchard 2004: 65f, Evans-Pritchard 1940:6).

Das Altersgruppensystem beruht auf der Einteilung der männlichen Bevölkerung in verschiedene Altersklassen. Die Jungen werden durch Prüfungen und Rituale initiiert und bleiben ein Leben lang Mitglieder ihrer Altersgruppe. Die Segmentierung der Nuer ist demnach in sozialer Hinsicht nicht nur beim Clansystem vorzufinden, sondern auch bei der Unterteilung in Altersgruppen (Evans Pritchards 1940: 6f, Evans Pritchard 2004: 73f).

4.2. Das politische System

Evans-Pritchard definiert das Konzept der politischen Struktur in der Einleitung der Ethnographie „The Nuer“ als „[…] relations within a territorial system between groups of persons who live in spatially well-defined areas and are conscious of their identity and exclusiveness“ (Evans-Pritchard 1940: 4).

Evans-Pritchards These in Bezug auf das politische System der Nuer ist, dass die Solidarität der politischen Gruppen auf einem situationsbezogenen Antagonismus und der Opposition im Gegensatz zu anderen Gruppen beruht (Forde 1941: 374). Diese Theorie werde ich in diesem Kapitel nun detailliert erläutern.

4.2.1. Segmentierung, Zerfall und Vereinigung

Die territorialen und politischen Gruppen der Nuer werden in Bezug auf das Verwandtschaftssystem konstituiert. Stämme, Sektionen und Dorfgemeinschaften werden jeweils mit einer Lineage oder einer anderen Verwandtschaftsgruppe gleichgesetzt (Forde 1941: 375).

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Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656464112
ISBN (Buch)
9783656467533
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230289
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Schlagworte
Nuer Evans-Pritchard Ethnologie Klassiker Ethnographie Segmentierung

Autor

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